Mutter Erde, Vater Staat

Die Beschäftigung mit matriarchalen Gesellschaftsstrukturen offenbart neue Ideen für eine andere Weltordnung. Teil 1 von 3.

Zum zurückliegenden Valentinstag veröffentlichte Manova eine Reihe bewegender Texte, die von verschiedenen Seiten und in erstaunlicher persönlicher Tiefe die Zusammenhänge zwischen Frauen und Männern in Verbindung mit Machtsystemen beleuchteten. Der vorliegende Text entstand ebenfalls in diesem Rahmen, durchlief aber einige Wandlungen, bis er nun in dieser Form einer interessierten Leserschaft zugänglich gemacht werden soll. Wer unsere Gesellschaft verstehen will, muss weiter zurückblicken als nur bis zur Moderne. Die dreiteilige Reihe „Mutter Erde, Vater Staat“ geht der Frage nach, wie eng Macht, Geschlechterrollen und unser Bild vom Zusammenleben miteinander verbunden sind und wo die Wurzeln dieser Vorstellungen liegen. Im ersten Teil richtet sich der Blick deshalb auf die frühen Formen menschlicher Gemeinschaft. Im Mittelpunkt steht die Gegenüberstellung von Matriarchat und Patriarchat: zwei Gesellschaftsmodelle, die nicht nur unterschiedlich organisiert sind, sondern auf völlig verschiedenen Vorstellungen von Beziehung, Verantwortung und Macht beruhen. Der Text zeigt, dass diese Gegensätze bis heute unser Denken prägen, in der Regel ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Dies beinhaltet auch die Frage von Krieg und Frieden. Liegt die Lösung hierfür gar in der Wiege unseres Menschseins und ist sie in Kulturen zu finden, denen wir bislang viel zu wenig Beachtung schenken, weil wir sie als primitiv verkennen und ihnen in unserem Fortschrittswahn keine Bedeutung beimessen? Ein Beitrag zur Sonderausgabe „Frau, Mann, Macht“.

Jetzt, rund anderthalb Wochen, nachdem ich mich entschieden habe, diesen Artikel für die Manova-Reihe „Frau, Mann, Macht“ zu schreiben, erscheint mir mein Thema wie eine wahnwitzige Idee. Nicht, weil ich die Bedeutsamkeit des Inhalts anzweifle, aber weil ich mir anmaße, mir in kürzester Zeit etwas anzueignen, womit sich Forscherinnen und Forscher über Jahrzehnte hinweg auseinandergesetzt haben, um kostbare Schätze aus den Tiefen unserer Welt zu bergen. Kann ich denn mehr für dieses Thema tun, als nur zu wiederholen, was sie bereits gesagt haben?

Sie? Das sind zum Beispiel die Matriarchats-Forscherinnen Dr. Heide Göttner-Abendroth und Prof. Dr. Claudia von Werlhof, die sich in den vergangenen Jahrzehnten um das Thema verdient gemacht haben. Sie konnten sich damit auf die Schultern der 1921 in Vilnius, im heutigen Litauen, geborenen Archäologin, Prähistorikerin und Anthropologin Marija Gimbutas stellen. Gimbutas hatte mit ihren archäologischen Funden und der Einordnung verschiedenster alltäglicher Objekte, aber auch Göttinnen-Skulpturen, eine neue Weltsicht auf die Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung ermöglicht. Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm setzte sich ebenfalls im letzten Jahrhundert intensiv mit dem Schweizer Rechtshistoriker, Altertumsforscher und Anthropologen Johann Jakob Bachofen auseinander. Letzterer forschte schon ein Jahrhundert davor zum Thema „Mutterrecht“, wie sein wichtigstes Buch hieß.

