Die Linke ist nackt
Der Anschlag auf den CSD in Berlin lässt der Linken eine ihrer zentralen Lebenslügen auf die Füße fallen: die Vorstellung, dass Migration kein Problem und eine multikulturelle Gesellschaft das Paradies ist.
Bei nichts zeigen sich die Neurosen der deutschen Gesellschaft so eindeutig, wie wenn wieder mal ein Anschlag passiert. Denn sogleich stellt sich die Frage, ob man diesen denn „instrumentalisieren“ darf. Hat der Täter Migrationshintergrund, verwehrt man sich dagegen von linker Seite vehement. Ein derart tragisches Ereignis dafür zu nutzen, um Ressentiments zu schüren, ist schließlich schäbig. Diese Haltung nahmen viele Linke ein, nachdem ein islamistischer Attentäter am 25. Juli mit einem weißen Kastenwagen in eine Menschenmenge gefahren war. Die Frage stellt sich jedoch nach der Ehrlichkeit dieser Reaktion, wenn im Grunde jeder weiß: Wäre es ein rechter Attentäter gewesen, hätten einige, die jetzt „Instrumentalisierung“ rufen, sich liebend gern an selbiger beteiligt.
Fast kann man ja konstatieren, dass der Anschlag auf den Christopher-Street-Day (CSD) in Berlin relativ glimpflich abging. Mit einer Toten und 29 Verletzten gehört die mörderische Frontalfahrt mit einem Auto in eine Menschenmenge noch zu denen, die lediglich einen „übersichtlichen“ Schaden verursacht haben. Zum Vergleich: Beim Anschlag 2017 auf dem Boulevard Las Ramblas in Barcelona kamen 14 Menschen zu Tode, weitere 118 wurden verletzt — ein Jahr vor dieser Katastrophe starben sogar 87 Menschen bei einer vergleichbaren Terrortat in Nizza; zudem gab es 434 Verletzte. Es wäre in der Tat pietätlos, an dieser Stelle vom sprichwörtlichen Glück im Unglück zu sprechen. Dennoch: Es hätte weitaus schlimmer enden können. Alleine dieser letzte Satz, so nüchtern und kühl, wie er sich liest, macht wohl deutlich, wie pragmatisch Menschen in Europa mittlerweile mit solchen Vorfällen umgehen können.
In Berlin ist jedoch noch ein Todesfall zu vermelden, über den kaum jemand spricht — nun gut, wir sollten nicht zu voreilig sein, denn noch atmet das Opfer, auch wenn es scharf angefahren wurde. Es handelt sich dabei um das Lebensgefühl, das sich besonders unter Linken großer Beliebtheit erfreute: Die Illusion, dass Multikulturalität schlicht ein Akt des guten Willens sei, ein fröhlich-bunter Zustand, den man nur mit warmen Worten beschwören muss, damit er am Ende auch harmonisch gelingt. Und in diesem Glauben eingebettet: die Vorstellung, dass der Islam eine Bereicherung für westeuropäische Gesellschaften darstellen würde, ganz anders als das längst von eben dieser Klientel verachtete und kriminalisierte Christentum. Das führte so weit, dass sich sogenannte Queers — Achtung, neue Sprachregelung: Schwule, Lesben oder Gays ist mittlerweile nicht mehr politisch korrekt, Sie alter weißer Leser! — „for Palestine“ engagierten, um der allseits gewitterten Islamophobie entgegenzutreten.
Nun müssen sie die Prozession aushalten
Das ist nobel — ganz ehrlich. Aber darf der kritische Beobachter noch kurz einwenden und ein bisschen ketzerisch nachfragen, wie im islamischen Kulturkreis gemeinhin mit Homosexualität umgegangen wird? Und auch wenn sie nicht allerorts gesteinigt werden, so erleben Homosexuelle in diesen Ländern mindestens das, was Aktivisten aus dieser Szene hierzulande konservativen Zeitgenossen unterstellen: Diese würden sie angeblich grundsätzlich diskriminieren — und für homosexuelle Menschen werde es zunehmend schwerer, was auch an der Alternative für Deutschland (AfD) liege. Der Vorwurf an eine Partei, deren Vorsitzende landbekannte Lesbe ist, wirkt seltsam aus jeder vorstellbaren Logik gefallen — unter Umständen machen manche der Frau aber auch zum Vorwurf, dass sie aus ihrer sexuellen Präferenz keine Nabelschau machen will. Vor dem tragischen „Vorfall“ auf dem CSD in Berlin wurde man nicht müde, die Veranstaltung auch als Wahlkampfveranstaltung gegen die AfD zu nutzen — am Ende dann das traurige Ende, das sich für manchen Aktivisten so zusammenfassen ließe: Wäre der Anschlag von einem weißen Christen verübt worden, am besten von einem heterosexuellen Exemplar, dann wäre der Tag wenigstens versöhnlich ausgeklungen. Aber dem war nicht so, es war ein radikaler Moslem — jemand aus einer „befreundeten“ Marginalisiertengruppe.
