Der größte Skandal
Die Wahrheit über den Fall Epstein war schon sehr lange greifbar, aber sie passte nicht ins Weltbild.
Die Epstein-Akten sind plötzlich überall. In Schlagzeilen, Talkshows, Threads, Videos. Als wäre etwas explodiert, das gestern noch nicht existierte. Als hätte man gerade erst entdeckt, dass ein milliardenschwerer Netzwerker über Jahre hinweg ein System sexualisierter Gewalt betrieb und damit nicht allein war. Doch wer genauer hinsieht, merkt schnell: Das ist keine Enthüllung, das ist eine Verspätung. Der Epstein-Skandal ist kein neues Wissen, sondern ein alter Befund, der lange als Zumutung galt. Seit mindestens sechs Jahren liegen zentrale Fakten offen: Anzeigen, Deals, Zeugenaussagen, Gerichtsakten, Namen, Strukturen. Und doch wurde der gesamte Themenkomplex über Jahre hinweg entschärft, relativiert, kleingeredet. Wer ihn ernst nahm, wurde gewarnt. Wer zu früh fragte, wurde belächelt. Wer insistierte, galt als unseriös. Faktenchecker erklärten das Thema zur Übertreibung. Öffentlich finanzierte Stellen witterten „Verschwörungserzählungen“. Medien mahnten zur Zurückhaltung — nicht aus mangelndem Material, sondern aus mangelndem Mut. Die Wahrheit war nicht widerlegt, sie war unpraktisch. Sie passte nicht ins saubere Weltbild einer aufgeklärten Gesellschaft, die sich gern als moralisch wachsam versteht. Heute, da Akten freigegeben werden müssen, da Zivilklagen juristische Routinen erzwingen und schweigen teurer wird als berichten, nennt man das Ganze plötzlich „komplex“. Als hätte man es vorher einfach noch nicht gewusst. Das Gegenteil ist der Fall: Man wusste es — und wollte es nicht wissen. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „Frau, Mann, Macht“.
Hinweis zu sensiblen Inhalten: Dieser Essay behandelt sexualisierte Gewalt an Minderjährigen, Machtmissbrauch, institutionelles Versagen, juristische Ohnmacht und mediale Verzerrung. Er kann emotional belastend wirken, provozieren und bestehende Gewissheiten infrage stellen. Lesen Sie bewusst, selbstbestimmt und mit Abstand. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „Frau, Mann, Macht“.
Dieser Essay ist kein Text über einen einzelnen Täter. Er ist ein Text über Strukturen, Ausreden und Verzögerungen. Über ein System, das nicht nur Missbrauch ermöglichte, sondern auch dessen jahrzehntelange Verharmlosung. Und über eine Öffentlichkeit, die Wahrheit erst dann akzeptiert, wenn sie niemanden mehr etwas kostet.
Was ist der „Epstein-Skandal“ und warum kocht er jetzt gerade hoch?
Der Epstein-Skandal ist kein neues Verbrechen, sondern ein alter Skandal mit neuem Etikett. Neu ist nicht das Wissen, neu ist nur die Bereitschaft, es auszusprechen. Jeffrey Epstein wurde nicht „plötzlich enttarnt“, sondern jahrelang geduldet, relativiert und juristisch weichgespült. Bereits 2005 gab es erste Anzeigen. 2008 kam es zu einem der bizarrsten Deals der US-Justizgeschichte: ein sogenanntes Non-Prosecution Agreement, das Epstein faktisch vor ernsthafter Strafverfolgung schützte. Ein Deal, der so großzügig war, dass er rückblickend weniger wie ein Rechtsakt wirkt als wie eine Einladung zum Weitermachen. Warum also jetzt?
Weil sich Wahrheit manchmal nicht durchsetzt, sondern durch Ermüdung siegt. Sechs Jahre nach Epsteins Tod sind Akten freigegeben worden, nicht aus moralischer Läuterung, sondern aus prozessualer Routine. Zivilklagen, insbesondere gegen sein Umfeld, zwangen Gerichte dazu, Dokumente zu veröffentlichen. Keine große Offenbarung, kein Whistleblower-Moment, sondern Papier, das zu lange gelegen hatte.