Und doch will ich es wagen, da in den letzten Tagen immer deutlicher in mein Bewusstsein gedrungen ist, dass diese Themen mehr sind als bloßes Philosophieren oder Phantasieren. Sie sind ein essentieller Baustein dafür, wie wir auf diesem Planeten leben, wer wir sind und wer wir sein wollen. Als einzelne Menschen und als Menschheit. Es geht um den Kern unserer Existenz, um die Schattenfiguren in Platons Höhle. Es geht um das, was wir als selbstverständlich erachten, weil die Zeitspanne, die die meisten von uns überblicken können, und die Horizonte, für die wir uns zu öffnen wagen, meist enden, bevor wir mehr gesehen haben als unser eigenes kleines Leben. So wie ein Kind die Familie, in die es hineingeboren wird, nicht anzweifelt und deren Realität zu schützen sucht, weil sein Überleben davon abhängt.

Und auch die Recherche im Jahr 2026 zeigt, dass der Blick auf unsere Vergangenheit keinesfalls eindeutig gesehen wird.

„Ein Matriarchat hat es nie gegeben“, kann man da hören. Ideen wie solche entsprängen einem verklärten Romantizismus von Feministinnen. Dabei hätten Frauen doch heute die gleichen Rechte wie Männer. Aber reicht das aus, um diesen Planeten zu einer Welt zu machen, in der die wahrhafte Schönheit und Bestimmung der Weiblichkeit den einzigen Platz bekommt, der ihr zusteht?

Auf dem Thron einer Königin. Diesen sollte sie mindestens neben ihrem König, der Männlichkeit, einnehmen.

Mann und Frau, Sonne und Mond, Nacht und Tag, Logik und Intuition, Körper und Geist, Yin und Yang … Wir leben in einer Welt der Polaritäten. Und doch wohnt in jedem Ende ein Anfang, in jedem Einatmen ein Ausatmen, in jedem Leben der Tod. Wir können das eine nicht wahrnehmen, wenn wir keine Vorstellung von dem anderen haben.

Dabei möchte ich behaupten, dass es noch nicht einmal vorrangig ist, ob in unserer Kultur jemals das Matriarchat gelebt wurde. Entscheidend ist doch, was wir mit der Vorstellung von einem solchen machen und ob wir die Möglichkeit zulassen, dass es ein Leben in Frieden für uns Menschen geben könnte!

Und doch … Über den Globus verteilt können wir heute noch Gemeinschaften sehen, in denen sich anders als bei uns die Gesellschaft um die Frau, die Familie, um die Mutter herum gestaltet. Auf der Insel Sumatra, die zu Indonesien gehört, lebt noch heute das Volk der Minankabau als größte, sogenannte matrilineare Gesellschaft mit sechs Millionen Menschen. In China leben die Mosuo, die Khasi im indischen Bundesstaat Meghalaya, das Berbervolk der Tuareg in der Sahara-Wüste und Sahelzone — aber auch die Bewohner der Stadt Juchitán in Mexiko oder die Hopi in nordamerikanischen Reservaten, deren Kultur vor dem Aussterben bedroht ist, haben ihre matrilineare Lebensweise bis heute beibehalten. Und selbst im nordeuropäischen Kulturraum finden wir immerhin noch Spuren, die auf ein Matriarchat in unseren Breitengraden hinweisen, wie beispielsweise die Ura-Linda-Chronik, auch „Friesenbibel“ genannt; allerdings wird nach wie vor behauptet, dass es sich um eine Fälschung handle.

Dabei ist von einem reinen Matriarchat nur zu sprechen, wenn sich dieses sowohl auf sozialer, politischer, ökonomischer als auch auf kultureller/spiritueller Ebene zeigt.

Mutterursprung — Vaterherrschaft

Schauen wir uns zunächst die Bedeutung der Wörter Patriarchat und Matriarchat an, wie dies Claudia von Werlhof ins Gespräch bringt (1):

Etymologisch stammen die Begrifflichkeiten von den lateinischen Wörtern „matri“ und „patri“ ab, was „Mutter“ beziehungsweise „Vater“ bedeutet.

Die Nachsilbe „-archat“ kommt vom griechischen „arche“ und bedeutet „Anfang“ oder „Ursprung“. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich in Kombination mit dem altgriechischen Wort „archein“ eine neue Wortbedeutung: „herrschen/regieren“.Die Verbindung zwischen „Ursprung“ und „herrschen“ finden wir in einer anderen Bedeutung für „archein“: „der Erste sein“.

