Zürcher Geschwätzeltes

Ein Ausflug in das Paralleluniversum der Reichen und noch Reicheren zeigt, dass Klischees manchmal eben doch der Realität entsprechen.

Die Lebenswelten von sogenannten Normalbürgern und Vermögenden — untereinander natürlich mit weiteren Abstufungen — liegen ohnehin in großer Distanz zueinander. Ein Aufenthalt in Zürich steigert diesen Eindruck allerdings immens. Die noch vor Kurzem teuerste und aktuell drittteuerste Stadt der Welt stellt zwischen Bahnhofsstraße, Zürichsee und Zürichberg ein Paralleluniversum dar, in dem altes und neues Geld, Arrivierte und Start-ups, Vermögende und noch Vermögendere aufeinandertreffen und Klischee und Wirklichkeit verschmelzen — hier bei einer geselligen Zusammenkunft in einem passenderweise über der Stadt thronenden teuren Quartier, die wieder einmal bestätigt: Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.

Der ICE der Deutschen Bahn traf pünktlich am Zürcher Hauptbahnhof ein. Das war auch gut so, denn verspäten sich Züge der Deutschen Bahn in Richtung Schweiz erheblich, lässt die Schweizer Bahn sie an der Grenze nicht weiterfahren. Die Schweizer als Musterschüler und die Deutschen als Lümmel aus der letzten Reihe, die mit den unzähligen Verweisen mittlerweile die Wände ihrer Bordbistros tapezieren können. „Die Züge der Schweizer Bahn haben“, heißt es, „anders als die der Deutschen Bahn eine sehr hohe Pünktlichkeitsquote. Damit sich die Verspätungen der deutschen Züge nicht auf das Schweizer Netz auswirken, werden deutlich zu späte Züge an der Grenze konsequent gestoppt und müssen umkehren.“

Der Hauptbahnhof Zürich ist ausgesprochen sauber, gepflegt, ja gediegen. Ganz anders als der Bahnhof der deutschen Stadt, aus der ich gekommen bin. Diesbezügliche Bewertungen auf Google lauten: „Trist, schmutzig, unsicher — einfach nur ein Drecksloch.“ Oder: „Potthässlich und marode, quasi eine Ruine! Türen funktionieren nicht, Fliesen fallen von der Wand, und es regnet durch (bei Bedarf werden Eimer hingestellt).“ Oder auch sarkastisch: „Echt nett hier, werde ständig gefragt, ob ich ein Problem habe. Man trifft also auf viele hilfsbereite Menschen.“

Ich hatte noch Zeit bis zu meinem Termin und schlenderte die Bahnhofsstraße hinunter. Lautet meine Losung in zahlreichen versifften deutschen Bahnhofsstraßen, kampfbereit zu sein, müsste sie hier durch kaufbereit ersetzt werden. Diese vom Hauptbahnhof zum Zürichsee führende Straße gilt als eine der teuersten und exklusivsten Einkaufsstraßen der Welt. Es ist so ziemlich alles geboten, was den gemeinen Reichen erquickt: Chanel, Gucci, Tiffany, Prada, Chopard, Louis Vuitton, Audemars Piguet — kurz: wie die Düsseldorfer Königsallee, nur in schön.

Als ich, bereits in Seenähe, noch einmal die Straße hinuntersah, wurde ich Ohrenzeuge eines Gesprächs zwischen einem jungen Mann in Kenzo-Jacke und seiner etwa gleichaltrigen Begleiterin, die wie ich vor dem Gebäude der Kantonalbank standen.

Der junge Mann erzählte von einem Freund, der aus Langeweile an einer Online-Versteigerung teilgenommen hatte und dabei, gewissermaßen versehentlich, einen teuren und seltenen Porsche ersteigert hatte — im Glauben, sein Spaßgebot werde gewiss noch übertroffen. „Naja, fährt er jetzt eben mit dem Porsche rum“, schloss der junge Mann seine Geschichte.

