Der entmündigte Bürger

Die Effizienzsteigerung durch Technisierung und Digitalisierung macht den Menschen zu einem Objekt der Technik und zerstört jeden Raum für Leben.

Der Wahn der totalen Effizienzsteigerung dringt in alle Lebensbereiche vor. Alles wird der vermeintlichen Verbesserung des Lebens durch Digitalisierung und Technisierung unterworfen. In diesem Zuge werden immer mehr Alltagsgegenstände, die unproblematisch manuell zu bedienen wären, nicht nur technisiert, sondern auch digitalisiert und an das Internet angeschlossen. Die Automatisierung der Abläufe macht immer mehr menschliche Handgriffe überflüssig. Was praktisch und effizient klingt, entzieht dem Nutzer allerdings die Kontrolle und zerstört jeden Raum für individuelle Bedürfnisse und Eigenständigkeit. Eine Entwicklung, die durchaus gewollt ist.

Es gibt viel, worüber man sich bei der Deutschen Bahn beschweren kann: unpünktliche Züge, Dreck und Gestank, ausgefallene Klimaanlagen, defekte Toiletten — all das sind berechtigte Kritikpunkte, die regelmäßig Anlass für angeregte Gespräche geben. Doch ein Aspekt kommt oft zu kurz: Denn sollten die Toiletten einmal doch funktionieren und sollte man in die Verlegenheit kommen, diese nutzen zu müssen, stellt sich am Ende oft folgendes Problem: Man will sich die Hände waschen; das Hindernis: Es gibt für den Wasserhahn keinen ganz normalen Knopf, den man betätigt. Stattdessen gibt es einen Sensor, der auf Bewegungen reagieren und dann eine bestimmte Menge Wasser freigeben soll. Was in der Theorie nach einer keimfreien und damit hygienischen Alternative zum von Tausenden Händen berührten Knopf darstellt, entpuppt sich in der Praxis oft als äußerst schwierig zu bedienen. Denn der Sensor reagiert im besten Falle sehr träge. Manchmal auch gar nicht. Und so steht man dann da und wedelt vor dem Ding herum, schlägt auf es ein, ohne dass sich etwas tut.

Sollte er dann doch irgendwann reagieren, reicht die zur Verfügung gestellte Wassermenge nicht für den gesamten Prozess des Waschens aus. Man muss den ganzen Vorgang also wiederholen, um dann nur die Hälfte der verbrauchten Wassermenge tatsächlich in Anspruch nehmen zu müssen. Was also auf den ersten Blick total effizient klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als unpraktische Verschwendung, die keine individuelle Regulation ermöglicht. Und dieses Beispiel ist nur eines von vielen.

Die Automatisierung wird in immer mehr Lebensbereichen vorangetrieben und erfasst alle Aspekte, wobei sie menschliche Handlungsspielräume begrenzt oder vollkommen ausschließt und dem Einzelnen die Kontrolle entzieht.

Paradebeispiel sind hier die Wärmepumpen, die der ehemalige Wirtschaftsminister Robert Habeck per Gesetz den Menschen verordnen wollte — eine Verordnung, die jetzt teilweise zurückgenommen wurde. Auf den ersten Blick klingen Wärmepumpen total effizient. Sie messen automatisch die Wärme im Haus oder der Wohnung, melden die Temperatur an das System zurück, dieses heizt dann auf eine zuvor eingestellte Temperatur hoch und schaltet dann erst einmal wieder ab. So wird die Temperatur konstant gehalten, und der Bewohner muss sich um nichts weiter kümmern. Das System nimmt dem Menschen die Arbeit ab.

Klingt großartig. In der Praxis läuft es aber darauf hinaus, dass man im Vorhinein wissen muss, wann man sich in welchem Raum aufhält. Denn man kann die Temperatur zwar für jeden einzelnen Raum präzise einstellen, dies muss aber mit Uhrzeiten verknüpft werden. In der Folge werden dann alle Zimmer immer zu den gleichen Uhrzeiten auf eine bestimmte Temperatur gebracht und dort gehalten, vollkommen egal, ob sich darin jemand aufhält oder nicht. Umgekehrt wird es damit unter Umständen unmöglich, sich spontan für den Aufenthalt in einem bestimmten Raum zu entscheiden, zumindest dann, wenn man nicht frieren will.

