Zurück aus dem Fronturlaub
Aus dem Schrecken der beiden Weltkriege ergaben sich beängstigende Kontinuitäten, deren Auswirkungen wir heute noch spüren.
„Deutschland ist zurück aus dem Fronturlaub!“ So titelte „Die Welt“ nach der Abstimmung über die neuen Kriegskredite (1). Wie konnte uns das passieren? Wohin ist der Geist Deutscher Kultur entschwunden, der Deutschland einst international den Ruf einer Kultur-Nation einbrachte? Die Autorin dieses Textes stellt Nachforschungen an und ergänzt sie mit Erinnerungen an Erfahrungen aus über 80 Jahren in Deutschland.
Der Kriegskredite-Kanzler Merz (CDU) greift unerschrocken zur Führungsrolle Deutschlands im herbeigewünschten Krieg gegen Russland, und sein Oberstleutnant der Reserve und nun Außenminister Wadephuhl (SPD) verkündet optimistisch „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben“.
Die Industrie stellt sich auf Kriegsproduktion um. Rheinmetall erhöhte laut jüngster SIPRI-Studie allein 2024 mit 8,2 Milliarden US-Dollar seinen Umsatz um 47 Prozent (2).
Eine starke Mehrheit mobilisierende Friedensbewegung besteht nicht — obwohl eine Mehrheit im Volk gegen einen Krieg und gegen Waffenexporte ist. Deutschland befindet sich wieder auf Kriegskurs gegen den Osten, obwohl der Ukraine-Krieg längst verloren ist und Deutschland mal wieder die „Ar-Karte“ zieht.
Ich möchte ein weiteres Argument einwerfen: Deutscher Größenwahn, Überheblichkeit und Russlandphobie haben Kontinuität, und ihre Wurzeln sind in vorigen Epochen zu finden — man weiß es eigentlich, aber wir, die am letzten Krieg gelitten haben, sollten es den Jüngeren erzählen!
Um die Opfer Deutschen Hochmuts nicht zu vergessen:
Der Erste Weltkrieg kostete etwa zwei Millionen deutschen und etwa 1,8 Millionen russischen Soldaten das Leben, der Zweite Weltkrieg endete mit etwa 5,3 Millionen deutschen Soldaten und etwa 8,7 Millionen russischen Toten — die Opfer unter der Zivilbevölkerung nicht mitgerechnet. Wie viele sollen es denn dieses Mal werden? (3)
Wer als junger Mensch in Europa und Deutschland glaubt, Krieg sei heute nur noch eine Frage der Technik, der sollte richtig hinsehen: auch heute fließt Blut, und es wird massenhaft gestorben — trotz oder wegen der Drohnen.
Ich empfehle das Buch eines damals gerade 18-jährigen Jungen, Dieter Wellershoff. Er ging überzeugt und freiwillig noch im Frühjahr 1943 für das Vaterland an die Ostfront und erlebte, dass Krieg kein sauerländisches Schützenfest ist, es war „Der Ernstfall“ (4).
Am Ende dieser vorausgegangenen imperialen Abenteuer wurde das „Groß“-Deutschland immer kleiner, was die Verbände der Heimatvertriebenen noch immer beklagen. Deutschland zahlte zweimal schwindelerregend hohe Reparationen. Der Krieg stürzte das deutsche Volk und ganz Europa zweimal in Armut und Not — auch meine Familie. Ich wurde, ein Jahr alt, Flüchtling der Kategorie A in der britischen Zone.
Deutschland verlor seine Souveränität und war politisch und wirtschaftlich geschwächt aus allem hervorgegangen.
Und nun wieder „Deutsche“ auf dem Weg zur „Ostfront“ — am deutschen Kriegswesen soll nun die Welt des Wertewestens genesen?
Der frisch gekürte NATO-Generalsekretär Rutte sagte kürzlich in einem Interview nicht nur „... Wir müssen uns auf Krieg vorbereiten ... Wir sind Russlands nächstes Ziel ..., sondern auch: „Die deutsche Führung ist für unsere kollektive Verteidigung unerlässlich“ (5)!
Ach ja? Nach fast 80 Jahren relativer Ruhe in Deutschland — mit den gleichen Argumenten? Der Russe war’s. Der Russe ist gefährlich. der Russe wird uns übermorgen überfallen. In drei Jahren müssen wir gegen Russland kriegstüchtig sein ...?
Schauen wir auf die Kriegsvorbereitung aus dem Nazi Regime.
Ich finde einfach Parallelen.
