Das Iran-Kaleidoskop

Die Frage nach der „Wahrheit“ in der aktuellen Iran-Krise ist ein typisches Beispiel für die Vielfalt möglicher Perspektiven. Im Bewusstsein der eigenen Grenzen können wir uns dieser aber annähern.

Greift er an oder greift er nicht an? Die Frage, ob US-Präsident Donald Trump schon sehr bald gewaltsam im Iran intervenieren wird, stand noch in den letzten Januartagen auf der politischen Tagesordnung. Die USA schickten Flugzeugträger in die Region, und die iranischen Revolutionsgarden wurden von der EU auf die Terrorliste gesetzt. Mittlerweile ist es ruhiger um den Iran geworden — jedenfalls, wenn man der veröffentlichten Meinung in Deutschland Glauben schenkt. Liegt es daran, dass sich der Regierungsapparat der USA zum Pazifismus bekehrt hat? Oder hat man kalte Füße bekommen, weil ein militärischer Angriff auf den Iran kein Spaziergang wäre? Hat vielleicht sogar Israel vor einem Angriff gewarnt, weil man einen neuen Bombenhagel auf Tel Aviv befürchtet? Mit Blick auf dieses abgeschirmte Land, aus dem nur vereinzelt widersprüchliche Botschaften dringen, gilt es, „die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben“ — wie es Rainer Maria Rilke ausdrückte. Auf völlig eindeutige oder gar unumstrittene Antworten kann man nicht so ohne weiteres hoffen. Wie viele Tote gab es bei den jüngsten Demonstrationen in iranischen Städten? Wer hat dabei getötet, und wer wurde getötet? Welche Schuld trägt das „Mullah-Regime“ und welche der Westen, der eben dieses Regime nur allzu gern einem „Change“ unterwerfen würde? Und vor allem: Wie soll das alles enden? Der Autor macht sich auf eine multiperspektivische Spurensuche.

„Die Rückkehr des Erlösers muss vorbereitet sein. Aber wie? Sie muss so vorbereitet werden, dass eine Art Heiligkeit unserer Zeit von allen Menschen erkannt werden kann.“

Der in Deutschland lebende Autor und Influencer Yavuz Özoguz ist ein szenebekannter Vertreter des islamisch-schiitischen Glaubens. In seinen Videos thematisiert er immer wieder die Erwartung, der Mahdi, der Erlöser der Zwölfer-Schiiten, könne bald auf die Erde kommen und die herrschende politisch-gesellschaftliche Verwirrung auflösen. Chaos, Krieg und Bedrohung — wie sie ein vielleicht bevorstehender US-amerikanischer Angriffskrieg gegen den Iran mit sich bringen würde — wären nach dieser Logik keine ausschließlich negativen Zeichen, sondern vielleicht Signale für das Nahen des Erlösers.

Wie aber könnte dessen Erscheinen auf der Erde vorbereitet werden? Özoguz hat eine Idee: Ein derzeit lebender Heiliger Mann könnte den Mahdi erkennen und — trotz aller Widerstände islamfeindlicher wie auch häretischer islamischer Strömungen — öffentlich in seiner Funktion bestätigen. Hat er eine bestimmte Idee, wer dieser Vorläufer sein könnte? „Diese Heiligkeit unserer Zeit könnte — das ist meine Hoffnung — Imam Khamenei sein.“

Özoguz nennt unter anderem den persönlichen, bescheidenen Lebensstil des Imams als Beleg für dessen Glaubwürdigkeit als Religionsführer. Eine gottlose Dekadenz, wie wir sie bei den Kontakten vieler westlicher Politiker und Prominenter zu dem Missbrauchstäter Jeffrey Epstein antreffen, wäre der Lauterkeit eines Ali Khameneis völlig wesensfremd.

„Die Heiligkeit dieser Zeit“

Yavuz Özoguz blendet in vielen seiner Videos ein Foto Khameneis ein. Es handelt sich um ein Jugendfoto des Ayatollah. Bei einer Razzia in Özoguz‘ Wohnung beschlagnahmten die Behörden alle Fotos seines Idols — bis auf dieses eine, das nur verschont blieb, weil man das Gesicht des älteren Khamenei darauf nicht so leicht erkennen kann.

