Vorrede auf dem Theater: In diesen Tagen hat sich in Nepal, an der Grenze zu China, ein Strom aus Erde, Geröll und Schutt in ein Talsystem ergossen und ganze Topographien und Lebensentwürfe unter sich begraben. Die Bilder betrachtend, die Videos dazu, komme ich nicht umhin, dieses Geschehen mit demjenigen in Thomas Eblens Gehirn in Verbindung zu sehen. Die Gehirnlandschaft, ihre Topographie, scheint auch gar verwandt mit Gebirgslandschaften, mit Tälern, Windungen und Schluchten. Und dass hinter dem Metaphorischen Menschen sind, dass ein Mensch dahinter steht, das wird einem bewusst, wenn man, sei’s zufällig oder nicht, einer solchen Verschüttung und Umwälzung nahe kommt. An dieser Stelle indes kann es nicht darum gehen, Privates zu verkünden, hier, im Salon, steht das Allgemeine, das, was uns alle als Lesende, als Menschen betrifft. Deshalb sind aus Thomas Eblen und Anysia Frangatzi Philemon und Baucis geworden und ich bin einfach ein Ich. Indes, im Briefwechsel selbst sind es im Grunde bereits Philemon und Baucis aus Goethes Faust, ein seltsames Liebespaar aus anderer Zeit, ein Paar, welches Faust und dessen technokratischem Bestreben, die Flüsse zu kanalisieren, zum Opfer fällt.
Das Bühnenbild, vor dem der folgende Dialog spielt: Eine Fotografie. Zwei Gesichter aus einem zeitlosen Kontinuum schauen einen an. Zwei Gesichter aus einem Immerschon, einem Immerschondavor und einem Immerschondanach. Ein betörend schönes Bild ist es. Philemon strahlt die verrückende Heiterkeit aus, Baucis die Schönheit der glasklaren Ahnung dessen, was kommt. So schön kann ja doch nur Ahnung sein. Trauer der anderen Art. Der Abart. Alles ist weit weg auf dem Bild, entfernt von Urteilen, Haltungen und Panik. Das Bild ergreift jeden, der es schaut — keiner kann Schauender bleiben. Auch jener, der die Geschichte und Gesichte(r) nicht kennt und ihnen nie begegnet ist, findet in diesen Gesichtern sich selbst. Einer aber sitzt im leeren Saal und sieht das Bild und denkt: In dieser seelenlosen und sinnestoten Zeit sind die Zeilen des heiteren Autors, da er nun radikal weggetreten ist, radikaler als der Tod, und da die Fotos in den Händen ausbleichen, in dieser Zeit ist das ALLES hinüberzuretten, in einen Salon zu retten, einen Raum, allein um den Riss immerhin anzuzeigen, einen Riss, den am Ende ja doch die Menschheit selbst erfasst.
Philemon an Baucis im Jahre 2025: Ich habe einen Weg zurückgelegt. Früher dachte ich, der weiche warme Blick des Schauens führe dazu, die Welt besser, aber auch nachsichtiger zu verstehen. Das gelang mir nicht. Vieles von dem, was ich erhoffte, trat nie ein. Mehr noch, gerade als ob es mich provozieren wollte, wurde ein Gegensätzliches behauptet und getan. Daraus wurde meine Ironie geboren: eine existenzielle Ohnmacht, die ich empfand und in Geschichten übersetzte, Geschichten, die kaum jemand verstand. Oft besteht ja die Ironie darin, nicht zu verstehen, und wenn ich könnte, würde ich innerlich lachen darüber, aber das kann ich nicht.
Meine Existenz ist leicht. Sie ist nirgends verankert. Das macht sie so anfällig für Verführungen. Deshalb auch die Ignoranz meinem Körper gegenüber, der mir folgen sollte wie ein fetter Dackel seinem Herrchen. Das ist natürlich ein Fehlschluss und ich muss einen Preis dafür bezahlen.
Aber was bekomme ich dafür? Eben das Andere, vielleicht sogar Neue. Das ist keine künstlerische Attitüde, sondern Bedingung. Man muss etwas opfern, wenn man die Welt verändern will, meine eigene Welt, wohlgemerkt. Kein Napoleon, kein Alexander, kein Hitler ist in mir. Es sei denn in den Vernichtungsfiguren meiner Ohnmacht. Somit wurde ich von einem Schauenden zum Beobachter, und zwar meiner selbst. Mit erbarmungsloser Schärfe — auch da schimmert die Ironie hindurch – studierte ich mein Verhalten und dasjenige der anderen. Staunen und Kopfschütteln stellten sich ein, dann auch Verstehen und Erkennen. Ich wollte Brücken bauen. Und womit?