Eine individuelle Einstellung oder spontane Anpassung, gar direkt am Heizkörper, ist nicht mehr möglich. Alles muss zentral im System eingestellt werden. Die Effizienz lässt also gar keinen Raum mehr für individuelle Bedürfnisse. Der Mensch hat sich dem Zeitplan der Maschine anzupassen. Und auch, wenn man diesen verändert, führt das nur dazu, dass man einen neuen Zeitplan befolgen muss. Digitalisierung und Automatisierung nehmen dem Menschen also die eigenen, individuellen und spontanen Spielräume. Sie entziehen dem Einzelnen zudem die Kontrolle, letztlich auch darüber, die Lebensumwelt den eigenen Bedürfnissen anzupassen.

Zudem machen sie den Menschen gläsern. Denn das System ist per Internet an ein zentrales System angeschlossen, von dem aus der Betreiber — und damit ist nicht der Eigentümer des Hauses oder der Wohnung gemeint — alle technischen Daten und das Nutzerverhalten einsehen kann. Sollte eine Störung vorliegen, wird man darüber umgehend informiert.

Was zunächst nach einem praktischen Service klingt, macht den Einzelnen aber auch kontrollier- und steuerbar. Denn eine Fernabschaltung ist jederzeit möglich, ebenso wie die umfassende Überwachung des Einzelnen. Hinzu kommt, dass solche Geräte in der Regel per WLAN an das Internet angeschlossen werden. Jede einzelne Heizung inklusive des Hauptgerätes stellt damit eine Quelle für elektromagnetische Strahlung dar. Wer sich eine Wärmepumpe einbaut, der verwandelt seine Wohnung oder sein Haus in eine Strahlenhölle.

Vermeintliche Effizienz wird damit zum Gesundheitsrisiko der ihr ausgesetzten Menschen. Das setzt sich im Städtebau und der modernen Architektur fort. Um Wohnraum für Menschen zu schaffen, werden hier in aller Eile und in totaler Platzeffizienz riesige Plastikkästen aufeinander geschoben. Diese sind extrem gedämmt, um das Heizen möglichst sparsam zu gestalten. Dabei haben sie mittlerweile auch oft sehr kleine Fenster, denn viel Wärme geht über Fenster verloren. Das Ergebnis: dunkle Kunststoffbunker, in denen man sich wie lebendig begraben fühlt, ohne echten Kontakt zur Außenwelt — dafür vollkommen heizeffizient. Die Kehrseite:

Durch die dichte Isolierung kann keine Luft mehr zirkulieren. Schimmel macht sich sehr schnell breit. Hinzu kommt, dass die ganzen Dämmmaterialien eine äußerst kurze Halbwertszeit haben. Bereits nach einem Jahrzehnt sind solche Häuser stark sanierungsbedürftig.

Unnötig zu erwähnen, dass auch hier Wärmepumpen oder zumindest digitale Sensoren zur automatischen Erfassung des Heizbedarfs und -verbrauchs das Mittel der Wahl sind. Sprich: Auch hier wird fleißig gefunkt und gestrahlt.

Weiterhin werden aufgrund von Wohnraummangel stets viele dieser Kästen ganz dicht beieinander gebaut. Der Platz innerhalb der Städte wird aufgrund des Gebots der Innenraumnachverdichtung möglichst effizient ausgenutzt. Dazwischen findet sich maximal ein kleines bisschen Alibigrün, das Natur und Freizeit vermitteln soll, in der Regel aber eher einen kärglichen und trostlosen Eindruck vermittelt. Effizienz und Lebensqualität haben also erkennbar nichts miteinander zu tun. Statt Lebensraum entsteht hier effiziente Menschenhaltung. Bei der Dichte des Wohnraumes ist man dann als Bewohner einer solchen Einheit überdies nicht nur den eigenen Funkfrequenzen ausgesetzt, sondern auch denen der Nachbarn — mit der entsprechenden Mehrbelastung.