Die Entwicklung dieses Wortes kommt einer Orwellschen Sinnverdrehung im Sinne des „Neusprech“ gleich. Sie sagt zudem viel aus über die Entwicklung des Menschseins. Wo es anfangs um das pure Sein und seinen natürlichen Ursprung ging, wandelte es sich immer mehr dahin, sich über andere stellen zu müssen, um an der Spitze zu stehen und „der Erste“ zu sein.

Es erscheint absurd, wenn wir von einem Vaterursprung als Spender des Lebens ausgehen, wie es uns der Mythos von der Erschaffung der Frau aus der Rippe des Mannes weismachen will. Seit Anbeginn der Zeit ist es so, dass Menschen, sowohl weibliche als auch männliche Geschöpfe, aus dem Leib ihrer Mutter hervorgehen. Die Frage nach der ersten Frau ist damit zwar nicht beantwortet, aber die Vorstellung ihrer Erschaffung aus dem Mann heraus können wir getrost in den Bereich der Märchen und Größenphantasien zur Kompensation von männlichen Minderwertigkeitsgefühlen vergangener Zeiten abtun.

Der Mensch hat seinen Ursprung in der Frau, wenn wir davon ausgehen, dass Leben beginnt, wenn die weibliche Eizelle und das männliche Spermium sich im Körper der Mutter verbinden. Der Vater kann herrschen, während die Mutter gebären kann. Niemals aber kann der Ursprung des Lebens im Vater liegen. Und doch gibt es biologisch keine Mutter, wenn es keinen Vater gibt.

Patriarchat versus Matriarchat

Wenn wir uns die unterschiedlichen Systeme des Patriarchats und des Matriarchats anschauen, ist es so, als müssten wir von einer zweidimensionalen auf eine dreidimensionale Ebene wechseln.

Es geht nicht darum, die Herrschaft der Männer durch die Herrschaft der Frauen zu ersetzen. Es geht mehr darum, sich von einem Dreieck in eine Kugel oder zumindest in die Form eines Kreises zu bewegen, von der Enge in die Weite, vom Singulären zur Gesamtheit.

Wir als westliche Gesellschaft und ein großer Teil der Menschen aus anderen Kulturkreisen leben heute und nachweislich bereits seit 6.000 Jahren in patriarchalen Strukturen. Dies sind Systeme, die von oben nach unten geführt werden, in denen pyramidenförmige Hierarchien dafür sorgen, dass einige wenige mit viel Geld oben stehen und ihre Macht über die breite Masse ausbreiten. In Kleinfamilien herrschen Eltern über ihre Kinder, Männer über ihre Frauen, in Arbeitsverhältnissen der Abteilungsleiter über seine Untergebenen, der Klinikchef über die Oberärzte, der Konzernchef über die Chefs der einzelnen Kliniken und über alle Ebenen darunter. Der Bürgermeister trifft Entscheidungen für das Dorf oder die Stadt, die Landesregierung für das einzelne Bundesland, die Bundesregierung für die Länder und jeden einzelnen Menschen in diesem Land — und Gott ist der Herrscher der ganzen Welt. Zumindest für denjenigen, der einem antiquierten christlichen Weltbild folgen will, das vertikal verläuft.

Die Mitsprachemöglichkeit des Einzelnen besteht darin, sich dem System unterzuordnen oder selbst nach Geld und Macht zu streben, um irgendwann an der Spitze der Pyramide zu stehen. Oder er begnügt sich damit, von Zeit zu Zeit ein Kreuz auf einem Zettel zu machen, damit er zumindest die Illusion darüber bewahren kann, ein Mitspracherecht zu haben, was in seiner Welt passiert. All das ist ziemlich erdrückend.

Muss das alles so sein? Folgen wir anthroposophischen Forschungen, dann wird erahnbar, dass es nicht immer so gewesen ist. Es gab eine Zeit, bevor die 6.000 Jahre des Patriarchats anbrachen. Auch wenn jede der zuvor genannten heutigen Kulturen ihre Form des Matriarchats auf ganz eigene Art, mit eigenen Ritualen und Besonderheiten aufrechterhält, so weisen sie alle matriarchale Gemeinsamkeiten auf und zeigen uns, dass ein Zusammenleben unter Menschen anders organisiert sein kann, als wir es heute leben.

