Das smarte Töten
KI und Palantir sollen die Kampfhandlungen in der Ukraine präziser und effizienter machen. Am Ende bleibt es ein Krieg der Soldaten.
Künstliche Intelligenz verspricht, den Krieg der Zukunft effizienter zu machen. Manch einer hofft vielleicht sogar auf einen Krieg ohne oder zumindest mit weniger menschlichen Opfern. Der Ukrainekrieg zeigt deutlich, wie unzutreffend diese Vorstellung ist. Algorithmen erkennen Ziele und sind vielleicht auch in der Lage, Drohnen zu steuern. Palantir liefert die entsprechende Technik und Politiker etablieren das vernetzte Schlachtfeld. Doch die Soldaten im Schützengraben ersetzt KI bis jetzt nicht. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „KI und Digitalisierung“.
In Konstantin Paustowskis Erinnerungen an seine Kiewer Jugend wird die Besetzung der alten russischen Stadt durch ukrainische Nationalisten geschildert. Ihre Staatlichkeitsattrappe hieß „Ukrainische Volksrepublik“, geführt von dem ehemaligen Buchhalter und „Obersten Ataman“ Symon Petljura. Seine kurze, pathetische Herrschaft war von rustikaler Theatralik und blutigen Pogromen geprägt, denen bis zu hunderttausend Juden zum Opfer gefallen sein sollen. Für anderthalb Jahre eine bemerkenswerte Bilanz. Und auch sonst gab es wenig zu rühmen. Der Volksmund fasste den Machtbereich des Direktoriums so zusammen: „Im Waggon sitzt das Direktorium, unter dem Waggon liegt sein Territorium.“
Diese politische Ohnmacht wurde durch Gerüchte, pathetische Inszenierungen und erfundene Wunderwaffen verdeckt. Als die Rote Armee bereits vor der Stadt stand, verkündete die Kommandantur den Einsatz tödlicher „violetter Strahlen“, die Frankreich geliefert habe, und befahl den Einwohnern, die Nacht in den Kellern zu verbringen. Am Morgen zeigte sich der wirkliche Zweck der angeblichen Geheimwaffe: Während Kiew im Untergrund ausgeharrt hatte, waren Petljuras Truppen unbemerkt geflohen.
Auch heute gedeihen Wunderwaffen besonders gut in einem Land, dessen Politik auf blutiges Stand-up reduziert ist und dessen Verteidigungsminister ein ehemaliger PR- und Digitalmensch ist. Sein Name ist Mychajlo Fedorow, und der violette Strahl heißt inzwischen künstliche Intelligenz (KI), Big Data und Palantir. 2019 organisierte Fedorow den digitalen Wahlkampf Wolodymyr Selenskyjs und wurde anschließend mit 28 Jahren Minister. Sein Projekt war der „Staat im Smartphone“. Der nächste Karriereschritt führte ins Verteidigungsressort. Drohnen, automatisierte Systeme, digitale Beschaffung, Defense-Tech-Start-ups und KI wurden zu seinem Feld. Einer seiner wichtigsten Partner war Palantir. Im Januar 2026 setzte Selenskyj schließlich einen Mann ohne militärische Ausbildung an die Spitze des Verteidigungsministeriums.
Fedorow behandelte die Armee ungefähr so, wie Silicon Valley traditionell alte Industrien behandelt: als ein System, das dringend disruptiert werden müsse. Bis die Disruption auf Generäle traf.
Mit Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj und dem Generalstab begann ein Machtkampf. Fedorow beklagte Blockaden, Loyalitätswirtschaft und ständige Lügen. Im Juli war seine Amtszeit beendet. Die Entlassung verbesserte auf beiden Seiten die diagnostischen Fähigkeiten. Fedorow erkannte nun Korruption und eine fehlende Kriegsstrategie. Zumindest der erste Befund lässt sich kaum bestreiten. Allein in einem Wiederaufbauprojekt ermittelte die ukrainische Antikorruptionsbehörde NABU wegen der Veruntreuung von 22 Millionen Hrywnja aus Mitteln der Weltbank. Bei Drohnenbeschaffungen konnten NABU und die Sonderstaatsanwaltschaft SAPO 2026 nach eigenen Angaben Schäden von 726 Millionen Hrywnja verhindern.
