Zeit der Maschinen
Die Chancen der Digitalisierung können wir nur konstruktiv nutzen, wenn wir auch die Vorzüge des Analogen und vor allem unsere Menschlichkeit zu schätzen wissen.
Im Jahr 2026 sind wir technologisch an einem Punkt angekommen, der wie die konsequente Fortführung einer Entwicklung von Jahren, Jahrzehnten und sogar Jahrhunderten erscheint, in denen der Mensch immerfort einem Streben nach Erleichterung von Arbeitsprozessen gefolgt ist. Doch während uns dieses Streben auf der einen Seite Wohlstand, Zeit und Autonomie geschenkt hat, sind wir auf der Höhe des Berges angekommen, wo sich diese Entwicklung für den einzelnen Menschen unaufhaltsam in Abhängigkeit, Kontrolle und den Verlust der Selbstbestimmung zu kehren scheint. Die Autorin plädiert dafür, die Technik zu nutzen, wo sie uns nützt, statt uns durch sie benutzen zu lassen. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „KI und Digitalisierung“.
Früher war alles … anders
Ich stamme aus einer Zeit, als es in Deutschland kaum mehr als vier Fernsehprogramme gab und wir in Telefonzellen gingen, um von unterwegs unseren Eltern Bescheid zu sagen, dass wir später nach Hause kommen. Wenn wir es denn überhaupt taten. Wenn wir über Intelligenz verfügten, dann war sie im besten Sinne natürlich.
Die Waschmaschine gehörte glücklicherweise schon lange zu den Errungenschaften des täglichen Lebens, fließend Wasser und elektrisches Licht waren Normalität. Wir kochten unser Essen bereits auf dem Herd oder im Ofen statt auf einer Feuerstelle. In den Schulen wurden uns unübersichtliche Folien noch auf Overheadprojektoren präsentiert, die heute kein Kind mehr kennt. Die Lehrerin schob von Zeit zu Zeit einen Wagen mit einem Fernseher und Videorecorder in den Klassenraum, den sie oftmals nicht zu bedienen wusste, wenn sie versuchte, uns über bewegte Bilder etwas über die Welt mitzuteilen, das sie selbst nicht besser vermitteln konnte, oder wenn sie uns irgendwie beschäftigen wollte. Wir füllten schlecht kopierte Zettel mit einem Stift aus, statt unsere Antworten in ein iPad zu tippen. Und unser Taschengeld brachten wir an den Schalter der Sparkasse, wo wir am Weltspartag ein kleines Geschenk für das Sammeln unzähliger Münzen bekamen, die sich wie kleine Schätze auf unserem Knax-Sparbuch anhäuften.
Doch was das Beste war: Wir trafen unsere Freunde draußen auf dem Spielplatz, bauten Höhlen, bildeten Banden, zogen um die Häuser, trafen uns am See, in der Stadt, im Café — statt in einem virtuellen Spielzimmer.
Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass all diese Dinge in verblüffend kurzer Zeit nur noch vage Erinnerungen in einem Tagebuch sein könnten.
Heute ist alles … neu
Doch das ist nun alles Schnee von gestern. Die Technik hat seitdem eine rasante Entwicklung hingelegt. Während mein Urgroßvater noch die Kerze statt das elektrische Licht bevorzugte, weil er solchen neumodischen Schnickschnack nicht im Haus haben wollte, erleuchten sich heute die so genannten „Smart-Homes“ dieser Welt wie von Zauberhand und fast allein, um ihren Bewohner nach einem langen Arbeitstag daheim willkommen zu heißen. Oder ihm das letzte Stück eigener Handlungsfähigkeit auch noch abzunehmen.
Das Knax-Sparbuch gibt es schon lange nicht mehr, und das Bargeld droht nach und nach aus unserem Leben zu verschwinden. Mittlerweile ist es verlockend einfach, sein Leben auf eine kleine Maschine zu bannen: statt zum Geldautomaten zu gehen, gleich mit dem Handy oder der Karte zu bezahlen, statt mit der Kamera zu fotografieren, das Smartphone zu zücken, statt miteinander zu sprechen, eine kurze Nachricht zu schicken, zu spielen, zu scrollen, sich von digitalen Bildern überfluten zu lassen, statt ein Buch oder eine Zeitung zu lesen. Die wenigsten Menschen haben heute noch ein analoges Adressbuch oder kommen mit einem Stadtplan klar, der schon lange durch ihr Navi ersetzt wird. Ganz zu schweigen von einer natürlichen Orientierungsfähigkeit, die es möglich machen kann, sich in einer Stadt zurechtzufinden, in der man noch nie war – einfach, weil man seiner Intuition folgt.