Der Community und der politischen Linken war nach der Tat anzumerken, wie sie daran zu knabbern hatte, weil sich für den neutralen Beobachter diese Illusion als Trugbild aufdrängte.
Richtig ist aber dennoch, dass die Vertreter der Linken schroffer denn je bei der Fahne blieben, mit rhetorischen Kniffen versuchten, die Schuld dem konservativen Lager zuzuschieben.
Wahlweise identifizierten manche den Islamismus sogar als Spielart rechter Weltanschauung, obgleich Islamisten in ihren Gefilden einen sogenannten antiimperialistischen Kampf führen und den Neokolonialismus abstreifen wollen — mit ein Grund, warum Linke so ein starkes Faible für den Islam entwickelt haben. Schließlich hätte er denselben Gegner: den kapitalistischen Westen. Das kann doch jetzt nicht einfach zu Ende sein, schienen sich die Linken zuzuraunen — daher durchhalten, weitermachen. Als der Kaiser das Lachen hörte, weil das Volk sah, dass er nackt war, da zeigte er keine Einsicht, sondern blieb stur beim Protokoll, er sagte: „Nun muss ich die Prozession aushalten.“ Und dann folgt dieser Schlusssatz der bekannten Geschichte: „Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.“ Die zeitgenössische Linke tut es dem Herrscher aus Hans Christian Andersens Märchen gleich. Sie fühlt sich ertappt, steht nackt vor der Gesellschaft und weiß nur eine Ausflucht — die nach vorn. Die Linken müssen diese Prozession jetzt aushalten. Die Nacktheit überspielen, indem sie sich diese nicht von Außenstehenden einreden lässt: Das ist das Vorrecht derer, die Zweifel nur als Schwäche lesen können.
Das ist besonders tragisch, da die Linke nun seit geraumer Zeit spürt, dass das Publikum, also die Beobachter ihrer Politik, ihre Lebenslügen mehr und mehr durchschauen. In den letzten Jahren etablierte sich die Linke als Kraft, die Transferleistungen gerechter verteilen wollte — ein Ansinnen, gegen das zunächst nichts einzuwenden wäre. Nur haben eben jene Leute keine Arbeitsmarktpolitik betrieben, Lohnpolitik schon gar nicht — sie betrachteten den Staat als ein Konstrukt, aus dem Gelder endlos strömen. Einen Sinn für Makroökonomie haben sie nicht — oder nicht mehr. Schlimmer vielleicht, sie wissen nicht mal, was dieser Begriff bedeuten soll.
Mit diesem stümperhaften Vorgehen hat die Linke die arbeitenden Menschen verprellt und zu anderen Parteien vertrieben, allen voran zur AfD. Die so vergrätzten Bürger werden nun auch noch von oben herab belehrt, dass sie schlechte Menschen seien, weil sie rechts wählten. Dabei offenbart sich schon die nächste Lebenslüge, ein wahres Meisterwerk einer Blendgranate, die ins Allgemeingut übergegangen ist: Rechts wie die Nazis sei die AfD — dabei waren die Rechten die größten Gegner des nationalsozialistischen Regimes. Weite Teile des konservativen Milieus verabscheute diese Bewegung — auch wenn es konservatives „Spitzenpersonal” aus der Politik war, die diese neue Kraft in der Regierung „einrahmen” wollte, so waren Konservative wie Nazis nicht dasselbe.
Pragmatismus: Keine linke Qualität
Die Nationalsozialisten scherten sich nicht um die „gottgegebene Ordnung“, ihnen stand ein neuartiger Typus Mensch vor Augen. Und der sollte eine neue Gesellschaft hervorbringen. Neu an der nationalsozialistischen Gesellschaft war die Adaption von Ideen, die man eher links verorten würde — der Staat sollte ein starker und zugleich fürsorglicher sein, jedenfalls für sogenannte Volksgenossen. Sie etablierten einen völkischen Sozialstaat, etwas, das es auf deutschem Boden vorher so nicht gegeben hatte — und dafür brachen sie mit der alten Ordnung, mit dem traditionellen Konservatismus. Die Nazis waren fürderhin keine Linken, dass das heute oft behauptet wird, ist so falsch, wie das Gegenteil — der Kampf um die Deutungshoheit der deutschen Geschichte dominiert den zeitgenössischen Kulturkampf.
