Zeitenwende mal so mal so
In der Poetik-Ecke LX werfen drei Autoren Licht auf die Umbruchstelle, an der wir uns befinden.
Nach langer Zeit wieder eine Sammelecke und damit auf engstem Raum unterschiedlichste Perspektiven auf das Dasein in dieser Zeit: Maria Frank, Karsten Gerloff und Burgi Tötsch formen kritisches Bewusstsein einmal ins Innerste gewandt, einmal politisch nach außen, dann wieder philosophisch verspielt. Dass die Gedichte in gänzlich verschiedenen Formen daherkommen, versteht sich. Ein Geschenk beendet die kleine Sammelecke, ein Geschenk an die Freiheit. Sie beginnt damit, dass ein Text keine Botschaft hat und stattdessen den Impuls setzt: für die Liebe ...
Maria Frank
Trauer um den Menschen
Ich weine unbekannterweise.
Betroffen macht es mich,
dieses denkende Ende oder
endende Denken eines Menschen,
der immerhin einmal seinen Anfang gefunden hat.
Um den Verlust eines mitteilenden Innersten trauere ich,
Verlust eines
Traumfängers und Traumtänzers
in unserer
technisierten,
dünnbrettbohrenden,
verantwortungslosen
in Informationen erstickenden Welt.
Die Leere zu füllen, ist er angetreten,
vielleicht,
eine neue Ebene des Seines freizulegen,
vielleicht,
ohne Zensor,
vielleicht,
ungehört und ungesehen,
am Ende sinnlos sich fühlend,
vielleicht,
ich spekuliere, fabuliere,
im Inneren verschwindend.
Vielleicht wollte er es so.
Als letzte Konsequenz.
Kanntest du ihn besser, den Mensch?
Anmerkung: Maria Frank hat in Gedichtform auf das Schicksal des Autors Thomas Eblen reagiert. Daniel Sandmann hat ihren Text leicht abgewandelt zu einem Text über das Verschwinden des Menschen schlechthin, ein Verschwinden, das bereits in der Fassung von Maria Frank deutlich angelegt war.
Karsten Gerloff
Die Welt braucht . . .
Die Welt braucht wahrlich mehr Poeten,
die von Mut und Herz berichten;
anstatt weiterer Despoten
mit ihren alten Kriegsgeschichten.
Die Welt braucht eine freie Presse,
die die Herrscher kontrolliert.
Die mit Weisheit und Finesse
an die Wahrheit appelliert.
Die Welt braucht viel mehr Unternehmen
mit freuderfüllten Visionen;
die den Rohstoffabbau zähmen,
und die Mutter Erde schonen.
Die Welt braucht wahrlich mehr Vertrauen
in die eig‘ne Fähigkeit.
So gelingt das Brückenbauen,
Basis für Lebendigkeit.
Die Welt braucht jedes Lebewesen
mit seiner Natürlichkeit.
So kann der Planet genesen,
es beginnt die neue Zeit.
Burgi Tötsch
Zeitenwende
Zeitig wende ich mich ab von der Gegenwart,
strecke mich nach der Zeitenwende,
die Hoffnung verspricht, dass alles sich verändert.
Die Richtung ist beliebig, wichtig ist, dass sie Haken schlägt.
Unauffällig baut die Zeit Schleusen,
unbemerkt füllen sich die Dämme.
Offenherzig pflanzt sie Gedankengut
in die Köpfe der Menschen,
das Schleusen versperrt
und die Dämme brechen lässt.
Und die Geschichte
wird die Flut und das Grauen,
den Umbruch und den Aufbruch
benennen.
So wird es für das Schreckliche
Und für das Hoffnungsvolle
nur EINES Begriffes bedürfen:
WENDEZEIT
Maria Frank
Ein Gedicht zum Geschenk
Trauerweide
spricht zu mir
am grünen Teich
Nicht
Hoooop,
Laaaaa,
Hoooop.
Nicht mit mir
Und nicht von jetzt auf gleich.
Sitz ein Jahr bei mir,
dann fünf Worte sag ich dir
unglaublich zart und weich.