„Das Volk steht hinter ihm — nicht das ganze Volk, aber ein hinreichender Teil des Volkes“, ist Özoguz überzeugt. Würden die USA angreifen, würde es Imam Khamenei aber gelingen, den Angreifer zurückzuschlagen, sodass weltweit das Interesse an den Predigten und Schriften des Religionsführers enorm stiege. Dann wäre „die Rückkehr eines Erlösers bestens vorbereitet.“

Die Deutschen, so Özoguz, sollten eine Bewegung gründen, „die sich für ein menschlicheres Deutschland einsetzt.“ Was das Land niemals sein sollte, ist der „Schoßhund eines verbrecherischen Systems, das aktuell versucht, sich die Welt unterzuordnen.“ Gemeint ist der von den USA dominierte Westen.

Wir wissen alle, dass dieses positive Bild des mächtigsten Manns im Iran nicht überall Zustimmung findet. Mainstream-Medien, etablierte westliche Politiker und große Teile der Iran-Diaspora vermitteln von Khamenei oft den gegenteiligen Eindruck. Gerade einige Filme, die in jüngster Zeit von Exil-Iranern oder über den Iran gedreht wurden, verhalten sich sehr kritisch zum Mullah-System. Zuletzt waren etwa „Die Saat des heiligen Feigenbaums“, „Lolita lesen in Teheran“ und „Holy Spider“ zu sehen. Diese Filme sind durch ihre ästhetische Qualität und die klare moralische Stoßrichtung geeignet, ein sehr ungünstiges Bild des Landes im Ausland zu vermitteln. Mitwirkende werden auf Filmfestivals herumgereicht und bestätigen vielfach die Vorurteile westlicher Zuschauer.

Eine iranische Dissidentin fordert den „Regime Change“

Bestätigt wird dieser Eindruck auch durch Exil-Iranerinnen wie die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, die sich vor allem durch erschütternde Berichte aus iranischen Gefängnissen einen Namen gemacht hat. Natalia Amiri schreibt in ihrem Vorwort zu Mohammadis Buch „Frauen! Leben! Freiheit!“ über die Autorin:

„Fast wöchentlich gibt sie aus dem Gefängnis heraus Statements, die heimlich auf Toilettenpapier oder Kaffeefiltern herausgeschmuggelt werden, in denen sie zum Regime Change aufruft, die Demokratie beschwört, Folter und Vergewaltigung im Gefängnis anprangert.“

Besonders der Begriff „Regime Change“ lässt aufhorchen. In unabhängigen Medien wird westlichen Politikern oft eine generelle Absicht unterstellt, ihnen nicht genehme außereuropäische Regierungen auszutauschen. Dieser Prozess könnte in Europa und den USA atmosphärisch vorbereitet werden, indem Berichte über Menschenrechtsverletzungen hervorgehoben oder überzeichnet werden. Die Tatsache, dass Menschenrechtsverletzungen im Iran gut zur Agenda westlicher Länder passen, bedeutet nicht notwendigerweise, dass Berichte darüber erfunden sind. Sind diese und ähnliche Erzählungen jedoch wahr, müsste sich der Blick von Verteidigern des „Gottesstaats“ eigentlich verändern.

Ein „klerikalfaschistisches Regime übelster Natur“?

Nicht nur von „eingefleischten“ Mainstream-Journalisten wird Ayatollah Khamenei und sein Machtapparat weitaus kritischer gesehen als etwa von dessen Anhänger Yavuz Özoguz. So sagte der ehemalige Berufssoldat und in „Alternativmedien“ beliebte Regierungskritiker Jürgen Rose in einer Talkshow von Manova-Moderator Walter van Rossum ganz offen, der Iran sei ein „klerikalfaschistisches Regime übelster Natur“. Rose gibt an, das berüchtigte Evin-Gefängnis, in dem auch Narges Mohammadi einsaß, 1992 besichtigt zu haben. Das Regime sei „im innersten Mark erstens korrupt und zweitens hat es keinerlei Legitimation.“

Er schimpft: „Ein irrer Gotteswahnsinniger wie Khamenei regiert da seit Jahrzehnten die Republik.“ Das Regime, so Rose, sei dabei, „20.000 Leute — Bewaffnete, Militär und Revolutionsgarden — niederzukartätschen, unabhängig von Alter und Geschlecht, nur um die eigene korrupte Herrschaft abzusichern.“

