Zwei Perspektiven, ein System

Eine Mutter und ihre Tochter reflektieren durch die Brille der jeweiligen Generation ihre Rolle als Frau in der Gesellschaft.

Die Autorinnen dieses Textes sind Mutter und Tochter — sie schrieben aus zwei Lebensphasen heraus und persönlich. Was die beiden verbindet, ist nicht Feminismus-Theorie, sondern eine geteilte Erfahrung: Macht wirkt nicht neutral. Sie berührt Frauen früh und dauerhaft, wenn auch in unterschiedlichen Formen. Die Mutter beschreibt etwas im Rückblick. Ihre Tochter steht am Anfang desselben Systems. Für sie ist bereits früh sichtbar, was ihrer Mutter lange abstrakt blieb. Zusammen bilden ihre Stimmen einen Längsschnitt durch weibliche Erfahrung, in dem sich unter Umständen noch viele andere Mütter und Töchter wiedererkennen werden. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „Frau, Mann, Macht“.

Mutter Doris

Zwei Generationen, eine weibliche Erfahrung

Wenn Frauen über wirkende Machtsysteme sprechen, geht es selten um Positionen oder Titel. Es geht darum, wie Macht erlebt wird: im Körper, im Alltag, in ökonomischen Erwartungen und in Familienbiografien. Diese Erfahrungen sind Ausdruck eines Systems, das historisch überwiegend von männlichen Logiken geprägt wurde.

Diese Logiken haben ihre Funktion. Sie organisieren und bilden Strukturen. Problematisch werden sie dort, wo sie zur alleinigen Ordnung werden — dort, wo Beziehung, Fürsorge und Entwicklung nicht mitgedacht sind.

Meine Tochter beschreibt den frühen Eintritt in diese Ordnung: Grenzverletzungen im öffentlichen Raum, ein frühes Bewusstsein dafür, dass Gleichheit nicht selbstverständlich ist, und die Erfahrung, dass weibliche Verfügbarkeit als normal gilt, während ihre Kosten unsichtbar bleiben.

Ich schreibe aus einer späteren Phase derselben Struktur: aus der Perspektive einer alleinerziehenden Mutter und Witwe, deren Sorge-, Beziehungs- und Stabilitätsarbeit für ein effizienzorientiertes System kaum zählt.

Zwischen diesen beiden Stimmen liegt kein Widerspruch, sondern ein Längsschnitt durch weibliche Erfahrung: am Anfang Begrenzung, später Entwertung. Dazwischen ein Frauenleben — und mit ihm Familien.

Wenn männlich geprägte Machtsysteme auf Frauen wirken, wirken sie nicht nur auf Individuen, sondern auf ganze Lebenszusammenhänge und gesellschaftliche Zukunft.

Es geht dabei nicht um ein Gegeneinander von Männern und Frauen, sondern um Ausgleich. Um die Frage, warum weibliche Logiken — Beziehungskompetenz, Denken in Zusammenhängen, Tragfähigkeitsorientierung — strukturell so wenig Raum haben, obwohl alles, was wir leben, von Beziehung geprägt ist.

Der gemeinsame Horizont unserer Texte liegt nicht in mehr Macht für irgendwen, sondern in Kooperation: dort, wo männliche und weibliche Logiken einander ergänzen, und insbesondere dort, wo Frauen ihre Schwesternschaft wiederentdecken und Verbindung zur tragenden Größe wird.

Macht ist nicht neutral

Gesellschaftliche Machtstrukturen sind nicht geschlechtsneutral. Sie folgen historisch gewachsenen Ordnungsprinzipien, die überwiegend männlich codiert sind: Konkurrenz, Hierarchie, Effizienz, Kontrolle und Durchsetzung. Diese Logiken haben ihre Funktion – insbesondere dort, wo es um äußere Ordnung, Recht, Infrastruktur oder Schutz geht.

Problematisch werden sie dort, wo sie zur dominanten Ordnung in Lebensbereichen werden, die auf Beziehung, Kooperation und emotionale Entwicklung angewiesen sind. Familie, Fürsorge, Bindung, Pflege und Erziehung benötigen andere Qualitäten: zeitliche Verfügbarkeit, emotionale Resonanz, Anpassungsfähigkeit und Geduld.

Männlich codierte Strategien zielen auf Reduktion von Komplexität. Sie arbeiten mit Zuständigkeiten, Messbarkeit und Vergleich. Werden Fürsorge und Beziehung nach diesen Maßstäben organisiert, entsteht Reibung. Diese Reibung wird nicht vom System selbst getragen, sondern von jenen, die Beziehung aufrechterhalten — überwiegend Frauen und Mütter.