Bereits drei Jahre nach der „Ermächtigung“ wurde 1939 die Wehrpflicht wieder eingeführt, die es in der Weimarer Republik nicht mehr gegeben hatte. Das Volk war kriegsmüde und nicht mehr bereit die Uniform für Kapital und Adel anzuziehen.
Schrittweise — erst für ein Jahr, dann für zwei Jahre — kam die Wehrpflicht. Schrittweise kam auch die Einberufung der ersten Jahrgänge: Mein Vater, ein Architekt, wurde zu den Pionieren an die preußische Festung Küstrin an der Oder eingezogen.
Drei Jahre später, 1939, war Deutschland mit 4,5 Millionen Soldaten kriegsbereit.
Und noch etwas fällt auf: Im Ersten. wie im Zweiten Weltkrieg, gelang die langsame Umerziehung der Gesellschaft zur Kriegsbereitschaft vor allem mithilfe der Medien.
Mit beißendem Spott beschreibt 1924 Larissa Reissner, Journalistin aus der jungen Sowjetunion in Berlin, die Funktion der Medienmogulen für den Ersten Weltkrieg und der Vorbereitung eines weiteren Krieges: die Ullsteins, Mosses und Hugenbergs, die heute unter anderem Springer, Burda, Bucerius oder Funke-Mediengruppe heißen:
„Legionen von Menschen haben sich unter der Einwirkung dieser literarischen Narkotika niedermetzeln lassen. Und niemals wäre es der Regierung ohne die Zeitungstrusts gelungen, die Massen der Kleinbourgeoisie um jene Millionen zu schröpfen, die für die Kriegsanleihe draufgegangen sind“ (6).
Die Ostfront — der grausamste Abschnitt des letzten Krieges — zu viele waren dabei und Zeugen!
Von den18 Millionen Deutschen die bei der Wehrmacht oder der Waffen-SS beteiligt waren, war seit 1941 mehr als die Hälfte an der Ostfront — dem Hauptkriegsschauplatz.
Fast 98 Prozent aller Opfer des Krieges stammen von den Kämpfen an dieser Front und wurden für immer versehrt, starben oder blieben vermisst (7). Dazu zählt auch mein nie kennengelernter Onkel „Rudi“, der Lieblings-Bruder meiner Mutter, der in den letzten Kriegstagen von einem Einsatz gegen russische Partisanen im Umland von Küstrin, meinem Geburtsort, nicht zurückkehrte — und nach dessen Schicksal sie lange vergeblich gesucht hatte.
Vor allem an der Ostfront hatten Wehrmachtsoldaten und Offiziere, SS- und SA-Angehörige systematisch Juden, Strafgefangene, Kriegsgefangene oder Widerständler misshandelt, in Lager verschleppt oder ermordet. Insgesamt sollen rund 100.000 Offiziere am gesamten Kriegsgeschehen beteiligt gewesen sein!
Jeder Offizier muss von den Verbrechen an der Ostfront gewusst haben, Frau Baerbock! Auch Ihr Opa war Offizier und kämpfte an dieser Front im Winter 44/45 an der Oder, wie Sie selbst gesagt haben! Sie behaupten bis heute, von nichts gewusst zu haben, und dichten die Geschichte so um, dass Offiziere wie er „es ermöglicht (hätten), dass einst verfeindete Länder in Frieden und Freundschaft miteinander leben können“ (8), unfassbar dumm!
Schätzungen besagen, dass in etwa jeder dritten oder gar jeder zweiten Familie mindestens ein Mann bei der Wehrmacht und im Krieg gewesen ist. Dass die vor allem an der Ostfront begangenen Verbrechen dem deutschen Volk bewusst waren, belegt der Bericht eines Offiziers der Westalliierten aus den ersten Monaten der amerikanisch besetzten Gebiete: Mehr als tausend zufällig Verhörte gaben sämtlich zu, davon gewusst zu haben — von Verwandten oder Freunden, die an der Ostfront noch dienten oder gedient hatten (9).
Was wurde nach dem Krieg in den Familien davon erzählt? Was schwebt noch ungesagt bis heute im Raum?
Mein Vater erzählte von seinem Soldatenleben als Schreiber und Gefreiter der Kommandantur in der Festung Küstrin nur Schweyk’sche Episoden, die uns zum Lachen brachten. Nur meine Mutter trauerte zeitlebens um ihre Geburtsstadt, die am längsten und brutalsten umkämpfte Festung im Osten an der Oder: „Es gibt mein Küstrin nicht mehr“.
Von STALAG IIIc, einem der größten Gefangenen-Stammlager in der Nähe von Küstrin mit insgesamt 70.000 Kriegs- und Strafgefangenen aus elf Nationen, die täglich elend, abgemagert und gedemütigt durch Küstrin zu ihren Arbeitseinsatzorten marschierten — von denen 12.000 elendig starben — kein Wort (10).
