Schreiben und schreiben lassen
Die KI bedroht die Existenz menschlicher Autoren — es gibt jedoch immer noch Bereiche, in denen wir nicht ersetzbar sind.
Macht die künstliche Intelligenz (KI) der schreibenden Zunft den Garaus? Rein praktisch gesehen mag es so sein. Schneller und gleichzeitig besser macht es keiner. An der Versuchung kommen wir nicht vorbei. Und auch nicht an den Fragen, was die Lesenden von einem Text erwarten und was die Schreibenden dazu treibt, ihn zu verfassen. Für die reine Information braucht es keine Menschen mehr. Doch war da nicht noch etwas? Gibt es nicht noch etwas, was das Schreiben zu einem kreativen Prozess und den Menschen zum Menschen macht? Ein Beitrag zur Sonderausgabe „KI und Digitalisierung“.
Ich hab’s getan! Lange Zeit habe ich die Versuchung vor mir hergeschoben. Doch jetzt habe ich einer KI ein Stichwort gegeben und sie beauftragt, einen Text in meinem Stil zu schreiben. Zum Vergleich habe ich sie mit ein paar anderen Namen gefüttert. Ich muss zugeben: Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Mein Thema: Anerkennung.
„Anerkennung — ein leises Wort in einer lauten Welt. Es drängt sich nicht auf, es fordert nichts ein, und doch hungern wir danach wie nach Licht. Vielleicht liegt darin schon das Missverständnis: dass wir glauben, Anerkennung müsse von außen kommen, von Blicken, von Applaus, von dem kurzen Nicken, das uns sagt: Du bist richtig. Doch was, wenn Anerkennung kein Geschenk ist, das andere uns überreichen? Was, wenn sie vielmehr ein Raum ist, den wir selbst betreten müssen — barfuß, verletzlich, ohne Masken?“
Das ist richtig gut. Oder?
„Wir haben gelernt, uns zu zeigen, aber selten, uns wirklich zu sehen. Wir präsentieren Versionen von uns selbst, geschliffen, angepasst, manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Und warten dann darauf, dass genau diese Version geliebt wird. Wie sollte das gelingen? Wie könnte etwas Echtes entstehen aus etwas, das sich selbst verleugnet? Anerkennung beginnt dort, wo wir aufhören, uns zu verbergen. Nicht im großen, dramatischen Gestus, sondern in den kleinen, stillen Momenten: wenn wir uns eingestehen, dass wir müde sind. Dass wir zweifeln. Dass wir nicht immer wissen, wohin wir gehen. In dieser Ehrlichkeit liegt eine Kraft, die nichts mit Schwäche zu tun hat.
Vielleicht ist Anerkennung kein Ziel, sondern eine Haltung. Eine Art, sich selbst die Hand zu reichen, gerade dann, wenn niemand zusieht. Eine innere Bewegung, die sagt: Ich bin da. Mit allem, was ich bin. Und das genügt.
Von dort aus verändert sich auch der Blick auf die anderen. Anerkennung wird weiter, weicher. Sie ist nicht mehr an Leistung gebunden oder an das, was sichtbar ist. Sie erkennt das Unsichtbare — die Anstrengung, das Ringen, das leise Weitergehen trotz allem. Und vielleicht, ganz vielleicht, entsteht aus dieser Haltung etwas, das wir so oft im Außen suchen: ein Gefühl von Verbundenheit. Nicht weil wir perfekt sind. Sondern weil wir echt sind.“
Was nun? In Zukunft heimlich auf KI zurückgreifen und hoffen, dass es keiner merkt?
Nicht mehr mehrere Tage an einem Artikel sitzen, sondern hier und da ein kleines Stündchen, um zumindest ein paar persönliche Akzente zu setzen? Einen anderen Job machen? Mich darauf ausruhen, in den vergangenen Jahren die KI genügend gefüttert zu haben? Na und?
Jeder dritte Text im Internet, so mein Kollege und Manova-Chefredakteur Roland Rottenfußer, wird heute von KI erstellt. Ihm gelingt es, „echte“ von „falschen“ Texten zu unterscheiden (1). Doch kann das jeder? Spürt jeder die fehlende Lebendigkeit künstlicher Texte, den abwesenden Humor, die Emotionslosigkeit, die fehlenden Gedankensprünge und Entwicklungen?
Wohl oder übel muss ich mich mit meiner eigenen Ersetzbarkeit auseinandersetzen. Derweil mein Ego die Nase rümpft bei der Vorstellung, nicht mehr gebraucht zu werden, mache ich mir Gedanken darüber, was Anerkennung für mich eigentlich bedeutet.
Inwiefern brauche ich es, von anderen bestätigt zu werden? Wie wichtig sind mir Lob und Zustimmung? Greife ich danach wie ein hungriges Kind oder erkenne ich als Erwachsene meinen eigenen Wert?
Bin ich in einer Weise bedürftig, immer wieder in meinem Sosein bestätigt werden zu müssen, oder tue ich, was ich zu tun habe, ganz einfach aus dem Grund, dass es getan werden will?
