Der zerschlagene Spiegel
Die im November 2025 an Krebs verstorbene Almuth Bruder-Bezzel analysierte mit den Mitteln der Psychologie Machtmissbrauch und den Herdentrieb der Mehrheit. Vielleicht hat die Enttäuschung über die Politik sie das Leben gekostet.
Kann ein Mensch quasi an politischem Gram sterben? Aus Enttäuschung über das Fehlverhalten der Mächtigen und über die feige Anpassung der Mehrheit an dieses? Bei Krebserkrankungen ist der Zusammenhang zwischen psychischen Erschütterungen und dem Geschehen im Körper nie zu 100 Prozent beweisbar. Dennoch wagt Klaus-Jürgen Bruder eine solche Deutung, wenn es um den Tod seiner Frau, Almuth Bruder-Bezzel, im November 2025 geht. Die Psychotherapeutin, die auch für Manova geschrieben hatte, konnte eine frühere Krebsepisode überwinden — in den Coronajahren jedoch kehrte die Krankheit zurück und verschlimmerte sich. Als Denkerin und Psychologin hatte sie stets die gesellschaftlichen Ursachen des Krankheitsgeschehens mit in den Blick genommen. Mit Entsetzen musste sie feststellen, wie große Teile ihre Zunft während der Krise das Lied der Mächtigen sangen und die Gegner dieses Generalangriffs auf die Freiheit und die Würde des Menschen pathologisierten. Der Rückblick auf ihr Werk und ihr Wirken zeigt: Gerade diese Mischung aus Fachkompetenz, Mut und umfassender Weisheit brauchen wir in einer geistlosen, jedoch zeitgeisthörigen Epoche jetzt am dringendsten. Jetzt ist es an uns, Almuth Bruder-Bezzels Impulse aufzugreifen, die die beste Immunstimulanz gegen den grassierenden psychotherapeutischen wie auch gesamtgesellschaftlichen Konformismus darstellen.
„Almuth ist am 23. November 2025 mit der Diagnose ‚klein-zelliges Lungenkarzinom‘ gestorben.“
Nüchtern beginnt die Grabrede ihres Mannes, Klaus-Jürgen Bruder, der ebenfalls Psychotherapeut ist und mit ihr zusammen in der „Neue Gesellschaft für Psychologie“ engagiert war. Er muss sie nun allein weiterführen. Die wenigen Nachrufe, die im Internet zu finden sind, beschränken sich auf das Notwendigste. So schreibt, die Junge Welt, ein „linkes“ Medium:
„Die Psychoanalytikerin Almuth Bruder-Bezzel ist tot. Das teilte die Neue Gesellschaft für Psychologie am Dienstag mit. Sie starb demnach am 23. November 2025 in Berlin. Die 1944 geborene Bruder-Bezzel habe die Individualpsychologie in Deutschland ‚maßgeblich geprägt und bereichert‘, so die Gesellschaft. 1992 zählte sie zu den Mitbegründern des Berliner Alfred-Adler-Instituts.“
Es gehört Stärke dazu, auf der Beerdigung eines geliebten Menschen nicht nur selbst zu sprechen, sondern mit seinen Aussagen auch viele Anwesende zu provozieren. Klaus-Jürgen Bruder kommt in seiner Grabrede rasch zum Punkt:
„Ein klein-zelliges Lungenkarzinom breitet sich sehr schnell im ganzen Körper aus, bleibt aber, wie die Ärzte sagen, etwa fünf Jahre lang unerkannt und ohne auffällige Symptome. Aber: während der 5 Jahre, was war da, was den Körper so schutzlos dem Krebs überlassen hat, vielleicht überlassen musste? Legen wir die 5 Jahre vom 4.9.2025 rückwärts auf die vorangegangenen Jahre, so kommen wir ins Jahr 2020. Damit haben wir ziemlich genau die Zeit des Coronaregimes abgedeckt.“
Verrat und Verleugnung
War Almuth Bruder-Bezzel eine Corona-Tote — anders als man diesen Begriff normalerweise versteht, nicht als Opfer des Virus, sondern gleichsam niedergestreckt durch eine gesamtgesellschaftliche Epidemie der Dummheit und des Konformismus, welcher einem gewalttätigen Staat für sein perfides Tun den Rücken freihielt? Ich kann das nur als Fragesatz formulieren.
