Gesichtsverlust im Geschlechterkrieg

Säureanschläge sind in vielen Ländern grausame Alltagsrealität — sie beabsichtigen, das Opfer seiner Schönheit zu berauben und demonstrieren dabei die innere Verkommenheit der Täter.

Das Gesicht gilt vielfach als Spiegel der Seele. Zugleich ist es die Körperregion, die wie keine zweite für die zwischenmenschliche Kommunikation genutzt wird. Das gilt im Besonderen, wenn es um die Anziehung zwischen den Geschlechtern geht: Jemandem schöne Augen machen, ein herzliches Lächeln, ein offenes Ohr für jemanden haben oder einander „riechen können“ all diese Redewendungen haben mit unserem Gesicht zu tun. Doch was geschieht, wenn genau diese Körperregion angegriffen, verletzt, entstellt wird? In vielen Ländern in Zentral- und Südostasien geschieht das regelmäßig in Form von Säureangriffen — zuweilen auch in Europa. Das Leben der Betroffenen ist nach einer solchen, nicht wiedergutzumachenden Tat nachhaltig eingeschränkt, gar zerstört. Körperliche und seelische Qualen sind jahrelange Begleiter, häufig droht gesellschaftliche Isolation, weil der betroffene Mensch sich mit seinem Gesicht nicht mehr unter Menschen traut. Warum tun Menschen — meist Männer Frauen — einander etwas derart Böses an? Wie können sie eine solch grausame Tat überhaupt vollziehen? Und was hat es mit der Schönheit auf sich, die bei solchen Angriffen im Mittelpunkt steht? Ist Schönheit ausschließlich das, was sich sinnlich mit den Augen erfassen lässt? In unserer zumeist oberflächlich-materialistisch geprägten Welt scheinen äußere Merkmale die Hauptwährung für Attraktivität zu sein. Diese täuschen jedoch nicht selten über innerseelische Unvollkommenheit oder teils auch charakterliche Hässlichkeit hinweg. Mit Blick auf die innere Schönheit sind es am Ende die Täter selbst, die sich ihrer berauben. Das Phänomen der Säureanschläge ist die zugespitzte Form des „(Kriegs) in der Liebe“ (Christa Dregger). Ein Beitrag zur Sonderausgabe „Frau, Mann, Macht“.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Antoine de Saint-Exupéry — „Der kleine Prinz“

Wie fragil die rein oberflächliche Schönheit sein kann, demonstriert ein Kapitel aus Anthony Horowitzs James-Bond-Roman „Forever and one day“. Dieses übersteigt in Sachen Grausamkeit alles, was die insgesamt 25 Bond-Filme jemals auf die Leinwand gebracht haben. Bond ist an einen Stuhl fixiert. Der Antagonist Jean-Paul Scipio ist ein Drogenproduzent, der entsprechend mit unterschiedlichsten und eben auch hochaggressiven Chemikalien hantiert. Dem Geheimagenten eröffnet Scipio, dass es ihm nicht behagt, dass der britische Geheimdienst in seinen Angelegenheiten herumschnüffelt. Während er das ausführt, befüllt er ein Glas mit einer Säure. Mit sadistischer Bosheit kündigt er an, Bond mit dem Inhalt des Glases zu überschütten und skizziert dessen weitere Zukunft, in welcher der attraktive Brite fortan blind und behindert, als bis zur Unkenntlichkeit entstellter Pflegefall sein Dasein fristen würde. Bond versucht noch panisch, seinen Gegenspieler mit Worten von der Tat abzuhalten. Vergeblich. Scipio schüttet James Bond die Flüssigkeit ins Gesicht.

Und nun? War dies das tragische Ende der Männerikone James Bond? Es sind Höllenqualen, die der Agent erleidet — doch sein Gesicht … das bleibt unbeschadet. Bei der Flüssigkeit handelte es sich nämlich — anders als angekündigt — nicht um Säure, sondern nur um eiskaltes Wasser. Das änderte allerdings nichts daran, dass Bond in der grauenvollen Erwartung, dem Nocebo-Effekt, davon ausging, dass sich die Flüssigkeit durch sein Gesicht fressen würde. Scipio gibt ihm zu verstehen, dass dies eine Warnung gewesen sei. Würde er, Bond, weiter ermitteln, dann befände sich beim nächsten Mal tatsächlich Säure in dem Glas. Im nächsten Kapitel reflektiert Bond — nachdem er sich mit Tabak und Alkohol wieder reguliert hat — die Situation vor dem Badezimmerspiegel, in welchem er sein Gesicht betrachtet, das er an diesem Tag beinahe verloren hätte. Er wird sich klar darüber, dass sein Gesicht das ist, womit er sich zeitlebens identifiziert hat und es immer noch tut.