Das eigentlich Pikante: Viele der heute gefeierten Enthüllungen galten vor wenigen Jahren noch als „Verschwörungstheorie“. Wer damals auf Epsteins Kontakte, auf die systematische Organisation, auf das Wegsehen der Behörden hinwies, bekam das volle Programm: Faktenchecker, Warnhinweise, algorithmische Dämpfung.
Man müsse „aufpassen“, hieß es. Das sei „zu groß“, „zu unscharf“, „nicht belegbar“. Heute nennt man exakt dasselbe Material „komplexe Sachlage“.
Der Skandal kocht also nicht hoch, weil er neu ist, sondern weil ignorieren irgendwann teurer wird als berichten. Wenn zu viele Dokumente öffentlich sind, kippt das mediale Kosten-Nutzen-Verhältnis. Dann wird aus dem „Randthema“ plötzlich ein Leitartikel. Nicht, weil man mutig geworden wäre, sondern weil Wegsehen nicht mehr funktioniert.
Und genau hier beginnt die Ironie: Der Epstein-Skandal ist kein Lehrstück über investigative Stärke, sondern über verzögerte Einsicht. Die Wahrheit lag offen, aber sie war unpraktisch. Sie störte Narrative, sie passte nicht ins moralische Ordnungssystem. Also wurde sie nicht widerlegt, sondern verharmlost. Das ist der eigentliche Grund, warum der Fall heute so explosiv wirkt: Er zeigt nicht nur ein Verbrechen, sondern eine Gesellschaft, die gelernt hat, Unangenehmes als Unsinn zu etikettieren, bis es sich nicht mehr vermeiden lässt.
Wer war Jeffrey Epstein und welche Rolle spielte Ghislaine Maxwell?
Jeffrey Epstein war kein genialer Strippenzieher, kein mysteriöser Superhirn-Milliardär, kein Schattenkönig. Er war etwas viel Banaleres und deshalb viel Gefährlicheres: ein Mann mit Zugang. Zugang zu Geld, zu Macht, zu Institutionen, zu Menschen, die sich selbst für unantastbar hielten. Epsteins Talent lag nicht im Erfinden neuer Systeme, sondern im Ausnutzen bestehender. Er verstand, dass in elitären Kreisen Nähe oft mit Unschuld verwechselt wird.
Sein Reichtum war real, aber zweitrangig. Entscheidender war sein Image: der Mäzen, der Netzwerker, der Förderer. Universitäten nahmen sein Geld, Stiftungen seinen Namen, Politiker seine Einladungen. Epstein war kein Außenseiter, er war gesellschaftlich integriert, und genau das machte ihn gefährlich. Denn wo Integration herrscht, fällt Misstrauen schwer.
An seiner Seite: Ghislaine Maxwell. Sie war keine bloße Begleitfigur, sondern das soziale Schmiermittel des Systems. Während Epstein die Rolle des diskreten Gastgebers spielte, übernahm Maxwell das Zwischenmenschliche: Vertrauen herstellen, Nähe erzeugen, Hemmschwellen senken. Sie war Bindeglied zwischen Weltläufigkeit und Ausbeutung. Ihr späterer Schuldspruch zeigt, dass sie nicht nur „wusste“, sondern aktiv handelte.
Das Zusammenspiel der beiden war funktional: Epstein als scheinbar distanzierter Geldmann, Maxwell als empathische Vermittlerin. Ein klassisches Täter-Duett. Keine Gewalt, kein Keller, kein dunkler Mythos, sondern Luxus, Normalität und soziale Tarnung. Genau deshalb konnte das System so lange bestehen. Es sah nicht aus wie ein Verbrechen. Es sah aus wie ein Lebensstil.
Rückblickend wirkt es grotesk, wie oft Epsteins Umfeld als „rätselhaft“ beschrieben wurde. Nichts daran war rätselhaft. Es war nur unbequem. Seine Kontakte waren breit gestreut, aber nicht geheim. Seine Auftritte öffentlich, nicht konspirativ. Und doch tat man so, als müsse man sich zwischen zwei Extremen entscheiden: entweder genialer Verschwörer oder harmloser Exzentriker. Beides falsch. Epstein war kein Monster außerhalb der Gesellschaft. Er war ein Produkt ihrer Blindstellen. Und Maxwell war keine Randfigur, sondern der Beweis, dass solche Systeme nicht allein funktionieren. Machtmissbrauch ist selten einsam. Er ist organisiert.