Selenskyjs Leute stellten ihrerseits fest, dass der ehemalige Verteidigungsminister bei Mobilisierung und Verteidigungsplanung erhebliche Defizite hinterlassen habe. Damit wäre die Geschichte normalerweise beendet. Bei Fedorow begann sie erst. Gleichzeitig gründete er ein eigenes Defense-Tech-Unternehmen. Als erster Großinvestor soll Alex Karp einsteigen, Palantir-Chef und langjähriger Partner Fedorows. Erst digitalisiert man als Minister den Krieg, dann privatisiert man das dabei erworbene Wissen.
Inzwischen fordert Fedorow sogar Wahlen, man höre und staune, und wird selbst als möglicher Herausforderer Selenskyjs gehandelt. In einer Stichwahlsimulation des Instituts SOCIS kam er auf 63,8 Prozent, Selenskyj nur auf 36,2 Prozent. Da sich das prowestliche Maidan-NGO-Myzel auf Fedorows Seite schlägt und das zeitlich abgestimmte Vorgehen der von US-Diensten gestützten Antikorruptionsbehörden zumindest ein Zusammenspiel vermuten lässt, geht es bei diesem Konflikt um mehr als persönliche Rivalitäten in Kiew. Hier öffnet sich ein Riss, der durch den gesamten Westen verläuft und dessen Ausläufer auch in Deutschland sichtbar werden.
Zur Disposition steht ein politisch-ökonomisches Modell, das sich seit der Ära Kohl herausgebildet hatte: exportorientierte Industrie, vergleichsweise günstige Energie, ein ausgebauter Sozialstaat und die Erwartung, dass Deutschland seine wirtschaftliche Stärke gerade nicht aus permanenter militärischer Mobilisierung beziehen müsse.
Der Abbau dieses Modells begann nicht erst heute. Unter Merkel veränderten Atomausstieg und Migrationskrise bereits zentrale Voraussetzungen der alten Bundesrepublik. Unter Scholz kam der Bruch mit der bisherigen militärischen Zurückhaltung hinzu. Unter „BlackRock-Merz“, dessen ehemaliger Arbeitgeber 7,33 Prozent der Stimmrechte an Rheinmetall hält, wird aus der deutschen Staatskrise die Flucht nach vorn: Die innere Substanz schwindet, während die äußeren Machtansprüche wachsen. Die expandierende Rüstungsproduktion soll dabei die schwindende Wirtschaftskraft stützen. Nur will der heutige Deutsche nicht mehr an die Ostfront. Bleibt also der Versuch, den Krieg „smart“ zu führen.
Wie weit diese Logik inzwischen in den medialen Mainstream vorgedrungen ist, zeigte der FAZ-Korrespondent Michael Martens im August 2026 bei einer Pressekonferenz mit Wolodymyr Selenskyj in Belgrad. Er fragte, was Europa konkret tun könne, damit die Ukraine „mehr Russen töten“ könne. Die Formulierung erinnerte an Mychajlo Fedorows zynische Logik des Drohnenkrieges: „Je mehr Infanteristen ihr tötet, desto mehr Drohnen bekommt ihr, um noch mehr Infanteristen zu töten.“ Als Verteidigungsminister gab Fedorow schließlich das Ziel aus, monatlich 50.000 russische Soldaten zu töten.