Wie keine zweite Körperregion ist das Gesicht das zentrale Erkennungsmerkmal unseres menschlichen Daseins. Zugleich ist es der Ort unseres Körpers, der den zentralen Kommunikationsknotenpunkt zwischenmenschlichen Austausches darstellt.

Mit den Augen sehen wir einander an, manchmal sogar direkt in die jeweiligen Augenpaare des anderen. Mit den Ohren hören wir uns, die Nase gibt uns Auskunft, ob wir den anderen „riechen“ können. Und zu guter Letzt ist es der Mund, mit dem wir uns verbal austauschen und — im Kontext von Liebe — berühren. Unerwähnt bleiben die unzähligen Gesichtsmuskeln, die unsere schier unendliche Variation an Mimik ermöglichen.

Entsprechend ist das Gesicht der Teil unseres Körpers, der wie kein anderer gehegt und gepflegt wird. Von den über 600 Milliarden Euro des weltweiten Jahresumsatzes für Kosmetikprodukte fallen mehr als ein Viertel, also rund 180 Milliarden Euro, auf Hautpflege, was primär das Gesicht betreffen dürfte. Hinzu kommen dann noch einmal 15 Milliarden Euro Jahresumsatz für plastische Gesichtschirurgie. Mit ökonomischen Begriffen gesprochen — was durchaus zynisch sein kann —, ist das Gesicht eines der wichtigsten Posten im jeweiligen Portfolio des ästhetischen Kapitals.

Entsprechend schwer bis existenzvernichtend wiegen — um in dieser Terminologie zu bleiben — Kapitalverbrechen am Gesicht, die zu einem Verlust desselbigen führen — zu dem, was man „Gesichtsverlust“ nennt. Der Begriff wird meist im übertragenen Sinne verwendet, um einen Reputationsverlust zu beschreiben. Doch gibt es Gewalttaten — gerade gegen Frauen —, bei denen dieser Begriff im grausamsten Wortsinne zu verstehen ist.

„… dann soll dich keiner haben!“

„Du bist mir was schuldig und du weißt ich kann kein ‚Nein‘ ertragen/
Und wenn ich dich nicht bekomme, soll dich keiner haben/
Ich glaube, die ersten Blumen, zu denen du nicht sagst ‚Nein, Danke‘/
Werden die sein, die ich auf dei’m Grabstein pflanze“

K.I.Z. — „Verrückt nach dir“

In den 2010er-Jahren wurden mir immer wieder Horror-Meldungen in den Newsfeed gespült, bei denen Menschen auf tragische Weise ihr Gesicht verloren; mal durch Unfälle, mal durch Angriffe aggressiver Tiere. Doch der häufigste Hergang waren die unmenschlich bösartigen Säureangriffe auf Frauen. Solcherlei Meldungen kamen zumeist aus Kambodscha, dem Iran, ganz häufig aus Indien, und zunehmend auch aus Europa — hauptsächlich aus London. Die Opfer waren und sind zumeist Frauen.

2017 und 2018, als sich dieses Phänomen im Vereinten Königreich epidemisch ausbreitete, beschäftigte es mich zunehmend. Wobei „beschäftigte“ ein zu schwaches Wort ist. Diese Form unvorstellbarer Grausamkeit ging mir durch Mark und Bein. Mir konnte und wollte es nicht in den Sinn kommen, wie Menschen so unfassbar bösartig sein können, anderen Menschen einen derart nicht wiedergutzumachenden, lebenslang zeichnenden Schaden zuzufügen. Diese Taten sind in einer Weise grauenvoll, dass im direkten Vergleich dazu häusliche Gewalt in Form von Ohrfeigen und Schlägen fast schon wie ein Kinkerlitzchen wirkt. Blaue Augen verheilen irgendwann, gebrochene Knochen wachsen wieder zusammen und seelische Narben können therapiert werden — doch Hautoberfläche, die mit aggressiven Substanzen in Berührung kommt, wird nie wieder dieselbe sein.

