Handykratie für alle

Google könnte schon bald die Kontrolle über unsere Zahlungsfähigkeit übernehmen.

Ein Bankkonto und Paypal zu haben, reicht nicht mehr. Zunehmend hängt die alltägliche Zahlungsfähigkeit an einer ganzen Kette digitaler Abhängigkeiten. Was als App-Zwang beginnt, führt über Identitätsprüfung, Gerätebindung und App-Store bis zu der Frage, wer eigentlich festlegt, welche technische Infrastruktur für die Teilnahme am digitalen Leben vorausgesetzt wird. Endstation Google. Was bedeutet die zunehmende Macht der Tech-Giganten für uns im Alltag, und was können wir ihr entgegensetzen?

An einem sonnigen Dienstag im August beschließe ich, die Bezahlvariante von Grok zu testen. Die Nutzung von KI-Abos hatte ich vor mir hergeschoben, von Bild-KI abgesehen, aber am Tag X juckt es mich doch in den Fingern: Ich will herausfinden, wie viel Webseite auf diesem Weg ohne WordPress gebaut werden kann.

Forschergeist also. Anderenorts könnte der Grund beruflicher Druck von oben, Konkurrenz oder die eingeforderte Effektivität seitens der Kundschaft sein.

Die Zahlungsmethoden sind:

Google Pay
Apple Pay
und Kreditkarte.

Die beiden erstgenannten habe ich natürlich nicht. Sowohl rational als auch intuitiv vermeide ich große und unkontrollierbare Ansammlungen von Macht; seien sie gesellschaftlich, organisatorisch als auch technisch bedingt. Nach meinem Empfinden stinken frische Machtkonglomerate schon aus der Ferne zum Himmel, weshalb ich auf die wachsende Ansammlung von Alternativlosigkeiten auf unseren Lieblingswanzen ähnlich reagiere wie ein Hund auf einen Auspuff.

Das heißt aber nicht, dass ich mich den technischen Neuerungen versperre, ganz im Gegenteil, und genau dann wird’s schwierig.

Identifikation war mal einfacher

Google und Apple Pay hatten mich also nie interessiert, und die monatliche Gebühr von Kredit- oder Prepaid-Karten hatte ich bislang vermieden. Jetzt entdecke ich eine Menge „kostenloser“ Alternativen.

Die Kontoeröffnung am Desktop zwingt natürlich gleich im ersten Schritt via QR-Code zu einer Handy-App, und diese leitet weiter zur Identifizierung, zu IDnow. Eine Alternative, etwa sich über die eigene Hausbank per Überweisung zu identifizieren, erscheint nur beim allerersten Mal in der Benutzeroberfläche; danach, auch nach Neuinstallation der App, nicht wieder.

Bei IDnow spricht man tatsächlich noch mit einem echten Menschen. In welchem Land dieser sitzt, ist unklar: Nach acht Abbrüchen aufgrund schlechter Verbindung bin ich so weit zermürbt, dass ich beinahe dankbar bin für die nun folgende Fernsteuerung meiner beiden Handykameras, den so entstehenden verwackelten Küchenpodcast mit mir, und das Ausweis-Fotoshooting.

Geschafft. Denke ich.

Dann wird eine Sicherheitsnummer erfragt, ich prüfe meine SMSen, erfahre aber, diese müsse innerhalb meiner App erscheinen. Aber die zeigt nur einen schwarzen Bildschirm.

Es hilft nichts, ich muss an dem Punkt aufgeben.

„Kann ich mich auch anders identifizieren?“, frage ich, und erfahre, da muss ich mich an den Finanzdienstleister wenden. Ich spreche ja mit IDnow. Aber dessen App verbirgt inzwischen alle Alternativen und hängt beharrlich fest beim Button für den IDnow-Call.

Ich frage meine noch kostenlos zugängliche Haus-KI jenseits meines Vertrauens, welches Problem mein Handy denn hat.