In diesen Feldern wirken Macht- und Effizienzlogiken nicht ordnend, sondern destabilisierend.

Ein Berufsleben ohne Machtbewusstsein

Ich selbst habe den größten Teil meines Berufslebens in einem klassischen Frauenberuf gearbeitet. Als Erzieherin war ökonomische Ungleichheit zwischen Männern und Frauen lange kein zentrales Thema für mich. Mein beruflicher Alltag war geprägt von Sinn, Verantwortung und Nähe – nicht von Konkurrenz. Ich habe innerhalb dieses Systems versucht, gut zu arbeiten und anständig zu verdienen. Die strukturelle Schieflage blieb lange abstrakt und mein Bewusstsein für dieses Thema sehr ungeschärft.

Frauen tragen eine doppelte Last: Sie stabilisieren familiäre Systeme und passen sich zugleich an ein System an, das diese Leistungen strukturell entwertet.

Reibung, die weitergegeben wird

Diese Reibung wirkt nicht nur individuell, sondern generationenübergreifend. Kinder entwickeln ihre emotionale und physiologische Selbstregulation nicht autonom, sondern über verlässliche Co-Regulation durch enge Bezugspersonen — in der Praxis meist über Mütter. Stehen diese dauerhaft unter ökonomischem, zeitlichem oder emotionalem Druck, leidet diese Regulation. Die Folgen zeigen sich langfristig in erhöhter Stressanfälligkeit, geringerer Bindungssicherheit, mangelnder Gesundheit und sozialer Instabilität.

Entscheidungen im Rahmen des Systems

Nach der Geburt meiner Kinder bin ich erneut arbeiten gegangen. Als in meinem Beruf Teilzeitstellen wegfielen, stand ich vor einer Entscheidung: Entweder Vollzeitbetreuung fremder Kinder bei gleichzeitiger Fremdbetreuung der eigenen — oder die ökonomische Absicherung der Familie durch meinen Mann, während ich Verfügbarkeit, Pflege- und Sorgearbeit übernehme. Wir entschieden uns für Letzteres. Es schien vernünftig und verantwortungsvoll.

Beziehungsmangel wird damit nicht nur erfahren, sondern auch weitergegeben. Gesellschaften reproduzieren ihre Machtverhältnisse nicht allein über Institutionen, sondern über Bindungsmuster.

Verfügbarkeit als unsichtbare Leistung

Nach dem Tod meines Mannes, als ich Mitte vierzig Witwe wurde, blieb diese Struktur bestehen. Ich entschied mich bewusst, für meine Kinder verfügbar zu bleiben — gerade in der Phase des Verlusts und der Neuorientierung. Wir lebten bescheiden, aber stabil. Gleichzeitig pflegte ich zeitweise meine Mutter nach einem frühen Schlaganfall, engagierte mich ehrenamtlich, trug Verantwortung in sozialen Räumen — unbezahlt, aber wirksam, da ich für alle verfügbar war.

Überhöhte Machtlogiken und ihre Folgen

In westlichen Gesellschaften sind männlich codierte Qualitäten nicht nur präsent, sondern einseitig überhöht: Konkurrenz statt Kooperation, Bürokratie statt Beziehung, Gewinnstreben statt Tragfähigkeit. Diese Einseitigkeit erzeugt Systeme, die äußerlich funktionieren, innerlich jedoch erschöpfen. Familien tragen die Folgen in Form von Überforderung, Vereinzelung und materieller Unsicherheit.

Die späte Rechnung

Heute, Ende fünfzig, zeigt sich die strukturelle Konsequenz dieser Entscheidungen deutlich. Meine Grundversorgung ist gesichert, meine eigene Rente jedoch minimal. Für den Arbeitsmarkt gelte ich als unattraktiv. In meinen früheren Beruf möchte ich nicht zurückkehren. Das, was ich geleistet habe — familiär, sozial, pflegend —, wird ökonomisch kaum abgebildet.

Ein anderes Gleichgewicht

Nicht mehr Macht ist notwendig, sondern ein anderes Gleichgewicht.

Männlich codierte Qualitäten haben ihren Platz. Sie sind dort sinnvoll, wo Struktur, Ordnung, Verlässlichkeit und Durchsetzung gefragt sind. Wo jedoch Beziehung, Entwicklung und familiäre Stabilität betroffen sind, richten sie Schaden an, wenn sie dominieren und nicht durch beziehungsorientierte Logiken ergänzt werden.