Unter diesem wortwörtlichen Gesichtspunkt blickte ich in die Welt, auf die Menschen in ihr. Zunehmend wurde ich mir der logischen, aber beim genaueren Nachdenken doch erschütternden Tatsache bewusst, dass im Grunde genommen kein Mensch gegen eine solche Gewalttat immun ist.

Säure ist nicht gnädig, wählerisch oder parteiisch. Sie frisst sich durch alles, was sie berührt.

So begann ich irgendwann damit, mir vorzustellen, wie die Gesichter meiner Mitmenschen, gerade die schönsten, wohl nach einer solchen Tat aussehen würden und erkannte ein ums andere Mal, dass alle Menschen vor gewissen Gegebenheiten des Lebens gleich sind — vor dem Tod und vor Angriffen, die einen Menschen in die Nähe desselbigen stoßen.

Man kann nun unterschiedlichste religiöse oder spirituelle Standpunkte einnehmen, um die Annahme zu vertreten, dass die Seele weiterlebt nach dem körperlichen Tod, dem Ende der Inkarnation, wenn man so möchte. Bis dahin — oder ausschließlich, wenn man es atheistisch betrachtet — begegnen wir unseren Mitmenschen auf körperlicher Ebene und primär von Angesicht zu Angesicht. Insofern ist das Gesicht die vulnerabelste Körperregion für unser Dasein als Mensch unter Menschen.

Und das führt abermals zu der bohrenden Frage: Warum tun Menschen einander das an? In präzisierter Form lautet die Frage: Warum tun zumeist Männer Frauen das an?

Dabei ist diese Frage nach dem „Warum“ schneller geklärt als nach dem „Wie“: Wie können Männer Frauen dies antun? Wie seelisch verrottet und von der eigenen Menschlichkeit abgetrennt kann und muss man(n) sein, um etwas so Bösartiges zu tun? Hingegen ist das „Warum“ schnell erläutert: Diese Angriffe sollen die, über die man(n) nicht verfügen kann, unverfügbar machen. In einem einfachen Motivgedanken des Täters ausgedrückt: „Wenn ich die Frau nicht haben kann, dann soll sie keiner haben.“ So intendieren die Angriffe nicht zwangsläufig den physischen Tod der Frau, sondern in erster Linie den sozialen und ästhetischen. Solcherlei Täter trachten danach, ihrem Frust über die Unverfügbarkeit der Frau dadurch Linderung zu verschaffen, indem sie sicherstellen, dass auch kein anderer Mann über sie verfügen wird — zumindest nicht in dem vormaligen ästhetischen Erscheinungsbild.

Schönheit: Eine Frage des Kartendecks?

„Es ist teuer, so billig auszusehen.“
(Dolly Parton zugesprochen)

Das Gewahr-Werden über das fragile und vergängliche Wesen der oberflächlichen Schönheit ließ mich lange darüber grübeln, wie der Mensch, wie eine Frau, ein Mann die oder den anderen sieht — oder eben auch nicht. Denn was wird von der äußeren Hülle, die unser körperliches Erscheinungsbild darstellt, verschleiert? Unser Charakter. Das schönste Lächeln der Welt und das gepflegteste Gesicht kann psychopathische Züge vollends verdecken. Man denke hierbei nur an Christian Bales übergründliches Gesichtspeeling in „American Psycho“. Und umgekehrt kann ein allgemein als unästhetisch wahrgenommenes, gar entstelltes Gesicht über die schöne Seele, den schönen Charakter dahinter hinwegtäuschen. Wie also kann Schönheit neu begriffen werden — und zwar so, dass körperliche und seelische Schönheit in Einklang gebracht, gegeneinander abgewogen, gegengerechnet wird?

Wie plump und differenzierungsarm viele Menschen meines Geschlechts — also Männer — diese Bewertung vornehmen, stelle ich zu meinem Unmut immer wieder fest, wenn sie Frauen objektivierend auf einer Skala von null bis zehn einteilen.

Die Null steht für „hässlich“ und die Zehn für „schön“. Wahlweise werden hierbei für letzteres auch Begriffe wie „Bombe“ oder „Granate“ angeführt. Allein der militärische Wortklang ist dabei entlarvend. In diesem Zusammenhang fallen Sprüche wie: „Letztens habe ich eine 8/10 gedatet.“ Oder auch: „Am Wochenende hab’ ich nach dem Feiern eine abgeschleppt, aber war so betrunken, dass ich erst am nächsten Morgen erkannt habe, dass sie eine 4/10 ist.“ Frauen werden hier wie ein Hotelzimmer oder ein Restaurant bewertet. Diese rein metrische Anschauung einer Frau, die lediglich die körperlichen (Un-)Attraktivitätsmerkmale einbezieht, verläuft auf einer Frequenz, die den Menschen als Ganzes nicht abzubilden vermag.