Matriarchale Gesellschaften sind keine Amazonenstämme, in denen männerhassende Kriegerinnen in den Feldzug gegen das andere Geschlecht ziehen, um so zu werden wie ihre Widersacher. Matriarchale Gesellschaften sind dadurch geprägt, dass sie horizontal gelebt statt vertikal geführt werden. In Sippen, die sich um die Mutterlinie herum bilden, werden gemeinsam Entscheidungen getroffen. Diese werden mitunter zwischen den männlichen Vertretern der verschiedenen Clans miteinander besprochen, um dann zurück in die Familie geführt zu werden, wo sie erneut besprochen werden, bis ein Konsens getroffen ist, der für alle gleichermaßen fruchtbar ist — für die Männer ebenso wie für die Frauen der Gemeinschaft. Dies ist die politische Ebene und eine Art der Organisation, die durchweg friedensstiftend ausgerichtet ist.

Das soziale Leben im Matriarchat ist so beschaffen, dass Kinder mit ihren Müttern, Großmüttern, Tanten, Schwestern und Brüdern aufwachsen. Männliches Vorbild sind die Brüder der Mütter, die die Vaterrolle übernehmen, wenn man sie so nennen will. Liebesbeziehungen dienen einzig der Verbindung zwischen Mann und Frau, nicht aber dem Erhalt wirtschaftlicher Interessen. Ein biologisch begründeter Vater, wie wir ihn kennen und dessen Rolle in den letzten Jahren als liebevolles Vorbild immer mehr an Bedeutung gewonnen hat, ist im ursprünglichen Matriarchat nebensächlich. Auch, weil zu Urzeiten gar nicht bekannt war, wie die Empfängnis eines neuen Lebens zustande kommt. Dem leiblichen Vater kommt im besten Fall die Rolle eines guten Freundes zu.

Missgunst, Neid, Gewalt, gar sexuelle Gewalt finden wir in der Regel nicht in einer Gemeinschaft, in der die Mutter im Zentrum steht. Im matriarchalen Weltbild ist alles miteinander verbunden. Das Wohl der kleinsten Zelle entspricht dem Wohl des gesamten Organismus. Das Leid, das ich dem Nächsten zufüge, hat Auswirkungen auf das Gesamtgefüge.

Wer hat, der gibt. So richten zum Beispiel Clans, die in einem Jahr eine besonders gute Ernte eingefahren haben, Feste aus, um diejenigen, die nicht so viel Glück hatten, davon profitieren zu lassen. In einem anderen Jahr ist es sicher möglich, sich zu revanchieren. Niemand muss Hunger leiden. Und doch wird nicht gehortet in dieser sogenannten Subsistenzwirtschaft, die die ökonomische Grundlage des Matriarchats bildet. Das Geld wird von den Frauen verwaltet, da sie diejenigen sind, die die Verantwortung für die Familie, für den Clan tragen.

Alte werden nicht in Altenheimen verwahrt, wo sie auf ihren Tod warten. Sie sind als die alten Weisen ein wichtiger Teil des Clans, bis sie diesen in Frieden verlassen, um vielleicht irgendwann im Kreislauf der Wiedergeburt in ihren Clan zurückzukehren. Bis dahin bleiben sie auch nach ihrem Ableben ein Teil der Familie, dem ein besonderer Platz zugewiesen ist. Dies gehört zu einer spirituellen Lebensweise, die das Leben als solches und seine Prozesse, die wir im Lauf der Jahreszeiten ebenso wie im Geborenwerden und Sterben eines jeden Lebewesens beobachten können, in den Mittelpunkt stellt.

