Die zu rettende Frau

Frauenrechte werden immer stärker als Vorwand genutzt, um Kriegshandlungen zu rechtfertigen.

Davon konnten die Frauenbewegten früherer Generationen nur träumen: Die Rechte der Frau sind in diesen Tagen in aller Munde. Schon der Afghanistankrieg wurde bekanntermaßen hauptsächlich ihretwegen geführt. Nun wiederholt sich das Spiel mit Blick auf die unterdrückten Frauen des Iran. Es erinnert an ein Märchenmotiv: Die „Damsel in distress“ (Jungfer in Nöten) bedarf der Rettung durch einen — in diesem Fall westlichen — Mann. Der besiegt den Drachen oder die Räuberbande und befreit die Notleidende. In unserem Kontext meint dies natürlich „das Mullah-Regime“. Nun liegt bei der Situation der Frauen im Iran sicher vieles im Argen, wenn man die Maßstäbe gebildeter, emanzipierter Westler anlegt. Doch stellen sich bei den Befreiungsanstrengungen der USA und Israels zwei heikle Fragen: 1. Geht es den Akteuren wirklich um die Rechte des vermeintlich schwachen Geschlechts oder nicht vielmehr um globalpolitische Macht und Zugang zu Ressourcen? Und 2. Wie viel haben die bisherigen Befreiungsanstrengungen den zu Befreienden wirklich gebracht? Sah man etwa massenweise lachende, vom Schleier befreite Gesichter? Oder nicht vielmehr Tränen in den Augen Tausender von Frauen angesichts toter Männer und Kinder, zerstörter Lebensgrundlagen und durch westliche Sanktionen verursachter verschärfter materieller Not? Die Autorin fordert in ihrem Artikel die westlichen Waffenbrüder auf, ihren eigenen Anteil bei der Vorgeschichte dieses verheerenden Krieges einzugestehen und damit aufzuhören, Frauenrechte gleichsam als Kriegswaffe einzusetzen. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „Frau, Mann, Macht“.

„Wir müssen eingreifen — um die Frauen zu befreien.“ Dieser Satz klingt edel. Und genau darin liegt seine Gefährlichkeit. Denn er verwandelt Krieg in Moral, Bomben in Wohltätigkeit und geopolitische Interessen in Menschenrechte. Wer so spricht, macht aus Frauen keine Subjekte, sondern Mittel zum Zweck.

Das zeigt sich immer wieder: Kriege werden nicht nur mit strategischen Interessen begründet, sondern auch mit moralischer Rhetorik aufgeladen. Dann geht es plötzlich nicht mehr um Macht, Einflusssphären, Rohstoffe oder geostrategische Kontrolle, sondern um Freiheit, Würde und Menschenrechte. Besonders häufig wird dabei auf die Lage von Frauen verwiesen. Sie sollen angeblich befreit werden — notfalls mit militärischer Gewalt.

Doch Emanzipation lässt sich nicht herbeibomben.

Krieg bringt Frauen keine Freiheit, sondern Verwundbarkeit: Tod, Flucht, Verlust, Verarmung, sexuelle Gewalt, zerbrochene Familien, Angst — und oft neue Formen religiöser, staatlicher oder militärischer Kontrolle.

Das ist keine ideologische Behauptung, sondern ein nüchterner Blick auf das, was Krieg tatsächlich hervorbringt.

Der moralische Vorwand

Als der CDU-Politiker Norbert Röttgen im Bundestag erklärte: „Ja, Krieg ist übel, aber das Mullahsystem ist noch übler“, formulierte er eine Logik, die uns aus der Geschichte vertraut ist. Wenn ein politisches System moralisch absolut delegitimiert wird, erscheint Gewalt plötzlich als notwendiges Übel. Krieg wird dann nicht mehr als Bruch des Völkerrechts wahrgenommen, sondern als verantwortungsvolle Handlung, fast als moralische Pflicht.

Genau so funktioniert moderne Kriegspropaganda. Sie arbeitet nicht mehr nur mit Angst, sondern mit moralischer Selbstüberhöhung. Der Gegner wird zum absolut Bösen erklärt, die eigene Gewalt zur humanitären Notwendigkeit. Wer widerspricht, gerät schnell unter Verdacht, mit dem Falschen zu sympathisieren.