Ein absichtlich „beweisarmes“ System
Epsteins System war nicht deshalb schwer nachweisbar, weil es besonders clever war, sondern weil es strukturell entlastet war. Beweisarmut war kein Nebeneffekt, sie war Design. Junge Opfer bedeuten schlechte Dokumentation. Private Räume bedeuten keine Zeugen. Internationale Reisen bedeuten Zuständigkeitswirrwarr. Assistenten bedeuten Verantwortungsdiffusion. Alles legal einzeln, fatal in der Summe.
Hier liegt ein grundlegendes Missverständnis vieler Debatten: Man sucht den einen großen Beweis, den Smoking-Gun-Moment, das eindeutige Dokument. Aber solche Systeme funktionieren gerade deshalb, weil sie keine zentralen Beweise produzieren. Stattdessen entstehen Fragmente: Kalender, Kontakte, Fotos, Fluglisten. Hinweise, aber keine Geständnisse. Nähe, aber kein Protokoll.
Das System lebte davon, dass jeder Beteiligte nur einen Ausschnitt sah. Der Fahrer fuhr. Die Assistentin koordinierte Termine. Das Hauspersonal räumte Zimmer. Niemand hatte den Gesamtüberblick oder wollte ihn auch nur haben. Diese Fragmentierung ist kein Zufall, sondern das Rückgrat organisierter Verantwortungslosigkeit. Am Ende kann jeder sagen: „Ich wusste von nichts.“ Und oft stimmt das subjektiv sogar.
Hinzu kommt der psychologische Effekt von Luxus. Wer in großen Häusern, auf Inseln, in exklusiven Kreisen agiert, rechnet nicht mit Verbrechen. Verbrechen, so glaubt man, passieren anderswo. In dunklen Vierteln, in prekären Milieus. Nicht zwischen Kunst, Wissenschaft und Philanthropie. Diese Annahme ist nicht nur falsch, sie ist gefährlich.
Epstein nutzte genau das. Er brauchte keine Drohungen, keine Gewaltspiralen. Das System funktionierte über Normalisierung. Was oft genug passiert, wirkt irgendwann banal. Was banal wirkt, wird nicht hinterfragt. Und was nicht hinterfragt wird, bleibt unsichtbar. Das Ergebnis ist juristisch frustrierend, aber logisch: Soziale Nähe ist belegbar, Straftaten oft nicht. Und genau hier scheitert das Strafrecht regelmäßig — nicht aus bösem Willen, sondern weil es für offene Gewalt entworfen wurde und nicht für elegante Ausbeutung.
Verjährung — der lautlose Komplize
Verjährung ist kein Skandal per se. Sie soll Rechtssicherheit schaffen, nicht Täter schützen. Doch im Kontext sexualisierter Gewalt wirkt sie oft wie ein Hohn. Viele der mutmaßlichen Taten im Epstein-Komplex liegen 15, 20, 25 Jahre zurück. In mehreren Ländern. Unter Rechtslagen, die aus heutiger Sicht erschreckend kurz griffen. Was heute als schwere Straftat gilt, war juristisch früher oft ein Delikt mit Ablaufdatum. Nicht weil man Verbrechen verharmloste, sondern weil man deren Dynamik nicht verstand. Trauma, Abhängigkeit, Schweigen, all das spielte im Gesetzgeberdenken lange keine Rolle. Wer nicht sofort sprach, galt als unglaubwürdig. Wer zu spät kam, kam zu spät.
Verjährung wirkt dabei wie ein stiller Filter: Sie sortiert nicht nach Schuld, sondern nach Zeit. Und Zeit arbeitet fast immer zugunsten der Mächtigen.
Opfer brauchen oft Jahre, um das Erlebte überhaupt einordnen zu können. Täter brauchen nur Geduld. In dieser Asymmetrie liegt die Tragik vieler Verfahren. Im Epstein-Fall wird das besonders sichtbar. Selbst dort, wo Aussagen existieren, wo Namen genannt werden, wo Muster erkennbar sind, endet der juristische Weg häufig im Nichts. Es ist nicht so, dass nichts geschehen wäre, sondern das Recht kommt an einer Grenze an, die es selbst gezogen hat.
