Der Camouflage-Coach
Der Wehrdienst als unerlässliche Erfahrung für die Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen ist ein Mythos, denn Militärausbildungen brechen ihn und vermitteln nichts, was sich nicht auch zivil und menschlich erlernen lässt.
Soldaten malen die camouflagefarbene Zeit retrospektiv in den schillerndsten Farben. Das sei die „geilste Zeit“ gewesen. So viel von dem, was man dort, und nur dort, gelernt habe, sei später, im weiteren Verlauf des Lebens so wertvoll gewesen. Die Schwärmereien von Altgedienten über die Zeit beim Bund ist abendfüllend. Im gegenwärtigen Wiederaufleben des potenziell tödlichen Dienstes an der Waffe werden ebendiese Militärmärchen wieder aus der Mottenkiste geholt. Gerade der Generation Z, so heißt es vielfach, würde es nicht schaden, wieder etwas Kasernenluft zu schnuppern, den Ernst des Lebens am eigenen Leibe zu erfahren, sich abzuhärten, nachdem sie so verweichlicht worden sei. Besieht man sich die Fertigkeiten und Erfahrungen, für deren Vermittlung sich die Bundeswehr das Monopol zuschreibt, dann stellt man jedoch schnell zweierlei fest: zum einen, dass sich diese Fähigkeiten genauso gut oder sogar besser im zivilen Bereich erlernen lassen — ohne Entwürdigung und ohne dabei gebrochen zu werden. Zum anderen ist der Verlust bestimmter Fertigkeiten auf Veränderungen in der modernen Zivilisation zurückzuführen. Dieser Verlust lässt sich auch nicht durch einen Militärdienst rückgängig machen, da Soldaten abseits des Dienstes immer noch Teil der Zivilgesellschaft sind. Je näher man den Mythos betrachtet, wonach die Wehrdienstzeit eine Charakterschmiede sei, eine Art Persönlichkeitscoaching auf Steroiden, desto mehr bröckelt der Putz von der illusionären Fassade. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „Wehrdienst und Militarisierung“.
„Ich habe ein paarmal die Meinung geäußert, jedes Volk und sogar jeder einzelne Mensch müsse, statt sich mit verlogenen politischen ‚Schuldfragen' in Schlummer zu wiegen, bei sich selber nachforschen, wie weit er selbst durch Fehler, Versäumnisse und üble Gewohnheiten mit am Kriege und an allem andern Weltelend schuldig sei, das sei der einzige Weg, um den nächsten Krieg vielleicht zu vermeiden. Das verzeihen sie mir nicht, denn natürlich sind sie selber vollkommen unschuldig: (...) die Generäle, die Großindustriellen, die Politiker, die Zeitungen — niemand hat sich das Geringste vorzuwerfen, niemand hat irgendeine Schuld!
Man könnte meinen, es stehe alles herrlich in der Welt, nur liegen ein Dutzend Millionen totgeschlagener Menschen in der Erde. Und sieh, (...) wenn solche Schmähartikel mich auch nicht mehr ärgern können, manchmal machen sie mich doch traurig. Zwei Drittel von meinen Landsleuten lesen diese Art von Zeitungen, lesen jeden Morgen und Abend diese Töne, werden jeden Tag bearbeitet, ermahnt, verhetzt, unzufrieden und böse gemacht, und das Ziel und Ende von dem allem ist wieder der Krieg, ist der nächste, kommende Krieg, der wohl noch scheußlicher sein wird, als dieser es war.
Alles das ist klar und einfach, jeder Mensch könnte es begreifen, könnte in einer einzigen Stunde Nachdenkens dasselbe Ergebnis finden. Aber keiner will das, keiner will den nächsten Krieg vermeiden, keiner will sich und seinen Kindern die nächste Millionenschlächterei ersparen, wenn er es nicht billiger haben kann. Eine Stunde nachdenken, eine Weile in sich gehen und sich fragen, wie weit man selber an der Unordnung und Bosheit in der Welt teil hat und mitschuldig ist — sieh, das will niemand!