Ich war erst etwa zwanzig Minuten in der Stadt und stand bereits knietief im Zürich-Klischee: reich, privilegiert und dekadent. Die schwarze Kreditkarte ist dort gewiss so verbreitet wie die Payback-Karte in Deutschland — dem Land, in dem Brücken zusammenbrechen, öffentlicher Raum verkommt und der Fahrplan der Bahn hinsichtlich Pünktlichkeit so viel Aussagekraft hat wie ein Mandala-Malbuch. Als wäre ich aus der Bronx in den Kurpark Baden-Baden katapultiert worden — um im Zerrbild zu bleiben. Aber ich befand mich ja auch im Epizentrum dieses Klischees, und es sollte im Laufe des Tages nicht viel besser werden.

Im Freiluft-Büro

Ich bin zu einem Empfang eingeladen unter dem unausgesprochenen Motto „Man trifft sich mal wieder“. Ein befreundeter früherer Agenturkollege — aus einer außerordentlich begüterten Familie stammend — hat nach Zürich geheiratet. Seine Angetraute arbeitet in sehr gehobener Position bei der Kantonalbank und stammt aus einer noch wohlhabenderen Familie als die ihres Ehemannes; alteingesessen, altehrwürdig, altes Geld.

Nach einem kurzen Rundblick über den Zürichsee mit der Skulptur Ganymed — geschaffen von Hermann Hubacher und 1952 enthüllt, soll sie „ein Sinnbild für die Sehnsucht des Menschen, in den Olymp zu gelangen“ darstellen, was der eine oder andere Zürcher gewiss auch für sich in Anspruch nimmt — schlenderte ich hinüber zum Limmatquai: Zunfthäuser, Kirchen, schmale Durchgänge, Kopfsteinpflaster, Steigungen, viele Schweizer Fahnen sowie, im Reiseführerdeutsch, „geschichtsträchtige Plätze und versteckte Winkel“, die sich dort „aneinanderschmiegen“. Altstadt eben. Ich näherte mich einem Stand, gegen die Sonne durch einen Faltpavillon geschützt, in dessen Mitte sich ein hoher Tisch mit Formularen befand. Davor eine junge Frau mit blonden, kurzen Haaren, die mich bereits ins Visier genommen hatte und umgehend ansprach, ich möge für oder gegen irgendetwas unterschreiben. Oder handelte es sich um eine regelmäßige Spende, zu der ich mich verpflichten sollte?

Egal. Ich hatte gar nicht hingehört, sagte nein und dass ich nur kurz zu Besuch in der Stadt sei. Sie wünschte mir einen schönen Aufenthalt. Ich ging weiter. Doch damit war es nicht geschehen. Denn als ich etwa eine Viertelstunde später zurückkehrte und abermals den Stand passieren wollte, peilte sie mich an wie ein Raubvogel seine Beute und stieß ebenso konsequent nieder, verbal jedenfalls: „Jetzt machen wir’s aber. Wir machen’s gleich hier in meinem Freiluftbüro.“ Selten war Zweideutigkeit eindeutiger. Der Himmel weiß, was sie angestellt hätte, wären nicht so viele Zeugen vor Ort gewesen. Und ich dachte mir, interessant, was für Freaks dieses pittoreske, heimelige, gewienerte Zuckerbäckerstädtchen doch auf Lager hat. Am helllichten Tag als Mann am Limmatquai sexuell belästigt zu werden — das musste ich in der Reiseführerrubrik „Erlebnistouren“ überlesen haben.

Am Central stieg ich in die Trambahnlinie 6 Richtung Zoo und erreichte zehn Minuten und vier Zwischenhalte später die Station Kirche Fluntern. In diesem Quartier lag das Anwesen, in welchem der Empfang stattfand. „Fluntern“, so hatte ich recherchiert, „am Westhang des Zürichbergs gelegen, ist bekannt für seine exklusiven Villen, die oft in grüner Umgebung mit Panoramablick auf die Stadt, den See und die Alpenkette liegen, wobei die Immobilienpreise und Mieten extrem hoch sind. Auf dem Friedhof Fluntern sind Prominente wie die Schriftsteller James Joyce und Elias Canetti sowie die Schauspielerin Therese Giehse begraben.“

Nach einem gut zehnminütigen Fußweg — die Route hatte ich mir bereits vor Abfahrt notiert —, erreichte ich mein Ziel und stand vor einem herrschaftlichen Anwesen, das mit der Aussage „Hält den Regen ab“ nur unzureichend beschrieben ist. Vor dem Haus standen unzählige Autos der Oberklasse, genauer der Oberoberklasse. Viele mit deutschem Kennzeichen; also Freunde und Verwandte meines Freundes, die wie ich aus der alten Heimat kamen — allerdings war ich wohl der einzige, der mit Zug und Straßenbahn angereist war.