Besonders perfide wird dieses Muster dort, wo Frauenrechte als Rechtfertigung für Krieg herangezogen werden. Denn kaum etwas eignet sich besser für moralische Aufladung als das Bild der unterdrückten Frau, die angeblich von außen gerettet werden müsse.

Doch wer Frauenrechte wirklich ernst nimmt, müsste eine einfache Frage beantworten: Warum werden sie so selektiv als Kriegsargument benutzt?

Warum werden Frauenrechte genau dann beschworen, wenn es um geostrategische Interessen geht, während man gegenüber Partnerstaaten wie Saudi-Arabien oder Ägypten auffallend zurückhaltend bleibt, obwohl auch dort Frauen entrechtet, eingeschüchtert und strukturell benachteiligt werden?

Die Antwort ist ganz einfach: weil Frauenrechte nicht der eigentliche Grund sind, sondern das moralische Etikett für einen längst vorbereiteten Kurs.

Krieg braucht Amnesie

Wer verstehen will, warum Länder wie der Iran heute so sind, wie sie sind, darf nicht erst dort anfangen, wo der Westen seinen moralischen Zeigefinger erhebt. Geschichte beginnt nicht mit dem Feindbild, das gerade gebraucht wird.

Im Fall des Iran müsste man mindestens bis 1953 zurückgehen. Damals wurde der demokratisch gewählte Premierminister Mohammad Mossadegh durch einen von der CIA und dem britischem Geheimdienst organisierten Putsch gestürzt. Sein „Vergehen“ bestand darin, die iranische Ölindustrie verstaatlichen zu wollen. Was im Westen oft wie eine historische Fußnote behandelt wird, hat sich im kollektiven Gedächtnis des Iran tief eingeprägt: Der Versuch, nationale Selbstbestimmung durchzusetzen, wurde von außen beendet.

Nach diesem Putsch wurde der Schah mit westlicher Unterstützung wieder fest an die Macht gebracht. Der Iran galt lange als modernisierter, stabiler Partner des Westens. Doch diese Stabilität hatte einen Preis: massive Repression, politische Verfolgung, Folter durch die Geheimpolizei SAVAK und die Zerstörung demokratischer Opposition.

Im Westen sprach man von Fortschritt. Viele Menschen im Iran erlebten Demütigung und Fremdbestimmung.

Aus traumatherapeutischer Sicht beginnt Geschichte selten dort, wo wir sie erzählen. Sie beginnt dort, wo Menschen oder ganze Gesellschaften die Erfahrung machen, dass fremde Mächte über ihr Schicksal bestimmen.

Die verdrängte Vorgeschichte

Als 1979 das Schah-Regime stürzte, war die Revolution zunächst eine breite gesellschaftliche Bewegung. Liberale, Linke, Religiöse, Studenten, Intellektuelle — viele beteiligten sich. Doch Revolutionen entstehen selten aus innerer Stabilität. Sie entstehen aus aufgestauter Wut, aus verletztem Stolz und aus dem verzweifelten Bedürfnis, Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen.

In solchen Situationen gewinnen oft jene Kräfte die Oberhand, die einfache Antworten, klare Feindbilder und moralische Ordnung versprechen.

So entstand die Islamische Republik — vom Westen nicht verhindert, sondern teils begünstigt.

Autoritäre Strukturen entstehen nicht aus dem Nichts. Sie wachsen oft auf dem Boden kollektiver Verletzungen, Demütigungen und nicht verarbeiteter Geschichte.

Wer diese Vorgeschichte ausblendet, wiederholt genau das Muster, das neue Gewalt vorbereitet: Die Geschichte beginnt scheinbar immer erst dort, wo der Gegner auftaucht. Der eigene Anteil verschwindet aus der Erzählung.

Die traumatherapeutische Perspektive

In der Arbeit mit traumatisierten Menschen zeigt sich immer wieder ein bestimmtes Muster: Wenn Schuld, Ohnmacht oder eigener Schmerz nicht bewusst gehalten werden können, entstehen Abwehrmechanismen. Idealisierung. Spaltung. Projektion. Täter-Opfer-Umkehr. Moralische Überhöhung.

Was auf individueller Ebene geschieht, lässt sich auch gesellschaftlich beobachten.