Und so wird es also weitergehen, und der nächste Krieg wird von vielen tausend Menschen Tag für Tag mit Eifer vorbereitet. Es hat mich, seit ich es weiß, gelähmt und zur Verzweiflung gebracht, es gibt für mich kein ‚Vaterland‘ und keine Ideale mehr, das ist alles ja bloß Dekoration für die Herren, die das nächste Schlachten vorbereiten. Es hat keinen Sinn, irgend etwas Menschliches zu denken, zu sagen, zu schreiben, es hat keinen Sinn, gute Gedanken in seinem Kopf zu bewegen — auf zwei, drei Menschen, welche das tun, kommen Tag für Tag tausend Zeitungen, Zeitschriften, Reden, öffentliche und geheime Sitzungen, die alle das Gegenteil anstreben und auch erreichen“ (1).
Von wann stammt obiger Textabschnitt? Inhaltlich liest sich die Passage wie frisch gedruckt. Als stammten die Zeilen unmittelbar aus den Federn eines hilflosen Beobachters des Zeitgeschehens, der ob des unaufhaltsamen Wahnsinns der Zeitenwende verzweifelt. Doch so aktuell sich das Geschriebene auch ausnimmt, so lange ist es her, dass die Worte in die Schreibmaschine gehämmert wurden: in etwa hundert Jahre. Es ist ein monologische Ausführung von Hermann Hesses Figur Harry Haller in seinem Meisterwerk „Der Steppenwolf“ von 1927.
Die inhaltliche Relevanz, der Bezug zur Wirklichkeit hat bedauerlicherweise ein langes Haltbarkeitsdatum, sodass das Geschriebene heute wieder gut in die Vorkriegsatmosphäre des Jahres 2026 passt. Da kann es durchaus ernüchtern, ja zermürben, hält man sich vor Augen, dass die Klarheit der Worte, die Hesse Harry Haller in den Mund legte, kein Bollwerk darstellte gegen das zweite, weltumspannende Rasen der Blutrünstigkeit, das 12 Jahre nach der Veröffentlichung des Steppenwolfs folgte.
Romain Rolland goss diese Empfindung in den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs in folgende treffende Worte:
„Es ist entsetzlich, inmitten dieser wahnsinnigen Menschheit leben und ohnmächtig den Bankrott der Zivilisation mitansehen zu müssen.“
Der Erste Weltkrieg lag zu dem Niederschriftszeitpunkt des Steppenwolfs keine zehn Jahre zurück, und dennoch konnte es manchen der damaligen Zeitgenossen nicht schnell genug zurück an die Frontlinie gehen. Diese 21 Jahre zwischen den beiden Weltkriegen waren lediglich eine Art Frieden, wie Genetikk ihn einmal definierte:
„Der Zeitraum zwischen abdrücken und nachladen.“
81 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist die abschreckende Erinnerung als Kriegshemmnis längst weggefallen. Dieser für die heutigen Generationen leerstehende Erfahrungsraum kann und wird mit allerhand Illusionen und Zerrbildern von der Kriegsrealität gefüllt, die den Blick auf die grausame Kriegswirklichkeit verstellen.
Romantisierung der Bundeswehrzeit
Einer der hartnäckigsten Mythen ist der, wonach der Dienst an der Waffe, und sei es nur der Wehrdienst zu Friedenszeiten, ein unabdingbarer Katalysator für die Entwicklung des Charakters eines Menschen sei und den jungen Heranwachsenden seit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 fehlen würde, was in letzter Konsequenz ursächlich für zahlreiche Unzulänglichkeiten bei jungen Menschen sei.
Die Wiedereinführung des Wehrdienstes, so heißt es vielfach gerade von altgedienten Reservisten oder immer noch Dienenden, sei eine begrüßenswerte Rückkehr zu einer altbewährten Initiationsform, um Tugenden, Tauglichkeit und Werte zu vermitteln.
„Die Bundeswehr hat mir nicht geschadet. Im Gegenteil! Es war die geilste Zeit! Ich habe so viel gelernt, was ich später im Leben gebrauchen konnte. Auch habe ich dort echte Kameradschaft kennengelernt.“
So in etwa lautet der Tenor vieler Ex-Bundeswehrler, wenn sie in Erinnerungen schwelgen an die Zeit beim Bund. Gewiss ist es nicht ganz unwahr: Der viel gescholtenen Generation Z fehlt ein Halt gebendes Gerüst, bestehend aus den Fähigkeiten, verlässlich sowie fokussiert und zielgerichtet zu handeln. Verübeln kann man es dieser Generation nicht, ist sie doch unverschuldet in eine Lebensrealität hineingeworfen worden, die die Ausbildung solcher Fertigkeiten vielleicht nicht verunmöglicht, aber im Vergleich zu Vorgängergenerationen doch erheblich erschwert, nämlich in eine hypermedialisierte, durchdigitalisierte Umgebung, den Wegfall von Traditionen, Bräuchen und familiären Strukturen sowie in eine Sinnentleerung und Abwertung vieler Berufsfelder. Die Erdrosselung der Jugend unter den Masken des Corona-Terrors wurde dabei noch gar nicht erwähnt.
