Neid auf das beste Stück
Das freudsche Konzept des Penisneids wurde vielfach missverstanden — in Wirklichkeit hängt es eng mit der Abwertung weiblichen Begehrens zusammen.
Seit den 1970er-Jahren bis heute bäumt sich die Frauenbewegung, bäumen sich eine Vielzahl von Frauen gegen den Begriff des Penisneides auf, den Freud zirka 1908 ins Leben rief. Verstanden wird er von ihnen als der Neid der Frauen auf den Penis beziehungsweise auf etwas, das die Frau nicht hat und nie wird haben können, dass es ihr an etwas mangelt, das als richtiger und wichtiger bezeichnet und betrachtet werden kann als ihr eigenes weibliches Geschlecht. Dass also die Frau der Wichtigkeit und der Bedeutung des Mannes hintansteht, mit anderen Worten ein Mangelwesen und dem Mann an Bedeutung und Wichtigkeit untergeordnet ist. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „Frau, Mann, Macht“.
Seit den 1970er Jahren bis heute bäumt sich die Frauenbewegung, bäumen sich eine Vielzahl von Frauen gegen den Begriff des Penisneides auf, den Freud zirka 1908 ins Leben rief. Verstanden wird er von ihnen als der Neid der Frauen auf den Penis, beziehungsweise auf etwas, das die Frau nicht hat und nie wird haben können, dass es ihr an etwas mangelt, das als richtiger und wichtiger bezeichnet und betrachtet werden kann als ihr eigenes weibliches Geschlecht. Dass also die Frau der Wichtigkeit und der Bedeutung des Mannes hintansteht, mit anderen Worten ein Mangelwesen und dem Mann an Bedeutung und Wichtigkeit untergeordnet ist.
Freud stellte bei seinen Patientinnen oft den Wunsch nach einem Penis fest. Vergessen wir nicht, wir reden hier von der Wende ins 20. Jahrhundert, wo sich die Frauen diesen Penis als Geschlechtsteil wünschten, nicht zuletzt, um der Entwertung ihres eigenen Geschlechtes entgegenzuwirken: „Mann sein“ war damals bedeutungsvoller. Das ist eigentlich bis heute so. Nur können wir das nicht ändern, indem wir den Mann bekämpfen, sondern indem wir dem weiblichen Begehren Bedeutung verleihen. Und dies nicht in der Angleichung an das männliche Begehren, das wir gerne dahingehend einordnen: „Mann kann immer und überall und jederzeit“, und uns dieser Idealisierung der männlichen Phallizität angleichen – unter Ausschluss der Besinnung auf das eigene Geschlecht mit der ihm eigenen Begehrlichkeit.
Dass etwas, das der Mann hat und die Frau nicht, als Mangel, als biologische Minderwertigkeit bezeichnet wird, lag meines Erachtens Freud fern. Er selber definiert diesen Begriff nicht klar; er verwendet auch in derselben Bedeutung das Wort Peniswunsch, ohne jegliche Unterscheidung zum Penisneid zu machen. Freud versuchte diese radikale Entwertung des eigenen Geschlechtes seiner Analysandinnen zu begreifen; er versuchte es auszuräumen in den Behandlungen, gestand sich jedoch ein, man solle lieber “Fischpredigten„ halten – also zu Fischen predigen, die ja bekanntlich gehörlos sind – als sich mit dem sinnlosen Unterfangen abzumühen, die Frauen ein einziges Mal zu bewegen, auf ihren Peniswunsch zu verzichten.
Wer einen Penis hat, der muss ihn nicht begehren.
Wenn sich die Frau einen Penis als Geschlechtsteil wünscht, wie es Freud bei seinen Patientinnen beschreibt, dann drückt sie damit aus, dass sie einen Penis will, als Geschlechtsteil will, aus dem einzigen Grund, damit sie ihn nicht zu begehren braucht. Dass also die gefährliche Sache das weibliche Begehren ist, diese Kraft, dieser Wunsch, dass dieser nicht sein darf. Wenn sie den Penis als Geschlechtsteil hat, dann fällt das Begehren nach ihm weg. Ein Begehren, ein weibliches Begehren, welches zur damaligen Zeit als unschicklich, verwegen und gefährlich galt.
Heute sieht es diesbezüglich ein bisschen besser aus als noch vor hundert Jahren. Dennoch, bedenken wir, wir gehen zum Beispiel immer noch davon aus – und das wird als wissenschaftlich erwiesen erklärt –, dass der Mann mehr an Triebhaftigkeit aufzuweisen hat als die Frau. Ich weiß nicht, wie man so etwas misst.