Dann heißt es:

  • Wir sind die Guten.
  • Wir bringen Freiheit.
  • Der Gegner wird zum Inbegriff des Bösen.
  • Die Opfer der eigenen Gewalt verschwinden aus dem Blick.
  • Und wer das kritisiert, wird ausgegrenzt.

Ich nenne das moralische Entlastungsrhetorik.

Sie funktioniert wie ein Betäubungsmittel. Man fühlt sich auf der richtigen Seite und muss nicht mehr wahrnehmen, welches Leid das eigene Handeln verursacht. Der moralische Glanz schützt vor Schuld- und Schamgefühlen. Er macht blind für reale Gewalt.

Wenn plötzlich „Frauenrechte“ als Kriegsbegründung ins Feld geführt werden, ist Vorsicht geboten. Häufig geht es dann nicht um die Rechte von Frauen, sondern darum, militärische Gewalt moralisch aufzupolieren. Das geschieht oft über das Bild der angeblich von außen zu rettenden Frau.

Traumatherapeutisch ist das ein bekanntes Muster: Man inszeniert sich als Retter, um nicht fühlen zu müssen, dass man Täter ist.

Afghanistan als Lehrstück

Afghanistan zeigt exemplarisch, wie diese Sprache funktioniert. Der Krieg ab 2001 wurde nicht nur als Reaktion auf Terror verkauft, sondern ausdrücklich auch als Einsatz für die Rechte und die Würde afghanischer Frauen. Laura Bush, die Ehefrau von Präsident George W. Bush und damalige First Lady, erklärte am 17. November 2001 in einer offiziellen Radioansprache, der Kampf gegen den Terror sei auch ein Kampf für die Rechte und die Würde von Frauen.

Natürlich gab es nach 2001 reale Verbesserungen. Viele Mädchen konnten wieder zur Schule gehen. Aber auch das gehört zur Wahrheit: Afghanistan war nicht immer das Land der Burka, als das es im Westen gern dargestellt wurde. Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren gab es — vor allem in Kabul — Frauen, die studierten, arbeiteten und westlich gekleidet waren. Diese Freiheiten waren jedoch sozial und geografisch begrenzt und wurden durch Krieg und Islamisierung weitgehend zerschlagen.

Aber genau hier liegt der Punkt, den man nicht verdrängen darf: Diese Fortschritte waren nicht der Beweis, dass Krieg Frauen befreit. Sie waren Teil eines gigantischen, von außen finanzierten Staatsaufbaus, der gleichzeitig von Korruption, Fehlanreizen, Scheinstrukturen und Abhängigkeiten durchzogen war.

Und das Ende dieser Geschichte ist brutal eindeutig. Als der militärische Schutzrahmen 2021 zusammenbrach, erwiesen sich die angeblich erreichten Frauenrechte nicht als tragfähig. Sie wurden in kurzer Zeit wieder zurückgedrängt. Millionen Mädchen blieben erneut vom Unterricht ausgeschlossen.

Wer nach Afghanistan immer noch behauptet, Bomben seien ein Weg zu Frauenrechten, verweigert sich der Realität. Krieg schafft keine stabile Freiheit. Krieg schafft Ausnahmezustände. Und Ausnahmezustände sind der Nährboden für Kontrolle, Gewalt und Rückschritt.

Der Westen und seine Selbstüberhöhung

Besonders heuchlerisch ist dabei die westliche Selbstinszenierung als Befreier. Der Westen tritt gern so auf, als sei Gleichberechtigung sein natürlicher Zustand und als hätte er das moralische Recht, andere Länder diesbezüglich zu belehren. Das ist geschichtsblind.

Frauenrechte sind auch im Westen jung, mühsam erkämpft und bis heute keineswegs vollständig verwirklicht. Frauenwahlrecht, Zugang zum Studium, rechtliche Gleichstellung in der Ehe — all das kam spät, vielerorts erschreckend spät. Gerade jene Gesellschaften, die heute am lautesten von Befreiung sprechen, haben Frauen über Jahrhunderte entrechtet, bevormundet und politisch ausgeschlossen.

Wer anderen Ländern moralische Nachhilfe geben will, sollte wenigstens die eigene Geschichte kennen.