Man(n) kann es jenen Männern, mit Blick auf die systemische Indoktrination, im Grunde genommen nicht verübeln, dass sie Frauen auf dieser Skala einteilen. Davon abgesehen kann oder muss ich als Mann davon ausgehen, dass es bei Frauen ähnliche Bewertungsschemata geben wird. Ganz gleich, bei welchem der beiden Geschlechter: Es ist die logisch-konsequente Fortführung dessen, was die Menschen von Schulkindesbeinen an durch Benotungssysteme eingeimpft bekommen haben: den Menschen quantitativ zu erfassen und fortfolgend vom Metrischen auf das Qualitative zu schließen. Was für die „Leistung“ gilt, gilt dann auch für die Bewertung von Schönheit.

Demgemäß wäre jeder Mensch — je nachdem — entweder Profiteur oder Leidtragender des ihm qua Geburt zugewürfelten Schönheitskapitals, welches jedoch — wie es das Kernthema dieses Beitrages ist — jederzeit geraubt oder zerstört werden kann.

Gibt es also noch eine Dimension abseits der rein oberflächlichen Betrachtungsweise von Schönheit, ein Jenseits der 0 bis 10?

„Ich ‚darf‘ jetzt hässlich sein!“

Zu dieser Fragestellung hatte ich mein persönliches Schlüsselerlebnis im Jahr 2019. Ich begegnete einer Frau, die einen solchen Angriff nicht nur überlebt hatte, sondern danach wieder lebte — eine Frau, die Opfer eines Säureanschlags wurde … aber kein Opfer blieb. Die Rede ist von Vanessa Münstermann aus Hannover. Im Februar 2016 lauerte der gewalttätige Ex-Freund der Kosmetikerin auf und schüttete ihr ein Glas mit Rohrreiniger auf die linke Gesichtshälfte. Schwer verletzt überlebte die junge Frau die Attacke. Nach einer langen Krankenhaus-Tortur verlor sie ihr linkes Ohr und ihr linkes Auge, das durch ein Glasauge ersetzt wurde. Die Narben heilten sehr gut, aber werden lebenslänglich sichtbar bleiben.

Unterkriegen ließ sich Vanessa Münstermann davon nicht — sie kämpfte sich auf beeindruckende Weise zurück ins Leben. Schon im Folgejahr 2017 gründete sie den Verein „ausGezeichnet“, der sich um die Belange von Menschen mit Entstellungen kümmert. Ihr vernarbtes Gesicht verbannte sie nicht in die Einsamkeit. Stattdessen kam sie wieder mit ihrer Jugendliebe zusammen, heiratete und bekam ein Kind. 2019 verarbeitete sie ihre Geschichte in dem Buch „Ich will mich nicht verstecken!“.

Als die Veröffentlichung der Autobiografie angekündigt wurde, kontaktierte ich den Rowohlt-Verlag, bat um ein Rezensionsexemplar und erkundigte mich nach der Möglichkeit, Vanessa Münstermann persönlich interviewen zu können. All das ging sehr unkompliziert vonstatten, und so machte ich mich am vereinbarten Tag auf den Weg nach Hannover. Bereits auf der Hinfahrt stieg meine Aufregung. Ich konnte überhaupt nicht einschätzen, wie die zwischenmenschliche Interaktion mit einem Menschen verlaufen würde, der so etwas überlebt hatte. Meine Bedenken erwiesen sich als unbegründet. Das Eis war nämlich schon in den ersten Sekunden unserer Begegnung gebrochen.

Ich erlebte Vanessa Münstermann als eine sehr taffe, selbstbewusste, aber doch herzliche und zuvorkommende Frau. Auch meine Bedenken, dass es mir schwerfallen würde, in das vernarbte Gesicht blicken zu können, verpufften augenblicklich. Ja! Da waren die vielen Narben auf der Wange und an der Schläfe, und ja — eines der beiden Augen, die mich während des Gesprächs anblickten, war aus Glas. Doch nichts davon verstörte oder verschreckte mich. Denn irgendetwas umgab meine Interviewpartnerin, man mag es „Aura“ nennen, das eine Schönheit ausstrahlte — eine Schönheit, die die Narben nicht kompensierte … sondern integrierte. Sie, die Narben, waren Ausdruck einer inneren Stärke, die der bloßen Oberflächlichkeit trotzten. Kurzum: Mir saß eine schöne Frau gegenüber!

