Der Ritterschlag
Damit Männer und Frauen zusammenzukommen, braucht es die Führung der weiblichen Energie.
Frauen und Männer haben sich gegenseitig viel Schmerz und Unrecht zugefügt. Der politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel, der sich aktuell vollzieht, bietet beiden Geschlechtern die Möglichkeit, es künftig anders zu machen. Um sich auf Augenhöhe zu begegnen, müssen Frauen sich aufrichten und Männer sich beugen. Nicht, um einander weiter zu beherrschen oder sich zu erniedrigen, sondern um gemeinsam dem Leben zu dienen. Mut und Demut müssen zusammenwirken, damit es mit uns weitergehen kann. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „Frau, Mann, Macht“.
Frauen und Männer, Männer und Frauen: die zwei, die dazu in der Lage sind, diese Welt zu verändern. Gemeinsam. Nicht gegeneinander, sondern als sich ergänzende Gegensätze. Und da fangen die Probleme an. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Theoretisch. In der Praxis sieht es anders aus. Ich habe darüber viel recherchiert und geschrieben, unter anderem in „Die Frau rauslassen“ (1), „Die Löwin brüllt“ (2) oder „Die Frauenfrage“ (3).
Ich habe mich mit matriarchalen Lebensformen beschäftigt (4), mit Männerherrschaft (5) und mit der Verwirrung, die durch das Gendern in die Geschlechterfrage kommt (6). Ich habe über das Küssen geschrieben (7), über Sex (8), über die Liebe (9) und immer wieder darüber, dass es nur gemeinsam geht (10). Ich habe versucht, Frauen Mut zu machen, aus dem Schatten hervorzutreten — nicht, um sich darzustellen, sondern um sich in ihrer Echtheit, ihrer Verletzlichkeit, ihrer Weisheit und ihrer Wärme zu zeigen (11). Denn diese Eigenschaften sind es, die wir jetzt so dringend brauchen in der zusammenbrechenden Men’s World.
Wir brauchen nicht noch mehr Kampf, noch mehr Eroberung, noch mehr Konkurrenz. Was wir brauchen, ist mehr Kooperation, mehr Gespräch, mehr echte Begegnung.
Wir brauchen eine weibliche Sicht auf die Welt, bei der es nicht um Daten und Fakten geht, um Analyse und Berechnung, um Wirtschaft, Geld oder Krieg. Es geht um Mütter, die Sorge haben, ihre Kinder nicht richtig ernähren zu können, um Paare, die keine Kinder bekommen können oder wollen, weil sie sie nicht in diese Welt setzen möchten. Es geht um das Leben.
Es ist an der Zeit
Kluge Köpfe verbringen ihre Zeit damit, die Probleme in Politik und Gesellschaft hin- und herzuwälzen und das Übel unter jedem Blickwinkel zu betrachten. Das ist so, als würde man auf einem untergehenden Schiff die Gläser polieren, während die Betroffenen sich um das Wesentliche kümmern: Wie kann es jetzt weitergehen? Eine Mutter denkt nicht stundenlang darüber nach, was sie machen soll, wenn ihr Kind krank ist. Sie handelt.
Die Menschheit braucht keine Männer mehr, die sich einbilden, mehr draufzuhaben als Frauen, und keine Frauen mehr, die auf den Prinzen warten, der sie glücklich machen soll. Keine Manipulation mehr, keine Gewalt, keine Unterdrückung, sondern Paare, die sich wirklich aufeinander einlassen.
Das wird nicht einfach. „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ lautet der Titel eines Bestsellers aus den 1990er Jahren. „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen. Außer in der Mitte.“ Das hat Woody Allen gesagt; „Männer sind anders. Frauen auch“ der amerikanische Paartherapeut John Gray. Und Vicco von Bülow alias Loriot und seine langjährige Partnerin Evelyn Hamann bringen uns immer noch zum Lachen, wenn es darum geht, wie Frauen und Männer sich eben nicht verstehen (12).
Das Weibliche geht voran
Was wir vor uns haben, können wir nur gemeinsam bewältigen. Es kann nicht darum gehen, sich gegenseitig für die jeweiligen Missstände schuldig zu sprechen und sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen. Es geht um eine echte Annäherung, um ein neues Vertrauen zueinander. Für diese Bewegung braucht es viel weibliche Kraft. Denn Frauen haben einen anderen Zugang zu Gemeinschaft, Verständnis, Nachgiebigkeit, dafür, die Menschen zusammenzubringen.