Da scheint es nur folgerichtig, diese Fehlentwicklung korrigieren zu wollen.
Eine herbeigedichtete Kriegsgefahr wirkt dann wie ein willkommener Anlass, um einer beschädigten Generation „alte Werte“ zu vermitteln, sie wieder in die geistige und vor allen Dingen körperliche Lage zu versetzen, sich aufopferungsbereit einer Sache hinzugeben, die größer ist als das eigene Dasein.
Im Rahmen dieses Themen-Spezials wies bereits Roberto De Lapuente in seinem Beitrag darauf hin, dass es leichtfertig wäre, sich der Illusion hinzugeben, die Generation Z sei nicht mehr kriegstüchtig, wenngleich viele der mit ihr in Verbindung gebrachten Defizite, körperlicher wie geistiger Natur, früher eine direkte Ausmusterung begründet hätten. Denn so ist es gerade die Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit und Abenteuer, die den Dienst an der Waffe an heutigen Tagen wieder schmackhaft machen kann.
Wehrdienst als Persönlichkeitscoaching?
Im Nachfolgenden wollen wir die verloren gegangenen Tugenden und Fähigkeiten auflisten, die wiederzubringen und zu vermitteln sich die Bundeswehr auf die Fahne schreibt. Welche Tugenden und Fähigkeiten sind das? Fitness-Personal-Trainer, Erfolgsunternehmer und ehemaliger Wehrdienstpflichtiger Andy Sasse brachte diese Tugenden in seinem Video über die Bundeswehrzeit auf eine griffige Formel, in der die einzelnen Buchstaben des Worts „Erfolg“ für Folgendes stehen:
Energie
Reflexion
Fokus
Organisation
Lösungen
Gemeinschaft
Dies seien Fähigkeiten, die er erst in der Bundeswehrzeit erlernt habe und die es ihm ermöglicht hätten, später ein so erfolgreicher Unternehmer zu werden. Die in seinem Video artikulierten Plattitüden unterscheiden sich in ihrer Plumpheit kaum von den Nachwuchswerbeanzeigen der Bundeswehr. Doch gehen wir die Vermittlung dieser angeblich einzigartigen Fertigkeitsvermittlungen der Reihe nach durch.
Energie
Der Begriff ist natürlich äußerst schwammig und kann alles Mögliche bedeuten. Allgemein fassen lässt er sich wohl als „Kraftquelle“, um Dinge in die Hand zu nehmen. Hat den alleinigen Schlüssel zur Aktivierung einer solchen Kraftquelle ausschließlich die Bundeswehr? Kommen die meisten Menschen nicht energiegeladen auf die Welt? Dazu muss man sich nur spielende Kinder ansehen. Aber auf die Kindheit folgen neun Schuljahre des Stillsitzens, des Frontalunterrichts. Da liegt es in der Natur der Sache, dass die angeborene Energie flöten geht. Zu Zeiten, da der Wehrdienst noch verpflichtend war, nimmt sich die Systematik sehr zynisch aus:
Erst raubt die Schule dem Menschen seine Energie, und hernach kommt die Bundeswehr mit dem Versprechen, einem diese Energie wiederzugeben, allerdings mit dem Ansinnen, dass er sie im Falle der Fälle dazu einsetzt, einen anderen Menschen zu töten.
Demgegenüber steht eine riesige Bandbreite an anderen, echten Möglichkeiten, Energie zu gewinnen. Es gibt ein schier unerschöpfliches Spektrum an verschiedenen Sportarten, Atemtechniken und Meditationsformen, um in die eigene Kraft zu kommen. Dazu braucht es keinen Dienst an der Waffe. Davon abgesehen ist eine solcherart gewonnene Energie sowohl von der Quelle als auch von der Art, wie sie eingesetzt wird, wesentlich lebensbejahender und konstruktiver als eine Energie, die einem durch cholerische Drill-Sergeants eingeprügelt wird.