Rose geht dann auf einen bekannten Fall ein: den der 2022 zu Tode gekommenen Mahsa Amini. „Weil sie kein Kopftuch getragen hat, wird sie zu Tode geprügelt auf der Polizeiwache. Das ist für mich inakzeptabel.“ Demgegenüber betonten Walter van Rossum und ein weiterer Talkgast, der freiberufliche Journalist Dirk Pohlmann, das Bild des Iran im Westen werde von den Medien verzerrt dargestellt — die Absicht, einen Regime Change zu erreichen, sei hinter derartigen Narrativen nur allzu deutlich zu erkennen. Rose sei also offenbar denselben Manipulationsversuchen auf den Leim gegangen, die schon die meisten Mainstream-Medien „auf Linie“ gebracht hätten.

Schwankende Opferzahlen

Die Zahlen, die für die Toten bei den jüngsten Demonstrationen genannt werden, differieren je nach Quelle erheblich. Ebenso unterschiedlich ist auch die Einordnung der Todesfälle — ob es sich bei diesen um vom Regime getötete Demonstranten oder umgekehrt um von Aufständischen getötete Sicherheitskräfte und Unbeteiligte handelt. Die iranische Regierung gab offiziell 3.117 Tote an (einschließlich Sicherheitskräfte) und machte dafür ausländische „Feinde“ verantwortlich. Human Rights Watch und die Human Rights Activists News Agency (HRANA) nennen zwischen 2.000 bis 4.500 bestätigte Todesopfer. Andere Schätzungen erhöhen diese Zahl auf bis zu 20.000. Zitiert werden in westlichen Mainstream-Medien meist die jeweils höchsten Zahlen, wobei nicht immer differenziert wird, ob auch von Demonstranten Gewalt ausgegangen ist.

Imam Khamenei selbst äußerte zu den Demonstrationen:

„Protest ist legitim, aber Protest bedeutet nicht Chaos. Man kann und muss mit den Protestierenden sprechen. Dialog ist sinnlos mit denen, die Unruhe stiften. Diejenigen, die Unruhe stiften, müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“

Was hier mit „Unruhe stiften“ und angeblicher Dialogunfähigkeit gemeint ist, kann durchaus hinterfragt werden. Im Sinne des Grundsatzes „audiatur et altera pars“ (auch die andere Seite soll gehört werden) ist es jedoch wichtig, etwa auch die Position der iranischen Botschaft in Deutschland zur Kenntnis zu nehmen:

Auch die „andere Seite“ anhören

„Angesichts der in den vergangenen Tagen erfolgten medialen Zuspitzungen sowie gezielter Anschuldigungen gegen mein Land, die Islamische Republik Iran“, möchte Botschafter Majid Nili Ahmadabadi zur „Entkräftung von Desinformation“ beitragen. In einem Schreiben an die Medien, das auch die Manova-Weltredaktion erhalten hat, berichtet er:

„Infolge von Wechselkursschwankungen und eines plötzlichen Preisanstiegs kam es im Zeitraum vom 28. Dezember 2025 bis zum 7. Januar 2026 zu Protestkundgebungen seitens eines Teils der Händler sowie wirtschaftlicher Verbände. Diese Proteste wurden von der iranischen Regierung als legitim anerkannt, und es wurden besondere Maßnahmen zur Bearbeitung der rechtmäßigen Forderungen der Demonstrierenden eingeleitet.“

Wichtig ist, dass aus iranischer Sicht die westlichen Sanktionen mit zu den wirtschaftlich motivierten Protesten beigetragen haben.

„Wie Ihnen bekannt ist, liegen die wesentlichen Ursachen dieser wirtschaftlichen Unzufriedenheit in der Fortdauer ungerechter, völkerrechtswidriger und unmenschlicher Sanktionen gegen die Islamische Republik Iran, insbesondere infolge des einseitigen Austritts der Vereinigten Staaten aus dem JCPOA im Mai 2018.“

Die zweite Protestwelle — vom Ausland gesteuert?

