Die Autobahn flog unter den schwarzen Reifen seines Mercedes Benz dahin wie die Wolken unter den Tragflächen der Flugzeuge, die den Himmel durchpflügten, als sei dieser zu nichts anderem bestimmt. Seine zarten Hände ruhten auf dem Lenkrad, der Blick aus seinen grünen Augen wirkte verträumt, so hätte man meinen können. In seinem Kopf aber jagte ein Gedanke den nächsten, in seiner Seele wütete der Ärger. Im Radio war die Rede von der Ökosystembilanz des Waldes. Er hätte dem Typen mit der sonoren Stimme den Hals umdrehen können. Dabei war er doch Pazifist, davon überzeugt, dass jeder Mensch zuallererst mit sich selbst ringen müsse, bevor er mit dem Finger auf andere zeige, geschweige denn die Fäuste gegen ihn erhebe. Und doch musste er losbrüllen, als der windige Typ erklärte: Wir haben durch den Wald Leistungen, die der Markt nicht honoriert. Von einem nationalen Waldgipfel war da die Rede und von der Frage, wie ein unbestimmtes Wir den Wald fit für die Zukunft machen könne. Ihm blieb nichts anderes übrig, als das Radio abzuschalten, ansonsten wäre er explodiert.
Warum musste den Leuten ständig vorgegaukelt werden, es ginge immer so weiter mit dem technologischen Fortschritt. Dabei war das alles der allergrößte Quatsch, Blödsinn, Nonsens, eine bodenlose Zumutung und zudem unerotisch.
Es kann einfach nicht so weiter gehen, hörte er sich laut brüllen. Die Menschen des industrialisierten Nordens verblödeten offenbar mit zunehmendem Maß in umgekehrtem Verhältnis zu ihren technologischen Erfindungen. Und im Radio kein Widerspruch, keine Einwände, nie, immer nur das gleiche, dumme, abgestandene öffentlich-rechtliche Getöse.
Dann war da ein Geräusch. Es hätte ein Knall sein können, wäre es nur lauter gewesen. Er brauchte allein eine halbe Minute, um zu begreifen, dass das merkwürdige Holpern und das Vibrieren des Autos nur bedeuten konnte, dass ihm ein Reifen geplatzt war. Zu seinem Glück befand sich hundert Meter weiter eine Nothaltebucht. Klar, er hatte immer unverschämtes Glück im Unglück, das konnte er nicht leugnen, auch wenn ihm in diesem Augenblick in erster Linie der qualmende Hinterreifen seines Autos Gedanken machte.
Es hatte zu regnen begonnen, kurz bevor er losgefahren war, nicht sonderlich stark, aber genug, um jetzt nass zu werden. Aus einem eintönigen, grauen Himmel, dem manch einer in einer besseren Situation eine gewisse Schönheit hätte abgewinnen können, fiel ein sanfter Nieselregen auf eine asphaltierte, vierspurige Straße, über die knallbunte Blechkisten, ein Elektroauto und schwere Lastwagen an ihm vorbeidonnerten und dabei ein disharmonisches Grundrauschen hinterließen.
Irgendwo in seinem Kofferraum lag zwischen all dem Müll, der sich im Lauf der Zeit angesammelt hatte, eine gelbe Warnweste, deren Nutzen ihm nicht so ganz einleuchten wollte. Schließlich musste jederzeit mit einem jeglichen Wahnsinn im Kopf eines Autofahrers oder eines weggepennten Brummifahrers gerechnet werden, wo dann auch die Warnweste nichts mehr genutzt hätte.
Er versuchte, an nichts zu denken, als er sich daran machte, den Notreifen aus dem Geheimfach unter dem Kofferraum zu hieven. Und wieder war das Glück auf seiner Seite. Er kramte den Wagenherber hervor und den Radschlüssel. Um die richtige Stelle zu finden, wo der Wagenheber anzusetzen war, musste er sich niederknien, um unter den Hauptholm schauen zu können. Dabei verrutschte seine Brille, wie sie immer verrutschte, wenn er sich nach vorn oder unten beugte. Und beim Aufrichten setzte ihm das übliche Schwindelgefühl zu, welches seinem niedrigen Blutdruck geschuldet war, wie er glaubte.