Mit der Sprache natürlich. Doch sie wurde weder aufgenommen, noch angenommen, vielmehr im Keim schon erstickt. Daran erkannte ich, dass meine Wahrnehmung und meine Argumentation anders waren, denn sie riefen Abwehrreaktionen hervor. Darüber muss man sich nicht wundern, sagen die Gescheiten. Aber es verletzt einen eben doch. Die Schärfe der Beobachtung schnitt in mir kaum heilbare Wunden. Das ist mein täglicher Kampf. Da ich schwach bin, ist mein Tun aussichtslos, ein Sieg außer Reichweite. Und da ich weiß, dass meine Stärke eben diese Schwäche ist, übe ich die ironische Distanz, die leichte Existenz, das lose Dahinleben, ohne beständig werden zu wollen. Das alles sind vielleicht Grillen eines romantischen Dichters, der keinen Ort findet, an dem er zu Hause sein kann. Fürwahr, ich bin ein Reisender, ohne zu reisen, ein Denkender, ohne zu denken, ein Verlorener, der gefunden ist. Gefunden von dir.
Baucis an Philemon: Es ist etwas geschehen und das lässt mich aufhorchen. Innehalten. Es ist eine Veränderung im Reagieren. Du weißt ja wie ungezügelt, ja fast ungestüm ich meistens von nicht bezwingbaren Impulsen in Handlungen gerissen werde, so als gäbe es nur diesen einen Weg und nur diese eine Reaktion. In mir sind an diesen Stellen Pausen gewachsen. Ich höre da jemanden, Stimmen sozusagen. Ich höre dich. Du meinst es gut mit mir und du zwinkerst mir zu. Ich sehe dich an, zwinkere zurück, ein Lächeln entsteht und ich sage dann, nein, du hast ja Recht. Bleib bei dir. Bleib in Ruhe. Es ist deine Ruhe, dein Licht. Du nennst es sogar Anmut. Ich hätte diesen betörenden Begriff im Leben nicht mehr mit mir selbst in Verbindung gebracht in all der Verkrümmung, in all dem Kummer. Nur ein liebender Künstler, ein feiner Poet hätte Prägungen in meiner Verhärtung hinterlassen können. So wie du sie in mir hinterlässt.
Philemon an Baucis, am 30. Dezember 2025, Namenstag der Anysia: Alles Gute zum Namenstag. Vielleicht hilft der Name, sich von diesen Verfestigungen zu befreien, was nicht heißt, man sei frei. Aber immerhin, sich lösen von den alten Ketten, die man sich meist selbst angelegt hat. Doch auch das ist nur eine Vorstellung. Wir sind noch nicht so weit, uns angstfrei zu glauben, denn die Kräfte der Zerstörung durchdringen uns, ohne dass wir sie wirklich spüren. Wir gehen mit, marschieren mit, selbst der Widerstand ist nur ein Sich-Fallenlassen in eine Notwendigkeit, ist also Teil der Notwendigkeit. Wie daraus entkommen, wie daraus sich emporschwingen hinauf in eine neue Wirklichkeit? Das ist die Aufgabe der Dichtung. Ich weiß, das ist zu schwer, um es im Augenblick zu begreifen, vielleicht ist es unmöglich. Doch ist Jahreswende, da darf erlaubt sein, eine Heilung zu erahnen, mehr ist es nicht.
Baucis an Philemon, den Neujahreswunsch beantwortend: Mein Leben lang versuche ich heimzukehren, suche ich nach einem Ort der Ankunft, einem Anker, der mich sicher hält. Immer wieder begegnen mir Fata Morganen und alles zerfällt in Nichts. Der Gedanke heimzukehren ist betörend und ich bin sicher, in deiner Tiefe eine besondere Art der Heimat gefunden zu haben, musste ich ja nicht zu dir hinabsteigen, denn ich war ja schon ewig da. Nicht einmal dein Hang zur Sucht schreckt mich. Wo werden wir landen, wo stranden, wo anecken, wo werden wir gefeiert? Ist es nicht schön, dass nochmals eine Blüte aufzugehen scheint am fast verdorrten Strauch? Auch wenn es bieder klingt, ich wünsche uns Glück und Gesundheit, Klarheit und Geduld, Freude und Segen für das Neue Jahr. Du und ich.