Das gilt auch für den Iran. Dort erhielten Frauen bereits 1963 das Wahlrecht, und seit Jahrzehnten studieren dort Frauen in hoher Zahl. Das ändert nichts an der Repression des heutigen Systems. Aber es entlarvt die primitive westliche Erzählung, im Iran habe es für Frauen ausschließlich Finsternis gegeben, bis der Westen auftauchte, um Licht zu bringen.

Diese Sichtweise ist nicht nur falsch. Sie ist kolonial im Denken.

Was Krieg Frauen tatsächlich antut

Wenn ein Land bombardiert wird, verlieren Frauen nicht nur Sicherheit. Sie verlieren medizinische Versorgung, Schutzräume, soziale Netze, Einkommen, Bildungswege, politische Handlungsmöglichkeiten und oft jede Form von Alltagsstabilität.

Krieg macht Gesellschaften nicht freier. Er macht sie meist härter, kontrollierter und autoritärer. Wenn ein Land sich bedroht oder belagert fühlt, wachsen fast immer die Macht von Sicherheitsapparaten, Militärstrukturen, patriarchalen Ordnungsmustern und religiösen Hardlinern.

Frauen spüren das zuerst:

  • an Kleidungsvorschriften,
  • an eingeschränkter Bewegungsfreiheit,
  • an sexualisierter Gewalt,
  • an wirtschaftlicher Abhängigkeit,
  • am Verlust von Sichtbarkeit im öffentlichen Raum
  • und daran, dass ihre Kinder sterben, wenn Schulen zerstört werden und selbst Mädchenschulen nicht mehr sicher sind.

Wie konkret das ist, zeigte zuletzt der Angriff auf eine Mädchenschule im südiranischen Minab, bei dem Menschen getötet wurden und Bilder von blutverschmierten Schulheften um die Welt gingen.

Wer also behauptet, Bomben würden Frauen befreien, sagt in Wahrheit: Das Leiden realer Frauen ist hinnehmbar, solange es in unsere strategische und moralische Erzählung passt.

Freiheit ist kein Exportprodukt

Frauenrechte entstehen nicht durch Fremdherrschaft. Sie wachsen aus inneren gesellschaftlichen Prozessen: aus Bildung, Mut, Solidarität, zivilen Kämpfen, rechtlichen Auseinandersetzungen, sozialen Bewegungen und kulturellen Veränderungen.

Im Westen hat das Jahrzehnte, oft Jahrhunderte gedauert. Nichts daran war ein Geschenk. Nichts davon wurde militärisch von außen installiert.

Wenn westliche Politik heute so tut, als könne sie Frauenrechte in anderen Ländern mit Waffengewalt herstellen, dann ist das nicht nur arrogant, sondern auch gefährlich. Denn es verwandelt Frauen in Projektionsflächen. Die „zu rettende Frau“ wird zur moralischen Bühne, auf der Mächte ihre Selbstinszenierung aufführen, während reale Frauen in den Trümmern sitzen.

Hinter jedem „System“, über das gesprochen wird, stehen Menschen mit widersprüchlichen Biografien, Hoffnungen, Verletzungen und Bindungen. Wer das nicht mehr sehen kann, hat bereits den ersten Schritt in Richtung Entmenschlichung getan.

Frieden braucht Erinnerung

Vielleicht liegt das eigentliche Problem vieler geopolitischer Konflikte darin, dass ihre Vorgeschichte systematisch ausgeblendet wird. Wir reagieren auf Symptome, ohne die tieferen Ursachen sehen zu wollen. Wir verurteilen die Gegenwart, ohne die Geschichte anzuerkennen, aus der sie entstanden ist.

Traumatherapie zeigt: Heilung beginnt dort, wo Geschichte nicht länger verdrängt wird.

Nicht, um Gewalt zu entschuldigen. Sondern um ihre Dynamik zu verstehen und ihre Wiederholung zu unterbrechen.

Denn Krieg beginnt selten mit Bomben.

  • Er beginnt dort, wo Erinnerung verdrängt wird.
  • Er beginnt dort, wo Macht sich moralisch verkleidet.
  • Er beginnt dort, wo Frauenrechte zur Kriegswaffe werden.

Und er beginnt dort, wo der Westen sich als Retter inszeniert, statt den eigenen Anteil an zerstörter Geschichte zu erkennen.

Wer Frauenrechte ernst meint, muss aufhören, sie als Vorwand für Gewalt zu missbrauchen.