Ob nun die Kinder-Nachrichtensendung logo! — mal wieder! —, die einem freundlichen Bericht zum Ende der muslimischen Fastenzeit einen kurzen Beitrag über das dunkle und menschenverachtende Christentum gegenüberstellt oder extra3, das einer Muslima spöttische Worte zum Osterfest in den Mund legt. Ob von den Grünen ein organisiertes gemeinsames Fastenbrechen im Bundestag, während es ihnen gar nicht in den Sinn kommt, den Bürgern ein frohes Osterfest zu wünschen, oder von allen eingeforderte Rücksichtnahme auf muslimische Essgewohnheiten: Indizien dafür, wie linksliberale Shit- und Bückbürger — um die ziemlich treffenden Worte Ulf Poschardts anzuwenden — den Islam hofieren, gibt es wie Sand am Meer. Woher kommt dieses Faible der linksliberalen Blase für den Islam?
Kirche soll woke werden, der Islam ist gut, wie er ist
Denn an sich sind diese Leute ja überhaupt keine Freunde der Religion. Im Gegenteil, sie lehnen sie ab und wenn sie irgendwo mal etwas von Karl Marx aufgeschnappt haben sollten, wissen sie freilich auch einen passenden Vers zu zitieren, sie sind halt „bibelkundig“: Religion sei eh nur Opium für das Volk. Dabei verstehen sie noch nicht mal, was der Trierer einst wirklich ausdrücken wollte, weil sie die dem Opium vorgelagerte Passage vom „Seufzer der bedrängten Kreatur“ nicht kennen, die die Religion zum „Gemüt einer herzlosen Welt“ werden lässt.
Kurz: Marx erkannte eine Doppelfunktion der Religiosität, darunter eine wichtige Funktion — so weit gehen die antireligiösen Bilderstürmer heute freilich nicht, schlicht deshalb, weil sie eingebildet genug sind zu glauben, mit einem kastrierten Marx-Zitat alles zur Sache gesagt zu haben.
Marx ist kein schlechtes Stichwort: Die Katholische Kirche hat ja auch einen Reinhard mit Vornamen, Erzbischof von Freising und München — und bis 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Der Mann war maßgeblich an Deutschlands Synodalem Weg beteiligt, der Modernisierung der Amtskirche — was so viel bedeutete wie: Die deutschen Bischöfe wollten sich dem Zeitgeist anbiedern, was in Rom schon während des Reformpontifikats von Papst Franziskus nicht sonderlich gut ankam. Sein Nachfolger, der aktuelle Bischof von Rom, hat vielen Ansätzen der deutschen Hirten schnell eine Abfuhr erteilt, nachdem er noch am Tag seiner Papsternennung auf der Benediktionsloggia von Synodalität sprach. Papst Leo XIV. meinte damit allerdings etwas grundlegend anderes: Die Kirche sollte als gemeinsamer Weg aller Gläubigen wirken, der Laie gehöre demnach auf dieselbe Weise zu ihr, wie es der Priester tut — synodal bedeutet übersetzt nicht weniger als „zu einer kirchlichen Versammlung gehörend“. Diese Zusammengehörigkeit muss allerdings aus Sicht der römischen Amtskirche ohne die Aufgabe von Glaubensgrundsätzen erfolgen, wie es im synodalen Ansatz in Deutschland vorgesehen war und noch immer ist.
Die Synodalität nach deutschem Muster kam hierzulande freilich gut an, den Katholizismus so zu prägen, dass er zu einer evangelischen Kirche würde, einer Mischung aus grünem Parteitag, einer woken Selbstkasteiungskult und institutionalisierter Religionsfeindlichkeit also: Das war — und ist noch immer — eine attraktive Vorstellung für unzählige „ganz aufgeweckte“ Köpfe im Lande.
Die vorherige Wortwahl ist — nochmal reflektiert — gar nicht zutreffend. Religionsfeindlichkeit ist nicht die Absicht — es geht den linksliberalen Meinungsmachern um eine Verachtung des Christentums, der man lediglich entkommen kann, wenn man einen vermeintlich progressiven Weg einschlägt und so auftritt, wie es die Evangelische Kirche in Deutschland längst tut: Mit einem queeren Gottesbild und einem neuen jüngsten Gericht, das sich „Klimawandel“ nennt. Völlig ausgeschlossen von jeder Religionskritik ist jedoch der Islam im Lande. Über ihn verliert kaum jemand ein schlechtes Wort, ganz im Gegenteil, es scheint so, als halte man ihn in linksliberalen Kreisen für äußerst innovativ und für eine zukunftsträchtige Alternative für ein mitteleuropäisches Land. Galant schaut man über dessen patriarchale Strukturen hinweg, die man sonst an jeder Ecke wittert — etwa, wenn Männer auch wie Männer aussehen möchten. Frauenverachtung? Die weiß man anzuprangern, weil es keine katholischen Priesterinnen gibt — aber einer Frau nicht die Hand geben zu wollen, ihr alltägliche Freiheiten zu erschweren oder gar unmöglich zu machen, thematisiert man lieber nicht. Natürlich setzt man sich auch dafür ein, dass der Islam von der Öffentlichkeit gesehen wird, er soll offen praktiziert werden können — das wäre an sich in Ordnung, wenn man nicht andererseits das Christentum gerne verdrängt sähe.