Doch der Nachkriegsalltag blieb ein Widerhall der vergangenen Zeit
„Was ist das hier für eine Polnische Wirtschaft?“, bekam ich zu hören, wenn ich nicht aufgeräumt hatte. „Die Gelbe Gefahr“ hieß ein Haus, aus dem ein Mitschüler kam, neben den ich, Flüchtlingskind, in die dritte Klasse der Dorfschule gesetzt wurde. Paul kam aus diesem Haus von „Pollacken“, „Iwans“ und anderen Haushalten aus dem „Osten“, ebenso „Fremden“ wie meine Familie.
In dieser Klasse mit 60 Kindern herrschte ein auf alle wütender, kriegsversehrter, beinamputierter Lehrer voller Hass, der mit verkniffenem Gesicht sein Wägelchen durch die Stuhlreihen-Mitte dirigierte und uns — aber vor allem die Jungs auf der linken Seite — mit einem langen Rohrstock gegen jedwedes Aufmüpfen in Schach hielt und zähmte.
„Hier stinkt’s“, hörten wir später auf dem Mädchen-Gymnasium in B. laut vernehmlich unsere Erdkundelehrerin Frau Dr. Z. empört schnauben, wenn eine der braunhäutigen Mitschülerinnen an ihr vorbeiging — sichtbare Folge einer „Fraternisierung mit dem Feind“. Sie hätte am liebsten ausgespuckt.
Furcht vor den Russen? Oh ja, gegen den befürchteten Erstschlag eines Atomkriegs aus dem Osten hatten wir gelernt, dass wir unverzüglich unter die Schulbänke springen und sofort den Tornister schützend über den Kopf halten sollten.
Das Geschehene wurde eingehegt und in andere Geschichten eingebettet
Nach dem Abitur absolvierte ich ein Praktikum auf einer Baustelle meines Vaters. Als Richtfest war und alle schon von Schweinshaxen satt und vom Steinhäger betrunken waren, schwärmten die Alten unter den illustreren Gästen — der Statiker, der Baustoffhändler, der Säurefliesenbauer … — von damals, von der Zeit, als sie in Italien, Griechenland, Kroatien oder Bulgarien Soldaten gewesen waren. Sie schwärmten von Dörfern, Mädchen, Bergen und Meer, von den schönsten Städten Europas, die sie ohne ihren Kriegseinsatz nie kennengelernt hätten. Ihre Rolle im Krieg? Sie fuhren unbekümmert schon wieder mit der Familie im Karavan an die alten Schauplätze.
Aus meinem „kritischen“ Plattenschrank der 60er-Jahre:
Degenhardt sang über das „nicht Erzählte“ im Song „Ja Väterchen Franz“. Wolfgang Neuss las in seinem unverkennbaren Berliner Jargon eine imaginierte Postkarte von Onkel Paul vom Schwarzen Meer aus Varna vor: “ ... Als Westler ist man hier Kaiser ... Es ist beinah so schön wie damals, 1940 in Paris — nur eben etwas slawischer. ... Gestern hat sich Helga manikürn lassen — aba an die Füße! Von zwei Kunststudenten aus Leipzich. Sie sieht jetzt den Osten mit ganz anderen Augen! ... So stell ick mir die Wiedervereinjung vor“ (11)
Die falschen Fuffziger
Obwohl das Nazi-Regime und die Front- und Fluchterfahrungen die Geschichte und Traumata von Millionen Familien geprägt haben müssen, wie der meinen — ich sah meinen Vater erst 1949 wieder, als ich fünf Jahre alt war. Meine Mutter flüchtete mit mir im Mai 1945 nach F., auf der Insel Westerland schlug sie uns mit Nähen und Putzen durch, während wir im Hinterzimmer einer Fahrschule wohnten —, ging es unter der Besatzung der Alliierten mit Marshallplan und Wirtschaftswunderträumen einfach nur aufwärts.
Weder Scham, noch Reue — es lief doch gut!
Deutschland gewann nur neun Jahre nach dem gewaltsamen Ende des Nazi-Regimes 1954 gegen Ungarn sogar die Fußball-Weltmeisterschaft! „Tor! Tor! Tor“!
Die blonden „Kessler-Zwillinge“ wurden weltweit Symbol des „Fräuleinwunders“ aus dem neuen Deutschland.