Nun spricht der Botschafter aber von einer zweiten Protestwelle, die nicht mehr legitim, sondern gewalttätig und aus dem Ausland gesteuert sei:

„Im Zeitraum vom 8. bis 10. Januar 2026 kam es bedauerlicherweise zur organisierten Intervention bewaffneter terroristischer Gruppen, die sich in die genannten Proteste einschleusten und mit ISIS-ähnlichen Gewalttaten gegen die Bevölkerung, die Sicherheitskräfte sowie öffentliche Einrichtungen vorgingen. Leider haben viele Landsleute in diesen Unruhen ihr Leben verloren, und es wurden sehr hohe Schäden an öffentlichem und privatem Eigentum verursacht, darunter an zahlreichen Banken, Wohnhäusern, Krankenwagen, Einkaufszentren, Moscheen sowie Feuerwehrfahrzeugen.“

Welchem Zweck diente laut Nili dieser Terror?

„Ziel dieser Phase der Proteste war ein massenhaftes Töten der Bevölkerung, die Gefährdung der staatlichen Souveränität und der nationalen Sicherheit, die Vorbereitung ausländischer Interventionen sowie die Umwandlung Irans in ein zersplittertes Land, deren Folgen die Sicherheit Westasiens und der angrenzenden Regionen, einschließlich Europas, ernsthaft hätten gefährden können.“

Nachrichtendienstliche Untersuchungen hätten gezeigt, „dass das, was sich in diesen drei Tagen ereignet hat, auf einer präzisen Planung beruhte, deren Kern vom israelischen Regime und den USA ausging.“ Die Anwesenheit von Mossad-Agenten bei den Straßenprotesten im Iran werde sogar von israelischen Politikern und Medien eingestanden.

Gegen Ende seiner Veröffentlichung gibt der Botschafter teilweise Entwarnung: „Die gegenwärtige Lage in Iran ist ruhig; terroristische Strömungen wurden unter Kontrolle gebracht.“ Das klingt beruhigend. Aber wie viel sollten wir darauf geben, dass der iranische Staatsapparat sich selbst gut findet und für unschuldig hält?

Menschenrechtsorganisationen sprechen von „Massenmorden“

Stellen wir dem Bericht der iranischen Botschaft nun den einer Menschenrechtsorganisation gegenüber, die vielen westlichen Medienberichten als Quelle diente: Human Rights Watch spricht von einem regelrechten Massaker der iranischen Regierung an Demonstranten. Die Programmdirektorin der Organisation, Lama Fakih, sagte:

„Die Massenmorde durch iranische Sicherheitskräfte seit dem 8. Januar sind beispiellos in diesem Land und eine eindringliche Erinnerung daran, dass Machthaber, die ihr eigenes Volk massakrieren, weiterhin Gräueltaten begehen werden, solange sie nicht zur Rechenschaft gezogen werden.“

Human Rights Watch gibt an, vom 12. bis 14. Januar mit 21 Personen — „darunter Augenzeugen, Angehörige von Opfern, Journalist*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen, medizinisches Fachpersonal und andere informierte Quellen“ — gesprochen zu haben. Zudem habe die Organisation Screenshots, Augenzeugenberichte, Sprachnachrichten sowie verifizierte Fotos und Videos gesichtet. Der Organisation sei es gelungen, „Beweise für Tötungen von Demonstrant*innen in einigen Provinzen zu sammeln und zu analysieren“.

Was die Morde an Sicherheitskräften betrifft, so misstraut Human Rights Watch den Angaben regierungsnaher Medien. Die Behörden hätten die Familien von Opfern unter Druck gesetzt, damit diese fälschlicherweise behaupteten, ihre vom Regime ermordeten Angehörigen seien in Wahrheit Mitglieder regierungsnaher Truppen gewesen, die von Aufständischen getötet worden seien.

Falsche Zahlen für einen Regimewechsel?

Solchen Menschenrechtsorganisationen wiederum misstraut der US-amerikanische Journalist Max Blumenthal. In seinem von Manova in Übersetzung veröffentlichten Artikel „Das Iran-Inferno“ schreibt er:

„Während tödliche Unruhen iranische Städte in Brand setzen, ignorieren westliche Medien die schockierende Welle der Gewalt und übernehmen ihre Informationen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die von der US-Regierung finanziert werden. (…) Die westlichen Medien ignorieren bis heute eine wachsende Zahl von Videobeweisen, die zeigen, dass Demonstranten in ganz Iran terroristische Taktiken anwenden, obwohl sie von Amnesty International und Human Rights Watch als ‚weitgehend friedlich‘ beschrieben werden.“