Das Interview wurde sehr lang, ging äußerst tief und wirkte lange in mir nach. Wir sprachen auch über falsche Schönheitsideale in unserer Gesellschaft und über die Zwänge, die von selbigen ausgehen — insbesondere für Frauen.

Ein Satz blieb in mir lange präsent. „Ich darf jetzt hässlich sein!“ Vanessa Münstermann schilderte mir, wie sehr Frauen unter dem Druck leiden, geradezu unerreichbaren Schönheitsnormen gerecht zu werden.

Als Kosmetikerin wusste sie das umso mehr. Weiter führte sie den ganz entscheidenden Punkt aus, dass ihre Entstellungen sie von ebendiesem Druck befreiten. Sie konnte dieser Norm nun beim besten Willen und mit dem effektivsten Make-up nicht mehr gerecht werden. Und dies habe — nebst all der leid- und schmerzvollen Erfahrung — eine Erleichterung mit sich gebracht.

Wer nun in der weiter oben skizzierten Zweidimensionalität der 0-bis-10-Skala verharrt, der würde Vanessa Münstermann wohl im unteren Bereich einordnen.

Doch um Schönheit in Gänze erfassen zu können, braucht es eine dritte Dimension, die das sichtbar macht, was — mit dem kleinen Prinzen gesprochen — nur mit dem Herzen zu sehen ist.

Porzellan

Jahre später wurde ich mit dem Konzept der japanischen Kintsugi-Tradition vertraut. Dabei werden zerbrochene Vasen und andere Keramikgegenstände mit Silber, Gold und Platin wieder zusammengeklebt — allerdings so, dass die vormaligen Bruchstellen sichtbar bleiben. Die naturgemäß allem innewohnende Unvollkommenheit wird hier herausgestellt und sichtbar gemacht —, als Schönheit des Unperfekten. Die Brüche — oder auch die Narben — stehen im Kontrast zu dem Schönheitsideal des 21. Jahrhunderts, das durch makellose, bruchlose, widerstandslose Glätte charakterisiert ist, wie etwa Byung-Chul Han mit Verweis auf Edmund Burke herausgearbeitet hat:

„Die neuzeitliche Ästhetik des Schönen beginnt konsequenterweise bei der Ästhetik des Glatten. Schön ist für Edmund Burke vor allem das Glatte. Die Körper, die dem Tastsinn Vergnügen bereiten, sollten keinen Widerstand leisten. Sie müssen glatt sein. Das Glatte ist als optimierte Fläche ohne Negativität. Es verursacht eine Empfindung, die ganz frei von Schmerz und Widerstand ist (…).“ (1)

Im Zusammenhang mit durch Botox geglätteten Gesichtern kam der Philosoph Matthias Burchardt erst kürzlich zu einer bemerkenswerten Feststellung:

„Unser Gesicht ist sozusagen eine Empfangsantenne (...) für die Stimmung und Gefühle der anderen Gesichter. Und eine Stirn, die kaltgestellt ist, die anästhesiert ist — Anästhesie heißt ja das Unterbinden von Wahrnehmung — (die) kann nicht mehr antworten, kann nicht mehr wahrnehmen. Auch konnte sie (die gebotoxte Frau) Gefühle nicht mehr ausdrücken über ihr Gesicht, das ist auch nicht mehr möglich; also die Stirn runzeln, Zweifel haben, mit der Stirn lachen. All diese Aspekte, die fielen auch weg. Und es war jetzt nicht nur der Einbruch in der Wahrnehmung von Gefühlen und in dem Ausdruck von Gefühlen, sondern die Gefühle selber waren in der Intensität und in der Qualität nicht mehr dieselben. Das heißt, sie war gewissermaßen gedämpft in ihrer eigenen Wahrnehmung von Zweifel, Freude, Begegnung, und zum Teil verschwanden diese Gefühle überhaupt aus dem Repertoire und sie wurde apathisch. Apathisch heißt leidenschaftslos. Das Pathos, die Apatheia, ist das Nicht-mehr-ansprechbar-Sein, nicht mehr in Mitleidenschaft gezogen werden, keine Passion mehr empfinden können aufgrund von einer neuronalen Kaltstellung. Und wenn man das jetzt mal auf einige der medial unterwegs befindlichen Gesichter bezieht, muss man ja sagen: Das ist ja nicht nur die Stirn. Die ganzen Gesichter sind ja wie Masken versteinert. Da muss man ja vielleicht fragen, ob wir es zu tun haben mit gefühlsamputierten Menschen, die mit Masken rumlaufen und des Einfühlens, Mitfühlens und Fühlens insgesamt verlustig gegangen sind.“