Die Unterhaltungsindustrie lieferte dazu die Therapie des Vergessens — mit den bekannten Künstlern aus der Zeit davor :
„Du Schwarzer Zigeuner“, „Rote Rosen aus Athen“, „Das Wirtshaus im Spessart“ und hunderte Komödien, Heimat- und Musikfilme über Abenteuer, Liebe und Glück sorgten dafür, dass die Gesellschaft wieder in Tritt kam. Neben einigen jungen vom „American way of life“ Infizierten hatte sich das Personal größtenteils aus der alten Zeit herübergerettet.
Ich erinnere mich an all diese Namen, ohne je über ihren Hintergrund aufgeklärt worden zu sein. Sie gehörten zur Alltagskultur der 50er Jahre, auch zum Alltag meiner Familie.
Auf der Leinwand erschienen: Heinz Rühmann, Ruth Leuwerik, Lieselotte Pulver, O.W. Fischer, Dieter Borsche, Willy Fritsch, René Carol, Olga Tschechowa ... auch im gehobenen Sektor auf der Bühne: Erich Ponto, René Deltgen, Will Quadflieg, Gustav Gründgens ... Favoriten meines Vaters. Sie alle trugen zur neuen Vergesslichkeit bei. Für jeden war etwas dabei. Auch wenn viel zu viele der sogenannten „Gottbegnadeten“ des Führers unter ihnen waren, schien doch alles in Ordnung, oder? (13)
Als 1962 der NWDR auf Fernseh-Dauerbetrieb ging, durfte die erste Ansagerin Irene Koss das Sing- und Tanzspiel eines Norbert Schultze ankündigen, der nicht nur der Schreiber des von den Wehrmachtssoldaten beliebtesten Songs „Lili Marleen“ gewesen war, sondern auch die Filmmusik für „Bomben auf England“ und den „Durchhalteschinken Kolberg“ geliefert hatte. (14)
„Die Fratze des Wahnsinns“ nennt Daniel Kehlmann die aktive Verdrängungskunst, vor allem in den Filmen jener Zeit (15).
Kontinuitäten — und kein geistiger Wandel
Nur ein paar Idealisten hatten auf einen grundlegenden Wandel gehofft: Fritz Bauer, zurückgekehrter Emigrant und später Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main, erinnert sich:
„Dass Deutschland in Trümmern liegt, hat auch sein Gutes, dachten wir. Da kommt der Schutt weg, dann bauen wir Städte der Zukunft. Hell, weit und menschenfreundlich. Bauhaus, Gropius, Mies van der Rohe … alles sollte ganz neu und großzügig werden. Dann kamen die anderen, die sagten: ‚Aber die Kanalisationsanlagen unter den Trümmern sind doch noch heil!‘ Na, und so wurden die deutschen Städte wieder aufgebaut, wie die Kanalisation es verlangte.“ (16)
Wer aber sollte — und konnte — unter den Trümmern die Kanalisation, die Stromversorgung und alles andere wieder in Gang setzen?
Das „Neue Aachen“ — die Situation 1945 — nur ein Beispiel unter vielen
In der ersten von den amerikanischen Truppen befreiten Großstadt Aachen wandte sich der Kommandant, ein Katholik, in seiner Not und Unkenntnis der aktuellen Verhältnisse an den noch verbliebenen Bischof der Stadt. Er hoffte, dieser werde ihm die geeignetsten Männer für das Amt des Oberbürgermeisters und weitere „Kanalarbeiter“ nennen können. Deutsch konnte nur einer von seiner Truppe.
Saul K. Padover, Nachrichtenoffizier der Abteilung für Psychologische Kriegsführung (PWD), war überrascht über die Auswahl für die neue Verwaltung. Er sollte prüfen, was aus den Deutschen nach Krieg und Faschismus geworden war, die: „race supérieure“ („überlegene Rasse“) — ein Kulturvolk? Barbaren? Opfer?
Die neuen, vom Bischof vorgeschlagenen „Kanalarbeiter“ gehörten zu einer „Clique von Rüstungsproduzenten“, schreibt Padover, deren „herrschende Ideologie nicht von Demokratie, sondern von einem autoritären Faschismus geprägt (war) ... Eine neue Elite aus Technikern, Anwälten, Ingenieuren, Geschäftsleuten und Kirchenleuten, die keine Parteimitglieder waren und auch nicht bei der Wehrmacht gedient hatten“ — das schien zu reichen. Warum auch nicht?
Sie waren schon bei den Nazis „unverzichtbar“ gewesen. Es gab auch Protest, aber nur, weil es unter den alten „Neuen“, ungerecht zuging.
Zudem sahen sich die meisten Aachener, die er interviewte, als „Opfer“ der nicht funktionierenden „Kanalisation“ — Opfer des nun leider verlorengegangenen Krieges, nicht der Nazizeit. Alle behaupteten nur „Muss-Nazis“ gewesen zu sein ... Widerstand sei unmöglich gewesen ... viel zu gefährlich ... (17).