Besonders wortmächtig tritt dabei Moritz Schularick auf. Der Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft sitzt zugleich im Beraterkreis für den Hochlauf der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie und empfiehlt dem Staat, wofür er seine Milliarden ausgeben soll. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung warnte er am 9. August 2026, das 700-Milliarden-Euro-Programm für die Bundeswehr könne „verpuffen“. Panzer, Fregatten und Kampfflugzeuge gehören für ihn offenbar bereits ins militärhistorische Museum und firmieren nur noch als „Altmetall“. Die Zukunft funkelt verheißungsvoll in Form von Drohnen, Satelliten, Robotik und künstlicher Intelligenz. Selbst die Generäle stören auf dem Weg ins digitale Morgen: Einen 60-Jährigen kurz vor der Pensionierung werde man nicht mehr „in die Robotik- und KI-Zukunft“ führen. Einen Tag später legte Schularick im „heute journal“ nach: „Wir können dieses Geld nur einmal ausgeben.“ Die Bundesregierung investiere in „eine Zukunft, die letztlich die Vergangenheit ist“.
Im Verteidigungsministerium sieht man das anders. Rüstungsstaatssekretär Jens Plötner hält schon die Alternative für falsch, die Bundeswehr brauche beides. Der Steuerzahler muss sich also nicht zwischen alter und neuer Kriegsführung entscheiden. Er darf beides finanzieren.
Die Beschaffungspläne machen deutlich, dass Plötner damit die Linie von Boris Pistorius wiedergibt. Fast hundert neue Großprojekte sollen allein nach der Sommerpause auf den Weg gebracht werden. F-35, Eurofighter, Patriot, IRIS-T, Boxer und vor allem Munition stehen neben Drohnen und Weltraumaufklärung.
Es geht aber um mehr als Beschaffung. Herkömmliche Systeme machen einzelne Waffen präziser und autonomer. Das von Palantir mitgetragene US-Militärprogramm Project Maven setzt eine Ebene höher an: Es wertet mithilfe künstlicher Intelligenz Aufklärungsdaten aus, erkennt mögliche Ziele und verknüpft Aufklärung, Zielauswahl und Waffeneinsatz zu einer digitalen Befehlskette. Smart wird nicht nur die Waffe, sondern der Krieg selbst. Der kalifornische Digitalkrake greift damit nach den Aufgaben der militärischen Führung und stößt bei den heutigen Befehlshabern auf verständliches Misstrauen.
Das Misstrauen hat einen Namen: Vizeadmiral Thomas Daum, Inspekteur des Cyber- und Informationsraums der Bundeswehr, erteilte Palantir im April 2026 eine Absage. Zwar interessiere ihn die Leistungsfähigkeit der Software, doch sei es „schlicht unvorstellbar“, Mitarbeitern eines Privatunternehmens Zugang zur nationalen militärischen Datenbank zu gewähren. Einig sind sich die Generäle allerdings nicht: Der deutsche Drei-Sterne-General Kai Rohrschneider, Chef des Stabes beim NATO-Kommando in Brunssum, lobte das dort eingeführte Maven-Smart-System von Palantir kurz darauf ausdrücklich.
Werden die Produzenten des „Altmetalls“ gerade von einem kalifornischen Digitalkraken aus dem Kriegsgeschäft gedrängt? Der klassische Rüstungskomplex befindet sich jedenfalls keineswegs auf dem Rückzug. Rheinmetall steigerte seinen Umsatz im ersten Halbjahr 2026 um 39 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro, das operative Ergebnis sogar um 74 Prozent. Der Auftragsbestand einschließlich erwarteter Abrufe aus Rahmenverträgen erreichte mit 80,5 Milliarden Euro einen neuen Höchststand. Für das Gesamtjahr erwartet der Konzern inzwischen bis zu 14,2 Milliarden Euro Umsatz.
Doch Palantir ist bereits auf der Überholspur. Im zweiten Quartal 2026 steigerte der Konzern seinen Umsatz um 93 Prozent auf 1,94 Milliarden Dollar; das Geschäft mit der US-Regierung legte um 90 Prozent zu. Zwei Jahre zuvor hatte Palantir im selben Quartal gerade einmal 678 Millionen Dollar umgesetzt. Für 2026 erwartet das Unternehmen inzwischen einen Jahresumsatz von rund 8,15 Milliarden Dollar. Ob dahinter tatsächlich die Zukunft des Krieges steckt oder nur eine von Lobbyismus und Anlegerfantasien aufgepumpte Investitionsblase, steht auf einem anderen Blatt.