Baucis an Philemon, 17. Mai 2026, das Jahr ist nun fortgeschritten und das Schicksal naht: Lieber Philemon, wenn ich dir nun beschreibe, was ich heute getan habe, wirst du lachen. Ich habe mich mit einem Meerschweinstall, einer Schlingpflanze und einem Wäscheständer beschäftigt, der, unglücklich positioniert, die Exkremente eines Taubenpärchens aufnehmen musste, die den Winter auf einem Mauervorsprung über eben diesem Ständer verbrachten. In der Nacht war es kalt und starker Regen muss Xanthi vor meinem Eintreffen ereilt haben. Heute ist der Himmel von einem unwirklichen Blau gezeichnet. Der Schlaf war wirr und traumreich, das Aufwachen abermals wie im Traum, tastend und unwirklich, und jetzt bemühe ich mich um ein Ankommen in einer Überforderung, die keine Lösung mehr kennt. Die Fahrt vom Flughafen hierher war gewohnt voller Vorwürfe und Anklagen. Wäre zweimal beinahe aus dem fahrenden Auto gesprungen. Du warst mir näher als geahnt, und dein Bild lag schützend über mir. Es ist alles zu viel, unlösbar, manches untragbar. Gelassenheit rät mir meine Schwester und so wenig putzen wie möglich. Ein guter Rat, nicht wahr?
Philemon an Baucis: Liebe Baucis, Gelassenheit ist wohl ein guter Rat. Das hilft einem, das gelebte Leben zu verstehen und sogar hinzunehmen, ein Leben, das einen immer wieder einholt und an die Ränder versetzt, wo man sich fragt, ob das noch alles auszuhalten sei. Gelassenheit hilft, das Unaushaltbare auszuhalten. Vielleicht schaffst du es, dich nicht vollkommen in den alten Mustern zu verlieren. Man entrinnt seiner Geschichte nicht, aber man kann sie zeitweise hinter sich lassen. Ich sitze hier und atme Stille.
Baucis an Philemon, 18. Mai 2026: Stille atmen. Nur ein Poet kann das. Alle anderen würden einfach still atmen. Denn es ist ja noch immer in Mode, dieses Atmen. Niemand käme auf die Idee, nicht mehr zu atmen. Oder doch? Und dann? Das Erwachen wäre unerwartet und hell und dunkel zugleich. Ist es nicht so? Stille atmen. Welch ein beruhigendes Bild. Was bräuchte die Welt mehr als ein paar Menschen, die dazu in der Lage sind. Du wirst den Satz nicht erwarten in deiner angstvollen Erstarrung, den Satz Ich liebe dich. Und deshalb übe ich mich in deiner Kunst: Stille atmen.
Baucis für sich: Er antwortet nicht. Das beunruhigt mich.
Baucis an Philemon, 19. Mai: Stille.
Philemon an Baucis, am Abend des 19. Mai: Seit du nicht mehr da bist, spüre ich eine Leere. Es fehlt mir die Begegnung. Wenn du ins Zimmer kommst und lüftest, zum Beispiel, oder wenn du dich neben mich setzt. Dann deine geschliffene Rede, deine Kochkunst. Der Gedanke daran trifft mich, angegriffen wie ich augenblicklich bin, ins Herz. Ist es nicht so, dass wir uns eine gewisse Gewohnheit erarbeitet haben? Ein Kommen und Gehen, ein Aushalten und Aneinanderdenken, ein Fühlen und Spüren.
Nischen, in die wir kriechen, um uns vor der Welt zu schützen, mag uns der Alltag auch zermürben. Indes, ich habe dich wohl zu weit in mein Schneckenhaus hineingezogen. Das ist nicht gut. Wir sind schon ein seltsames Paar.