Ich nutze Android 10, das sollte reichen, allerdings nicht für den Google Playstore. Da ich schon 2020 keine Freude am QR-Code-gesteuerten Miteinander finden konnte, habe ich seither APK Pure installiert, um eine Ebene weniger Kontrolle auf der Hauswanze laufen zu haben. Meine Apps funktionieren damit problemlos.

Es vergehen zwei Nachmittage, eine intensive KI-Recherche und ein weiterer Testlauf, bis ich herausgefunden habe, dass die Kompatibilität mit Google der Sargnagel für alle von mir recherchierten Anbieter ist.

Auch wenn die App läuft: Sie läuft nicht ohne Google.

Im Namen der Sicherheit

Natürlich dient das alles der Sicherheit. Das war zu allen Zeiten das Argument staatlicher — oder suprastaatlicher — Repressionen.

In meinem Schrank liegt noch ein Tastenhandy, so ein schickes altes Gerät, wie es Edward Snowden zufolge die NSA-Mitarbeiter nutzen, wahrscheinlich bis heute. Gekauft habe ich es 2021. Die Ortung ist schwieriger, Internet läuft so gut wie gar nicht darauf, und die Apps der Banken mit Sicherheit auch nicht.

Mein Plan war gewesen, Flüge zu bezahlen und hier und da mal einen Online-Dienst, der — aus welchen Gründen auch immer — nicht einmal Paypal akzeptiert. Das Bedürfnis hier ist also, am normalen Leben teilzunehmen, nicht mehr.

Wie wird es morgen sein? Brauche ich den Playstore morgen für den Supermarkt? Dient er dann dort der Sicherheit? An unsere Wanzen haben wir uns ja inzwischen gewöhnt. Man kann sie eventuell weglegen, ausschalten oder zu Hause lassen. Eventuell. Oder: Noch.

Man hat sich auch daran gewöhnt, dass man mit seinen Daten bezahlt. Oder mit der eigenen Lebenszeit, weil auf YouTube Werbung läuft. Aber darf ein US-Konzern darüber entscheiden, ob ich zahlungsfähig, das heißt, wirtschaftlich handlungsfähig bin? Wieviel Macht hat der US-Gigant in meiner Hosentasche, und was hat er dort verloren?

Google wurde 1998 gegründet und ging im selben Jahr mit seiner Suchmaschine ans Netz. Heute gehört Google zur Aktiengesellschaft Alphabet Inc. Dieser Gigant machte im Jahr 2025 mehr als 400 Milliarden Dollar Umsatz, 132 Milliarden Dollar Gewinn und gehört zu den fünf größten Technologiekonzernen der Welt. 2006 übernahm Google YouTube, das ein Jahr zuvor gegründet worden war. Aus dem freien Hochladen von Inhalten, wie einst dem ersten YouTube-Video „Me at the Zoo“ des Mitgründers Jawed Karim, wurde ein kapitalistisches Unternehmen, das löscht, zensiert und Unsummen von Werbeeinnahmen generiert .

Digitalfinanziellen Komplex verweigern?

Nun könnte man sagen: Da darfst du einfach überall nicht mitmachen. Es geht auch ohne KI, und auch ohne den Flug zu buchen. Klar. Ich kann zu Hause bleiben, an die Ostsee fahren, meine Mitmenschen um einen Gefallen bitten, wenn ich irgendwo eine solche Kartenzahlung machen will, und so weiter. Aber wie handlungsfähig bin ich dann in der gegenwärtigen Welt? Wie viel Wirkkraft kann ich entfalten, wenn ich alles weglasse, was in undemokratische Macht- und Überwachungsstrukturen mündet? Wäre das theoretisch überhaupt machbar? Die Idee des Lebens ist doch, für etwas Neues zu gehen. Nicht ausschließlich für den Rückzug aus etwas Altem einzutreten, das sich in die falsche Richtung entwickelt.