Klaus-Jürgen Bruder spricht in seiner Grabrede von einer „Zeit, in der im Namen der Verhinderung einer pestartigen Ansteckungskatastrophe die Demokratie suspendiert wurde, die Bevölkerung aufs tiefste gedemütigt wurde, die Zeit der Anstiftung zum Unfrieden bis in die Familien hinein, Zeit der Zerstörung von Freundesbeziehungen.“ Er blickt zurück auf jene Epoche, in der der Krebs offenbar wieder von seiner Frau Besitz ergriff:
„Im August 2020 waren bereits die Großen Demos. Es war der Höhepunkt der regimekritischen Bewegung. Die Monate vorher waren bereits voll gefüllt mit den inzwischen bekannten Feindseligkeiten gegen uns. Almuth, deren ganzes Leben von der Empfindlichkeit gegen Ungerechtigkeit, Autoritarismus, Gewalt und Feindseligkeit so sehr bestimmt war, dass sie sich regelmäßig mit ‚Autoritäten‘, unsinnigen Vorschriften, anlegen musste, ebenso wie sie nur Abscheu hatte gegenüber der Verleugnung dieser mit Händen zu greifenden Zustände in dieser Welt, die als die beste aller bisherigen verkauft wurde. Mit dieser Haltung konnte sie nur verzweifeln, den Verrat und die Verachtung derer, die alles dies verleugneten, verkraftete sie nicht. Das ist die naheliegende Erklärung ihrer tödlichen Krankheit.“
Wie die Politik in die Seele der ihr ausgelieferten Bürger hineinkriechen und darin ein pathogenes Geschehen auslösen kann, das hatte Almuth Bruder-Bezzel schon im Februar 2022 in ihrem Artikel „Vor der Wahl“ in Manova deutlich gemacht. Die Bevölkerung teilt sich in Zeiten des zunehmenden Autoritarismus in eine Gruppe, die sich anpasst — um den Preis des Verlusts ihrer Integrität — und in eine andere, die widersteht — mit der Folge, dass Enttäuschung und Fassungslosigkeit mitunter ihre „Seele aufessen“. Bruder-Bezzels Analyse ist so scharfsinnig, dass man daraus das Porträt einer Epoche herauslesen kann — der Ereignisse, die gewesen sind, und jener, die noch kommen können.
Der Wunsch nach Zugehörigkeit
„Die Bevölkerung, das Wahl-Volk wird nicht als politischer Bürger angesprochen, dessen Stimme man gewinnen will, sondern als Zuschauer einer Medienshow, entmündigter, kastrierter, der beschallt werden muss wie ein Insasse einer geschlossenen Abteilung der Psychiatrie. Um zu verstehen, warum wir auf solche Einflüsse eingehen und damit relativ bereitwillig und gehorsam auf unsere Individualität verzichten, gibt es verschiedene innerpsychische Begründungen und Bedingungen, die allesamt den Menschen als ein soziales Wesen erkennen lassen. Dabei ist der Verzicht auf den eigenen Willen unbewusst gehalten; die Unterwerfung, der Gehorsam wird dann (meist) nicht als Demütigung erlebt.“
Entscheidend ist der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einem wärmenden, bergenden Kollektiv. Der Verlust der Zugehörigkeit durch „Dissidenz“ ist für die meisten mit erheblichen Ängsten verbunden.
„Auch hier ist zu beachten, dass das Individuum in Zeiten individueller oder kollektiver Krisen anfälliger, geschwächt ist. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Konsens mit der Mehrheit, nach Gemeinschaft und Geborgenheit, und umgekehrt die Angst, herauszufallen, ausgegrenzt zu sein, halte ich für das zentrale Motiv für Gehorsam und Konformität, für den Verzicht auf die Durchsetzung eines eigenen Willens, einer eigenen Meinung.“
Die Krankheit ihrer Wahl
Konformität war jedoch ein Verhalten, für das Almuth Bruder-Bezzel quasi die Begabung fehlte. Sie musste widersprechen, dafür erzeugte der Widerspruch, in dem sie zu einem großen Teil ihres Umfelds stand, dauernd Reibung, was ihre Gesundheit angriff. Warum könnte aber Krebs die Folge gewesen sein?