Alles, was wir leben, ist Beziehung: in Familien, in Organisationen, in ökonomischen Systemen, selbst im Verhältnis zu Dingen, Arbeit oder Technik. Wo strukturelle Logik Beziehung verdrängt, entsteht Effizienz ohne Tragfähigkeit. Systeme funktionieren dann nach außen, während sie nach innen erschöpfen.

Die eigentliche Krise besteht darin, dass soziale Erschöpfung weitergegeben wird, während Fürsorge unsichtbar bleibt und Verantwortung individualisiert wird.

Beziehung gilt als privat — die Folgen ihres Verlustes tragen alle.

Warum Anpassung nicht reicht

Die Erwartung, tief verankerte Machtstrukturen würden sich durch Einsicht oder freiwillige Machtabgabe verändern, verkennt ihre Funktionsweise. Solche Systeme erzeugen kaum innere Anreize zur Selbstrelativierung. Der klassische Kampf- oder Forderungsdiskurs bindet deshalb viel Energie und zwingt Frauen immer wieder dazu, sich auf fremden Spielfeldern zu bewegen.

Eine wirksame Verschiebung entsteht nicht durch Anpassung an die Logik des Problems, sondern durch den Aufbau tragfähiger Räume mit anderen Ordnungsprinzipien. Dort kann sich Struktur verändern.

Dabei geht es nicht um ein Gegeneinander von Frauen und Männern. Es geht um Verbindung: zuerst zwischen Frauen selbst — um gegenseitige Unterstützung, Entlastung, geteilte Verantwortung und Sichtbarkeit —, und darüber hinaus um die Verbindung unterschiedlicher Logiken: strukturelle Klarheit und relationale Kompetenz, Ordnung und Resonanz, Effizienz und Fürsorge.

Schwesternschaft ist in diesem Sinne keine Ideologie und keine Gegenmacht. Sie ist eine soziale Praxis. Eine Antwort auf Vereinzelung. Und eine Voraussetzung dafür, dass weibliche Erfahrung, Beziehungswissen und Tragfähigkeitsdenken nicht länger kompensierend wirken müssen, sondern gestaltend.

Wo Frauen sich verbinden, entstehen Räume, in denen nicht mehr Kampf gefragt ist, sondern Balance — nicht gleich sichtbar, aber nachhaltig.

Tochter Helena

Feminismus als gelebte Erfahrung

Feminismus, Wokeness, LGBTQ+, Cancel Culture, Gendern — all diese Begriffe sind längst nicht mehr nur einfache Gruppen oder Bewegungen, so wie sie ursprünglich entstanden sind. Viele Menschen, denen ich begegne und denen ich erzähle, dass ich mich selbst als Feministin bezeichne, reagieren zunächst abgeschreckt. Das liegt jedoch meist nicht daran, dass sie Frauen hassen oder grundsätzlich antifeministisch eingestellt sind, sondern vielmehr daran, dass ihnen bisher niemand erklärt hat, was diese Begriffe eigentlich bedeuten — nicht nur als abstrakte Konzepte, sondern vor allem für die Menschen, die davon betroffen sind.

Eigene Position und Perspektive

Ich selbst bin eine weiße, queere Studentin, die ihren Vater mit 9 Jahren verloren hat und dennoch viele Privilegien in dieser Welt besitzt. Außerdem bin ich Tochter, Schwester und Freundin. Jede dieser Rollen ist stark durch mein Frausein geprägt.

Mein Hintergrund soll verdeutlichen, warum ich bestimmte Situationen so wahrnehme, wie ich es tue.

Frühe Prägungen und Rollenerwartungen

Ich habe schon sehr früh ein Gespür dafür gehabt, dass Frauen in unserer Gesellschaft anders behandelt werden, sowohl aus der Beobachterperspektive als auch durch eigene Erfahrungen. Dies beginnt früher, als man denkt. Ein Beispiel hierfür ist die Auferlegung bestimmter Erwartungen an kleine Mädchen. Während Jungen (stereotypisch) draußen Fußball spielen, stehen Mädchen in „Spielküchen“. Dort spielen sie „Mutter-Vater-Kind“. Dieses Bild wird bereits im frühen Kindesalter idealisiert, als wäre es das höchste Ziel einer Frau, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Äußert man im späteren Alter Zweifel an diesem Ideal, hört man nur: „Das ändert sich noch!“, und es wird von dem „schönsten“ Geburtserlebnis erzählt.

Später setzt sich dieses Muster fort. Der Bruder und der Vater sitzen vor dem Fernseher, während Tochter und Mutter das Abendessen vorbereiten und anschließend den Abwasch erledigen. Eine klassische Situation, wie zum Beispiel an Weihnachten — hinterfragt wird das kaum. „Es war schon immer so“, heißt es dann.