Dass die Alten überall wieder am Ruder saßen, erboste meinen Vater — er hatte ein anderes Weltbild aus der russischen Gefangenschaft mitgebracht (18). Wütend machte ihn vor allem die Tatsache, dass ausgerechnet Heinz Reinefarth, sein letzter Kommandant in der Festung Küstrin, 1951 für den Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), zum Bürgermeister von Westerland und 1958 noch in den Landtag von Schleswig-Holstein gewählt wurde (19).
Reinefarth, als SS-Führer und „Schlächter von Warschau“ bekannt, war im Februar 1945 von Goebbels eingesetzt worden, um die strategische Festung Küstrin an der Oder „bis zum letzten Mann“ zu halten. Ostern 1945 hatten die ihn umgebenden Offiziere aber entgegen diesem „Führer-Befehl“ gemeutert und den Ausbruch gefordert. Von den damals etwa 8.000 Soldaten der Festung schafften es dann allerdings nur etwa 600 durch das entstandene Chaos und die gesprengten Brücken über die drei Ringe der Roten Armee bis Fürstenwalde, kurz vor Berlin. Auch mein Vater hatte das Glück.
Alle überlebenden Offiziere, auch Reinefarth, wurden noch vor ein Kriegsgericht gestellt und verurteilt — nur das Ende des Krieges hatte sie vor dem Strang gerettet. Bei der Entnazifizierung durch die britischen Alliierten stellte Reinefarth diese Verurteilung in Rechnung. Er wurde als „Mitläufer“ eingestuft. Als Jurist konnte er auch noch diesen Makel tilgen, bald wieder seinen Beruf ausüben und seine politische Karriere als „Unbelasteter“ beginnen.
Es dauerte bis 2014, bis sich der Landtag in Kiel zu einer Verurteilung der „Gräueltaten Reinefarths“ durchrang. (20)
Der Betrug der Alliierten — Westdeutschland wurde Frontstaat für die NATO und den Westen.
Die Alliierten waren bei der Durchführung der „Denazfizierung“ Deutschlands auf das vorhandene Personal angewiesen und übten selbst nur die Oberaufsicht aus. Die Spruchgerichte wurden von deutschen Justizbeamten geleitet. Nach 1949 gab es nur noch „Mitläufer“ und „Persilscheine“ — vor allem mithilfe der weiter bestehenden Netzwerke aus der gerade vergangenen Zeit.
Das Ungeheuerlichste ist wohl die Kooptierung ranghoher Offiziere aus dem Zuständigkeitsbereich der ehemaligen Wehrmacht an der Ostfront durch die USA. Auch Reinefarth wurde angesprochen — jedoch als unbrauchbar wieder fallengelassen, da er als SS-Mann kaum „Ostfront-Erfahrung“ hatte. Nur diese wurde für die neue Frontstellung gegen das sowjetische Russland gebraucht.
Reinhard Gehlen (21)
Der dickste Fisch war Generalmajor Reinhard Gehlen, bis Mai 1945 Chef der Abteilung „Fremde Heere Ost“ (FHO) beim Oberkommando des Heeres (OHK).
Gehlen hatte vorausschauend im letzten Kriegsjahr 50 Stahlkisten des gesamten Archivs an Spionagematerial des „Dritten Reichs“ über die Sowjetunion vergraben und schon seinen nächsten Dienstherren im Blick. Seit der Landung der alliierten Truppen war klar, dass der Krieg bereits verloren war. Aber das hieß ja nicht, dass alles verloren war!
Gehlen blieb zeitlebens davon überzeugt, „dass man Russland ungeachtet seiner zahlenmäßigen Überlegenheit militärisch besiegen könnte“, so sein Biograf. Gehlen hielt nur Hitlers Kriegsführung für falsch. Er starb 1976 mit 77 Jahren und konnte lange weiter an der „Kanalisation“ mitwirken.
Gehlen bot 1945 seine Kisten und sein persönliches Netzwerk an Ehemaligen der US-Armee für das Aushorchen der Sowjetunion an. Er wurde Chef des neuen Nachrichtendienstes und arbeitete unter Aufsicht der CIA in Abstimmung mit dem Kanzleramt Adenauer am gleichen Thema wie zuvor. 1956 wurde er Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND).