Endstufe

Als ich klingelte, kam ich mir vor wie in der letztmals 1998 ausgestrahlten Krimiserie „Derrick“, die viel in Nobelvierteln in und um München wie Grünwald, Bogenhausen oder Starnberg spielte. Es hätte mich nicht gewundert, wenn mir mehrfach in „Derrick“ auftretende Schauspieler wie der distinguierte Sky du Mont oder die schöne Blonde Christiane Krüger geöffnet hätten. In Wirklichkeit machte aber mein Freund die Tür auf, begrüßte mich herzlich und zeigte mir zunächst das Haus, bevor wir uns zu den Gästen gesellten. Allerdings ist der Begriff „Haus“ hier eher euphemistisch zu verstehen, denn in dieses Anwesen hätten gefühlt 375 Studentenappartements gepasst, umgeben war es von einem Garten in der Größe eines Stadtparks. In einem eingezäunten Bereich des Gartens strich ein stattlicher Hund umher, eine Kreuzung aus Lamm und Zerberus, als hätte im Veterinärlabor am Schnuppertag ein Werkstudent mit den Reagenzgläsern hantiert.

Ich durchquerte Zimmer über Zimmer. Diverse Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Bibliothekszimmer, Ankleidezimmer und Sonstirgendwaszimmer, quasi Zimmerzimmer. Alle ausladend und überhoch mit Eichenparkett und kunstvollen Türen, dazu edelstes Mobiliar, elegante Einbauschränke und klassische wie moderne Kunst an Wänden und auf Sockel und Säulen.

„So um 1910 erbaut, 800 Quadratmeter Wohnfläche“, erläuterte mein Freund. „Und das Grundstück?“ fragte ich. „Etwa 3000“, lautete die Antwort. Und dann erwähnte er noch eine großflächige Einliegerwohnung und einen Wellnessbereich mit allem Drum und Dran samt riesigem Indoorpool. Dazu die Aussicht auf die grüne Umgebung und, von ganz oben, bis über die Stadt hin zum See, was zügig einen „Der-König-blickt-auf-sein-Volk-hinab“-Reflex auslösen kann. Tja, dachte ich, diese Liegenschaft ist dann wohl das, was Robert Geiss „Endstufe“ nennt. Mein Freund kam ja bereits aus finanziell gut sortierten Verhältnissen, aber jetzt ist er noch ein paar Etagen höher eingezogen. Um einen Fußballvergleich zu bemühen: Er war von Borussia Dortmund zu Real Madrid gewechselt. Dagegen repräsentierte ich den Wuppertaler SV.

Friedensangst und Schnittchen

Es gab allerlei Canapées mit exquisitem Wein und Champagner. Im alten Deutschland hießen die Canapées noch Schnittchen, und dazu gab es bei Empfängen Sekt oder Orangensaft und für die ganz Verwegenen Sekt mit Orangensaft. Ich wählte einen exzellenten Weißwein aus Umbrien und fraß mich ein wenig durch das filigrane Luxusschnittchen-Sortiment — offeriert wurden Garnelen-Koriander, Hähnchen-Pesto, Kaviar oder Lachs-Kaviar, Blauschimmelkäse-Birnen, Parmaschinken und Melone, Lachsmousse und weitere.