Unsichtbare emotionale Arbeit

Ein weiteres Beispiel zeigt sich im Umgang mit emotionalen Problemen: Wenn Brüder, andere männliche Familienmitglieder, Partner oder männliche Freunde Kummer haben, wenden sie sich häufig an ihre Schwestern, Mütter und Freundinnen. Diese trösten, geben Ratschläge und sorgen sich. Dabei handelt es sich um unsichtbar geleistete emotionale Care-Arbeit. Damit soll nicht gesagt werden, dass man nicht gerne für seine Familie da ist, sondern vielmehr, dass diese Arbeit selten gesehen oder anerkannt wird.

Diese Beispiele verdeutlichen, wie selbstverständlich weibliche Unterstützung in Anspruch genommen wird — meistens zusätzlich zum eigenen Job oder zur Schule und zu eigenen Problemen.

Grenzverletzung im öffentlichen Raum

Das erste Mal, dass mir auf der Straße, am helllichten Tage, hinterhergerufen wurde (Catcalling), erlebte ich, als ich 8 Jahre alt war. Ich verstand es damals nicht, aber rückblickend ist es verstörend. Auch im weiteren Verlauf meines Lebens hörte es nicht auf. Im Teenageralter waren die ersten ein oder zwei Male noch „bestätigend“, bis es angsteinflößend wurde, denn man kann nicht einschätzen, ob die sprachliche Grenzverletzung zu einer physischen Verletzung wird.

Catcalling betrifft 90 bis95 Prozent der Frauen in Deutschland (1). Es ist nicht nur eine Straftat, sondern hat nachhaltige Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, das Sicherheitsgefühl und die Psyche. Ähnliches habe ich noch nie von Männern aus meinem Umfeld gehört.

Berufliche Perspektiven und strukturelle Benachteiligung

Doch nicht nur die Gesellschaft (auf Mikro- wie auf Makroebene), sondern auch das institutionelle System behandelt Männer faktisch anders als Frauen. Ein Begriff beziehungsweise ein Problem, das dabei viel zu oft entwertet oder heruntergespielt wird, ist der Gender-Pay-Gap. Daten des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2023 zeigen, dass Frauen in Europa durchschnittlich 18 Prozent weniger Bruttolohn verdienen als Männer (2). Obwohl sich diese Lücke langsam zu schließen scheint, bleiben viele Frauen im Berufsleben benachteiligt, da sie aufgrund impliziter Erwartungen in Bezug auf Familienplanung häufig strukturelle Nachteile erfahren.

Außerdem wählen Frauen überdurchschnittlich oft Berufe, die im sozialen Bereich angesiedelt sind und ein geringeres Lohnniveau aufweisen, sogenannte „Pink-Collar-Jobs“. Dies ist unter anderem auf eine Anerkennungslücke zurückzuführen, vergleichbar mit der geringen Wertschätzung unsichtbarer Care-Arbeit. Studien konnten zeigen, dass Berufe, die einen steigenden Frauenanteil aufweisen, parallel einen Rückgang des durchschnittlichen Lohnniveaus verzeichnen — unabhängig davon, ob Frauen über gleiche oder sogar höhere Ausbildungs- und Hochschulabschlüsse verfügen.

Interessant ist zudem, dass sich dieser Effekt bei Männern in gegenteiliger Weise zeigt (3): Wenn Männer einen Beruf neu dominieren, steigt das Lohnniveau.

Warum Feminismus notwendig bleibt

Diese Beobachtungen und Erfahrungen sind der Grund, warum Begriffe wie Feminismus für viele Menschen emotional aufgeladen sind. Sie beschreiben keine abstrakten Theorien, sondern konkrete Lebensrealitäten, die oft erst dann sichtbar werden, wenn man selbst betroffen ist oder genauer hinsieht.

Feminismus bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, Männer abzuwerten oder Schuld zuzuweisen, sondern Strukturen zu hinterfragen, die Ungleichheit reproduzieren. Solange weibliche Arbeit wie Pflege und emotionale Fürsorge als selbstverständlich gelten, bleibt Gleichberechtigung ein unerreichtes Ziel.

Feminismus ist kein provokantes Schlagwort, und solange verbale und physische Übergriffe als Kavaliersdelikt gelten und Unsicherheit erzeugen, bleibt er eine notwendige Perspektive. Feminismus benennt die Ungleichheiten. Ich persönlich denke, dass es starke weibliche Unterstützung untereinander braucht, um nachhaltig etwas zu verändern. Feminismus bedeutet Schutz von Frauen und gibt jenen eine Hand, die sie brauchen und die sich alleine nicht wehren können.