Baucis an Philemon: Ich mache mir Sorgen. Schreckliche Sorgen und du weißt, in welche Richtung sie gehen. Ich mache mir den Vorwurf, dich schleichend mit meiner Melancholie zu vergiften. Es ist entsetzlich, ein Gedanke, der mich sehr quält. Fast wie die Hexe in Hänsel und Gretel, die alle Fürsorge nur walten lässt, um die Kinder bei Zeiten zu verschlingen. Wir sind schon ein seltsames Paar, ja. Vielleicht auch nur ein seltenes Paar und das ist doch wieder das Wunderbare. In deinem Schneckenhaus kenne ich mich gut aus. Es ist da nur Platz für einen. Jahre habe ich darin verbracht und auch mein Schneckenhaus hatte nur Platz für mich. Die Umwelt leidet rundherum. Sie glaubt, wir würden an uns selbst zugrunde gehen, würden langsam ersticken. Vielleicht kommt daher mein Zwang zum Lüften. Wie geht es dir? Muss ich mich sorgen? Wohin geht der Weg und was wird morgen?
Philemon an Baucis am 20. Mai: Mir geht es so weit gut. Mach dir keine Sorgen. Ich glaube, dass wir ein Fundament geschaffen haben, das sich trägt. Wir bewegen uns unentwegt aufeinander zu.
Baucis antwortet, gleichentags: Ja, wir bewegen uns unentwegt aufeinander zu. Wenn wir klug mit den Übertragungen unserer Ängste und Befürchtungen umgehen, können wir uns finden und dann beginnt die Ewigkeit.
Bis zum 25. Mai erfolgte keine Antwort von Philemon. Baucis wusste, dass es nicht gut stand. Auch die äußere Welt spielte dabei eine Rolle. Die ersten Bomben auf Iran hatten Philemon definitiv niedergestreckt. Er kippte taumelnd vom Stuhl und war danach nicht mehr der Gleiche. So hatte es Baucis noch miterlebt, bevor sie nach Griechenland heimkehrte, sich um ihren achtzehnjährigen Sohn zu kümmern. In diesen fünf Tagen ohne Antwort schrieb sie Texte mit dem Titel ILLUSIONEN an Philemon. Ihr Sohn kommt darin vor, ihre Wohnung im Norden Griechenlands fernab von Philemon, das Wetter.
Baucis in ‚Illusionen‘: Eine Mutter und ein Sohn in einer Wohnung. Es ist still, alle sind satt. Es ist sauber, der Kühlschrank gefüllt, die Wäsche gewaschen und der Plan für nächste Woche gemacht. Die meisten Besorgungen erledigt, der Stall noch sauber, die Temperatur 21°C. Sehr angenehm, trotz einer erhöhten Luftfeuchtigkeit durch den leichten Regen, der seit Tagen vereinzelt fällt. Es ist weder zu warm noch zu kalt. Und deshalb ist es fast ungewöhnlich. Die Wohnung ist weder stickig und ungelüftet, noch muss die Stellung der Fenster reguliert werden. Es ist weder zu hell noch zu dunkel. Es ist alles okay. Ein sonderbares Gefühl. Ich schlafe tief, wache früh auf und erledige alles, was mir vor die Füße fällt. Der Kopf ein wenig hohl, das Herz ruhig. Ich drehe am Nachmittag die gewohnte Runde. Wie immer alleine. Niemand fehlt mir. Nur du.
Der hohle Kopf stellt sich wohl ein, wenn man aus dem Lebens- in den Überlebensmodus schaltet. Da ist dann alles Biologie und erklärlich. Alle Energie wird dann umgelenkt in Kampf- und Fluchtbereitschaft. Eigentlich verständlich. Das Problem beginnt, wenn Kämpfen und Flüchten anstelle des Lebens treten und jegliche Energie dafür verschwendet wird. Was bleibt dann mehr als ein ausgehöhlter nur noch vom Durchzug aufgeblasener Torso.
Erinnerst du dich daran? Unsere Blüte. Unsere betörende Blüte? Jetzt ist das Wetter verrutscht. Eine ungewöhnliche Kühle. Vom grauweiß verschleierten Himmel fallen im Abstand von zwei Metern vereinzelt, aber rhythmisch Wassertropfen. So fein und klein, das man mit dem Begriff ‚Regen‘ völlig falsch liegen würde. Auch der Begriff ‚Un-Wetter‘ trifft nicht. Vielleicht ist es das Resultat eines regierungstreuen amerikanischen Geo-Engineers. Ein ‚regenreiches‘ Frühjahr als Ersatz für die fehlenden Düngemittel? Griechenland als Musterschüler, und als Dankeschön eine Gießkanne voll Wasser aus dem Cloud Labor...?