„Krebs war die Krankheit ihrer Wahl sozusagen, ihr Körper hatte sich schon einmal dagegen wehren müssen, sie wurde operiert vor 20 Jahren und hat diese Krankheit besiegt. Davon hatten die Ärzte sie überzeugt. Es war also nicht der Krebs von 2007, sondern ein zweiter Angriff auf ihren Körper, der sich mit der Bitterkeit der Jahre zwischen 2020 und 2025 in ihrem Körper festgebissen hat. Dass Krankheiten in einer Folge der psychischen Belastung auftreten oder sich ausbreiten können, ist inzwischen Allgemeinwissen.“
So Klaus-Jürgen Bruder.
„Sie war empört, fassungslos, wenn sie zusehen musste, mit welcher Brutalität Demonstranten von einer losgelassenen beziehungsweise aufgeheizten Polizei geschunden wurden. Sie war noch fassungsloser, wenn sie erkennen musste, erleben musste, dass in ihrem Umkreis und von Freunden gegenüber diesem Terror gleichgültiges Schulterzucken, hämische Überheblichkeit an den Tag gelegt, ja gezeigt wurde.“
Es ist eben nicht jeder Mensch beinhart und bis zum Äußersten resilient. Die, die uns das alles zugemutet haben, machen sich nicht bewusst, dass sie mit ihrem Verrat an der Freiheit und der Verächtlichmachung weltanschaulicher Gegner psychisches und auch physisches Leid über viele gebracht haben, die das alles einfach irgendwann nicht mehr aushielten.
Die seelischen Tiefschläge somatisierten sich bei vielen; bei einigen — hoffentlich waren es nur wenige — war der Tod die Folge. Und es sind oft die Besten, die vor der Zeit sterben — jene, die über viele Jahre mit viel Kraftaufwand an der Gesundung von Einzelmenschen wie der gesamten Gesellschaft gearbeitet hatten und denen ein Ereignis wie die Corona-Massenhysterie in den Jahren 2020 bis 2023 wie ein Schlag ins Gesicht vorkommen musste.
Gunnars Bitterkeit
Es gibt ein anderes bekanntes Beispiel für eine vermutlich politisch tödliche Krankheit: den Lehrer, Philosophen und Videoblogger Gunnar Kaiser, der 2023 einem Krebsleiden erlag. Dieses war erst 2022, auf dem Höhepunkt der Corona-Phase, aufgetreten. In seinem Buch „Habe ich genug getan?“ schrieb Kaisers Freund und Weggefährte Raymond Unger über mögliche psychosomatische Todesursachen:
„Gunnars Bitterkeit bestand in der Feststellung, dass die intensive Aufklärung nach 1945 bezüglich der bösartigen Ausgrenzung von Teilen der Gesellschaft, in der Regierung, Medien und Bürger Jagd auf ‚Schuldige‘ machten, nur wenig gefruchtet hatte. Insbesondere die leichtfertige Aufkündigung der ethischen Wertebasis, die die Grundlage der unveräußerlichen Menschenrechte begründet, machte Gunnar zu schaffen.“
Hier steht im Raum, dass nicht so sehr die „Maßnahmen“ der Politik, als das erlebte Unvermögen, die konforme Bevölkerungsmehrheit mit der Kraft des Arguments zu überzeugen, Gunnar Kaiser zur Verzweiflung getrieben habe. Raymond Unger, der selbst als Sachbuchautor zum Thema „Corona“ hervorgetreten war, räumt ein, dass man bezüglich pathogener politischer Vorgänge niemals sicher sein könne.