Reflexion
In der Kette der Fertigkeitsvermittlungen, die Sasse der Bundeswehr zuschreibt, ist Reflexion wohl der gröbste Unfug. Beim Bund, im Militärischen im Allgemeinen, heißt es strikt „Befehl ist Befehl!“.
In der Theorie beteuert man zwar, der reflektierte, hinterfragende Soldat sei erwünscht. Dieses Idealbild schmilzt im Lichte der Wirklichkeit jedoch wie Menschenfleisch unter Phosphorbomben. Die „Impf“-Pflicht für Soldaten ist dafür ein herausragendes Beispiel: Soldaten, die bei der Corona-Giftspritze Reflexion an den Tag legten, wurden gnadenlos verfolgt und stehen teils heute noch vor Gericht.
Fokus
Das fokussierte Arbeiten an einer Sache, ohne Zerstreuung, ist seit der Markteinführung des ersten Smartphones eine immer rarere Fertigkeit. Die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen hat sich seither halbiert. Das sind neurologische Tatsachen, die sich auch nicht durch den Dienst an der Waffe rückgängig machen lassen. Wenn die Fähigkeit des Gehirns, fokussiert zu sein, dramatisch beschnitten ist, wird sie auch nicht regeneriert, wenn man sich eine Soldatenmütze auf den Kopf setzt und mit den Sinnen dieses Kopfes Befehle entgegennimmt und ausführt.
Am Ende des Tages beziehungsweise der Dienstschicht sind Soldaten, genau wie die meisten anderen Menschen, im Smombie-Modus unterwegs. Wer die mit Uniform in Bus und Bahn freifahrenden Soldaten schon einmal eingehender beobachtet hat, wird sehen, dass diese durch TikTok, Instagram und Co wie alle anderen in den Bann des Endgeräts geraten, ergo aus dem Fokus herausfallen.
Die Wehrpflicht wurde 2011 zu einer Zeit ausgesetzt, da es noch nichts Ungewöhnliches darstellte, ein solches Endgerät nicht zu besitzen; seinerzeit waren Menschen im Schnitt noch weitaus fokussierter, als sie es heute sind. Die Bundeswehr kann diese Rückentwicklung natürlich nicht rückgängig machen, solange die durchdigitalisierte Umgebung und Lebensweise in der Privatsphäre unverändert bleibt. Man mag während des Dienstes fokussiert bei der Sache sein — alles andere hätte auch Konsequenzen —, doch der Rückfall ins Doomscrolling im Privatleben macht einen etwaigen Zugewinn an Fokus während der Dienstzeit wieder zunichte. 2026 wird der Mensch in dieser Hinsicht jedenfalls durch die Wehrpflicht nicht zu einem Menschen, wie er 2011 noch existierte. Die Technologie des Smartphones hat den Menschen derart verändert, dass kein oder nur in Ausnahmefällen ein Militärdienst dazu geeignet ist, die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne wieder in die vormals gegebene Länge zu ziehen.
Es kann hier zweifelsfrei als Mythos entlarvt werden, dass der Gang zur Bundeswehr einem dabei helfen könnte, im Leben fokussierter zu sein. Mehr Fokus im Leben lässt sich nur aus einem selbst heraus gewinnen, aus der bewussten Entscheidung, all jene Faktoren aus dem Alltag zu verbannen, die die Aufmerksamkeitsspanne kastrieren. Das bedeutet etwa die konsequente Deinstallation sämtlicher Applikationen, die ein Doomscrolling beinhalten, das Umstellen des Handydisplays auf Schwarz-Weiß und überhaupt die Nutzung des Geräts auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren.
Organisation
Mit dem Verlust des Fokus leidet auch der Grad an Organisation, das ist selbsterklärend. Und vermutlich kann jeder in seinem Umfeld ausgeprägte Formen von Organisationsinkompetenz beobachten. Wer kennt nicht beispielsweise jemanden, der schon daran scheitert, Handy, Schlüssel und Geldbeutel immer „am Mann“ zu haben und stattdessen — auf das Jahr hochgerechnet — Stunden damit vergeudet, sie zu suchen?
