Kopflose Intelligenz
Im Manova-Gespräch entzaubern Datenanalyst Tom Lausen, Philosophin Gwendolin Walter-Kirchhoff und Ingenieur Alexander Paprotny KI-Mythen und erklären, dass die beschworene Bewusstwerdung nur Marketing ist.
Die Lage ist ernst: Die KI überwindet ihre Zäune und macht sich bereit, die Welt nach ihrem Bild umzubauen. KI-befallene Modellierer verkünden bereits eine Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent, dass die KI die Menschheit auslöschen wird. Was unweigerlich an gewisse Corona-Prognosen erinnert. Wir hören es mittlerweile dauernd: Die künstliche Intelligenz befreit sich von ihren Schöpfern und tut aus „freien“ Stücken fiese Sachen. Ist das Übereifer bei der Erfüllung einer gestellten Aufgabe? Bloß eine Panne bei der Programmierung der Bremsen? Oder ist es wirklich ein „eigenwilliger“ Akt? Denken wir uns folgende Aufgabe für die KI: „Zerstöre das gesamte Internet!“ Zweifellos ein anspruchsvoller Job. Könnte die KI das theoretisch? Und falls ja, wäre das ein Beweis ihrer Intelligenz? Ein Beitrag zur Sonderausgabe „KI und Digitalisierung“.
Alexander Paprotny hat lange an der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz mitgearbeitet. Mittlerweile sieht er die Sache eher sehr nüchtern: Chat GPT sei kein künstlicher Agent, der in der Lage wäre, komplexe Probleme zu lösen. Bei der KI handle es sich um eine gigantische Rechenmaschine, die enorme Datenmengen verarbeiten kann und im Wesentlichen auf Mustererkennung beruhe. Von Intelligenz könne keine Rede sein. Der überwältigende Teil aller menschlichen Fragen kann gar nicht von Algorithmen beantwortet werden.
Man könnte sich natürlich auch fragen, was es bedeutet, wenn die Entwickler der diversen KI-Modelle jetzt die Welt vor ihren Errungenschaften warnen. Handelt es sich vielleicht um einen riesigen Werbecoup? Man darf nicht vergessen, einstweilen bedeutet KI noch ein enormes Verlustgeschäft. Die Einnahmen stehen in keinem Verhältnis zu den aberwitzigen Investitionen.
Das andere Problem ist: Wie weit hat die KI bereits unser Weltbild verändert, unseren Umgang mit der Welt und mit uns selbst? Wenn die physische Welt nahezu komplett digitalisiert wird, verschwindet sie auch und wir erleben sie als unfassliche Datensätze – in Rechenzentren geboren und abgerichtet. Wenn neue Medien eingeführt werden, dann wissen die, die diese Medien auf die Welt loslassen, überhaupt nicht, was das für Folgen haben wird. Man kann bereits eine überraschende Entwicklung beobachten: Die digitalisierte KI-Welt produziert ihr dialektisches Gegenmodell: Spiritualität. Leben wir nicht längst in zwei Räumen: In tiefgekühlten Sälen voller Datensätze und in Darkrooms, in denen wir tastend nach Sinn suchen?
Walter van Rossum im Gespräch mit Gwendolin Walter-Kirchhoff, Tom Lausen und Alexander Paprotny
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