„Natürlich ist der Kausalzusammenhang zwischen aufopfernder Corona-Aufklärung und Krebserkrankung nicht beweisbar. Es wäre ebenso gut möglich gewesen, dass Gunnar Kaiser diese schwere Erkrankung auch während seiner vergleichsweise ruhigen Beamtenkarriere entwickelt hätte — niemand kann dies mit Sicherheit sagen. Als ehemals ganzheitlicher Therapeut empfinde ich meine These allerdings nicht als besonders steil. Seelische Konflikte, Sinnkrisen und tiefe Erschöpfung sind aus dieser Perspektive seit jeher an der Genese von Krebs- und Autoimmunerkrankungen beteiligt.“
Gunnar Kaiser selbst schrieb:
„Was, wenn wir eine Gesellschaft nicht mehr ertragen? Was, wenn uns nichts mehr hält in dem, was wir einst ‚Zuhause‘ nannten? Weil ein repressives Klima um sich greift, von dem klar ist, dass es nicht verschwinden wird?“
Psychisches Leiden spiegelt die Machtverhältnisse
Vielleicht führen uns Almuth Bruder-Bezzels eigene psychoanalytische Überzeugungen auch auf die Spur der Ursachen ihrer tödlichen Erkrankung. Die Junge Welt schreibt, angelehnt an eine Mitteilung der „Neuen Gesellschaft für Psychoanalyse“, über die Verstorbene:
„Sie habe die Fähigkeit ausgezeichnet, ‚psychoanalytisches Denken konsequent mit gesellschaftskritischer Reflexion zu verbinden‘, so die Gesellschaft: ‚In der Tradition Alfred Adlers verstand sie psychisches Leiden nie losgelöst von gesellschaftlichen Machtverhältnissen, Geschlechterkonstruktionen und ökonomischen Zwängen.‘“
Die Corona-Politik der damaligen Regierungen nahm in Almuth Bruder-Bezzels Veröffentlichungen der letzten Jahre einen wichtigen Platz ein.
„In ihren jüngsten Publikationen befasste sie sich mit Manipulation und Meinungsbildung. So kritisierte sie scharf die staatlichen Coronamaßnahmen, die sie als ‚Kulturkatastrophe‘ und ‚Epochenbruch‘ verstand, als umfassenden, weltweiten politischen, ökonomischen, sozialen, psychologischen und kulturellen Kahlschlag.“
Die Junge Welt, die seinerzeit selbst nicht zu derartigem Scharfblick in der Lage war, meinte diese Beschreibung von Bruder-Bezzels Maßnahmenkritik vermutlich nicht als Kompliment, blieb aber im Tonfall fair.
Psychologische Erkenntnisse für eine neue Friedensbewegung
Die „Neue Gesellschaft für Psychologie“ schreibt auf ihrer Webseite als eine Art Mission Statement:
„Wir wollen als Psychologinnen und Psychologen gesellschaftliche Verantwortung für eine humane Gestaltung menschlichen Zusammenlebens übernehmen, ein kritisches, reflexives Wissenschaftsverständnis weiterentwickeln und die Gleichstellung der Geschlechter im Wissenschaftsbetrieb vorantreiben, gegenstandsangemessene Forschung fördern, welche die gesellschaftliche (kulturelle) und geschichtliche Bedingtheit des Psychischen realisiert und sich an Alltagsnähe und Praxisbezug orientiert (...)“
Das Thema des letzten Kongresses, den die „Neue Gesellschaft“ noch mit Beteiligung Almuth Bruder-Bezzels im April 2025 veranstaltete, lässt erkennen, dass sich auch die Kriegsbegeisterung der Psychotherapeutin sowie ihres Ehemanns in Grenzen hielt. Dies lässt vermuten, dass das Paar weiteren Anfeindungen ausgesetzt war. Im Kongressprogramm hieß es