Das erzeugt Frust und öffnet den Raum für Spekulation. Wo das Recht schweigt, beginnen Erzählungen. Manche davon sind verständlich, andere brandgefährlich. Verjährung ist deshalb nicht nur ein juristisches, sondern ein kommunikatives Problem. Sie lässt Lücken entstehen, die mit Fantasie gefüllt werden. Doch der Schluss daraus darf nicht sein, das Recht zu verwerfen. Sondern vielmehr, seine Grenzen zu erkennen. Der Epstein-Skandal zeigt schmerzhaft, dass Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit nicht deckungsgleich sind. Und dass moralische Wahrheit oft länger braucht als juristische.
Warum Opfer-Zeugnisse so komplex sind
Opfer erzählen nicht linear. Sie erzählen bruchstückhaft, emotional, widersprüchlich. Genau das macht ihre Aussagen menschlich — und juristisch angreifbar. Das Strafrecht liebt Chronologien, klare Abläufe, exakte Daten. Trauma aber produziert Nebel. Erinnerung wird fragmentiert, Zeit verzerrt, Details verschwimmen. Nicht weil gelogen wird, sondern weil das Gehirn schützt.
Im Epstein-Kontext kommt hinzu: Viele Opfer waren minderjährig. Sie verstanden oft nicht, was ihnen geschah, geschweige denn, welche Dimension es hatte. Erst Jahre später, manchmal Jahrzehnte später, wird aus einer „komischen Erfahrung“ ein benennbares Verbrechen. Wer dann spricht, stößt auf Ungeduld. Warum erst jetzt? Warum nicht früher? Warum diese Lücken? Diese Fragen sind juristisch nachvollziehbar, psychologisch aber naiv. Trauma folgt keinem Prozesshandbuch. Was folgt, ist Überleben. Und Überleben bedeutet oft Schweigen. Das macht Zeugenaussagen nicht wertlos, aber anfällig für Zerpflückung. Gute Anwälte wissen das. Sie müssen nicht beweisen, dass nichts passiert ist, sie müssen nur Zweifel säen.
Deshalb scheitern viele Verfahren nicht an fehlender Wahrheit, sondern an fehlender Übersetzbarkeit. Das Recht verlangt Klarheit, wo das Erlebte Chaos war. Diese Spannung ist systemisch. Sie erklärt, warum so viele Betroffene den Weg über Zivilklagen wählen: Dort reicht Plausibilität. Im Strafrecht reicht sie nicht.
Der Epstein-Fall wird oft als Beweis dafür gelesen, dass „niemand belangt wird“. Tatsächlich zeigt er vor allem, wie schlecht unser System darin ist, Machtmissbrauch ohne sichtbare Gewalt zu erfassen. Das ist kein Freispruch für Täter, sondern ein Auftrag an Gesellschaft und Recht.
Prominente Namen: Zwischen Fakt, Fantasie und fahrlässiger Verkürzung
Kaum etwas wird im Zusammenhang mit den „Epstein-Files“ so hemmungslos missverstanden wie die Frage der prominenten Namen. Fluglisten, Kontaktbücher, Terminnotizen — sie alle enthalten Namen. Viele davon bekannt: Politiker, Unternehmer, Künstler. Und genau hier beginnt die intellektuelle Schlamperei.
Eine Erwähnung ist kein Beweis. Sie ist nicht einmal ein Verdacht. Sie ist zunächst nur das, was sie ist: ein Kontakt. In einer Welt, in der Netzwerken zum Beruf gehört, ist Kontakt keine Ausnahme, sondern Regel. Wer aus jeder Erwähnung eine Schuld ableitet, betreibt keine Aufklärung, sondern Umkehr der Beweislast. Ja, Namen wie Donald Trump, Bill Clinton oder Prinz Andrew tauchen in unterschiedlichen Kontexten auf, in Fluglisten, Aussagen, E-Mails. Das ist dokumentiert. Was daraus folgt, ist jeweils unterschiedlich bewertet, juristisch geprüft oder auch zivilrechtlich verhandelt worden. Das ist kompliziert, unbequem und nicht geeignet für schnelle Empörung.