Dieser Text soll kein Technik-Bashing werden, denn ich will nicht zurück in eine Zeit, in der die Frauen in harter körperlicher Arbeit ihre Wäsche auf einem Waschbrett am Fluss wuschen.
Und ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber ich möchte auch nicht mehr auf mein Smartphone verzichten. Weil es so einfach ist, eben schnell meinen Partner zu fragen, wann er zuhause ist, damit ich weiß, wann wir gemeinsam essen können, oder mich mit einer Freundin auf einen Kaffee zu verabreden. Ich genieße es auch, mich mit Menschen an verschiedensten Orten des Landes oder darüber hinaus zu vernetzen, weil uns Themen verbinden, die ich mit niemandem in meiner unmittelbaren Umgebung teile. Zudem finde ich es praktisch, mir meine Ölfarben im Internet bestellen zu können, da der Künstlerbedarfsladen im Ort schon lange nicht mehr existiert.
Aber Moment … Der Künstlerbedarfsladen wäre vielleicht noch da, wenn Großkonzerne nicht die verschiedensten Märkte aufs Internet verlagert hätten. Meine Freundin hätte ich vielleicht über das analoge Telefon angerufen oder wäre einfach bei ihr vorbeigefahren, und mein Partner und ich hätten im Vorfeld darüber gesprochen, wann wir gemeinsam essen wollen, und wenn nicht, würde sich die Situation wie von selbst ergeben. Vielleicht würde ich auch mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden, mich zu bestimmten Themen in meiner unmittelbaren Umgebung zu vernetzen, wäre mehr im Hier und Jetzt statt an verschiedensten Orten dieser Welt.
Doch die Welt dreht sich zunehmend schneller. Und da ist etwas in der Art und Geschwindigkeit dieser Entwicklung, das überwältigend ist. Und das nicht im besten Sinne.
Der digitale Flughafen
Dazu eine kleine Anekdote aus meinem Leben: Als ich im Juli mit meiner Familie am Hamburger Flughafen stand, um in den Sommerurlaub nach Lettland zu fliegen, wurden wir von einer Mitarbeiterin am Check-in-Schalter an den brandneuen und vollautomatischen Sperrgepäckautomaten verwiesen, um unsere Trackingrucksäcke aufzugeben. Das „brandneue“ Gerät hatte damals schon eine Macke; und statt irgendjemandem das Leben leichter zu machen, erzeugte es gestresste Reisende, die Sorge hatten, nicht pünktlich ihren Flug zu erreichen, da es einfach nicht vor und zurück ging.
Als ich nun vor einer Woche erneut am Hamburger Flughafen stand, um zu einer Fortbildung in die Schweiz zu fliegen, war das hochmoderne Gerät (glücklicherweise) komplett ausgefallen und ich freute mich, wieder an das alte, rumpelige Band gehen zu können, das von einem freundlichen südländischen Mitarbeiter bedient wurde. Ja — hier gab es wenigstens noch einen Mitarbeiter, einen Menschen in dieser riesengroßen Halle, mit dem ich ein paar Worte und Blicke wechseln konnte, während all die anderen Reisenden um mich herum einfach an mir vorbeieilten. Dafür war nun der Check-in-Schalter vollautomatisiert. Menschen hielten ihre elektronische Bordkarte an eine Säule, die sie als berechtigte Teilnehmer eines Fluges an einen anderen Ort dieser Welt autorisierte. Dann machten sie sich weiter auf den Weg zur Sicherheitskontrolle. Es erscheint mir nur eine Frage der Zeit, wann auch hier die menschlichen Mitarbeiter wegrationalisiert werden. Die Lautsprecherdurchsagen, über die wir Reisenden Informationen zu unseren Flügen erhielten, kamen jedenfalls alle schon von künstlichen Stimmen. Mein Stresslevel stieg erheblich in dieser Atmosphäre, die sich nach und nach entmenschlicht und steril anfühlte. Mein hoffnungsvoller Gedanke, als ich sah, dass selbst das Boarding mittlerweile komplett durchdigitalisiert ist und keiner mehr meine Bordkarte sehen wollte, war, dass doch zumindest der Pilot noch ein Mensch sein möge.