Insofern sind die Lehrinhalte beim Bund durchaus hilfreich, wenn es darum geht, Organisieren zu lernen oder etwa seine Sachen zu sortieren. Bei einem Soldaten muss die Ausrüstung sowohl im Spind als auch an der Uniform immer an der richtigen Stelle sein. Im Gefecht ist keine Zeit, um zu überlegen, wo man die Granaten oder die Ersatzmunition hingesteckt hat. Doch hat die Bundeswehr auch bei dieser Fertigkeitsvermittlung kein Monopol. Das wird noch offensichtlicher, weil der Militärausbildung eine unüberschaubare Fülle an Management-Fortbildungen und Führungskraftkursen gegenüberstehen, die Organisationsfähigkeiten womöglich sogar weitaus besser ausbilden können.
Doch selbst wenn man sich nicht in diese leistungsgetrimmten Sphären begeben möchte, ist es möglich, fernab der Kasernenhöfe ganz einfach zu erlernen, wie man sich organisiert: indem man schlicht anfängt, es zu tun! Es beginnt bei Kleinigkeiten, wie etwa denen, dass man immer wieder benötigte Dinge des alltäglichen Lebens entweder stets bei sich trägt oder an einem festen Ort aufbewahrt. Auch zählt dazu, das eigene Zimmer aufzuräumen. Die Ordnung im Außen spiegelt die Ordnung im eigenen Inneren. Braucht man zum Erlernen dieser Fähigkeit wirklich einen uniformierten Brüllaffen, der einem Ordnung einhämmert? Oder ist es nicht vielmehr ohne Erniedrigung möglich, eine eigene innere Autorität zu entwickeln, die einen zur Ordnung ermahnt? Irrig zu glauben, man müsse sich in Befehlsketten legen lassen, um ein organisierter, strukturierter Mensch zu werden.
Lösungen
Dem ist gegenüber den beiden vorherigen Punkten nicht viel hinzuzufügen. Die Bundeswehr ist nicht der alleinige Hort der Vermittlung von Problemlösungskompetenz.
Gemeinschaft
So wie die Technologie — genauer gesagt die digitalen Endgeräte — die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen reduziert hat, so tat sie es mit seinen analogen Beziehungen. Im Grunde genommen könnte man noch weiter zurückgehen, in die Frühphase des Thatcher’schen Neoliberalismus („There is no such thing as society“).
Die Vereinzelung des Menschen schreitet seit Jahrzehnten voran, durch die Markteinführung digitalisierter Endgeräte in rasender Geschwindigkeit. Heraus kommt eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich immer weiter „atomisieren“. Das im menschlichen Wesen angelegte Grundbedürfnis nach Gemeinschaft wird hierdurch immer mehr verstärkt, man wird empfänglicher für die Bundeswehrverheißungen, echte Kameraschaft zu leben und zu erleben, blinden, bedingungslosen Verlass aufeinander, und dies in Zeiten der völligen Unverbindlichkeit, in denen es beispielsweise normal ist, bei Vereinbarungen und Terminen wenige Minuten vorher abzusagen.
Diese Verheißung löst sich allerdings schnell auf, wenn man sich das verbindende Kit dieser Kameradschaft einmal genauer ansieht. Es gilt nämlich ganz besonders dann, wenn der Dienst an der Waffe verpflichtend ist, dass die gelobpreiste Kameradschaft eine zwanghaft zusammengeschweißte Schicksalsgemeinschaft darstellt. Was bliebe denn sonst übrig, als sich zusammenzurotten und das Anbefohlene gemeinsam zu bewerkstelligen?
Wer nicht mitzieht, wird von den anderen gemobbt und unter Druck gesetzt. Denn die Versäumnisse eines Einzelnen werden von der Obrigkeit ganz schnell der gesamten Gruppe angelastet. Man ist also gezwungenermaßen gut beraten, sich in die Gruppe einzugliedern, um von seinen Kameraden nicht unter Druck gesetzt zu werden.
Darüber hinaus sind in militärischen Strukturen erniedrigende Aufnahmerituale und andere Formen der Herabwürdigung und des Missbrauchs an der Tagesordnung. Diese Kameradschaften sind im Kern zwangsweise zustande gekommene Schicksalsgemeinschaften, deren Mitglieder sich nicht aus freien Stücken zusammengetan haben.
Eine Gesellschaft ist verloren, die fast oder ausschließlich nur noch dort zueinanderfindet, wo sie sich in einem Bund organisiert, der dem Menschen das Töten an- und menschliche Regungen abtrainiert. Ein kameradschaftlicher Geist ist per se etwa Erstrebenswertes, nur ist es der Zweck der Bundeswehrkameradschaft samt der zugehörigen Mittel, der diese Kameradschaft problematisch macht. Der gleiche Kameradengeist ließe sich so viel sinnvoller — und vor allen Dingen ohne Zwang und Drill — für lebensbejahende und konstruktive Ziele kultivieren.