Videoaufnahmen zeigten „öffentliche Lynchmorde an unbewaffneten Wachleuten, das Niederbrennen von Moscheen, Brandanschläge auf kommunale Gebäude, Marktplätze und Feuerwachen sowie Zusammenrottungen Bewaffneter, die in den Herzen iranischer Städte das Feuer eröffnen.“ Westliche Medien, so Blumenthal, konzentrierten sich jedoch „nahezu ausschließlich auf die Gewalt, die der iranischen Regierung zugeschrieben wird. Dabei stützen sie sich stark auf Todeszahlen, die iranische Diasporagruppen zusammengestellt haben, die vom National Endowment for Democracy (NED) — dem Regimewechsel-Arm der US-Regierung — finanziert werden und deren Vorstände mit überzeugten Neokonservativen besetzt sind.“

Warum sollte jemand im Westen ein Interesse daran haben, Tatsachen verzerrt darzustellen und Zahlen zu fälschen? Blumenthal schreibt:

„Durch die Verbreitung offensichtlich übertriebener Opferzahlen versuchen Regimewechsel-Aktivisten und Trumps Spießgesellen offenbar, den für seine Leichtgläubigkeit berüchtigten Präsidenten zu einem weiteren Militärschlag gegen Teheran anzustacheln.“

Eine Nahost-Expertin warnt vor Medien-Manipulation

Einen aufschlussreichen Aufsatz, der sich auch generell mit den Schwierigkeiten journalistischer Wahrheitsvermittlung befasst, hat die Nahost-Korrespondentin Karin Leukefeld — bekannt vor allem durch ihre kenntnisreiche Syrien-Berichterstattung — veröffentlicht. Sie schreibt:

„Ungeprüfte Todeszahlen zu verbreiten und zu sagen, die Zahlen könnten in Kriegs- und Krisengebieten nicht überprüft werden, reicht nicht. Was nicht überprüft werden kann — und Angaben von Organisationen, die im Fall Irans in Norwegen oder in den USA sitzen, sind nicht zu überprüfen — sollte den journalistischen Regeln entsprechend nicht übernommen werden.“

Karin Leukefeld geht mit Bezug auf die Demonstrationen von Regimegegnern im Iran von einem „Aufstand, der von Geheimdiensten dirigiert war“ aus.

„Der Plan war mit großer Wahrscheinlichkeit vom israelischen Mossad und der US-amerikanischen CIA entworfen worden. Bei ihrem Treffen in Florida Ende Dezember 2025 könnten Trump und Netanyahu sich geeinigt haben.“

Als Informationsquelle nennt Leukefeld unter anderem die türkische Armee. Diese „informierte den Iran über bewaffnete Aufständische, die aus dem kurdischen Nordirak über Kermanshah im westlichen Iran vordrangen. Der Iran tötete die meisten von ihnen, wurde aber von den Aufständischen, die sich landesweit unter Demonstranten mischten und rohe Gewalt einsetzten, überwältigt.“

Bewegende Szenen auf einer Beerdigung

Der iranische Außenminister Abbas Aragchi erklärte laut Leukefeld, „der Iran habe Audiobotschaften aufgefangen, die aus dem Ausland gekommen seien. Die Anrufer hätten den Empfängern gesagt, sie sollten das Feuer eröffnen, solange sie unter den Demonstranten seien. ‚Wenn ihr auf die Polizei schießen könnt, tut das. Wenn das nicht geht, schießt auf irgendjemanden. Und wenn das nicht geht, schießt auf das Mädchen oder den Jungen, der direkt vor euch ist.‘“

Fernsehaufnahmen von einer Beerdigung, bei der die Opfer vom Ausland gesteuerter Milizen begraben wurden, beeindruckten Karin Leukefeld stark:

„Auf einem dieser Wagen vorne steht ein noch junger Mann, der ein DIN-A4-großes Bild hochhält. Er selber trägt Schwarz, das Bild ist in Farbe. Es zeigt ein kleines Mädchen unter einer Girlande von bunten Luftballons. Ihr langes schwarzes Haar fällt über die Schultern, als sie sich in einem weiten, weißen Kleid dreht und strahlt. (…) In Farsi, der Landessprache im Iran, wird vermutlich ihr Name stehen und was ihr widerfahren ist. Der Mann weint.“

In diesem Abschnitt wird die menschliche Dimension der Tötungsvorgänge sehr deutlich. Dies ist wohltuend, weil häufig aus einer emotional neutralen Adlerperspektive berichtet wird — als kämpften Länder und Organisationen („Der Westen“, „Der Iran“, „Der Mossad“, „Die iranische Opposition“ …) wie gegnerische Fußballmannschaften gegeneinander und als sei all das nicht mit ganz konkretem, entsetzlichem Leid für die Opfer auf allen Seiten verbunden.