So gestärkt und mit einem Gläschen Champagner mischte ich mich unters gemeine reiche Volk und lauschte den Unterhaltungen. Nun, die medial ausgiebig diskutierte Friedenangst der Rüstungsaktionäre war natürlich auch hier Thema, wobei die einhellige Meinung lautete, der Krieg werde schon noch eine Weile weitergehen. Und außerdem seien die Auftragsbücher der Konzerne ja so voll wie nie. Es hatte was von Pfeifen im dunklen Keller. Wie hieß es im Magazin Business Punk so treffend: „Frieden ist kein Ideal — er ist ein Geschäftsrisiko. Wir sind so sehr auf Krieg getunt, dass Frieden sich anfühlt wie ein Systemcrash.“

Gleichzeitig sorgte man sich aber auch bezüglich Eskalationen aller Art — ob Krieg, Massenmigration, Cyberangriffe, Naturkatastrophen, Epidemien und Pandemien, erschöpfte Ressourcen und bewaffnete Aufstände. Fluchtpläne der Milliardäre kamen zur Sprache. So soll der Unternehmer Sam Altman einen Deal mit Peter Thiel geschlossen haben, um beim ersten Anzeichen eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs mit ihm per Privatjet nach Neuseeland zu fliehen. Auch Google-Mitbegründer Larry Page würde sich in Richtung Neuseeland absetzen. Mark Zuckerberg lässt sich auf Hawaii für 270 Millionen US-Dollar auf einem 1.400 Hektar messendem Gelände eine autarke Wohnanlage samt 5.000 Quadratmeter großem unterirdischem Bunker-System errichten und kauft dort weiteres Land — und mit Spenden und lokalen Projekten die Gunst der lokalen Politiker und Einheimischen. Davon hatte ich auch gelesen. Ebenso, dass es bei Peter Thiel nicht so rund läuft wie beim Kollegen Zuckerberg, denn er bekommt in Neuseeland keine Baugenehmigung für sein geplantes weitläufiges Refugium. Die Locals zicken rum — Umweltschutz und so.

„Und dann“, schaltete ich mich ins Gespräch ein, „sind da für weitere Superreiche natürlich noch die geplanten unterirdischen gepanzerten Fünf-Sterne-Luxusbunker mit allen denkbaren Annehmlichkeiten wie Swimmingpool, Bar, Heimkino, private Bowlingbahn, Weinkeller, Krankenstation sowie große Garagen, in denen die Bewohner ihre Luxusfahrzeuge unterstellen können. Und ebenfalls im Rundumsorglos-Paket: simuliertes natürliches Sonnenlicht. Ob diese Phantasieprojekte allerdings jemals entstehen werden, ist mehr als zweifelhaft. Der Bunker als Luftschloss — das hat doch was.“

Anerkennendes Schmunzeln. Die Zuhörer mochten das Wortspiel.

„Alternativlos“ — um eine große deutsche Denkerin zu zitieren — war aber für jeden, dass die eigenen Kinder niemals Wehr- und schon gar nicht Kriegsdienst leisten würden. Man werde da schon was arrangieren können mit Auslandsaufenthalten oder „befreundeten“ Ärzten in Sachen Untauglichkeit.

„Allein schon diese unwürdige Musterung! Mein Sohn geht da nicht hin! Er ist für Höheres bestimmt“, meinte einer wörtlich. Das erinnerte an die angebliche Äußerung einer Milliardärstochter zu Coronazeiten, die gesagt haben soll: „Die Impfung ist für die Arbeiterklasse.“ Wobei sie — ob jetzt wahr oder nur gut erfunden — unter „Arbeiterklasse“ gewiss etwa 98 Prozent der Bevölkerung einstufte. Und das ist die konservative Schätzung.

Ein älterer Gast berichtete: „Wer nicht nach West-Berlin umziehen konnte, versuchte es mit vorgetäuschten Krankheiten. Beliebt war der Morbus Scheuermann — eine Wachstumsstörung der Wirbelsäule bei Jugendlichen. Die hat ab einem bestimmten Schweregrad zur Untauglichkeit geführt.“ Nach der Corona- die Morbus-Scheuermann-Pandemie, dachte ich. Lauterbach sitzt dann als wiederernannter Bundesminister für Gesundheit bei Sandra Maischberger oder Caren Miosga im Studio und darf endlich wieder verkünden: „Die Zahlen steigen!“

Was der Gast dann noch von seiner Musterung berichtete, hatte Viehmarkt-Vibes. Besonders angetan hatten es ihm seinerzeit offensichtlich die Untersucher: „Das sind doch keine ernstzunehmenden Ärzte, das sind bestenfalls Medizinmänner! Und wie herausfordernd der mich dann noch beim EKG angeschaut hat!“

„Die haben sogar ein EKG gemacht?“, fragte ein anderer.