Antikapitalistisch vereint?
Während das linksliberale Milieu es begrüßt, dass Kruzifixe von Amtsstuben und Schulen ausgeschlossen bleiben, empört es sich, wenn jemand das Kopftuch bei Lehrerinnen moniert. Es lässt sich objektiv betrachtet einfach nicht leugnen, dass es eine seltsame Symbiose zwischen Linken und dem Islam gibt — eine, die jede Religionsfeindlichkeit fahren lässt, die der Linken schon historisch immanent ist — man denke an den atheistischen Eifer der Jakobiner —, und die den Islam letztlich zu einer Religion erhebt, die edler, vernünftiger und tiefgründiger sein soll als alle anderen Arten, sich seinem Gott zu nähern. Selbst wenn junge, aufgepeitschte Männer auf Deutschlands Straßen das Kalifat einfordern und damit von der Unternehmung beseelt sind, „diese Ordnung zu beseitigen“, wie es Artikel 20 des Grundgesetzes ausdrückt, findet man links noch verurteilende Worte für alle, die eine solche Kundgebung kritisieren. Dass Islamisten eben nicht politisch neutral auftreten, eben auch, weil der Islam seinem Wesen nach von Anbeginn seiner Existenz politisch war — Mohammad war zunächst Prophet, nach der Hidschra, der Auswanderung nach Medina, etablierte er seinen Anspruch als politischer Führer —, halten die meisten Linksliberalen offenbar sogar für lobenswert. Seit damals ist der Islam also politisch — das wiederum gestehen Linksliberale den christlichen Konfessionen nur zu, wenn sie völlig auf Linie mit den Moden der Zeit sind. Beanstanden sie diese aber, halten sie politische Äußerungen aus diesem Lager für unerträglich und möchten kritische Stimmen am liebsten zum Schweigen bringen.
Was sehen diese Leute denn nun im Islam, was sie in den christlichen Kirchen — besonders im Katholizismus — nicht zu erkennen vermögen? Vermutlich muss man an den Beginn dieses Jahrhunderts zurückgehen, um die Komplizenschaft zwischen linksliberalem Bürgertum und Islam nachvollziehen zu können — ein gewisser linker Antiamerikanismus verbrüderte sich seinerzeit mit einer völlig falschen Auffassung vom Islam. Dieser sei, so glaubt man in linken Kreisen bis heute, ein Gegenspieler des Kapitalismus — eben auch des kapitalistischen Imperialismus der Vereinigten Staaten. Als Washington seinen Krieg gegen den Terror entfesselte, der letztlich vor allem den islamistischen Terror ins Auge fasste, glaubte das linksliberale Milieu ganz offenbar, dass der Islam wie sie eine antikapitalistische Haltung an den Tag lege — immerhin kenne jene Religion Einrichtungen wie die Riba, das Zinsverbot, oder den Zakat, die Pflicht zu Almosen.
Die islamische Ökonomie — so es dergleichen überhaupt als feststehenden Begriff gibt — sei gewissermaßen ursprünglicher, von Marktmechanismen befreit und der dortige Werktätige nicht von seiner Arbeit entfremdet. Außerdem berücksichtigten islamische Banken Riba, Gharar, das Spekulationsverbot der Scharia, und Maysir, das Verbot des Glücksspieles, was sie gewissermaßen zu karitativen Einrichtungen mache. Das stimmt natürlich nicht ganz, auch islamische Banken wollen verdienen — aber diese Vorgaben aus dem Koran hören sich so ethisch und antikapitalistisch an, dass man es glauben möchte. Zumal sah Islamic Banking nach der Bankenkrise wie der natürliche Gegenspieler des Finanzkapitalismus aus.
Dieser Romantizismus hält der Realität nicht stand — aber er prägte den linken Umgang mit dem Islam im 20. Jahrhundert maßgeblich. 1994 hatte der Vorsitzende der kleinen britischen Socialist Workers Party einen Aufsatz veröffentlicht, der den Titel „Der Prophet und das Proletariat“ trug. Chris Harman — so der Name des Vorsitzenden — ging in der Arbeit der Frage nach, wie antikapitalistisch und damit wie aufgeklärt für linke Ansätze der Islam tatsächlich ist. Eignet er sich für ein Bündnis gegen die Imperialisten der kapitalistischen Marktordnung?