Wem soll man nun glauben?

Die Erzählungen und Deutungen der Mainstreammedien auf der einen und der „Alternativmedien“ auf der anderen Seite unterscheiden sich gerade bei der Bewertung der aktuellen Ereignisse im Iran sehr grundlegend. Berichte über von den USA ausgehende „Regime-Change“-Pläne haben für mich aufgrund einschlägiger Erfahrungen mit der Darstellung von Krisen in den Medien eine hohe Glaubwürdigkeit. Es ist jedoch wichtig, den eigenen Erkenntnisprozess nicht vorschnell als abgeschlossen zu betrachten. Man sollte sich selbst misstrauen, wenn eigene Recherchen zu oft das zu bestätigen scheinen, was man schon vorher für richtig hielt.

Die Opposition im Iran hat noch stärker als in anderen autoritär regierten Ländern eine weibliche Komponente. Berichte iranischer Frauen, die im Exil leben oder noch — verfolgt oder im Untergrund — im Land sind, sind eine Quelle, die ich gern heranziehe, damit konkreter wird, was unter „Menschenrechtsverletzungen“ überhaupt zu verstehen ist. Lesenswert sind etwa „Im Namen Gottes. Die Unterdrückung der Frauen im Iran“ von Jasmin Taylor und „Frauen! Leben! Freiheit! Frauen in iranischen Gefängnissen erzählen“ von der Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi (beide Bücher von 2023).

Letztere hat ja, wie ihr Verlag angibt, Originalberichte von Insassinnen iranischer Gefängnisse herausgeschmuggelt. Die Historikerin Shannon Woodcock nennt den Iran in ihrer Einführung zu „Frauen! Leben! Freiheit“ einen „Gefängnisstaat“. Sie stellt die vielen Inhaftierungen, von denen das Buch berichtet, in einen größeren Kontext:

„Von Anfang an hat das islamische Regime Geiseln genommen, um Druck auf die Familien und das Umfeld der Gefangenen auszuüben und die Gesellschaft durch Terror gefügig zu machen.“

Es gebe Sippenhaft. Auch die Kinder politischer Gefangener seien von Inhaftierung und Folter bedroht.

Weiße Folter und die dunkle Agenda der Macht

Das Buch, das in der Originalausgabe „White Torture“ heißt, verweist auf eine noch weitaus dunklere Agenda, als es selbst Kritikern der iranischen Regierung meistens bewusst ist.

„Bei der Misshandlung Gefangener geht es nicht mehr darum, Informationen zu erpressen, die für den Staat von Wert sein könnten, sondern der Islamische Staat bekämpft heute das menschliche Bewusstsein selbst.“

Die wichtigste Methode, so Woodcock, sei „weiße Folter“ — die bewusste Zufügung von Qualen, ohne dass hinterher körperliche Spuren von Misshandlung nachzuweisen wären. „Ziel der weißen Folter sei es, die Verbindung zwischen Körper und Geist eines Menschen dauerhaft zu zerstören und das Individuum zu zwingen, seiner Ethik und seinem Handeln abzuschwören.“

In der Isolationshaft werde bewusst die Fähigkeit der Insassinnen gestört, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden.

„Der Mangel an Berührungen in der Einzelhaft und bei den Verhören erzeugt Schmerz, und dieser wird noch dadurch verstärkt, dass die Betroffenen nichts als den Beton am Boden und den Wänden der Zelle und raue Decken fühlen können. Der einzige Geruch in der Zelle ist häufig der aus der Toilette, die bewusst schmutzig gehalten wird, damit der Gestank die Gefangenen quält.“

Weiße Folter bewirke unter anderem „einen Verlust intellektueller Fähigkeiten und der Wahrnehmungsfähigkeit sowie eine gesteigerte Empfänglichkeit für Propaganda.“