Ich persönlich halte es so: Verlorenes Terrain muss ich loslassen. Und da, wo ich sprechen und handeln kann, tue ich es. Ich habe mich entschieden, lieber 25 Euro jährlich zu bezahlen für die notwendig gewordene Prepaid-Karte, als Google in meine Hosentasche zu lassen.

Meine nach eigenen Angaben ethisch orientierte Hausbank versicherte mir auf meine Support-Anfrage hin, die Karte mit SMS und ohne Google Playstore nutzen zu können.
Ich freue mich darüber.

Ich nutze für die Bank noch einen TAN-Generator anstelle des Handys. Für Neukunden gibt es den aber bereits nicht mehr.

Was können wir tun?

Solange Sicherheit und Bequemlichkeit unsere Argumente sind, sollten wir diese hinterfragen. Bis zu einem gewissen Grad kann sich eine unbequemere Handhabung in Anbetracht der gewonnenen Würde und Freiheit lohnen.

Seriosität hat heute nicht mehr der, der das meiste Geld in seine Außendarstellung investieren kann. Das Image, das ein Konzern sich durch PR und Optik gibt, ist nicht das, das er verdient. Und wer ständig Sicherheit predigt, sichert damit vielleicht vor allem sein eigenes Vermögen.

Mächtigen Konzernen fällt es leichter, eine perfekte Nutzeroberfläche zur Verfügung zu stellen, als kleineren Wettbewerbern. Ein Online-Gigant kann im Shop mehr intuitive Features bereithalten als zum Beispiel der Fahrradladen von nebenan auf seiner Webseite. Das gleiche gilt für YouTube und Odysee.

Unser größter Hebel ist unsere eigene Tatkraft. Die Strippenzieher waren noch nie naiv. Sie sind Strategen oder Schlimmeres. Viele Mitarbeiter in den großen Konzernen allerdings sind naiv — bis heute.

„Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“, fasste Hannah Arendt 1964 zusammen. Ein Schritt weitergedacht stellt sich die Frage: Haben wir das Recht mitzumachen? Ab wann sind wir Teil des Problems? Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie unsere Berufe, unsere Talente und Fähigkeiten zunehmend übernommen werden von Großkonzernen und ihren Interessen.

Aus diesem Grund ist Information, ist Wissen in gewisser Hinsicht auch gefährlich: Je mehr ich weiß, desto mehr Tätigkeiten fallen schlichtweg weg. Desto mehr vorhandene Strukturen müssen durch Alternativen ersetzt werden.

So gesehen kann ich verstehen, warum Fachwissen und offene Debatte so oft auf so viel oder so vehemente Abwehr, Gegenwehr, ja sogar irrationale Verurteilung stoßen. Einerseits ist der Grund dafür häufig Propaganda, andererseits aber auch die Angst einer Gesellschaft, nicht mehr mitmachen zu dürfen, sondern in rasantem Tempo umbrechen zu müssen, um ihre einst gesetzten Werte nicht komplett zu verlieren.

Kommunikation

Zu guter Letzt: Überall arbeiten Menschen.

Daher halte ich es für eine gute Idee, miteinander zu reden. Auch im öffentlichen Raum. Dort, wo wir auf die Probleme stoßen, können wir sie ansprechen. Aber auch dort, wo wir Lösungen vorfinden, oder wo ein Anbieter schlichtweg bisher nicht mitmacht. Wir können den Leuten mitteilen, warum wir uns für ihr Unternehmen entschieden haben. Eine Gesellschaft, die seit Menschengedenken Geld als Feedbacksystem nutzt, kann aufatmen, wenn es wieder um menschliche Werte und Entscheidungen geht.

Was geht den Mitarbeitern abends durch den Kopf? Was bleibt hängen vom Arbeitstag? Was beeinflusst uns vor dem nächsten Karriereschritt? Auf unserem Weg?

Wir können uns hinter bergeweise Technik und KI verstecken: Am Ende sind wir Menschen es selbst, die die neue Zeit gestalten.