Mustergültig verkörpert wird dieses Ideal der Glätte und der Maskenhaftigkeit durch Menschen wie Alena Buyx oder Heidi Klum. Frau Buyx ist knapp 50, Frau Klum 52. Und beide haben sie eine für ihr Alter ganz und gar unnatürliche Porzellanpuppenhaut — wie die einer 20-Jährigen. Man kann nur mutmaßen, aber dass dieses Aussehen naturgegeben ist, darf eher als unwahrscheinlich betrachtet werden. Jedenfalls würden beide Frauen auf der rein zweidimensionalen Betrachtungsweise innerhalb der 0-bis-10-Skala voraussichtlich sehr gut abschneiden und nahe der 10 eingeordnet werden. Darüber hinaus wird Heidi Klum wohl mit „Germany’s Next Topmodel“ einen gewichtigen Beitrag dazu geleistet haben, das dieser unsäglichen Skala zugrundeliegende Schönheitsideal zu zementieren.

Wie verhielte es sich bei diesen zwei Frauen, wenn man bei der ganzheitlichen Betrachtung von Schönheit die dritte Dimension hinzuziehen würde? Ich werde bei dem jeweiligen Charakter von Alena Buyx und Heidi Klum keine Bewertung vornehmen. Das steht mir nicht zu. Doch werfe ich hier die Frage auf, ob Sie — ob nun als Frau oder als Mann — freiwillig mehr als fünf Minuten mit einer der beiden Personen im selben Raum verbringen wollen würden?

Schlussbetrachtung: Schönheit ausbrüten

Entstellende Attacken auf die Gesichter von nicht nur, aber gerade auch Frauen, sind mit der grausamste Ausdruck des Krieges zwischen den Geschlechtern. Diese Angriffe zielen darauf ab, das Opfer „hässlich zu machen“, während die eigentliche Hässlichkeit in der Seele des Täters zu verorten ist.

Zugleich wird bei diesem bösartigen Phänomen in zugespitzter Form eines deutlich: dass Eifersucht nichts mit Liebe zu tun hat. Wie oben ausgeführt, sind in den meisten Fällen Eifersucht, Neid oder Besitzanspruch die Triebfedern für derlei Taten. Wer echte Liebe für einen Menschen empfindet, auch dann, wenn diese nicht erwidert wird, wäre unmöglich dazu imstande, diesem auch nur ein Haar zu krümmen — von der Zuführung schwerer Verätzungen ganz zu schweigen.

Abschließend noch ein paar Gedanken zum Schönheitsbegriff:

Äußere Schönheit ist gleichermaßen Verführungs- und Täuschungsmittel sowie ein empfindlicher Angriffspunkt. Dem gegenüber steht die Form der Schönheit, die durch Wahrhaftigkeit und Unangreifbarkeit charakterisiert ist.

Diese Schönheit ist, nochmals mit dem kleinen Prinzen gesprochen, nur für das Herz, nicht aber für die Augen sichtbar. Der vergängliche Körper, der vor allem in jungen Jahren Träger der äußeren Schönheit ist, kann begriffen werden als Kokon-artiges Brutei, in dessen Schutz jeder Mensch die Gelegenheit erhält, innere Schönheit zu entwickeln. Sie ist es nämlich, die den körperlichen Verfall überdauert und selbst dann noch schimmert, wenn von der jugendlichen Ausstrahlung ab einem gewissen Alter nichts mehr übrig bleibt. Ein hierzu passendes Zitat, mit welchem dieser Beitrag abgeschlossen werden soll, wird Albert Schweitzer zugeschrieben:

„Mit 20 hat jeder das Gesicht, das Gott ihm gegeben hat, mit 40 das Gesicht, das ihm das Leben gegeben hat, und mit 60 das Gesicht, das er verdient.“