„Nein, die Hoden wurden untersucht! EKG bedeutet Eierkontrollgriff.“

Allgemeines Gelächter.

Aggro Grünwald

Das Gespräch wandte sich dann aber umgehend gänzlich anderen Thematiken zu, nämlich eher unkonventionellen Anlagemöglichkeiten wie Kunst, Sammlerstücken, seltenen Weinen sowie Whisky-Raritäten. Letztere erzielten bei internationalen Auktionen Höchstpreise im Millionenbereich. So seien für zwei Whiskys, Jahrgang 1926, knapp 1,7 Millionen respektive 1,35 Millionen Euro bezahlt worden, berichtete ein Gast.

Dies inspirierte mich, zum Catering-Team zu gehen und einen Malt-Whisky zu ordern. Während ich Schottlands flüssige Kultur genoss, hörte ich drei Jungmännern zu, die ihrem Erscheinungsbild nach wohl direkt aus einem Hörsaal voller BWL-Studenten oder von einem Kongress der Jungen Liberalen nach Zürich gebeamt worden waren. Das Thema ihres Gesprächs lautete aber: Weg vom typischen BWL-Justus-Look und hin zum coolen Outfit der New Economy, der Start-up-Gründer aus dem Silicon Valley.

Der über die Schulter gelegte Kaschmirpulli gehört in die Altkleidersammlung, aber auch ein Maßanzug als Signum der Old Economy wird verschmäht. „Kleidung als Elevator Pitch“, sagte einer.

Den Begriff musste ich später auch erstmal recherchieren: „Als Elevator Pitch — zu Deutsch etwa: Aufzugspräsentation — bezeichnet man eine extrem kurze Präsentation eines Produkts, einer Dienstleistung oder einer Geschäftsidee und die schnelle Erklärung, was die eigene Geschäftsidee auszeichnet.“

Und so wurde gefachsimpelt:

„Schwarzer Rollkragen von Issey Miyake, Levi’s 501, New-Balance-Schuhe wie Steve Jobs damals. Cool.“

„Zuckerberg trägt ja jetzt keine grauen T-Shirts mehr, sondern schwarze mit machtbewussten lateinischen Sprüchen drauf. Und Halsketten wie ein Rapper. Schon geil seine Stilwechsel.“

„Und er hat jetzt ’ne 900.000-Dollar-Armbanduhr. Greubel Forsey Hand Made 1.“
„Sam Altman von ChatGPT mit seinen gepunkteten Socken!“

Jen-Hsun Huang in seiner schwarzen Slim-Fit-Lederjacke von Saint Laurent!“

„Oder Peter Thiel — cooler Edelminimalismus. Unauffällig auffällig. Allein die håndværk-Basics!“

Ich verließ alsbald die Fanboys und ihr Zürcher Geschwätzeltes und wandte mich meinem Freund und seiner Frau zu. Wir unterhielten uns über den jeweiligen Stand der Dinge.

Ich spürte bei meinem Freund, wie der Aufstieg in die Upperclass der Oberschicht ihn bereits nach kurzer Zeit verändert hatte, wenn auch noch nicht gänzlich. Noch besaß er — aber nur mehr in Grauzonengüte — diese Distanz zum eigenen Reichtum und zur eigenen Herkunft, diesen selbstironischen und nicht abfälligen Blick von den gepolsterten Premiumsitzen auf die Rasierplätze der Holzklasse. Ich erinnerte mich, wie er sich früher sogar lustig gemacht hatte über das dünkelhafte Gebaren vieler anderer Wohlhabender — quasi seiner Klassenkameraden — und ihrer blasierten „Eure-Armut-kotzt-uns-an“-Attitüde, die 2007 von „Aggro Grünwald“ so treffend persifliert wurde.

Bei seiner Frau hingegen, perfektes Mitglied dieser Schicht, gab es kein Grau. Sie verhielt sich freundlich, hörte interessiert zu, sprach zugewandt und eloquent — aber es ergab sich keinerlei Verbindung zwischen uns, wir redeten in derselben Sprache und verstanden uns doch nicht. Deshalb stand auch keine Mauer zwischen uns, sondern es hing eine Art Gazevorhang, durch den wir uns zwar undeutlich sahen, aber nicht erkannten.