Philemon an Baucis, endlich, am 25. Mai: Das Wetter ist verrutscht. Sehr schön ausgedrückt. Man könnte auch sagen, das Wetter sei von den Füßen auf den Kopf gestellt worden. Absurditäten oder Paradoxien, die sich da zeigen. Ich spüre, dass du daheim bist und mit deiner zweiten Heimat ringst. Sie gewinnt dich immer stärker und schön wäre es, wenn du in beiden Welten dich wohl fühlen könntest. Irgendwie drückt sich in deinem Text die leichte Schwere aus. Anziehung und Abstoßung. Alte Gewohnheiten, die wieder auftauchen und dich vereinnahmen zum einen, dein neues Leben, das seine Daseinsberechtigung einfordert, zum andern. Wenn ich dir so zuhöre, mit all deiner Geschäftigkeit und Energie, bin ich fast neidisch. Du fehlst mir.
Baucis an Philemon, gleichentags: Du fehlst mir.
Philemon an Baucis, einen Tag später, es ist der 26.Mai: Ich gebe zu, dass ich in letzter Zeit an Kraft verloren habe. Meine Einbildungskraft hat mich schwach gemacht. Ich bin dabei, dies zu überwinden. Es ist einfach zu viel an Schöpferkraft und ich sehe mich als einen schwachen Menschen. Das ist das Fundament meiner Kunst. Ein Makel, ich weiß. Wahrscheinlich bedingt das eine das andere, aber vielleicht ist das nur eine Chimäre. Ich spüre die Kraft Griechenlands in dir, deshalb fällt es dir schwer, dich zu entscheiden, aber das brauchst du nicht. Das eine ist, ohne das andere, nichts wert. An dieser Spannung werden wir wachsen.
Baucis an Philemon gleichentags: Wir werden Nähe und Zeit brauchen, und wir werden uns halten müssen. Ich habe schrecklich Angst und sehne mich nach einem Zuhause. Die Nähe zu dir in der Entfernung ist betörend.
Baucis an Philemon, 28. Mai, das Schicksal ist nun nah: So etwas wie ein Einbruch ereignet sich gerade bei mir. Die erste Schaffensphase hier ist nun jämmerlich eingebrochen und ich hatte eine wirklich schwierige Nacht mit dem Gefühl, sterben zu müssen. Aber mach dir bitte keine zu großen Sorgen. Die Hälfte der Zeit ist ja bereits geschafft, bald bin ich zurück bei dir, und alles wird irgendwie einen Sinn haben. Wenn du mir schreibst, bin ich immer sehr froh. Das Warten auf Antwort hat fast pathologische Züge.
Am 29. Mai schrieb Daniel Sandmann eine Mail an Thomas Eblen, ihn an das vor vielen Monaten vereinbarte Treffen erinnernd, das in den darauffolgenden Tagen stattfinden sollte. Es handelte sich um ein Treffen von Autoren, die mitunter in Manovas Literatursalon veröffentlichen. In der Mail ging es darum, Thomas zu fragen, was seine Vorstellungen bezüglich seines geplanten Besuches in Deutschlands Nordwesten seien.
Philemon an Baucis am 29. Mai 2026: Ich muss auch sagen, dass ich mit Einbrüchen zu kämpfen habe. Meine Stimme ließ nach, so letztes Wochenende, weil ich mit niemandem reden konnte. Es schneidet mir keiner die Nägel oder verarztet meine Wunden. Hier ist lang anhaltender Sommer. Ich leere den Briefkasten und gehe zur Arbeit. Meine Kunst liegt mehr oder weniger brach. Ich habe wenig Lust dazu. Ich habe allerdings einen neuen Text zu Daniel geschickt, der ihn recht schnell weitergeleitet hat an die Redaktion. Wieder ein kleiner Baustein in meinem Gebäude, das niemals fertig werden wird. Also bleib leicht in der Schwere. Was bleibt uns sonst übrig.
Letztes Schreiben von Baucis an Philemon, 30. Mai 2026: Lass die Nägel wachsen. Ich habe einen neuen Text um das schöne Wort „treiben“ ausgedacht. Da kommst du vor als Floß und auch als Weinstock, der suchend seine Fühler aus streckt. (...) Ich bin bald da!