„Wir laden zu einem Kongress ein, der versucht, die schrecklichen Kriegsgeschehen in der Ukraine und in Gaza und die gewaltsame Entwicklung in Syrien in ihrer Entwicklung zu verstehen und die Konsequenzen der Waffenlieferungen und Kriegsvorbereitungen, der Steigerung der Rüstungsproduktion durch die Bundesregierung nachzuvollziehen. Wir wollen auch die mentalen Veränderungen in verschiedenen Gruppen der Gesellschaft und der Gesamtgesellschaft in den Blick zu nehmen. Dazu gehören auch Überlegungen, ob und wie eine neue Friedensbewegung so in Bewegung kommt, die die gegenwärtige Entwicklung zu stoppen vermag. Andernfalls treibt diese Entwicklung auch in Europa Deutschland zu einem großen Krieg.“
Die Wiederkehr des Autoritären
Bei den Kongressen traten regelmäßig wichtige Persönlichkeiten der kritischen Öffentlichkeit auf, die nicht unbedingt Psychologen gewesen sein müssen. Ich nenne hier nur fünf Namen von Autoren, die auch in Manova veröffentlichten: Rudolph Bauer, Leo Ensel, Karin Leukefeld, Michael Meyen und Werner Rügemer. Die Veranstalter wollten offenbar ein geistiges Feld, das mit Frieden, Freiheit und emanzipatorischer Psychologie umschrieben werden kann, in diesen Kongressen und den daraus entstandenen Publikationen bündeln, um so zu einer Aufhellung des „Zeitgeists“ beizutragen.
Am 19. März 2020, zeitgleich mit dem Beginn der repressiven Corona-Maßnahmen, veröffentlichte Almuth Bruder-Bezzel im Rubikon, dem Vorgänger-Magazin von Manova, einen Artikel mit dem Titel „Die Wiederkehr des Autoritären“. Darin diagnostizierte sie eine Tendenz zum Autoritarismus, die sich in den Folgejahren in zwei dominante Strömungen aufspalten sollte. Einerseits war da die zunehmende Übergriffigkeit des von linksliberalen Kräften regierten Staates festzustellen, das Zurückdrängen von Meinungsfreiheit und Bürgerrechten in Kombination mit eskalierendem Bellizismus. Auf der anderen Seite nutzte die AfD die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Corona-Politik und links-woken Exzessen geschickt, um rechtsnationalen Positionen und neoliberalen Wirtschaftskonzepten den Anstrich des Rebellischen zu verleihen. Almuth Bruder-Bezzel schreibt:
„Die Gesellschaft und Regierungspolitik hat sich in einem ‚roll back‘ insgesamt nach rechts, zu einer autoritären und tendenziell undemokratischen, vom Kapital beherrschten, demokratieentleerten Gesellschaft entwickelt, in der Sozialabbau, manipulative Meinungsmache und die Militarisierung durch Kriegseinsätze und Hochrüstung ansteigen. (...) In der breiten Bevölkerung spiegelt das konservative und rechte Denken die große Unzufriedenheit mit der Politik wider und die Ängste vor der Zukunft des sozialen Abstiegs, der drohenden Konkurrenz und damit der drohenden Armut. Das fördert Ausgrenzungen und Verachtung von Minderheiten, Fremden, Schwächeren.“
Bruder-Bezzel vermied es somit, auf den rechts-autoritären Zug aufzuspringen, der nur scheinbar eine Alternative zum links-autoritären Entdemokratisierungsprojekt darstellt.
Die Pathologisierung der politischen Kritik
Dass Psychotherapeuten Position gegen Kriegsvorbereitung, Freiheitsabbau und gesellschaftlichen Konformismus beziehen, war mir — geprägt unter anderem durch die Schriften Erich Fromms, Wilhelm Reichs und Arno Gruens — vielleicht zu selbstverständlich vorgekommen. Die Wahrheit war und ist schon längst eine ganz andere.
Wir befinden uns in der Blütezeit einer nicht-humanistischen Psychotherapie, die Gesundheit eher im Sinne eines Sich-Einfügens in ein krankes System versteht.