Gehlens Truppe gehörten 4.000 Mitarbeiter an; nach CIA-Recherchen waren bis zu 30 Prozent hochrangige Offiziere aller Truppenteile und zu etwa acht Prozent hohe Verantwortliche bei SS, SA und dem Spionagedienst SD. Manche hatten neue Identitäten erhalten und waren einfach durch die Entnazifizierungsprozeduren hindurchgekommen. Eine Gruppe von Offizieren war dabei, eine mögliche Einsatztruppe von 4.000 Mann für den eventuellen Krieg gegen Russland zusammenzustellen.
Wundern Sie sich nicht, dass Adenauer schon 1948 seinen alten Freund aus den letzten Jahren des Krieges und Mitbegründer der neuen CDU, Willy Elfes — ein „linker“ Katholik im Untergrund — bei einem Abendessen fragte: „Was würden Sie sagen, Herr Elfes, wenn Sie jetzt vor die Frage eines Krieges gegen Russland gestellt würden?“ Elfes antwortete darauf am nächsten Tag in einem Brief:
„Das gestrige Tischgespräch beunruhigt mich sehr. Wie entsetzlich, so selbstverständlich von einem neuen Krieg zu sprechen! (…) Ich flehe Sie an, Ihren ganzen Einfluss für den Frieden einzusetzen und für eine friedliche Entwicklung einer neuen Weltordnung.“
Elfes wurde bald aus der CDU ausgeschlossen und gründete später die Deutsche Friedensunion (DFU), der auch mein Vater beitrat (22).
Schon 1955 darf die BRD wieder eine Armee aufbauen und wird Mitglied der NATO.
Gehlen und Reinefarth war nicht die einzigen Kontinuitäten
Namen wie Globke, Oberländer, Strauß, Filbinger, Lübke, dürften bekannt sein.
Doch die Liste derer war lang, die spätestens zur „Machtergreifung“ in die NSDAP eingetreten waren — in Politik, Justiz, Verwaltungen und in der Wirtschaft. Sie machten noch bis in die 70er/80er Jahre (!) etwa 30 Prozent aus, waren Mitglieder von Bundestag, Landtagen und Gerichten, Kanzler, Minister, Landräte und Oberbürgermeister.
Sie kamen vor allem aus der CDU (bis zu 30 Prozent) und der FDP (bis zu 50 Prozent), besonders stark in Baden-Württemberg, dem Land von „Papa Heuss“, der wie Adenauer, den beiden ersten Repräsentanten des „Neuen Deutschland“, aus „rein nationalen Gründen“ dem sogenannten Hitler-Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatten und nach 1945 den alten Seilschaften neue Unterkunft und den begehrten „Persilschein“ besorgten.
Auf Adenauers flotten Seitenwechsel nach 1945 wies Werner Rügemer erst kürzlich hin. (23)
Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter in Leitungsfunktionen des bundesdeutschen Justizministeriums bis 1973 waren NSDAP-, SA- oder SS-Funktionäre gewesen, erfahren wir in der Ausstellung „Die Rosenburg — Das Bundesministerium der Justiz im Schatten der NS-Vergangenheit“ im Fritz-Bauer-Forum in Bochum (24).
Zurückgekehrte Emigranten wie Fritz Bauer waren unbeliebt und galten als Fahnenflüchtige und Vaterlandsverräter. Kommunisten sowieso, sie waren schon 1956 als Verfassungsfeinde aus dem Verkehr gezogen worden. Sie waren vehement für die Einheit und Neutralität Gesamtdeutschlands eingetreten.
Parallel zur Rekrutierung alter Nazis wurde 1952 die „Atlantik-Brücke“ gegründet, eine „verborgene Architektur der transatlantischen Hegemonie“, zur Rekrutierung der nachwachsenden Generationen als Führungskräfte in Parteien, Industrie, Wissenschaft und Medien, die seitdem durch das angebotene „Schulungsprogramm“ hindurchgehen werden, auch Frau Baerbock (25).
Erst 1964 gelang es Fritz Bauer als Generalstaatsanwalt in Frankfurt, eine rechtliche und vor allem öffentliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen im KZ Auschwitz vor Gericht zu bringen. Aber es war unbeliebt; man sprach von „Siegerjustiz“. „Wenn ich aus meinem Büro trete, betrete ich Feindesland“, soll Bauer einmal gesagt haben. (26)
Ralf Giordano nannte das alles die „zweite Schuld“ Deutschlands. (27)
Heinrich Böll resümiert 1966:
„Es laufen zu viele Mörder frei und frech in unserem Land umher, viele, denen man nie einen Mord wird nachweisen können, Schuld, Reue, Buße, Einsicht sind nicht zu gesellschaftlichen Kategorien geworden, erst recht nicht zu politischen.“ (28)
1968 — doch noch eine Wende gegen den transatlantischen Zug?