Dass es ganz anders geht und dass es sich ganz anders anfühlt, wenn freundliche Menschen uns, mich, durch den Tag beziehungsweise auf so einer Reise begleiten, durfte ich auf meinem Rückflug erfahren. Am Zürcher Flughafen nahm eine zauberhafte junge Eurowings-Mitarbeiterin meinen Rucksack gleich am Check-in-Schalter entgegen und druckte mir meinen Boarding-Pass aus, so dass ich etwas in der Hand hielt — einen haptischen Reiz, etwas, das mir half, mich in der Fremde des Flughafens zu orientieren. Sie sagte mir sogar, wo ich als Nächstes hinmuss, und wünschte mir eine gute Reise. Beschwingt konnte ich mich auf den Weg zu meinem Gate machen, wo bei gedämpften Licht Liegen bereitstanden, von denen aus der Blick auf das Rollfeld ermöglicht wurde. Die entspannende Musik im Hintergrund war definitiv nicht von einer KI erzeugt, und ich atmete auf, als „Maxi Müller“ über die Lautsprecheransage die Teilnehmer des Star-Alliance-Flugs begrüßte: eine menschliche Stimme, die die Fähigkeit besitzt, mein Nervensystem, in diesem Fall meinen Parasympathikus anzusprechen und mich mit ihrer Sanftheit zu beruhigen, während die holpernde und stolpernde Stimme der Flughafen-KI mich nur in den Fight-or-flight-Modus zu versetzen mochte. Kampf oder Flucht — was ich in Hamburg leider die zur KI-Assistentin degradierte Airline Mitarbeiterin hatte spüren lassen.
Willkommen in Dystopia
Diese Erlebnisse brachten mich dazu, darüber zu sinnieren, wo es uns hinführt, wenn wir den eingeschlagenen Weg der vollautomatisierten Welt bis in die letzte Konsequenz zu Ende gehen. Mein Ergebnis war die Frage, wozu wir den Menschen denn überhaupt noch brauchen.
Die Dystopie nahm in meinem Kopf erschreckende Ausmaße an, die an einen Science-Fiction-Film erinnerten: Im Supermarkt stehen wir mit Smartphones an automatisieren Abkassiermaschinen, statt unsere Münzen von einer mehr oder minder gestressten Kassiererin abzählen zu lassen. Immer autonomer agierende Autos oder andere Transportmittel fahren uns zur Arbeit, während wir KI-Musik über unsere Smartphones hören. Aber zu welcher Arbeit sollen wir fahren, wenn wir nach und nach durch Maschinen ersetzt werden?
Die Texte in den Zeitungen werden von der KI geschrieben — Nachrichten, bei denen kaum noch von Interesse ist, ob sie der Wahrheit entsprechen oder nicht. Hauptsache, sie bringen etwas Aktivierung in unseren gelangweilten und unterforderten Sympathikus: den Teil unseres Nervensystems, der für unsere aktive Lebensenergie verantwortlich ist.
Abends setzen wir uns dann vor unseren Bildschirm, entweder, um uns mit dem KI-generierten Fernsehprogramm zu betäuben, oder um weitere Aktivierung in unser konfuses Nervensystem zu bringen. Oder um mit unserem digitalen Psychotherapeuten zu sprechen. Denn angeblich ist es für viele Menschen ja genauso hilfreich, mit einer KI zu sprechen wie mit einem realen Therapeuten. Finanziell günstiger ist es auf jeden Fall, und in Zeiten, in denen im Gesundheitswesen an erster Stelle von Sparplänen statt von einer menschengerechten Versorgung gesprochen wird, kommt manchem dieser Sparfüchse „Dr. Äy-Ei“ ganz gelegen. Denn irgendwas muss man sich einfallen lassen, wenn in einer zunehmend entmenschlichten Welt der Bedarf an psychologischer Hilfe immer größer und dringender wird, auf der anderen Seite aber die Hürden, diese Hilfen auch zu bekommen, immer höher werden – nicht zuletzt durch das neue „GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz“, das psychotherapeutische Leistungen ab Januar 2027 durch strengere Budgetierungen noch schwerer zugänglich macht.
Doch ernsthaft … Wozu brauchen wir den Menschen noch? Ist es denn wirklich noch zeitgemäß, dass wir junge Männer auf den Schlachtfeldern dieser Welt einander töten lassen, wo es moderne autonome Waffensysteme wie Roboterhunde und autonome Drohnen gibt, die viel effektiver einander auslöschen können? Sie können ja sogar ohne jeglichen menschlichen Eingriff eine eigenständige Zielauswahl treffen.
Soeben begegnete mir zum ersten Mal der Begriff „Loitering Munition“ (1), so genannte „herumlungernde Munition“. Das sind Flugkörper, die „mithilfe eines eigenen Antriebs in einen Einsatzraum fliegen und dort eine gewisse Zeit in der Luft kreisen können. Über bordeigene Sensoren und eine intelligente Software können die Systeme selbstständig Ziele, beispielsweise einen feindlichen Kampfpanzer oder Gefechtsstand, erkennen und dem Bediener anzeigen. Dieser hat dann die Möglichkeit, das Flugobjekt samt Sprengladung gegen das Ziel einzusetzen“. Aber wozu soll denn der Mensch überhaupt noch den Knopf drücken? Könnten wir das nicht auch der KI überlassen? Die benötigt dann wenigstens keine psychotherapeutische Hilfe aufgrund schwerer Traumatisierungen, die so ein Krieg immer mit sich bringt.