Seit zehn Jahren vermied er den Arztbesuch, weil sein Doktor behauptet hatte, sein Cholesterinspiegel sei zu hoch. Irgendwann erfuhr er dann irgendwie von dem Trick, Grenzwerte zu senken, um einen neuen Markt zu schaffen.
Cholesterinspiegel hin oder her, hier und jetzt musste das Rad gewechselt werden, dann würde man weitersehen. Er hatte zehn Jahre lang ohne Arzt überlebt, also würde er auch das hier überleben.
Ein kurzer Sicherheitsblick nach rechts sagte ihm, dass das Leben manchmal an einem seidenen Faden hing oder aber eben an der Vernunft und der Rücksicht der Besitzer von Führerscheinen. Irgendwie ging’s dann doch voran und er konnte zusehen, wie der hintere Teil des Wagens sich langsam hob, während er die kleine Kurbel des Wagenhebers drehte. Die Radmuttern ließen sich erstaunlich leicht öffnen und als er den Reifen abnahm, qualmte es immer noch aus dem zerfetzten Loch. Und außerdem war er völlig abgefahren, sodass an einigen Stellen schon das Metallgewebe durchschimmerte. Er hatte wie immer unverschämtes Glück gehabt. Wenn ihn die Bullen mit diesen Reifen erwischt hätten, er hätte das Auto stehen lassen und die ganzen damit verbundenen Unannehmlichkeiten, die eine solche Begegnung für gewöhnlich mit sich brachte, über sich ergehen lassen müssen.
Er dankte unablässig den Göttern, während er den Notreifen montierte und war froh, als er wieder im Trocknen saß. Seine Brille war voller Wassertropfen, in denen sich die Welt spiegelte, die ihn umgab. Mit einem Tempotaschentuch wischte er sie, so gut es ging, trocken, obwohl er wusste, dass dadurch leichte Kratzer auf den Kunststoffgläsern entstehen würden.
Immerhin besser als der weiche, aber ölverschmierte Lappen hinter dem Sitz, sagte er sich, setze die Brille auf und den Warnblinker und los ging’s. Im Schritttempo ein kleines Stück über die Autobahn, dann die nächste Ausfahrt raus und Richtung Stadt, eine Werkstatt suchen und vier neue Reifen ordern und montieren lassen. Würde ein paar Tage dauern, sagte der nette Mann hinter dem Tresen, der seinen Autoschlüssel und die Zulassung in irgendeiner Schublade verschwinden ließ.
Manchmal zerstoben die Pläne eines Tages im Nieselregen, der aus einem einförmigen, grauen Himmel auf den Asphalt einer Autobahn fiel, die immer und jederzeit Überraschungen für diejenigen bereit hielt, die mit völlig abgefahrenen Reifen und schwachsinnigen Radiosendungen so ganz leichtfertig vor sich hin rasten und dabei noch überzeugt waren, sie würden mit heiler Haut ihr Ziel erreichen.
Jetzt war er zu einem Fußgänger geworden. Und während er so vor sich hin schritt, dachte er darüber nach, dass es allen besser ginge, wären sie doch Fußgänger geblieben. Alle würden jetzt einfach ihre Autos stehen lassen und zu Fuß weitergehen: diese Phantasie beflügelte ihn, denn dann wäre die Welt gerettet. Dann brauchte sich auch kein durchgeknallter Trottel Gedanken über die Ökosystembilanz des Waldes zu machen.
Er stellte sich vor, wie alle Ökonomen, Unternehmensberater, Finanzbeamten, Kiesgrubenbesitzer, Flughafenbauer, Chemie- und Lebensmittelpanscher und sonstige Verbrecher plötzlich innehalten und dann etwas ganz anderes tun würden. Dann, so phantasierte er, wäre die Welt gerettet. Wenigstens kam er jetzt, und damit meinte er sich selbst, nicht in die Versuchung, das Radio wieder anzumachen, um sich dann letztlich doch wieder zu ärgern über einen der vielen anderen Deppen, möglicherweise einen Experten zum Thema Digitalisierung. Die ganze Welt schien plötzlich voll von ihnen, diesen Wahnsinnigen, wenigstens dann, wenn man irgendein Empfangsgerät einschaltete. Und niemand, aber auch niemand ließ freiwillig sein Auto stehen und lief zu Fuß weiter, für immer. Virtuelle Vollidioten und Blödmänner, so hörte er sich fluchen.