Eine Blume stellt sich nicht die Frage, ob sie besonders schön blüht. Sie blüht. Egal ob jemand sie anschaut oder sich an ihrem Duft erfreut. Der Apfelbaum produziert Früchte, auch wenn sie nicht geerntet werden. Er ist nicht beleidigt, sondern blüht im nächsten Jahr wieder. Tun, was man zu tun hat, machen, was der eigenen Natur entspricht. Menschen tun sich schwerer damit, sich zur Verfügung zu stellen und das Leben durch sich hindurchfließen zu lassen, unabhängig davon, wie es angenommen wird und was andere darüber denken.
Geschenkt
Von dieser Warte aus gesehen betrifft es mich nicht, wenn eine KI meinen Job übernimmt. Zunächst ist Schreiben für mich kein Job. Ich tue es freiwillig und meistens ehrenamtlich. Und dann schreibe ich in erster Linie für mich. Es ist ein Geschenk, das ich mir selbst mache: eine Art Tagebuch, ein Genuss, eine Freude, auf diese Weise meine Gedanken ordnen und weiterentwickeln zu können.
Ich liebe es, neben dem Frühstückstee ein Thema auf dem Tisch liegen zu haben, das auf mich wartet. Mit dem Schreiben geht es mir besser; ohne käme ich nicht so gut durch diese Zeit. Es hilft mir, die Ereignisse zu verarbeiten und mit ihnen meine Sorge, meinen Frust, meine Angst. Ohne das Schreiben würde ich vielleicht fatalistisch werden oder zynisch, ich hinge an den Katastrophenmeldungen wie an einer Droge oder würde mich von Hoffnungslosigkeit erfassen lassen.
Wenn ich nicht versuchen würde, über das Schreiben immer wieder Schicht für Schicht von dem Dunklen abzuziehen, das mir begegnet, so lange, bis das Licht freigesetzt wird, würde ich vielleicht verzweifeln. Schreiben hilft, genau hinzuschauen, doch dort nicht stehen zu bleiben. Ja, es sieht furchtbar aus. Ja, es tut weh. Ja, es macht Angst. Dann kommt der nächste Schritt.
Vom Erkennen zum Anerkennen
Das Schreiben gibt mir die Möglichkeit, kreativ mit den Informationen umzugehen. Angesichts fallender Bomben scheint es geradezu weltfremd, von Innenschau, Gefühlsverarbeitung und Selbsterkenntnis zu schreiben. Neben den „harten Fakten“ und den Analysen der aktuellen politischen Lage ersticken die Stimmen, die den Ausweg in der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins sehen.
Das Schreiben gibt mir den Mut, meinen Faden dennoch weiterzuspinnen und an dem Stoff für eine Welt zu weben, in der die Menschen erkennen, wer sie sind.
Denn wenn sie das tun, ist es vorbei mit den Projektionen auf andere — und damit auch mit der Gewalt, der Überheblichkeit, der Unterdrückung und Ausbeutung. Ein Mensch, der sich selbst anerkennt in dem, was er ist, braucht keinen Krieg. Er regelt seine Konflikte, indem er sich vor seinem Gegenüber verbeugt.
Namasté: Der altindische Gruß ist aus der Yogalehre bekannt. Ich verbeuge mich vor dir, weil ich den göttlichen Funken in dir erkenne. Stellen wir uns vor, wie unsere Welt aussähe, wenn wir das täten. Wenn wir jeden Menschen, jedes Wesen, dem wir begegnen, in seiner Heiligkeit sehen würden, in der Heiligkeit des Lebens. Ich sehe dich. Ich sehe dich, wie du wirklich bist. Können wir uns ein größeres Geschenk machen? Ich sehe dich, und ich erkenne dich an. Das kann nur, wer sich zunächst selbst anerkennt. Nur wer sich selbst sieht, kann auch andere wirklich sehen.
Zur Sonne werden
Wer das tut, der protestiert nicht mehr. Er echauffiert sich nicht mehr und versucht, vergeblich gegen die Ereignisse anzukämpfen. Er wird zu einer Sonne. Mit seinem Strahlen ermutigt er andere, es ihm gleichzutun. Er belehrt nicht, sondern geht mit seinem Beispiel voran. Er manipuliert nicht und erzwingt nichts, sondern tut, was Ausdruck finden will.
So bilden sich viele Sonnen, von denen keine die anderen in den Schatten stellt. Zusammen strahlen sie über eine zunehmend friedliche Welt, in der die Menschen nicht mehr betrügen, stehlen, lügen und töten, um Anerkennung zu finden, sondern jeder seinen eigenen Glanz erkannt hat.
Hätte das eine KI schreiben können? Vielleicht — mir ist es egal, denn ich habe etwas gelernt: Mir tut es gut, die Dinge so zu sehen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat meinen Tag heller gemacht. Ich habe Zuversicht geschöpft und fühle mich stärker. Möglich, dass es anderen ja ähnlich geht. Das würde mich freuen.