Jedenfalls werden wir Menschen ja offensichtlich kaum noch zum Kriegspielen benötigt. Vielleicht noch als Angriffsziel? Ich schlage vor, dass wir uns in dieser Hinsicht auch als überflüssig erklären und diese Kriegsmaschinen dahingehend instruieren, dass sie sich gegenseitig zerstören.
Oh … Bis hierhin scheint diese Dystopie ja eher der Situation zu entsprechen, die wir so und noch viel umfassender im Jahr 2026 erleben! In meiner Vision jedenfalls sah ich dann einen Planeten, auf dem der Mensch nicht mehr vorhanden ist. Er hat sich gänzlich überflüssig gemacht, indem er jegliche Handlung und jegliche Inspiration an Algorithmen und Metall abgegeben hat. Roboter ziehen durch die Straßen der KI-generierten Landschaft, die einem marsähnlichen Planeten gleicht. Alles scheint in einem rötlich-pinken Licht, und alles erscheint vollständig sinnentleert, blechern, künstlich, trist.
Wann ist der Mensch ein Mensch?
Doch halt! So weit muss es nicht kommen, wenn wir diese Maschinen nutzen, um uns Dinge abzunehmen, die wir nicht machen wollen. Wenn wir sie weiterhin unsere Wäsche waschen lassen, aber unseren Lichtschalter eigenständig bedienen, wenn es uns zu dunkel wird. Lasst uns die KI meinetwegen Dinge fragen, die wir nicht wissen, aber lasst uns dann weiter nachdenken oder nachforschen, ob das, was sie uns gesagt hat, mit unserem Weltverständnis übereinstimmt. Und bitte fragt euch, ob es wirklich nötig ist, während eines Fluges von Zürich nach Hamburg ohne Unterbrechung aufs Handy zu schauen. Und ob ihr wirklich lieber die nächste plattgebügelte KI-Musik zur Entspannung hören wollt, oder doch lieber das Duo, das euch mit seinen Handpans in viel tiefere Räume führen kann.
Wir Menschen wollen in unseren Sinneskanälen angesprochen werden — und unsere Sinne können ziemlich differenziert unterscheiden, ob das, was uns dargeboten wird, voller Leben ist oder nur aus Algorithmen besteht. Und selbst wenn möglicherweise unsere Fähigkeit degeneriert, dies bewusst wahrzunehmen, weil die Technik immer perfider uns angeglichen wird, so spüren wir den Unterschied doch auf einer tieferen Ebene. Die Stimme der KI hat keinen Atem, auf den der unsere reagiert.
Die KI wird niemals ein Bewusstsein haben, auch wenn wir sie mit geklonten menschlichen Nervenzellen verschalten. Sie mag vielleicht noch einen Rhythmus erzeugen und eine Bewegung, aber was ihr fehlt, ist die Vitalität eines Organismus, der eingebettet ist in Prozesse, die wir als lebendig empfinden. Das Ein- und Ausatmen. Die Expansion und die Kontraktion. Die KI hat keine Propriozeption, also keine Tiefenwahrnehmung und keine Organe oder Sinneskanäle, die sie etwas erleben lässt. Sie kann nicht staunen oder sich wundern. Sie hat keine Liebe und keine Tränen. Sie kann nicht aus vollem Herzen lachen, denn sie hat kein Herz, und wenn sie wütend wird, dann kann das höchstens ein dem Menschen nachempfundener Ausdruck einer Gefühlsregung sein. Zudem fehlt ihr die Fähigkeit, sich ihrer selbst bewusst zu sein. Sie kann nur kraft ihrer Rechenleistung analysieren, was bereits vorhanden ist, was bereits geschehen ist, und das nicht mal immer richtig gut. Die KI ist eine Maschine, die wir abschalten können. Noch … Möge es so bleiben!
Meine Fortbildung trug übrigens den Titel „Das Proto-Selbst ist unser Körper-Selbst“. Der amerikanische Traumaforscher und -therapeut und einer der bedeutendsten Experten auf diesem Gebiet, Dr. Peter Levine, erforschte gemeinsam mit uns „das ultimative Lebensziel: das bewusste Bewohnen eines lebendigen, bis in die Zellschicht atmenden und fühlenden Körpers“ (2).