Am 31. Mai schrieb Thomas Eblen wenige Zeilen an Daniel Sandmann, worin er seine Vorstellungen zum Treffen kurz skizzierte. Dann schrieb er auch: „Ich muss allerdings sagen, dass ich gesundheitlich angeschlagen bin und noch nicht sicher bin, reisen zu können. Ich werde dir rechtzeitig Bescheid geben.“ Die Folgemail vom 1. Juni war nur noch eineinhalb Zeilen lang. Sie beinhaltete die Absage. „Mein Gesundheitszustand lässt es einfach nicht zu. Vielleicht klappt es ein andermal.“ Die umfassende Verschüttung der Sprachareale ereignete sich in Tagen darauf.
Baucis findet bei ihrer Rückkehr nach Deutschland am 7. Juni 2026 Philemon völlig abgemagert, verwirrt und verwahrlost in der über drei Wochen unberührten Wohnung vor. In den Illusionen III, die sie mit „IIIusionen“ betitelt, schreibt sie: Wenn ich mir etwas wünschen könnte, jetzt und sofort, ich wünschte mir sofortige Entschlackung. Auf einen Schlag. Das Körper-und-Geist-Gefühl, das sich nach vierzig Tagen strengster Enthaltsamkeit einstellt und innerlich und äußerlich Flügel verleiht. Alle Welt würde sich dementsprechend verhalten, lägen nicht vierzig Tage Entbehrungen dazwischen. Und sie schreibt weiter: Alles, was zu tun war, ist getan. Nichts mehr offen. Alles in allem ändert es sich langsam zum Guten. Für viele Menschen ist das ein Grund-Gefühl. Nicht so für mich. Für mich ist es eine neue Erfahrung. Nur auf dem Hintergrund einer neuen Gewissheit kann ich diese Erfahrung langsam annehmen. Du bist mir diese neue Erfahrung. Du bist mein Halt. Mein Glück.
Am Donnerstag, dem 4. Juni, versuchte Thomas‘ Zwillingsbruder, ihn stationär im nahe gelegenen Krankenhaus unterzubringen, wo er auf skandalöse Weise abgewiesen wurde. Am Montag, dem 8. Juni, wurde er dann um 8 Uhr morgens umgehend von der Hausarztpraxis mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus nach L. gebracht, wo er zehn Tage untersucht und behandelt wurde. Dabei wurde die Läsion in der linken Gehirnhälfte festgestellt. Bis zur P.-Diagnose am 23. Juli verbrachte er die Zeit wieder in der Wohnung, war aber nicht mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen. Der Zustand verschlechterte sich in diesen Tagen massiv und seit Dienstag, 28. Juni 2026, befindet er sich stationär in W. Der Krieg geht weiter. Im Iran, in Gaza, in der Ukraine, allüberall. In den Konzernen, Institutionen, den Medien, den Köpfen, den Seelen, analog, digital. Digital vor allem. Und die Suche nach der Sprache lässt nach. Die Suche nach dem Innersten. Das ist die Wirkung. Thomas fehlt. Fehlt bei der Suche.
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Quellen und Anmerkungen:
Diese behutsame Publikation konnte Thomas Eblen, so dürfen wir guten Grundes annehmen, in einer Kerngestalt begreifen — es liegt seine Einwilligung hierfür vor, darüber hinaus wahrscheinlich aber sein Wunsch. Der hier dargestellte Briefwechsel wurde für diese Würdigung im Salon gekürzt, verschiedene Aspekte sind weggelassen. Der Ton, die Literarizität indes ist gänzlich übernommen, sprachlich nur Weniges leicht verändert. Die Darstellung ist mit Anysia Frangatzi abgesprochen. Anysia Frangatzi fungiert im Text wie in der Wirklichkeit als die andere Stimme, die ebenso literarisch spricht wie diejenige von Thomas Eblen. Dass ihre andere Heimat, Griechenland, eine zusätzliche, wichtige Schicht in den Text trägt, wird bei der Lektüre deutlich, auch wenn es nicht die Antike Goethes ist. Thomas Eblen hat ein umfangreiches Werk geschaffen: Sprache, Musik, Bild. Anysia Frangatzi, so zumindest das Vorhaben, wird seine Texte in den kommenden Monaten und Jahren sichten. Es kann also sein, dass doch noch weitere Texte von ihm ins innerste Innere des Salons finden.