Es war schon seltsam, richtige Menschen aus Fleisch und Blut, denen man die Hand schütteln konnte, erwiesen sich selten als Blödmänner. Aber im Fernsehen und im Radio sozusagen alle.
Alles ein und dieselbe Sorte. Logisch, wenn da draußen im richtigen Leben ganz normale Menschen unterwegs waren mit ganz normalen Alltagssorgen, dann mussten die Zombies sich woanders tummeln. In Autos und in Fernsehsendungen zum Beispiel, auf Wirtschaftsgipfeln, beim Militär oder in Schulen. Merkwürdig, dass ihm die Lehrer erst so spät einfielen, war er doch immer schon ein entschiedener Feind diese Menschensorte, die sich für überlegen, allwissend und herrschaftlich gab, ohne es wirklich zu sein. Mehr Schein als Sein, überall, wohin er blickte.
Pauschalisierungen sind Scheiße und treffen selten zu, vernahm er die Stimme der Vernunft. Na und, hörte er sich antworten, aber sie machen das Leben leichter. Er konnte dieses ganze Pack einfach nicht mehr ausstehen und das lag nicht daran, dass ihm ein Reifen geplatzt war und er jetzt zu Fuß laufen musste. Daran lag es bestimmt nicht. Die Welt lag im Elend und das lag nicht an irgendwelchen Ameisenbären, die irgendwo im australischen Busch auf Abenteuer aus waren. Es lag an den Menschen, denen nichts Besseres einfiel, als ans Geld zu denken und an das, was damit zu kaufen war. Für die neuen Reifen inklusive Montage wollten die immerhin fast 600 Euro.
Der Mensch ist dazu bestimmt, ein Fußgänger zu sein. Er ist mit zwei Beinen und zwei Füßen auf die Welt gekommen, damit er sich damit fortbewegen kann. Alles andere ist Blödsinn. Autofahren ist Scheiße. Fliegen ist Scheiße. Mit der Bahn fahren ist Scheiße. Windkraftanlagen sind Scheiße. Der Mensch ist für das alles nicht gemacht. Und ich, ich bin ein verdammter asozialer Idiot, wahrscheinlich der größte von allen. Mit dieser Erkenntnis schloss er seine Tirade, die hier nur abgeschwächt wiedergegeben wurde.
Und plötzlich überkam ihn der Hunger. War es wirklich Hunger, echter Hunger, oder war es nur, dass er wusste, dass weiter vorn am Baumarkt eine Würstchenbude auf ihn wartete? Der verlockende Duft stieg ihm bereits in die Nase, als er von der Straße auf den Parkplatz einbog, so wie ein Fußgänger eben auf einen Parkplatz einbiegt und ihn überquert, diagonal zwischen den parkenden Autos hindurch. Dann kreuzte ein Elektrofahrzeug seinen Weg. Von wegen nachhaltig und umweltschonend, hörte er sich flüstern. Seltene Erden, Dreck bei der Herstellung und Gifte, die sich nicht entsorgen ließen. Und dann baut dieser Idiot in Brandenburg ein riesen Werk mitten im Trinkwassereinzugsgebiet. Das nennt sich nachhaltig oder vielleicht hat der Amerikaner einfach genug Geld und Macht, um sich alles kaufen zu können, was er will...
Der ewige Fußgänger auf dem Weg zur Currywurst, darin besteht die einzige Rettung der Welt.