Es begann mit Protesten gegen den Krieg der USA in Vietnam. Bilder von Massakern und von brennenden Opfern chemischer Waffen trieben eine empörte Generation von Studenten und jungen Menschen weltweit auf die Straße. Es war ein Aufbäumen gegen den US-Imperialismus und die Heuchelei der deutschen Politik und Medien, das sich rasch ausbreitete und zu einer großen Bewegung wurde.
Selbst mein Vater ging mit auf die Straße und spendete für den Vietcong.
Im Februar 1968 organisierte der SDS mithilfe des AStA der TU, dem ich als Architekturstudentin angehörte, im großen Hörsaal des neu errichteten Hauptgebäudes den „Internationalen Vietnamkongress“ mit prominenten Gästen wie Cohn-Bendit, Peter Weiss, Erich Fried, Bahman Nirumand oder Hans Werner Henze sowie einer anschließenden Großdemonstration durch Berlin — ein Höhepunkt. Rudi Dutschke eröffnete den Kongress; es war eine Kampfansage an den US-Imperialismus und seine Komplizen.
Beate Klarsfeld stieg am 7. November während des CDU-Parteitags 1968 in Berlin auf das Podium der Berliner Kongresshalle, ohrfeigte Kiesinger und rief: „Nazi, Nazi, Nazi!“ (29)
Die „alten Kräfte“ wurden für eine kurze Zeit erschüttert, Deutschland schien sein Gesicht zu ändern.
1969 brach die von Kiesinger geführte Große Koalition zusammen und Willy Brandt löste ihn ab. Eine Richtungsänderung in der Außenpolitik zeichnete sich ab mit dem Ziel von Entspannung und Neutralität. Doch das alles ging den „alten Kräften“ zu weit.
Brandts Besuch 1970 in Warschau zur Unterzeichnung des Abkommens mit Polen über die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und den Verzicht auf Gebietsansprüche führte zu heftigen Auseinandersetzungen. Sein überraschender Kniefall vor dem Ehrenmal für die Helden des Jüdischen Ghettoaufstands, den Reinefarth blutig niedergeschlagen hatte, erregte Empörung. Brandt, ein Nazigegner, der jahrelang im Exil war, bat in seiner Rolle als Staatsoberhaupt stellvertretend für das gesamte deutsche Volk um Vergebung für die Verbrechen des NS-Regimes und erhielt dafür sogar den Friedensnobelpreis — ungeheuerlich!
Vor allem diese Geste führte zu heftigem Widerspruch bei den Vertriebenenverbänden sowie bei CDU und CSU. Der „Warschauer Vertrag“ wurde als „Ausverkauf deutscher Interessen“ abgelehnt und konnte nach erbitterten Debatten erst 1972 ratifiziert werden. In einer Spiegel Umfrage lehnten immerhin noch 48 Prozent Brandts demütige Geste ab. (30)
Da waren sie also doch, die „Ewiggestrigen“, die immer noch einen Fuß in der Tür zur Revanche für die Schlappe von 1945 haben wollten! Es dauerte nur noch ein bisschen.
17 Jahre nach dem Warschauer Vertrag und dem Ende der Brandt Ära — er fiel über einen DDR-Spion — befanden wir uns in einem anderen Deutschland.
Der Fall der Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 änderte alles. Deutschland sollte wieder „Verantwortung tragen“, die Bundeswehr beteiligte sich an NATO-Einsätzen — zunächst 1999 im Kosovo, entscheidend mitgetragen von den Grünen und der SPD.
Die DDR ist am Ende, die Ostgebiete werden von der BRD einverleibt. Wünsche nach einer vorsichtigen Annäherung, eine neue deutsche Verfassung — all das wird übergangen und die Übernahme sachgemäß von der „Treuhand“ verwaltet. Rohwedder, ihr erster Vorsitzender, der versucht hatte, möglichst viel des DDR-Bestands zu retten, muss sterben. Ab da geht es nur noch darum, die Besitztümer der „Alten“ zu sichern und kapitalkräftigen Interessenten Land- und Fabrikbesitz zuzuschanzen. Ein großes Unternehmenssterben und Massenentlassungen sind die Folge. Aus den versprochenen „blühenden Landschaften“ wird erst einmal nichts (31). Im Gegenteil.
Wir bekamen an der Universität aus der aufgelösten DDR neue Kollegen, die dort Professoren gewesen waren und bei uns zunächst als Assistenten die westliche Wissenschaft kennenlernen sollten. Umgekehrt wurden viele von denen, die mit den üblichen Zeitverträgen — bei uns ohne Chancen auf solche Posten — gearbeitet hatten, auf einmal Professoren an den „bereinigten“ DDR-Universitäten.