So ist jetzt die weiche Macht der Weiblichkeit dran, voranzugehen, um aus der kollektiven Verwirrung herauszukommen. Kein Arnold Schwarzenegger, kein Sylvester Stallone, kein Bruce Willis werden uns weiterhelfen.
Keine Muskelkraft ist gefragt, keine Analyse, keine mathematisch-logische Intelligenz — sondern Intuition, der umfassende Blick, wie ihn Mütter haben, und die weise Hand von Frauen, die sich mit Fürsorge und Verbindung auskennen.
Um das zu ermöglichen, habe ich eine Vision — auch wenn der hochgeschätzte Helmut Schmidt einmal sagte, wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Ich beobachte, wie eine echte Sisterhood zwischen Frauen am Entstehen ist. Lilith und Eva sind dabei, sich zu vereinen: die Wilde und die Brave, die Erfolgsfrau und die Hausfrau, die Alleinstehende und die Mutter, die Globetrotterin und die Häusliche (13). Gemeinsam gehen diese Frauen zu den Männern und holen sie ab.
Wer in seine volle Größe kommen will, muss sich zunächst beugen
Ich sehe eine hoch aufgerichtete Frau in mittelalterlicher Aufmachung. Vor ihr kniet ein Mann, das Haupt gesenkt. Die Frau trägt ein Schwert, mit dem sie den Mann zum Ritter schlägt. Nicht, um ihn auf den Kampf vorzubereiten, sondern um ihn in seine volle Größe zu bringen. Denn Muskelkraft ohne Besonnenheit, körperliche Überlegenheit ohne Weisheit, Durchsetzungsvermögen ohne Sanftmut, Vorangehen, ohne auf die zu schauen, die hinter einem stehen, führen zu Unheil. Davon hat die Welt genug gesehen.
Der Mann muss sich vor der Frau beugen, um die weibliche Kraft in sich zu empfangen. Es ist keine Demütigung, keine Vergeltung dafür, was Männer in den vergangenen Jahrtausenden Frauen angetan haben, keine Rache für die Erniedrigungen, die Unterdrückung, die Missachtung, die Verfolgung, die Gewalt, die es bis heute gibt.
Der Mann muss symbolisch den Initiationsritus, der im Ritterschlag mündet, durchlaufen, damit Frauen und Männer wieder auf Augenhöhe zusammenkommen können.
Das geht nicht von oben herab und es geschieht nicht mal eben. Es reicht kein „Na gut, war nicht so gemeint“, kein „Das war damals eben so“, kein „Jetzt seid ihr ja emanzipiert“. Jeder einzelne Mann, auch der, der das hier liest, ist dazu aufgefordert, sich zu fragen, ob nicht auch in seinem Verhalten vor allem in den kleinen Gesten Respektlosigkeit und Missachtung gegenüber Frauen mitschwingen.
Verborgene Geringschätzung
Wie viele Männer sind stolz auf sich, wenn sie im Haushalt „helfen“? Dabei sind sie genauso verantwortlich dafür wie die Frauen. Wie viele Männer degradieren ihre Frauen unwissentlich durch ein „Ohne dich hätte ich das nicht geschafft“? Wie viele Männer kochen, ohne sich um den Abwasch zu kümmern? Wie viele Männer drängen Frauen ab und halten sie für weniger fähig, für ein wenig dumm, zu emotional, zu zickig, zu prüde? Wie viele glauben immer noch, Frauen seien das „schwache Geschlecht“? Wie viele halten es für unproblematisch, dass sie für dieselbe Arbeit mehr verdienen als Frauen?
Wie viele verstehen immer noch nicht, dass „Nein“ Nein bedeutet? Wie viele schauen sich Pornofilme an, in denen Frauen gedemütigt werden? Wie viele geben ihren Partnerinnen nicht genug Zärtlichkeit? Wie viele reduzieren das weibliche Geschlecht auf einen Schlitz und ein Loch? Wie viele ekeln sich vor Menstruationsblut und träumen davon, einer Frau ins Gesicht zu ejakulieren? Wie viele Männer mauern und verweigern sich dem Austausch mit ihrer Partnerin? Wie viele ziehen sich in ihr Büro zurück, in den Hobbykeller, in die Bar, in den Club, in alle möglichen Aufgaben, um ihren Frauen nicht zu begegnen?