Und dann gibt es die andere Ebene: Namen, die ohne jede belastbare Aktenbasis in Umlauf gebracht werden. Hier beginnt die Eskalation. Plötzlich liest man von angeblichen Erwähnungen von Wladimir Putin oder Angela Merkel. Nicht in Gerichtsakten, nicht in Prozessunterlagen, sondern in Blogs, Videos, KI-Grafiken.
Der Mechanismus ist simpel: Je bekannter der Name, desto größer der Klick. Je größer der Klick, desto egaler die Wahrheit. Das ist nicht nur falsch, es ist gefährlich. Denn es verwischt die Grenze zwischen belegbarer Kritik und wilder Projektion.
Wer alles behauptet, beweist am Ende nichts. Und schlimmer noch: Er liefert den perfekten Vorwand, berechtigte Fragen pauschal als Unsinn abzutun.
Hinzu kommt die bewusste Vermischung mit antisemitischen Erzählungen. Sobald Fakten fehlen, springen alte Reflexe ein. Dann ist plötzlich der israelische Geheimdienst schuld, dann „die Juden“, dann „das große System“. Das ist keine Aufklärung, das ist ideologische Brandstiftung. Und sie schadet den Opfern am meisten, weil sie den gesamten Diskurs delegitimiert. Der Epstein-Skandal braucht keine Mythen. Er ist schlimm genug ohne sie.
Strafrecht braucht Beweise, keine Vermutungen
Das Strafrecht ist kein Moralgericht. Es urteilt nicht über Verdacht, sondern über Nachweis. Das ist frustrierend, aber essenziell. Wer das aufweicht, öffnet die Tür für Willkür. Gerade deshalb ist es so schwer, komplexe Missbrauchssysteme strafrechtlich zu fassen. Sie produzieren Nähe, aber keine Akten. Schweigen, aber keine Protokolle.
Der Epstein-Fall zeigt diese Grenze exemplarisch. Viele hätten sich gewünscht, dass mit der Veröffentlichung der Akten eine Welle von Anklagen folgt. Sie blieb aus — weil das Recht dort endet, wo Beweise fehlen oder verjährt sind. Das auszuhalten, ist unbequem. Aber es ist der Preis eines Rechtsstaates. Wer ihn nicht zahlen will, landet schnell bei Lynchjustiz — oder bei der nächsten Verschwörung.
Alternative Medien: Aufklärung oder Zerrbild?
Der vielleicht bitterste Aspekt dieses Skandals ist die Rolle der sogenannten alternativen Medien. Wo etablierte Medien lange schwiegen oder relativierten, hätte man von den alternativen verantwortungsvolle Aufklärung erwarten können. Stattdessen bekam man oft das Gegenteil: Übertreibung, Verzerrung, KI-Bilder als „Beweise“, antisemitische Kurzschlüsse. Für viele selbst ernannte Wahrheitsverkünder ist der Epstein-Fall kein Anlass zur Differenzierung, sondern zur Totalerklärung. Alles hängt mit allem zusammen. Jede Lücke ist ein Beweis. Jede Widerlegung Teil der Vertuschung. Das ist kein Journalismus, das ist Glaubensersatz.
So wird aus einem realen Skandal ein Zerrbild und aus berechtigter Kritik ein Sammelbecken für Projektionen. Am Ende profitieren davon nicht die Opfer, sondern genau jene, die man kritisieren wollte. Denn wer überzieht, entwertet.
Investigativer Aktivismus: Aufklärung oder moralische Selbstberuhigung?
Inzwischen hat sich eine internationale Gruppe investigativer Journalistinnen und Journalisten zusammengefunden, um die sogenannten Epstein-Akten gemeinschaftlich auszuwerten, einzuordnen und — so der Anspruch — beweiskräftig zu bewerten. Das klingt nach Aufklärung in Reinform. Nach professioneller Distanz. Nach Wahrheitssuche. Und doch bleibt ein schaler Beigeschmack. Denn dieser Zusammenschluss folgt weniger einem klassischen Rechercheimpuls als einer Form von journalistischem Aktivismus: Man arbeitet nicht an einer neuen Enthüllung, sondern an der nachträglichen Ordnung bereits bekannter Dokumente. Das ist legitim, die Frage ist nur: Wozu jetzt?