In den 1950ern und 1960er Jahren wurde den heranwachsenden Mädchen von ihren Müttern oft gesagt: “Pass auf, die Männer wollen immer nur das Eine.„ Ich selber wusste nicht recht, was das EINE war, wusste jedoch, es kommt von den Männern, ist schlecht, und die Mutter meint es gut mit mir.
Damit beraubten uns die eigenen Mütter unseres Begehrens nach den Männern, nach dem Penis, nach dem, was wir nicht haben, was wir uns aber mit unserem Begehren und unserer Verführung holen können. Indem also der Mann als derjenige dargestellt wird, der etwas will, das uns schadet, das EINE, wovor wir uns hüten und uns in Acht nehmen sollen, wird das töchterliche Begehren nach dem Mann in die Hände der Mutter getrieben, wo es kurzerhand kastriert wird: Das Subjekt des töchterlichen Begehrens ist schlecht. Damit erscheint diese Mutter nicht als die Böse, die der Tochter neidisch ist auf ihre Jugendlichkeit, Frische und Verführungskraft, sondern sie ist die liebe Mutter, die es gut mit der Tochter meint, sie schützend umgibt mit sorgenvollen Ratschlägen, die Tochter damit in ihre Hände und weg von den Männern treibt.
Schneewittchen wurde von der neidischen und eifersüchtigen (Stief-)Mutter getötet, sie wurde vergiftet. Das heutige Gift ist die Entwertung von Phallizität, die Entwertung des „Subjektes des weiblichen Begehrens“ als potentiell schädlich für die Frau.
Inzwischen hat sich diese Idee einer männlichen Täterschaft mit der dazugehörigen Frau als Opfer gesellschaftlich niedergeschlagen und festgesetzt. Die Kastration des weiblichen Begehrens hat also damit eine größere gesellschaftliche Breiten- und Tiefenwirkung erlangt als noch in den 1950er und 1960er Jahren. Und, vergessen wir nicht, sie kommt von weiblicher Seite!
Was früher unter Verführungsspiel eine Bedeutung hatte, wird schnell als sexueller Übergriff bezeichnet. Damit setzt sich die Frau in die Position als eine den Männern Ausgelieferte, Wehrlose, sie ist ihr Opfer. Das EINE wird über die Hintertüre in neuer Form wieder eingeführt: Der Tochter braucht man das Begehren auf den Mann nicht zu verbieten, man stellt nur das Subjekt ihres Begehrens, den phallischen Mann, in ein übles Licht.
Ein eleganter Schachzug: Die Opferposition der Frau benennt einen Täter – das ist die Macht des „Opfers“ –, und damit eliminiert sie ihr eigenes Begehren, es erscheint nicht einmal mehr im Vokabular, es erscheint nicht einmal mehr als Begriff. Die Kastration durch das eigene Geschlecht, die Kastration des weiblichen Begehrens wird damit gänzlich verschleiert und unkenntlich gemacht.
In diesem Sinne müssen wir festhalten, dass ein großer Teil der Frauenbewegung genau diese Kastration des eigenen, des weiblichen Geschlechtes bewirtschaftete und dies bis heute vorantreibt.
Der Penisneid ist also nichts anderes – ich komme nochmals auf Freud zurück – als der Versuch der Frauen, ihr Begehren bedeckt und verdrängt zu halten, indem sie das Subjekt ihres Begehrens, den Mann mit dem Penis, kurzerhand zum eigenen ersehnten Geschlechtsteil erkürten. Damit konnten sie die Kastration ihres Begehrens umwandeln in ein neues, in ein verschobenes, leicht verschrobenes Begehren, nämlich diesen Penis immer haben zu wollen, ihn aber nie besitzen zu können. Damit bleibt ihr Begehren – gelesen als Lebenskraft – bestehen, entbehrt jedoch einer Befriedigung.
Heutzutage ist der Penisneid die Fortsetzung derselben Entwertung des weiblichen Begehrens, allerdings mit neuen Inhalten: Eine sexuelle Annäherung des Mannes ist grenzverletzend für die Frau. Ihr Begehren bleibt auch hier auf der Strecke, denn wer will schon einen Mann begehren, der grenzverletzend ist? Die Frau als Opfer des männlichen Begehrens zu positionieren, nimmt ihr die Kraft des eigenen Begehrens nach dem Mann, kastriert der Frau diese Kraft, die Kraft dieser Wünsche und Bedürfnisse, die Kraft ihres Begehrens.
Der Penisneid ist eine Frauensache und hat nicht im Entferntesten etwas mit dem Penis zu tun und schon gar nicht mit seinem Träger. Der Penisneid beißt sich letztendlich in den eigenen Schwanz.