Merrill McPeak, der ehemalige Stabschef der US-Luftwaffe, räumte vor laufender Kamera freimütig ein: „Historisch gesehen hat die Luftmacht stets mehr versprochen, als sie halten konnte.“ Umso mehr gilt dieser Satz für den heutigen Hype um den smarten Krieg. Der Realitätscheck auf dem ukrainischen Kriegsschauplatz fällt allerdings ernüchternd aus. Trotz Drohnen und vernetzter Zielerfassung rücken russische Truppen weiter vor. Über Geländegewinn und -verlust entscheiden weiterhin Infanterie, Feuerkraft, Munition und vor allem die Fähigkeit, genügend Mannkraft bereitzustellen und Verluste zu ersetzen. Hinter jener nüchternen Vokabel „Mannkraft“ stehen junge Männer, ihre Körper, ihre Lebenszeit und schließlich die Frage, wie viele davon eine Gesellschaft zu verbrauchen bereit ist. Im langen Krieg führt das zu Wehrpflicht und wachsendem Rekrutierungsdruck. Die Ukraine zeigt, wie weit diese Logik führen kann: Ihr sichtbarstes Vollstreckungsorgan sind die berüchtigten „Menschenfänger“ der TCC („Territoriales Rekrutierungszentrum und soziale Unterstützung“).
Die Bilder gehören inzwischen zum ukrainischen Kriegsalltag: Ein Mann wird auf offener Straße von mehreren Uniformierten gepackt, wehrt sich, klammert sich an eine Autotür oder einen Laternenpfahl, während Passanten schreien und filmen.
Andere Videos zeigen Männer, die zu Boden gerissen, geschlagen oder von mehreren TCC-Mitarbeitern in einen Kleinbus gezerrt werden. Die Türen schlagen zu, der Wagen setzt sich in Bewegung und fährt die menschliche Beute dem Fleischwolf der Front entgegen.
Die Parallele wird inzwischen auch in der deutschen Debatte gezogen. Bei den Protesten gegen den neuen Wehrdienst fragte etwa der Hamburger Demonstrant Gideon gegenüber Emma mit Blick auf die staatliche Erfassung junger Männer: „Erleben wir dann auch eine Mobilisierung wie in der Ukraine?“
Das digitale Gegenmodell nährt die Allmachtsfantasie eines Übermenschen am Monitor, der aus sicherem Versteck tötet. Hinter dem technologischen Versprechen steht zugleich ein bestimmtes Menschenbild. In seiner extremen Form ist es der Versuch, die körperlichen Grenzen des Menschen durch Technik zu überwinden. Bezeichnend ist ein Gespräch Peter Thiels, eines der Gründer von Palantir, mit dem New-York-Times-Kolumnisten Ross Douthat. Auf die direkte Frage, ob die menschliche Rasse fortbestehen solle, antwortete Thiel zunächst: „Ich weiß es nicht.“ Wo der Mensch als fehlerhafte Hardware erscheint, liegt der Gedanke nahe, ihn technisch zu verbessern oder zu ersetzen. Zu schwach, zu gewissenhaft, zu sterblich.
Hinzu kommt die schwindende Mannstärke der Ukraine. Wie dramatisch sich die demografische Basis des Landes verengt, zeigt ein besonders anschaulicher Indikator: die Zahl der Erstklässler. Sie sank von 314.281 im Jahr 2023 auf 277.000 im Jahr 2024 und rund 252.000 im Jahr 2025 — ein Rückgang um fast 20 Prozent binnen zweier Jahre. Im Schuljahr 2018/19 waren es noch knapp 455.000 gewesen. Würde sich der jüngste Rückgang linear fortsetzen, gäbe es rechnerisch bereits 2033 keine Erstklässler mehr.
Weder hält Software einen Schützengraben, noch besetzt ein Algorithmus ein Dorf. Keine Wunderwaffe ersetzt den Mann auf dem Schlachtfeld, und kein violetter Strahl rettet das Kiewer Regime — es ist nicht mehr zu retten.