Parallelwelt im Lambo

Je mehr ich mich im Laufe des Nachmittags noch mit anderen Gästen unterhielt, desto stärker spürte ich die Fremdheit zwischen ihnen und mir. Wie sagte Lothar Matthäus: „Ein Wort gab das andere — wir hatten uns nichts zu sagen.“

Diese Menschen lebten in einer Parallelwelt, genauso wie ich für sie in einer solchen existierte. Ihre Ziele, ihre Anliegen, ihre Sorgen waren nicht meine und umgekehrt. Wir befanden uns nicht nur im selben Raum, wir standen sogar nahe beieinander und waren doch meilenweit voneinander entfernt.

Als der Abend anbrach und ich mich von meinem Freund und seiner Frau verabschiedet hatte, bot mir vor dem Haus ein die Gesellschaft ebenfalls verlassender Gast an, mich mit seinem Auto zum Bahnhof mitzunehmen. Bei dem Wagen handelte es sich um einen blauen Lamborghini. Mit dem, was man sonst so unter dem Begriff Auto subsumierte, hatte dieses Gefährt wenig zu tun — okay, vier Räder sind auch bei einem Škoda vorhanden, aber ebenso bei einem Mopedauto. Das Modell hieße Temerario, erklärte mein freundlicher Chauffeur in Moncler-Jacke während der Fahrt, und das Interieur — das Wort verwendete er tatsächlich — folge dem Prinzip „Feel like a pilot“ und sei durch mehr Geräumigkeit im Kopfbereich und neuen Komfortsitzen viel komfortabler als der „Lambo“, den er vorher gefahren habe. Er fügte hinzu: „920 PS, Spitzengeschwindigkeit 343 Kilometer pro Stunde, von 0 auf 100 in 2,7 Sekunden“

So brausten wir Richtung Zentrum und überholten dabei auch eine der Straßenbahnen, in der ich wohl gesessen hätte, wäre ich nicht unvorhergesehen im Supersportwagen gelandet. Die Fahrgäste glotzten hinaus, als würde ein Raumschiff an ihnen vorbeigleiten, und die tiefe Schlucht des gesellschaftlichen Unterschieds spürten die Insassen beider Gefährte, nur dass ich diesmal vermeintlich zur Oberschicht gehörte.

Als wir den Hauptbahnhof erreicht hatten, bedankte ich mich und stieg aus. Wahrscheinlich hielt der Fahrer mich für einen wohlhabenden Freak, der sich zur Zerstreuung gerne mal unters gemeine Volk mischt und Bahn fährt. Ich kaufte noch etwas Reiseproviant und musste mich dann beeilen, denn selbstredend fuhr der Zug fast auf die Sekunde pünktlich ab. Während der Fahrt blickte ich auf die vorbeiziehende Landschaft. Aufgeräumt und ausgereift konnte ich über den Nachmittag noch nicht nachdenken, dafür waren die Eindrücke zu grell gewesen. Am Bodensee erwartete mich ein schöner Sonnenuntergang.

Als ich nachts in der Heimat ankam, war am heruntergekommenen Bahnhof immer noch reichlich Betrieb. Die Anwesenden sahen aber etwas anders aus als Stunden zuvor in Zürich. Auf dem Nachbarbahnsteig umringte gerade eine Gruppe Bundespolizisten einige Männer; zwei der Beamten hatten ihre rechte Hand am Holster der Dienstpistole. Vor dem Bahnhof stieg ich in eine der letzten Straßenbahnen, die sich im Laufe der Fahrt rasch leerte. Kurz vor der Endstation befand sich, einige Reihen vor mir, mehr liegend als sitzend, nur noch ein Betrunkener in der Bahn, dem plötzlich seine Bierflasche aus der Hand glitt. Die Flasche rollte sachte und scheppernd den Gang hinunter und zog dabei ein dunkles Rinnsal hinter sich her. Der Mann war aber so betrunken, dass er den Verlust des Bieres gar nicht wahrnahm. Er blökte und lallte vor sich hin — irgendwas mit „Vergasen“.

Zuhause ist es eben doch am schönsten.