Harman attestierte zwar vielen islamischen Bewegungen, auch und ganz besonders den radikalen, dass sie ein soziales Motiv in sich tragen würden, sie seien aus sozialer Ungerechtigkeit hervorgegangen, aber für eine emanzipatorische Partnerschaft eignete sich der Islam für europäische Linke mitnichten.
Zwar seien islamistische Gruppierungen letztlich auch Teil einer globalen Protestbewegung, die sich dem neoliberalen Masters of the Universe nicht unterwerfen wollten, doch deren Ideologie könne man von links nicht unterstützen. Jahre später trat aber genau dies ein — auch weil Muslime nach den Anschlägen auf das World Trade Center und anderen Terrorvorgängen marginalisiert wurden. Linksliberale ergriffen nun beschützend Partei für den Islam, gaben dabei aber die nötige Distanz auf, die man auch als Anwalt gegenüber seinen Klienten an den Tag legen sollte. Denn richtig war, dass nicht jeder Muslim ein Terrorist war — aber dabei gleich auszublenden, dass der politische Islam nichts für seine terroristischen Ableger könne, war nicht statthaft.
Der Feind ihrer Feinde ist ihr Freund
Die gemeinsame Ablehnung des Westens, bei den einen motiviert durch Selbsthass, bei den anderen durch US-Stationierungen und von Washington diktierten Marktregularien — von denen erstere in ihren bequemen Großstadtkiezen sogar profitierten —, vereinte die beiden doch so gegensätzlichen Pole. Man verabscheute gemeinsam die westliche Art des Produzierens und Handelns, den Imperialismus und auch den Kolonialismus — so konnte man sich recht einfach einbilden, dass man gemeinsame Interessen teilt und der Islam im Grunde seines Wesens eine eher linke Religion sein müsse. Über die Gegensätze sah man großzügig hinweg. Das gemeinsame Feindbild der Vereinigten Staaten und der Organisationen, die die Weltwirtschaft nach den Interessen westlicher Industriestaaten, allen voran Washingtons, organisieren und regulieren, ließ eine ziemlich ungleiche Liebe entstehen.
Wobei es eher Verliebtheit ist — zumindest von linker Seite. Denn diese Annäherung ist größtenteils einseitig, die Islamisten können ihr Glück kaum fassen, im Westen jemanden gefunden zu haben, der so treudoof an ihrer Seite steht. Wie unter Verliebten üblich, trägt das linksliberale Milieu eine rosa Brille; die bedenklichen Eigenschaften des Partners, die sich mit einer liberalen Gesellschaftsordnung kaum vereinbaren lassen, werden schier ignoriert — die guten Seiten hingegen überbetont oder einfach angenommen.
Michel Houellebecq hatte im oben erwähnten Roman zumindest insoweit recht, dass es offenbar eine tiefe Sehnsucht der Linksliberalen nach einer Instanz gibt, die das „Anything goes“ des Liberalismus aufhebt und einen neuen verbindlichen Rahmen setzt, dem sich die Massen unterordnen sollten. Und wenn es dann auch noch der vermeintlich zentrale Gegenspieler des US-Kapitalismus und der globalen US-Hegemonie ist, dann akzeptiert das Milieu natürlich die neuen HerrenD einer gewissen Wonne. Indes fragt man sich: Die saudischen Wahhabiten als Antikapitalisten? Über so viel linke Naivität muss man wirklich lachen — um nicht zu heulen.
In der islamischen Welt, so man das Faible der europäischen Linken für ihre Religion überhaupt wahrnimmt, mag man sich wirklich wundern über diese Zuneigung — aber offenbar hält man die Linken schlicht für dumm. Deren Freizügigkeit in Dingen der Sexualität wirkt auf den Islam nicht nur befremdlich, sondern geradezu gefährlich und gesellschaftszersetzend. Doch die Linken sind für Islamisten ein Garant dafür, die westlichen Gesellschaften mit ihrer Vorliebe, den Islam zu romantisieren, in Aufruhr zu versetzen. Nochmal deutlich gesagt: die Islamisten sind es, die die Linken schätzen — nicht die normalen Muslime, die uns im Alltag begegnen. Sie schätzen sie allerdings nicht, weil sie sie wirklich leiden können, sondern weil sie nützliche Idioten für sie sind. Nur weil die Linken seit bald einem Vierteljahrhundert annehmen, dass der Islam irgendwie die letzte Bastion gegen kapitalistische Großmachtpolitik und Imperialismus ist, rückten sie so nah an diese Religion, die rein inhaltlich betrachtet recht weit von progressiven Positionen entfernt ist. Weil sie den Islam als den Feind der USA, des Kapitalismus, des Westens einstufen, maßregeln sie islamistische Übergriffe so gut wie nie — dem Feind des Feindes muss man eben freundschaftlich begegnen.
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