Der Erkenntnisgewinn ist begrenzt. Die strafrechtlich relevanten Fakten sind seit Jahren bekannt, Gerichtsentscheidungen gefallen, Verjährungsfragen geklärt. Was bleibt, ist Kontextualisierung — wichtig, ja —, aber auch symbolische Reinigung: Endlich schaut man hin, endlich ordnet man ein, endlich zeigt man Haltung. Allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem die zentralen Akteure entweder verurteilt, tot oder juristisch nicht mehr greifbar sind.
Problematischer wird es, wenn man den Blick auf die ökonomischen Abhängigkeiten der Medien richtet. Denn zahlreiche große Verlagshäuser, Medienkonzerne und deren Eigentümer tauchen selbst in den Akten als Kontakte, Gesprächspartner oder Randfiguren auf — ohne strafrechtliche Relevanz, aber mit offensichtlichem Interessenkonflikt.
Wer Teil eines sozialen Netzwerks war, kann es schwerlich vollkommen neutral sezieren. So entsteht der Eindruck, dass dieser investigative Schulterschluss weniger der Wahrheit dient als der Selbstvergewisserung einer Branche, die lange gezögert hat.
Aufarbeitung als moralische Nachlieferung. Korrekt im Ton, spät in der Sache und unerquicklich ehrlich in der Frage, warum man so lange gewartet hat.
Abschluss und Moral
Der Epstein-Skandal ist kein Beweis dafür, dass „alles miteinander zusammenhängt“. Er ist der Beweis dafür, dass genug schon schlimm genug gewesen wäre — wenn man hingesehen hätte. Stattdessen wurde weggesehen, relativiert, verzögert. Nicht aus Unwissen, sondern aus Bequemlichkeit. Was dieser Fall zeigt, ist keine allumfassende Verschwörung, sondern etwas viel Banaleres und Gefährlicheres: institutionelle Trägheit, juristische Grenzen und moralische Feigheit. Das Recht konnte vieles nicht mehr greifen, weil Zeit verging. Medien griffen vieles nicht auf, weil Risiken bestanden. Und die Gesellschaft griff lieber zu einfachen Etiketten, als sich mit der Komplexität auseinanderzusetzen.
Gerade deshalb ist es fatal, wenn der berechtigte Zorn über reale Verbrechen in Mythen, Projektionen und antisemitische Kurzschlüsse kippt. Wer aus belegbaren Akten Fantasiewelten macht, hilft niemandem, am wenigsten den Opfern. Wahrheit braucht Präzision, nicht Überhöhung. Kritik braucht Maß, nicht Eskalation. Der eigentliche Skandal liegt also nicht nur in dem, was geschehen ist, sondern in dem, was lange nicht geschehen durfte: eine nüchterne, ernsthafte, faktenbasierte Auseinandersetzung. Stattdessen wechselte man zwischen Schweigen und Hysterie. Beides ist bequem. Beides ist verantwortungslos.
Die Moral ist daher unbequem: Ein Rechtsstaat kann an seine Grenzen stoßen, ohne korrupt zu sein. Medien können versagen, ohne böse zu handeln. Und eine Gesellschaft kann Wahrheit verdrängen, ohne es zu merken. Aber genau darin liegt die Pflicht zur Selbstkritik und nicht zur Selbstentlastung.
Wer aus dem Epstein-Skandal etwas lernen will, sollte weniger nach geheimen Drahtziehern suchen und mehr nach den offenen Blindstellen, die Missbrauch so lange möglich machten. Wenn dieser Text etwas erreichen soll, dann nicht Empörung um ihrer selbst willen, sondern Unterscheidungsfähigkeit. Zwischen belegtem Fakt und bloßer Behauptung, zwischen berechtigter Kritik und destruktiver Projektion, zwischen Skepsis und Zynismus.
Misstrauen ist gesund. Aber es verliert seinen Wert, wenn es alles gleich behandelt. Wer überall nur Lüge sieht, sieht am Ende auch keine Wahrheit mehr. Und wer jede Ungenauigkeit zur großen Erzählung aufbläst, hilft genau jenen, die man kritisieren möchte. Bleiben Sie unbequem — aber bleiben Sie präzise. Bleiben Sie kritisch — aber bleiben Sie fair. Ich bleibe an dieser Sache dran und werde Sie darüber auch in Zukunft wieder informieren, denn Aufklärung beginnt nicht mit Lautstärke, sondern mit Genauigkeit.