Des Weiteren ...
Neben dem, was Andy Sasse unter seinem „Erfolg“-Akronym auflistet, gibt es noch weitere der Persönlichkeitsentwicklung zuträgliche Erfahrungen, die alleinig dem Wehrdienst zugeschrieben werden:
- Erfahrungen in der wilden Natur Oft verfallen (Ex-)Soldaten ins Schwärmen, berichten sie von ihren mehrtägigen Übungen in der Natur unter freiem Himmel, bei denen sie gelernt hätten, in der Wildnis mit begrenzten Mitteln auszukommen. Zweifelsfrei sind das einprägsame Erfahrungen. Und dass sie einen Menschen weiterbringen können, lässt sich nur schwer bestreiten. Doch auch hier gilt, dass die Bundeswehr nicht das Monopol darauf hat, einem Menschen solche Erfahrungen zu ermöglichen. Es gibt ausreichend Survival- und Wildnispädagogik-Kurse. Ebenso hält niemanden einen davon ab, das Zepter für derlei Erfahrungen selbst in die Hand zu nehmen und alleine oder mit Gleichgesinnten in die Natur zu gehen.
- Verteidigungsfähigkeit Bei dieser Fähigkeit könnte es naheliegen, sie ausschließlich der Bundeswehr zuzuschreiben. Wo sonst lernt man den Umgang mit Waffen, um einen Gegner niederzuringen? Zu dieser Annahme kann man allerdings nur kommen, wenn man argumentativ den gleichen Fehler begeht, den Bundeswehrbeamte bei der Gewissensprüfung von antragsstellenden Kriegsdienstverweigerern an den Tag legen. Man kennt es persönlich oder aus Erzählungen von früher: Der Verweigerer wird mit dem Szenario konfrontiert, wonach er beim Waldspaziergang mit der Partnerin von einem aus dem Busch springenden Russen bedroht wird. Darauf folgt die entscheidende Frage, ob er es wirklich nicht über sich bringen würde, den Angreifer zu töten, um seine Freundin und sich zu schützen. Dieser „Argumentationsfehler“ besteht in der unzulässigen Vermengung von privaten mit zwischenstaatlichen Konflikten. Die Verteidigungsfähigkeit mit der Schusswaffe dient allein der Durchsetzung staatlicher Interessen, nicht privater Partikularinteressen. Die Verteidigungsfähigkeit in privaten Kontexten, wo Schusswaffengebrauch überdies strafbar wäre, bedarf einzig und allein des Geschicks im Nahkampf (2). Der wird zwar auch, aber eben nicht nur bei der Bundeswehr vermittelt. Will heißen, dass jemand, der lernen möchte, sich und seine Liebsten zu verteidigen, nicht den Wehrdienst absolvieren muss. Selbstverteidigungs- und Kampfkunstschulen gibt es hierzulande in Hülle und Fülle.
Wir können an der Stelle festhalten:
Die Verheißungen der Bundeswehr, menschliches Wachstum zu „düngen“ und (Lebens-)Sinn mit Töten zu stiften, fallen bei jungen Menschen auf fruchtbaren Boden. Das gilt insbesondere in Zeiten, da Initiationsriten, Zeiträumlichkeit herstellende Traditionen, soziale Bande und erkennbare Zweckhaftigkeit im beruflichen wie privaten Handeln weitestgehend oder gänzlich entfallen.
Es ist jedoch ein wohl gezielt verbreiteter Fehlschluss, anzunehmen, der Dienst an der Waffe habe das Monopol für diese Lückenfüllung inne.
Das Entpersönlichkeitscoaching
In gewisser Weise ist es bemerkenswert, wie es der Bewusstseinsindustrie gelungen ist, einen Prozess der Uniformierung des Menschen als eine Form der Persönlichkeitsentwicklung zu verkaufen. Gleichschritt, Gehorsam und Robotisierung, das heißt Synchronisierung der Bewegungsabläufe des Einzelnen im Schwarm — all das stellt das exakte Gegenteil des persönlichen Ausdrucks dar.