Es ist unangenehm, sich das eine oder andere einzugestehen. Doch es ist nötig, um das eigene Verhalten zu ändern. Hier sind auch die Frauen gefragt. Wie viele Frauen schieben die Männer vor und trauen sich nicht aus deren Schatten hervor? Wie viele lassen die Männer machen, um sich dann bei ihnen zu beschweren, dass es nicht so ist, wie sie sich das vorgestellt haben?
Wie viele Frauen sind zu bequem, einen Hammer in die Hand zu nehmen? Wie viele versuchen, ihre Männer zu manipulieren und zu beherrschen, damit sie machen, was sie wollen? Wie viele schmollen, anstatt zu sagen, was sie wollen?
Wie viele täuschen Kopfschmerzen vor, anstatt mitzuteilen, worauf sie wirklich Lust haben? Wie viele erwarten, dass ihr Partner von alleine den richtigen Knopf findet? Wie viele übernehmen nicht die Verantwortung für ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche? Wie viele zwängen ihre Männer in Lebensumstände, die sie nicht wirklich wollen? Wie viele verharren in ihrer Opferrolle und kommen nicht in ihre eigene Macht?
Wir müssen reden
An der Frau ist es, sich aufzurichten und das Schwert in die Hand zu nehmen. Nicht, um zu töten, sondern um sich von dem zu lösen, was nicht mehr gut für sie ist. Während sie mehr Mut braucht, braucht der Mann mehr Demut. So können sich die Pole wieder vereinen und sich ergänzend gegenüberstehen.
Damit das geschehen kann, müssen wir miteinander reden (14). Um erneut ins Vertrauen zu kommen, müssen wir uns gegenseitig zuhören. Keine Vorwürfe, keine Vorträge, sondern ein Austausch im Sinne des ehrlichen Mitteilens, wie es Gopal Norbert Klein vorschlägt (15). „Ich fühle“ anstatt „Du hast“. Und das ist gar nicht so einfach.
Viele von uns haben sich von ihren Gefühlen abgeschnitten, haben sie verdrängt und eingefroren, weil ihnen einmal Schmerz zugefügt wurde. Doch was eingefroren ist, kann wieder auftauen. Vielleicht braucht es dazu professionelle Hilfe, vielleicht ist es zu zweit möglich und im Austausch mit anderen, die ähnliche Blockaden und Probleme haben. An ihnen mangelt es nicht. Es muss nur einer den Anfang machen und den Stein des ehrlichen Austauschs miteinander ins Rollen bringen.
Neue Männer und neue Frauen
Das kann vielleicht dauern. Doch mit jeder ehrlichen Begegnung schmilzt das Eis. So kann unsere wahre Größe zum Vorschein kommen, die uns beiden, Frauen und Männern, in den vergangenen Jahrtausenden abgesprochen wurde. Männer als Kraftprotze und Großmäuler, Frauen als Hausmütterchen oder Hure — so kann es nicht gehen. So kann keine friedliche Welt entstehen. Erst wenn die Männer in sich das Weibliche wiederentdecken und die Frauen in sich das Männliche, kann es weitergehen.
Hierzu brauchen wir keine Männer mit Schlipsen, keine verkopften Alleswisser, keine mit Kapuzen auf dem Kopf, keine Soldaten, keine, die noch an Mutters Rockzipfel hängen.
Wir brauchen das, was das männliche Prinzip ausmacht — Wissen, Aktivität und Geben —, und das, was das weibliche Prinzip ausmacht — Intuition, Fürsorge und Empfänglichkeit. Wir brauchen echte Männer und echte Frauen, Kerle und Weiber, die sich mit ihren eigenen Gefühlen auseinandersetzen und sich nicht mehr gegenseitig abblitzen lassen.
Männer, die den Frauen dienen und Mutter und Kind schützen, Frauen, die sich den Männern hingeben und ihnen mutig zur Seite stehen: Das wird gebraucht. Dazu sind wir in der Lage, sonst würde der Gedanke daran nicht existieren. Das Leben verlangt uns nicht mehr ab, als wir uns vorstellen können.