Wahr ist aber, dass die Nationalsozialisten außerhalb dieser Kategorien anzusiedeln sind. Sie waren weder links noch waren sie im ursprünglichen Sinne Vertreter aus der historischen Rechten. Aber letzteres hat sich — auch durch die große Beliebtheit der These des bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff, der den Faschismus als kapitalistischen Ableger klassifizierte; eine These, die in der DDR als unumstößliche Gewissheit galt — längst etabliert und gilt mittlerweile als die einzig zulässige Geschichtsinterpretation. In der alten Bundesrepublik konkurrierten noch hier und da die Theorien, für Sebastian Haffner galt es zum Beispiel gar als belegt, dass der Nationalsozialismus stark mit links liebäugelte, ohne es letztlich zu sein.
Bevor wir uns in der Deutung der Nationalsozialisten verlieren, um die es eigentlich gar nicht gehen sollte, zurück zum letzten Gefecht der Linken. Sie sind nackt, auch weil sie sich in den letzten Jahrzehnten darauf spezialisiert haben, die Komplexität der hiesigen Welt mit ziemlich unterkomplexen Parolen zu flankieren. Und da sie auf diese Weise einsturzgefährdete Schlagworte abdämmen und somit stabilisieren müssen, kultivierten sie den ohnehin links verbreiteten Drang zum Moralisieren. Das ersetzte die Qualifikation, sich mit den realen Gegebenheiten auseinandersetzen. Haltung wurde zum Trendsetter. Wehe dem Linken, der es innerhalb seiner Community an einer solchen fehlen lässt! Den Kapitalismus verstehen die Linken vermutlich noch schlechter, als es die Rechten tun, auch weil sie die Ökonomie als Grundpfeiler einer fundierten Kapitalismuskritik hinter sich gelassen haben — dennoch klassifizieren sie den Kapitalismus ein Erzfeind. Und all jene, die es ihnen gleichtun — auf welche Weise auch immer —, gelten als Verbündete. An dieser Stelle wären wir zurück bei der seltsamen Freundschaft zwischen Linken und Islam.
Der „Fanatismus des Guten“, eine Formulierung des Dramatikers Botho Strauß, war der Linken stets immanent. In Wahrheit seit Anbeginn ihrer Existenz. Schon bei den Jakobinern fand sich der moralische Furor, der in eine Schreckensherrschaft mündete und etlichen Gegnern des Regimes — dessen wichtigstes Gremium der „Wohlfahrtsausschuss“ war, was auch auf die linke Meisterschaft hindeutet, Begriffe euphemistisch zu verschleiern — den Kopf kosten sollte. Die späteren Marxisten ließen keinen Zweifel daran, wie die Gesellschaft auszusehen habe: Im Namen des Guten musste alles umgekrempelt werden, die real-existierenden Erscheinungsformen setzten exakt dort an, sie wollten den „neuen Menschen“ verwirklichen und das setzte den Bruch mit den Strukturen voraus, die vorzufinden waren und die als historisch kontaminiert galten — abgeschaut hatte man sich das vom jakobinischen Zelotismus, der Gott abschaffte, die Sieben-Tage-Woche, die traditionellen Monate und vieles mehr. Denn in allem witterte man die Schuld, die Boshaftigkeit und Niedertracht der „alten Ordnung“ — die Marxisten und die späteren Kommunisten ersetzten den Begriff durch „den Kapitalisten“.
Im Westen gab sich die Neue Linke nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus kritisch gegenüber dem real-existierenden Sozialismus, aber weniger wegen der autoritären Exzesse, als wegen des Umstandes, dass diese Gemeinwesen nicht die reinste aller Lehren vertreten konnten — die waren längst in der Realpolitik angelangt und mussten Kompromisse eingehen, um den eigenen Bestand zu sichern. Im linken Milieu stieß das bitter auf — während man im Osten Stalin längst posthum ächtete, erfuhr der Woschd im Westen nach wie vor Zustimmung.
Die Idee der Linken, man kann es einfach nicht leugnen, ist eine westliche, eine westeuropäische und auch eurozentristische. Das schimmert bis heute immer dann durch, wenn sich die westliche Linke über nationale Bewegungen auf fernen Kontinenten mokiert und sie als kritisch einschätzt, ohne die Lage vor Ort und die historischen Bezüge auch nur zu kennen.
Die einzige linke Spielart, die sich von dieser überspannten Weltsicht gelöst und in einen gewissen Pragmatismus hinübergerettet hat, genießt unter standhaften Linken bis heute jedoch einen ganz schlechten Ruf.