Kollege EB verschwand und lebt seitdem von den Vorkriegsimmobilien seiner Familie in Ost-Berlin. Als Wissenschaftler im Bereich der Stadtplanung kannte er sich gut mit den nun fließenden Fördermitteln für Sanierungen aus.
Studenten kamen zu uns — vom Schicksal ihrer Eltern oder Verwandten ahnten wir nichts — und nahmen begeistert an den bei uns üblichen Exkursionen in alle Welt teil und erfreuten sich ihrer neuen Reisefreiheit. Nur in seltenen Stunden erfuhr ich von den Familien-Tragödien: von Menschen, Vätern, Onkeln, Brüdern, die Jobs und ihre gesellschaftliche Stellung verloren und sich schließlich für den Freitod entschieden hatten.
Die Zeit des Fronturlaubs geht traumatisch zu Ende — wohin mit Novalis?
Das Schloss Hardenberg der Familie von Hardenberg, Geburtshaus des Dichters Novalis und Symbol deutschen Kulturgeistes, ist im Zeichen der Wende in Gefahr.
Im Sommer 1990 fuhr ich mit meinem Vater nach Oberwiederstedt im Süd-Harz, dem kleinen Dorf seiner Großeltern. Dort war sein Großvater Fritz K. über Jahrzehnte Vertrauter, Schlüsselinhaber und Förster der Hardenbergs gewesen. Wann immer die Herrschaften zur Ballsaison nach Potsdam fuhren, kümmerte er sich um Verwaltung, Haushalt und den Waldbestand. Die alten Damen eines Nachbarhofes, auf die wir trafen erinnerten sich noch gut an den „strengen Fritz“, vor dem die Jugend und die Wilddiebe Angst und Respekt hatten.
Zweck unserer Reise war die Übergabe einer gewünschten Kettensäge an den Ortsverein „Interessengemeinschaft Novalis“. Mein Vater hatte seit geraumer Zeit Kontakt zu dem Vorsitzenden, Herrn W. gehalten, der sich seit 1988 in der DDR erfolgreich gegen den Abriss des Schlossen, das zeitweise als Altersheim genutzt worden war, und für den Erhalt und die Renovierung des Renaissance-Schlosses eingesetzt hatte. Für ihn war Schloss Hardenberg ein einzigartiger Erinnerungsort an den zentralen Dichter und Philosophen der deutschen Frühromantik.
Die gerade einsetzende Wende brachte Ratlosigkeit — die Hardenbergs verlangten Rückgabe. Es waren viel Druck, Beharrlichkeit, starke Öffentlichkeitsarbeit, Spendenaufrufe und internationale Unterstützung notwendig, bis die Hardenbergs diesen Besitz zur Nutzung und Verwaltung dem Bezirk Mansfeld, und damit der öffentlichen Hand sowie dem Verein übergaben. (32)
Heute lebt die geistige Kultur Deutschlands im Museum — die deutsche Militärkultur ist wieder auf dem Vormarsch — gab es das nicht schon zweimal?
Der Schoß, aus dem das kroch, ist fruchtbar noch?
Rio Reiser hatte schon 1992 verstanden, dass sich mit dem frechen US-Bombardement der irakischen Hauptstadt Bagdad etwas Größeres anbahnt, und schrieb den Song:
„Der Krieg. Er ist nicht tot, der Krieg. Der Krieg. Er ist nicht tot. Er schläft nur. Er liegt da unterm Apfelbaum. Und wartet, wartet .... auf Dich und mich ... er ist nicht tot der Krieg.“ (33)
„Deutsche Militärkultur“ ist wieder lebendig. Deutsche „Geisteskultur“ bleibt erneut auf der Strecke — sie gehört in die Archive und ins Museum.
„Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen“
Diese Vision Fichtes wollte nicht einem „Deutschen Reich“ Ausdruck verleihen, sondern der Wirklichkeit einer „deutschen Nation“, die über zwei Jahrhunderte Deutschland durch weltweites Wirken seiner Dichter, Denker, Künstler und Wissenschaftler den Ruf einer „Kulturnation“ eingebracht hatte. Es war eine Aufforderung an Deutschland, nicht von diesem Pfad abzuweichen.
Als dieser eindringliche Ruf jedoch als Aufforderung zu imperialer Größe missverstanden wurde, und das Deutsche Reich versuchte, es den großen, imperialen Nationen gleich zu tun und dem Kriegsgott huldigte, erstarb dieser Genius und Deutschland stürzte sich — und die Welt — in tiefes Unglück. (34)
Und heute stehen wir wieder — an einem Scheideweg.