Michel Foucault hat das Wesen des Soldaten in „Überwachen und Strafen“ sehr zutreffend skizziert:
„In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist der Soldat etwas geworden, was man fabriziert. Aus einem formlosen Teig, aus einem untauglichen Körper macht man die Maschine, derer man bedarf; Schritt für Schritt hat man die Haltung zurechtgerichtet, bis ein kalkulierter Zwang jeden Körperteil durchzieht und bemeistert, den gesamten Körper zusammenhält und verfügbar macht und sich insgeheim bis in die Automatik der Gewohnheiten durchsetzt. (…)
So formiert sich eine Politik der Zwänge, die am Körper arbeiten, seine Elemente, seine Gesten, seine Verhaltensweisen kalkulieren und manipulieren. Der menschliche Körper geht in eine Machtmaschinerie ein, die ihn durchdringt, zergliedert und wieder zusammensetzt. Eine ‚politische Anatomie‘, die auch eine ‚Mechanik der Macht‘ ist, ist im Entstehen. Sie definiert, wie man die Körper der anderen in seine Gewalt bringen kann, nicht nur, um sie machen zu lassen, was man verlangt, sondern um sie so arbeiten zu lassen, wie man will: mit Techniken, mit der Schnelligkeit, mit der Wirksamkeit, die man bestimmt. Die Disziplin fabriziert auf diese Weise unterworfene und geübte Körper, fügsame und gelehrige Körper“ (3).
Der Druck in Kasernen und auf Exerzierplätzen der Bundeswehr, des Militärs im Allgemeinen, drückt und formt Menschen nicht zu Diamanten, sondern bricht sie, bricht aus ihnen heraus, was sie als Mensch ausmacht, statt das Menschliche zu veredeln.
Die Bundeswehr als Katalysator der Charakterentwicklung ist, wie hier ausführlich dargelegt wurde, ein Mythos! Der Wehrdienst vermittelt nichts, was man nicht auch andernorts in ungleich zivilisierterer, menschlicherer Form vermittelt bekommen kann. Hingegen hat die Bundeswehr, generell das Militär, ein Monopol darauf, dem Menschen das Menschliche auszutreiben, wie es kaum eine zweite Institution könnte.
Mit Resignation in „den Dritten“?
Ist all die Aufklärung vergebens? Ist der vorliegende Text ebenfalls nur der verzweifelte Versuch, wie Hermann Hesses Harry Haller es ausdrücken würde, „gute Gedanken in seinem (des Lesers) Kopf zu bewegen — auf zwei, drei Menschen, welche das tun, kommen Tag für Tag tausend Zeitungen, Zeitschriften, Reden, öffentliche und geheime Sitzungen, die alle das Gegenteil anstreben und auch erreichen“? Die Sales-Pitches für den neuen Wehrdienst werden wohl oder übel verfangen, bei der Jagd nach verlorenen Seelen in dieser chaotischen und verwirrenden Zeit Beute machen.
Insofern möchte ich an das Ende dieses Beitrag nicht krampfhaft erzwungene Optimismusparolen kleben, sondern lasse zum Abschluss noch einmal Hermann Hesse zu Wort kommen, in der Figur der Hermine, der Frau an der Seite des Steppenwolfs Harry Haller:
„Natürlich wird es wieder Krieg geben, man braucht keine Zeitungen zu lesen, um das zu wissen. Darüber kann man natürlich traurig sein, einen Wert hat das aber nicht. Es ist gerade so, wie wenn einer darüber traurig ist, daß er trotz allem und allem, was er dagegen tun mag, unweigerlich einmal wird sterben müssen. Der Kampf gegen den Tod (…) ist immer eine schöne, edle, wunderbare und ehrwürdige Sache, also auch der Kampf gegen den Krieg. Aber er ist auch immer eine hoffnungslose Donquichotterie. (...)
Dein Leben wird auch dadurch nicht flach und dumm, wenn du weißt, daß dein Kampf erfolglos sein wird. Es ist viel flacher, (…) wenn du für etwas Gutes und Ideales kämpfst und nun meinst, du müssest es auch erreichen. Sind denn Ideale zum Erreichen da? Leben wir denn, wir Menschen, um den Tod abzuschaffen? Nein, wir leben, um ihn zu fürchten und dann wieder zu lieben, und gerade seinetwegen glüht das bißchen Leben manchmal eine Stunde lang so schön. (…) Ich werde mich heut nicht mehr um den Krieg und die Zeitungen kümmern. Und du?“ (4).