Die Mentalität der Schergen

Wie auch in anderen Gewaltregimen wird durch die staatliche „Ausbildung“ von Gefängniswärtern und Verhörspezialisten Niedertracht als Massenphänomen gezüchtet. Die Auslöschung der für die meisten Menschen natürlichen Fähigkeit zum Mitgefühl ist ein von den Führungsinstanzen bewusst in Kauf genommenes Resultat. So berichtet Narges Mohammadi über Wärterinnen, die sie gegen ihren erklärten Willen zwangen, sich vollständig zu entkleiden:

„Sie ignorierten meine Einwände, meinen Protest. Ihre Unverschämtheit, diese Schamlosigkeit schockierten mich. Warum sie sich ihres Tuns nicht schämen, fragte ich mich. Sie schien so stolz und zufrieden über ihr Werk, als hätte sie eine besondere Leistung vollbracht.“

Wärterinnen fordern Mohammadi auch auf, ihre bisherigen politischen Positionen zu widerrufen:

„Morgen musst Du vor laufender Kamera Reue zeigen und Dich vom Zentrum zur Verteidigung der Menschenrechte distanzieren.“

Sie interpretiert die gesamte Anlage der Gefängnisse mit ihren vielen niederdrückenden Details als bewusst konzipierte Hölle mit dem Ziel, die Insassinnen zu brechen.

„Die Einzelhaft in einem Sicherheitstrakt ist nicht bloß eine Zelle, ein Ort, eine geografische Gegebenheit. Sie hat auch psychologische und menschliche Aspekte, die ihre ganz speziellen Funktionen in diesem Gefüge erfüllen. Und die die Wirkung der Einzelhaft garantieren. So etwa der eiskalte, seelenlos grobe Tonfall der Wärter, die toten Kakerlaken auf den staubigen Fliesen, verdreckte, dunkle Vorhänge, der Zwang, eine Augenbinde zu tragen, sobald man die Zelle verlässt, sei es nur, um zur Toilette zu gehen.“

Nicht nur im Westen verbreitet: Heuchelei

Monireh Baradaran, die ebenfalls in iranischen Gefängnissen einsaß, hebt am Verhalten ihrer Bewacher speziell den Aspekt der religiösen Heuchelei hervor:

„Wir wurden im Namen Gottes gefoltert. Der Begriff, der den göttlichen Willen zur Folter belegen sollte, lautet Tazir. Für die Vernehmer und Folterer stellte das Foltern eine Art des Betens dar, vor der sie sich genauso wuschen wie vor dem Gebet. Während der Tortur zitierten sie aus dem Koran und aus anderen Heiligen Schriften.“

Neben „Tazir“ ist im iranischen Recht auch der Fachbegriff „Moharebeh“ geläufig — Krieg gegen Gott. Dieser schwerwiegende, der Scharia entstammende Vorwurf wird häufig gegen Gegner des iranischen „Gottesstaates“ ins Feld geführt.

Man muss bei all dem natürlich bedenken, dass Menschenrechtsverletzungen in Gefängnissen auch in westlichen Ländern vorkommen — speziell im kommerzialisierten US-Gefängnissystem.

Zwei Varianten von Überheblichkeit

Westliche Beobachter laufen nun Gefahr, sich auf zweierlei Weise überheblich zu verhalten: Erstens, indem sie beanspruchen, selbst am besten zu wissen, was für 90 Millionen Iraner das Beste ist, und indem sie ihre Werte als auch für ein islamisch geprägtes Land maßgeblich betrachten.

Zweitens, indem sie Regime-Opfern wie Narges Mohammadi vorschreiben wollen, dass sie sich keinen Regimewechsel im Iran wünschen dürfe.

Ein solches Ansinnen ist bei ihrer Biografie mehr als verständlich. Am 8. Februar 2026 wurde bekannt, dass Mohammadi zu weiteren sechs Jahren Haft verurteilt wurde, unter anderem wegen „Propagandatätigkeit“. Sie hatte während früherer Gefängnisaufenthalte bereits zwei Herzinfarkte erlitten. Und, wie unvollkommen eine neue iranische Regierung auch wäre — es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sich die Tore der Foltergefängnisse für etliche Dissidenten unter einer neuen Herrschaft öffnen würden.

Andererseits wäre die Vorstellung, dass ein weiteres muslimisches Land durch die Hand der USA destabilisiert und kontrolliert würde, ebenfalls höchst unbefriedigend.