Die Vorstellung ist vorbei
Die Rede ist von der Sozialdemokratie, die in der Nachkriegszeit in vielen europäischen Ländern zu einer Massenbasis wurde. Einer der Gründe für den Aufstieg ist in der sozialdemokratischen Einsicht zu suchen, dass die Bürger moderner Gesellschaften für strikte Ideologie nicht zu erwärmen sind. Sie schätzen den „Fanatismus des Guten“ nicht sonderlich, sondern ziehen Kontinuität, Sicherheit und Verlässlichkeit irgendwelchen Lehren und ihrem Bedürfnis nach reiner Umsetzung vor. Die Partei, die bis heute die Sozialdemokratie in Deutschland im Namen trägt, hat sich von dieser Nachkriegseinsicht ihrer parteilichen Vorgänger längst verabschiedet — sie gleicht mehr den Jakobinern als den Pragmatikern der 1960er- und 1970erjahre, die in Deutschland verkrustete Strukturen aufbrachen, für die Mehrzahl der Bürger dienliche Reformen anschoben und nebenher die Wiedervereinigung des gespalteten Landes vorbereiteten.
Für heutige Sozialdemokraten wirkt Willy Brandt wie ein konservativer Knochen — ja, der ehemalige Bundeskanzler wäre, käme er zurück auf Erden, sicherlich kein gerngesehener Gast in der Parteizentrale seiner Genossen, die nicht ganz zufällig seinen Namen trägt.
Brandt war eben Pragmatiker — und Pragmatismus ist den linken Kräften grundsätzlich suspekt, denn er zeugt von einer kompromisslerischen Haltung. Aber den Stoßtruppen „unserer Demokratie“, als die die Genossen mittlerweile auftreten, sind Kompromisse zwischen zweierlei Betrachtungen ein Graus. Sie sorgen dafür, dass falsche Ansichten — aus ihrer Sicht — nicht geächtet werden, sondern weiterhin diskutiert werden können. Und genau das möchte man doch ein für alle Mal beheben.
Womit wir zurückkommen auf die Reaktionen nach dem besagten Anschlag in Berlin. Sie zeugen davon, dass es keine andere Haltung geben kann als jene, die diese Klientel der Gesellschaft vorgibt. Wer in der Vergangenheit bezweifelte, ob die Vorgaben — Narrative, um es zeitgemäß auszudrücken — praktikabel seien, machte sich ganz automatisch verdächtig, wenn nicht sogar schuldig. Und nun, da vor den Augen der Weltöffentlichkeit erkennbar wird, dass die Mär von der harmonischen Multikulturalität mit islamophiler Grundessenz zerbrochen ist, verbleiben viele weiter auf dem Holzweg und suchen sich Nebenschauplätze, um eines nicht tun zu müssen, etwas, was Menschen nie gerne tun, die politische Linke aber noch viel weniger gerne: Sich einzugestehen, dass man sich geirrt haben könnte. Es wäre an der Zeit, endlich zuzugeben, dass man nackt ist und die Spötter, die den nackt stolzierenden Narziss auslachen, vielleicht doch richtig lagen.
Nicht zuletzt wäre es an der Zeit, die „Kooperation“ mit dem Islam zu beenden und diese Religion nicht mehr zu glorifizieren. Doch woran es an der Zeit wäre, spielt im Kosmos linker Parteigänger keine Rolle — sie sind so hochnäsig und elitär, wie es Andersens märchenhafter Kaiser war. Sie halten durch, setzen lieber noch einen drauf, eskalieren die Problematik.
Der schon erwähnte Botho Strauß schrieb mal, dass die Linke seit Beendigung des Krieges „den Anfängen wehren“ wolle, doch sie sei letztlich untauglich, „selber einen brauchbaren Anfang zu setzen“. Zurückzuführen sei das auf deren „Überlieferungs- und Stimmungsgeschichte“, also auf ein Geschichtsverständnis, das auf Haltung setzt und weniger auf Realitäten. Vor diesem Hintergrund beklagt die Linke, diese erschöpfte Kraft, deren letzte Utopie wieder einmal der neue, der moralisch integre homo harmonicus ist, den um sich ausbreitenden Rechtsruck. Sie blendet wesentlich aus, dass sie — ihr Versagen, ihr überbordender Drang, den Staat gegen den Menschen zu wenden und letzteren „umzubauen“ — die Ursache dieser Entwicklung ist. Über Jahrzehnte hat sie an neuralgischen Punkten der Gesellschaftlich ihr Weltbild unter die Leute bringen können — in Medien, Kunst und Kultur ganz besonders —, doch schlussendlich haben ihre Vertreter den Bogen so sehr überspannt, wie sie es selbst sind.
Vielleicht gäbe es eine Renaissance für eine Linke, wenn sie sich nun in Demut übt und ihr Scheitern nicht mehr kaschiert — aber wenn das geschähe, ist sie vermutlich keine Linke mehr, denn diese Überheblichkeit ist eines der tragischen Grundelemente dieser Weltanschauung.