Spiritus Mundi

Doch lässt sich all das auf unsere hochtechnisierte Epoche übertragen? Wir leben in einer entfremdeten Welt, in der uns die innewohnenden Prozesse der Natur im besten Fall egal sind, wenn sie uns nicht lästig erscheinen. Nachdem wir immerfort unsere Arbeitsprozesse optimiert haben, ist es nun das größte Ziel, uns selbst zu optimieren, um immer mehr leisten und einem endlosen Jugendwahn standhalten zu können. Wir können zu jeder Zeit des Jahres Früchte aus allen Teilen des Planeten zu uns nehmen. Regional? Saisonal? Fehlanzeige! Der heimische Kohl ist nicht so sexy wie die Avocado aus Südamerika. Viele von uns haben niemals ihr Gemüse auf dem Acker wachsen gesehen, geschweige denn bei seiner Ernte geholfen. Die wenigsten wissen um den vitaminreichen Gehalt von Pflanzen, die sie schlichtweg als Unkraut aus ihren Blumenbeeten entfernen, sofern diese denn vorhanden sind.

Wir drehen uns meist um uns selbst und beschäftigen uns damit, wie wir mehr Dinge bekommen können, die wir nicht brauchen, um den Mangel an dem, was uns wirklich erfüllen könnte, nicht spüren zu müssen.

Unser System scheint dem Untergang geweiht zu sein. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis alles kollabiert, sofern wir nicht eine andere Richtung einschlagen und endlich aufhören, unseren Planeten bis auf sein Herz auszubeuten, zu verschmutzen und zu vernichten. Er sollte uns teuer und heilig sein, weil er die Grundlage unseres Lebens und Überlebens als Menschheit bietet: das Wasser, das wir trinken, die Luft, die wir atmen, die Pflanzen, die uns als Nahrung dienen, und die Wälder, in denen wir zur Ruhe kommen. Einzig auf das Feuer scheinen wir noch keinen vernichtenden Einfluss haben zu können.

Wir leben in einer Welt voller Macher und Erschaffer. Es reicht uns nicht mehr aus, dass Gott in unserer Vorstellung ein herrschender alter Mann ist, der unser Schicksal lenkt. Nun wollen wir selber dieser Gott sein und Maschinen erschaffen, denen wir zugestehen, klüger, mächtiger und leistungsstärker als wir selbst zu sein.

„Deus ex Machina“, der Gott, der aus der Maschine kommt, wurde zum „Deus in Machina“ — der Maschine, die Gott in sich birgt und mittlerweile uns und unser Leben beherrscht. Wir haben längst das Stadium des „Deus Machina“ erreicht. Die Maschine selbst ist unser Gott geworden.

Doch brauchen wir diesen Gott, um ein erfülltes Leben zu führen, oder ist es nicht längst überholt, „ihn“ im Außen zu suchen, wo das Göttliche doch schon immer in uns allen wohnte?

Die matriarchale Spiritualität ist eine Spiritualität, die der großen Mutter als Schöpferin des Lebens den Platz in ihrem Zentrum zuerkennt. Es geht nicht darum, eine abgetrennte Gottheit anzubeten und vor ihr in aller Erbärmlichkeit und Kleinheit in die Knie zu gehen. Es geht darum, die Göttlichkeit in allem anzuschauen. Die Göttlichkeit im Universum, die Göttlichkeit unseres Planeten, die Göttlichkeit in unserem Nächsten — und nicht zuletzt die Göttlichkeit in uns selbst. Wir selbst sind ein Teil des Mysteriums Leben. Durch uns kann Leben kommen und wir können Leben nehmen. Wir dürfen uns zurücklehnen und endlich ungestraft die Früchte aus dem Garten Eden naschen.

Klingt Ihnen all das zu düster, zu polemisierend oder gar zu ungerecht? Wird hier naiv romantisiert, um nicht anerkennen zu müssen, dass die Welt eben ist, wie sie ist?

Sind Sie selbst nun vielleicht innerlich etwas aufgewühlt oder empört — oder pflichten Sie mir, der Autorin, gar bei? Was auch immer Sie nun bewegt … Atmen Sie doch gerne erst einmal durch, schauen Sie sich um und kommen Sie zurück ins Hier und Jetzt. Lassen Sie das Gelesene ruhig ein wenig in sich hin und her bewegen. Im nächsten Teil werden wir konkreter: Dann kommen drei Paare aus drei Generationen zu Wort, um ihre Eindrücke zu geschlechterrelevanten Fragen zu teilen.