Es ist nicht leicht, sich über dieses Land, aus dem viel zu wenige ungefilterte Informationen nach außen dringen, ein „eindeutiges“ Urteil zu bilden. Zumal wir uns dabei in einem schwer aufzulösenden Spannungsfeld zwischen westlicher Selbstkritik und der Abneigung gegen jede Art von Despotismus, auch im Osten, bewegen.

Der Iran gleicht einem Kaleidoskop — einem Gerät, bei dem man, je nachdem wann und wie man hineinschaut, immer etwas anderes sieht, weil sich die Komponenten zu immer neuen, verwirrenden Mustern vermengen.

Ein „unislamisch“ schaukelndes Kind

Zu den Beiträgen, die diesen Spagat am glaubwürdigsten darstellen, gehört für mich ein Videovortrag des aus dem Iran stammenden Rappers und Influencers B-Lash. Er rollt darin in der Kürze die Geschichte des Iran im 20. und 21. Jahrhundert auf. Die aktuelle angespannte Lage beschreibt er wie folgt: „In dem Augenblick, wo so ein organischer Protest stattfindet, sitzen die Hyänen dann immer im Gebüsch und wollen das ausnutzen.“ Bei den aktuellen Protesten handele es sich um „keine organische Revolution“. Westliche Geheimdienste seien im Spiel.

B-Lash, der bürgerlich Yousefali Bidarian Nejad heißt, berichtet, er sei 1987 mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Unter dem Schah sei das Land westlich orientiert und teilweise freier gewesen. Als dann die Mullahs kamen, sei seine Mutter von Ordnungshütern zurechtgewiesen worden, weil sie mit ihm auf dem Spielplatz war. „Dann kamen die Turbanträger und sagten: Es ist jetzt unislamisch, mit seinem Kind auf einer Schaukel zu stehen.“ Seine Mutter wurde „mit einem Maschinengewehr runtergewunken, weil sie einfach mit mir geschaukelt hat.“

Schlimmer als das Regime: westliche Einmischung

Befürwortet B-Lash also einen Regime Change? Er sei mit einer Familie „repräsentativ für das, was auf Teherans Straßen stattfindet“, sagt der Musiker und Produzent. Seine Familie sei damals abgehauen, weil sie mit dem islamischen Staat nicht einverstanden war.

„Auf der anderen Seite sind wir sehr patriotische Iraner.“

Er ergänzt:

„Wir mögen vieles nicht, aber was wir am wenigsten mögen, ist, wenn sich irgendwelche amerikanischen und israelischen Geheimdienste einmischen und unschuldige Leute ermorden. Und das ist eben gerade jetzt der Fall.“

Die Zahlen der Opfer unter den Demonstranten, die von westlichen Medien kolportiert werden, hält er für unglaubwürdig. Selbst in den härtesten Phasen des Gaza-Bombardements seien nicht 20.000 Menschen in ein paar Tagen getötet worden. Dazu bräuchte es eine gut ausgestattete Luftwaffe.

Wie selbstgerecht der Westen agiere, sei durch die jüngsten Proteste in den USA gegen die Einwanderungsbehörde ICE deutlich geworden, bei denen bereits zwei Demonstranten ihr Leben verloren haben. Die Demokratie, die der Westen dem Iran bringen wolle, bekäme er folglich selbst nicht hin.

„Es geht also darum, den Iran eindeutig zu dämonisieren, damit man die Legitimation hat, einen Krieg vom Stapel zu brechen, den Netanjahu seit 20, 30 Jahren von jedem amerikanischen Präsidenten fordert“, sagt B-Lash.

„Das eine negiert das andere nicht“

An der aktuellen Situation im Iran bleibt vieles unklar — zwei Dinge, die einander zu widersprechen scheinen, können aber als sicher gelten:

  1. Der Westen versucht, den Iran zu destabilisieren, mit der Absicht, einen Regime Change nach dem eigenen Gusto einzuleiten. Und
  2. Es gibt unter dem Regime der Islamischen Republik schlimme Menschenrechtsverletzungen.

Dieses Dilemma brachte der Oberstleutnant a.D. Jürgen Rose auf die kürzestmögliche Formel, indem er sagte: „Das eine negiert ja das andere nicht.“ Diese Einsicht erscheint mir so klar und treffend, dass ich wünschte, sie in „Mainstreammedien“ wie in „Alternativmedien“ viel öfter zu hören.