Dabei werden nicht nur Heizungen, sondern immer mehr Haushaltsgeräte mit dem Internet verbunden und verwandeln sich ebenfalls in Strahlenquellen. Abstellen kann man das bei immer weniger Geräten; viele funktionieren sogar nur, wenn man sie „einrichtet“. War der Küchenmixer früher mit einigen wenigen Knöpfen zu bedienen, so verfügt er heute über ein komplexes Betriebssystem und ist ohne dieses und einen Zugang zum Internet überhaupt nicht mehr zu benutzen. Dafür arbeitet er einprogrammierte Rezepte fast automatisch ab, ohne dass man einen großen Spielraum hätte.

Digitalisierung und Automatisierung nehmen den Menschen damit die Autonomie; sie sind nicht mehr Herr ihres Eigentums, sondern werden von diesem regiert. Sklavisch müssen sie sich an die Vorgaben halten, ansonsten wird das Eigentum unbrauchbar.

Diese Entwicklung kommt bei der Vermarktung als extrem praktisch und hochgradig effizient daher. Die Geräte sollen dem Menschen die Arbeit abnehmen, viele Handgriffe überflüssig machen. Die persönliche, geistige und körperliche Energie soll dadurch ebenso eingespart werden wie elektrischer Strom. Und das ist dann am Ende gut für alle. Der Mensch kann seine Zeit und Aufmerksamkeit anderen Dingen widmen, und der Planet wird durch den gesenkten Energieverbrauch gerettet. Dass die Energie in erster Linie überhaupt nicht notwendig gewesen wäre, würde man nicht alles elektrifizieren und digitalisieren, was auch im manuellen Betrieb gut funktionierte, entblößt die Milchmädchenrechnung der angeblichen Ersparnis allerdings recht schnell. Tatsächlich steigert sich der Energieverbrauch auf diese Weise ins Unermessliche.

Spontaneität oder der Gebrauch nach eigenem Belieben werden so zunehmend unmöglich gemacht. Menschliche Entscheidungs- und Verhaltensfreiräume verschwinden durch die in Algorithmen eingeschriebenen Vorgaben. Effizienzsteigerung begründet damit immer auch einen Kontrollverlust des Einzelnen und beschränkt ihn in seinem Handeln.

Dies ist allerdings ein gewolltes Ergebnis. Denn schon seit Jahren arbeiten interessierte Kreise daran, die Menschen in einen digitalen Käfig aus vollkommener Überwachung und Verhaltenssteuerung zu sperren. Die digitalisierte Technokratie soll der internationalen Oligarchie die totale Kontrolle über jeden einzelnen Menschen ermöglichen, jeden Schritt und jede Handlung überwachbar machen, ebenso wie jeden Verbrauch von Gütern und Ressourcen.

Diese totale Überwachung wird den Menschen durch das Versprechen erhöhter Effizienz und dadurch vermeintlich Ersparnis von Geld und Zeit untergeschoben. Auf diese Weise werden sie schrittweise an die Entmündigung gewöhnt.

Dass sich der Zeitaufwand dabei reduziert, ist ebenso gelogen wie die Energieersparnis. Denn die Geräte wollen eingerichtet, regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht und gewartet werden. Wenn alles digital vernetzt wird, steigt auch die Anfälligkeit für Fehlfunktionen und Störungen. Diese wollen dann behoben werden, was oft einen enormen Zeitaufwand erforderlich macht. Zudem stellt sich die Frage, was der Mensch eigentlich mit der angeblich eingesparten Zeit anstellen soll, denn er muss seine Zeit ja schließlich mit irgendetwas verbringen. Optimiert er all seine Lebensbereiche auf die totale Zeitersparnis, bleibt er am Ende in einer vollautomatisierten Umwelt vollkommen gelangweilt zurück. Nur dass er dann bereits das Objekt der totalen Überwachung ist und somit unfrei.

Und das kann ja wohl nicht das Ziel sein.