Im Gleichschritt mit einem autoritärer werdenden Zeitgeist gaben viele neuere psychologische Publikationen Tipps, die eher auf ein Zurechtbiegen der Psyche im Sinne der Systemanpassung hinausliefen. Pathologisiert wurde der politische Widerspruch. Diesen Zusammenhang beleuchtete Almuth Bruder-Bezzel auf hellsichtige Weise in einem Rubikon-Artikel, der auf dem Höhepunkt der Corona-Krise entstand. Sein Titel war „Psychologen als Erfüllungsgehilfen“. Bruder-Bezzel entwickelt darin eine Generalabrechnung mit einem Phänomen, das man als schwarze Psychologie bezeichnen könnte — den Missbrauch psychologischer Mittel zur Deformation des menschlichen Geistes im Dienst der Mächtigen
„Für die Herrschenden nötig wurde die Zustimmung und aktive Mithilfe der Bevölkerung, damit die Bereitschaft zur Konformität gegenüber der Bezugsgruppe, die Autoritätshörigkeit gegenüber dem Staat funktionierte. Das geht nicht ohne den Einsatz psychologischer Mittel zur Massenmanipulation großen Stils, und damit des Einsatzes der Emotionalität, Verführung, Falschmeldungen, Belohnung und Bestrafung bis hin zur Spaltung der Gesellschaft in gut und böse.“
Die Aufrechterhaltung eines „Angstpegels“
Natürlich hebt diese Beschreibung wieder vor allem auf die Corona-Zeit ab.
„Mit Hilfe von Psychologen wurden auf unterschiedlichen Ebenen alle Instrumente der Meinungsbildung und Massenbeeinflussung eingesetzt. Von besonderer Bedeutung waren die emotionalen Botschaften, nämlich Angst einjagen, Moralpredigten zur Gemeinschaft — „Solidarität“ —, Aggression gegen Kritiker und damit Feinderklärung und Spaltung der Gesellschaft. Alle drei Ausprägungen bedingen und ergänzen sich, Angst steigert den Druck zur „Gemeinschaft“, und diese bedingt die Ausgrenzung.“
Der Schwerpunkt systemintegrierter Psychotherapeuten bestand darin, „die Kritiker des Coronaregimes zu ‚analysieren‘ und damit zu diffamieren und auszugrenzen“. Anlässlich der Vergabe des „Deutschen Psychologie Preises“ hätten sich die vier dafür zuständigen Psychologieverbände bei der Regierung angedient, so Bruder-Bezzel. Sie boten an, „durch geeignete Kommunikation und Aufklärung und durch Bereitstellung von Datengrundlagen über repräsentative Umfragen die Akzeptanz der Bevölkerung, die Bereitschaft zur Verhaltensänderung zu verstärken und der Verbreitung von Verschwörungsmythen durch Korrektur von Falschinformationen zu begegnen“. Ziel sei es, „positive Elemente wie Solidarität, Empathie und Gemeinsamkeiten zu betonen“.
Auf diese Weise wirkten Psychologen vor allem bei „zwei wichtigen emotionalen Herrschaftstechniken“ mit, nämlich „Angsterzeugung und Feinderklärung“. Der Verleger des „Psychosozial-Verlags“, Hans-Jürgen Wirth, hat im Corona-Zusammenhang geschrieben: „Die Aufrechterhaltung eines gewissen Angstpegels ist realitätsgerecht und damit lebensrettend.“
Adlerblick auf den grassierenden Konformismus
Das konformistische Verhalten, das Almuth Bruder-Bezzel nicht nur bei ihren Kollegen, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen antraf, fand schon in Alfred Adler (1870-1937) einen beredten Analysten. Der eigenständige Mitdiskutant in Sigmund Freuds Mittwochsgesellschaft war quasi Bruder-Bezzels Wurzelmeister gewesen, der Begründer ihrer Denkrichtung — neben Peter Brückner, dem kritischen Begleiter der 68er-Bewegung. In Brückner konnte sie für ihre Verbindung von Psychoanalyse und Herrschaftskritik ein großes Vorbild finden.(1) Ihm verdankte sie zum Beispiel den Begriff der „Feinderklärung“, der zentral für ihre Machtkritik ist. Auch Brückner starb relativ früh, und es wurden Stimmen laut, die diesen Todesfall der „Niedertracht seiner Gegner“ zuschrieben.
Adler betrachtete soziale Ängste und Minderwertigkeitsgefühle als einen Schlüssel zum Verständnis psychischer Störungen. Im Artikel „Vor der Wahl“ in Manova schreibt Bruder-Bezzel über ihr Vorbild:
„Zur kompensatorischen Überwindung der Unsicherheit (Sicherungstendenz) gehört auch die Autoritätsgläubigkeit, ebenso wie das Mitlaufen aufgrund sozialer Bedürfnisse. Von den zahlreichen Fallbeispielen für Kompensation, die Adler analysiert, finde ich eines besonders beeindruckend und vor allem aktuell, nämlich die Übernahme fremder Parolen als das Eigene in der Kriegsbegeisterung, wie sie Adler 1919 in eindrücklicher Weise in ‚Die andere Seite‘ geschildert hatte: Er beschreibt, wie in kompensatorischer Identifikation mit der Autorität der Schein von Größe und Autonomie aufrechterhalten und mit der Hoffnung auf Teilhabe an der Macht verbunden wird.“
Ähnlich sagte es auch Erich Fromm, den Almuth Bruder-Bezzel im genannten Artikel zitiert: „Solange man der Macht (...) gehorcht, fühlt man sich sicher und behütet (...). Mein Gehorsam gibt mir Anteil an der Macht, die ich verehre, daher fühle ich mich stark.“ Daher brauche es Mut, „zu einer Macht nein zu sagen und ungehorsam zu sein“. Sicherlich kann man der Autorin einen solchen Mut bescheinigen. Leicht war der Weg, zu dem sie sich entschlossen hatte, gewiss nicht.
Todesursache: zerstörte Hoffnung?
Wie schon geschrieben, ist es schwierig, eine klare kausale Verbindungslinie zwischen der allgemeinen gesellschaftlichen Atmosphäre der Jahre 2020 bis 2025 und Almuth Bruder-Bezzels Krebserkrankung zu ziehen. Ihr Ehemann, der sie als Menschen gut kannte und über psychologische Expertise verfügt, sagte bei seiner Grabrede dies:
„Unvorstellbar war für sie, dass diese tumbe Verachtung nicht zur Rechenschaft gezogen werden würde, dass die Freunde nicht eines Tages sich entschuldigend wieder das Gespräch aufgenommen hätten. Doch die Niederlage der Protestbewegung war immer weniger zu bestreiten, die Hoffnungslosigkeit konnte Almuth immer weniger abwehren, die Bitterkeit konnte sich als Krankheit in ihrem Körper ausbreiten.“
Klaus-Jürgen Bruder betrachtet seine Frau als ein Opfer der „Zerstörung der Hoffnung auf ein anderes Leben, ein Leben in Freiheit und selbstbestimmt, ein menschliches Leben, ein Leben, in dem wir endlich sein dürften, sein könnten, was wir immer sein wollen, aber nur in seltenen Momenten sind: Spiegel für den anderen, in dem wir uns selbst spiegeln, (...) der Tod von Almuth hat mich dieses Spiegels beraubt.“ Die Mächtigen und die eingebettete Psychotherapie verlieren ebenso einen unbequemen Spiegel.
Vaclav Havel schrieb in „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (1989):
„Ich hoffe immer noch, dass die Staatsmacht endlich aufhört, sich wie das hässliche Mädchen zu verhalten, das den Spiegel zerschlägt, in der Meinung, er sei schuld an seinem Aussehen.“
Es ist zu hoffen, dass Almuth Bruder-Bezzels Ansatz, gesellschaftliche Vorgänge psychologisch zu durchleuchten und sich notfalls auch mit Etablierten anzulegen, von anderen weitergeführt wird. In jedem Fall lohnt es, sich ihre zu Lebzeiten veröffentlichten Analysen noch einmal genauer anzuschauen. Wir können daraus wertvolle Hinweise entnehmen — nicht nur darauf, warum alles so gekommen ist, sondern auch auf eine drohende Zukunft, die eintreten könnte, wenn wir nicht rechtzeitig umsteuern.