Rot. Wie immer. Die Weißen mochte er nicht, womit zu allererst die Currywürste gemeint waren, dann vielleicht der ganze beschissene Rest, der irgendwann die Welt erobert und alle freien Menschen zu Sklaven gemacht hatte. Es waren schließlich weiße Currywürste, die die Welt ins Unglück gestürzt hatten, selten schwarze, rote oder gelbe. Er musste lachen, denn schwarze Currywürste waren ungenießbar und außerdem krebserregend. Und jetzt auch noch dieser Quatsch mit der Digitalisierung. Wieso fiel denen nichts Besseres ein, als diese Steigerung des Irrsinns ins Unermessliche? Wer brauchte sowas wirklich? Niemand. Die Menschheit hatten hunderttausend Jahre überlebt, ohne diesen ganzen technischen Blödsinn.
Der Mensch braucht nur Currywurst und dazu ein Bier. Und vielleicht auch noch eine saubere Toilette, ein warmes Schaumbad nicht zu vergessen, bisweilen in Rosenduft gehüllt.
Mit dem ganzen technischen Blödsinn im Gebäck würden sie es nicht einmal mehr weitere 100 Jahre schaffen. Und dann würde auch die Currywurst abgeschafft sein. Ein Fußgänger sollte nie zu viel Gepäck mit sich tragen, nur das allernotwendigste. Die Currywurst schmeckte vorzüglich. Daran gab es nichts zu meckern. Die beste Currywurst im ganzen Land gab es in einer einfachen Bude auf einem Parkplatz vor einem Baumarkt. Und weil er ein Fußgänger wider Willen geworden war, beschloss er, gleich noch eine zu bestellen, zur Stärkung. Und noch ein Bier, zur Sicherheit. Und vielleicht noch ein Bier dazu, zum Mitnehmen. Trotz Alkoholverbot. Schließlich musste er nicht mehr fahren. Es hatte durchaus seine Vorteile, ohne Auto unterwegs zu sein. Plötzlich hatte man Zeit. Zeit genug für ein zweites Bier jedenfalls, und ein drittes. Der richtige Zeitpunkt, alle Termine für diese Woche abzusagen. Ja. Weshalb eigentlich nicht?
Er hätte sich natürlich ein Mietauto leisten können, aber wozu? Er war jetzt stolzer Fußgänger geworden, der beschlossen hatte, sowohl Autos wie auch das Geld zu verachten. Der Bus konnte ihm ohnehin gestohlen bleiben und an die Bahn war nicht zu denken. Wer Bus oder Bahn fährt, ist nicht besser als die Autofahrer. Und die Fahrradfahrer mochte er auch nicht leiden. Die hielten sich für was Besseres und das war Grund genug, sie nicht zu mögen. Außerdem trugen die Fahrradfahrer allesamt diese komischen knallbunten Alienkostüme. Und die Jogger, die mochte er auch nicht. Komisch. Wenn er genauer darüber nachdachte, fiel ihm keiner ein, den er wirklich mochte. Es gab einfach nichts daran zu rütteln, er war ein verfluchter asozialer Idiot.
Er konnte den Menschen einfach nichts mehr abgewinnen. Aber damit war er nicht allein. Caspar David Friedrich zum Beispiel hatte sich von den Menschen abgewandt, um sie nicht zu hassen.
Wozu also noch Termine machen? Er brauchte dringend noch etwas zu trinken. Immerhin übernahmen einige wenige Menschen noch halbwegs sinnvolle Tätigkeiten. Wie der Tankwart zum Beispiel, der in Wirklichkeit kein Tankwart mehr war, sondern Betreiber eines Ladens für wichtige Gebrauchsgüter wie Schnaps, Wein, Bier und Zigaretten. Nebenbei verkaufte er auch noch Benzin und Diesel für Leute, die noch im Besitz von echten Autos waren. Die Letzten ihrer Art. Was würde er, der Tankwart, machen, wenn es nur noch Fußgänger geben würde oder Elektroautos? Vielleicht Currywürste verkaufen oder Kaffee und Kuchen? Sowas würde gebraucht werden in einem Land der Fußgänger. Relaisstationen, wo man Rast würde machen können oder vielleicht übernachten. Ja, sowas würde gebraucht werden, in einer möglichen Zukunft.
Aber Autos, welch ein Unsinn. In hundert Jahren würde es keine Autos mehr geben, die Menschen würden dann alle auf dem Mond leben oder auf dem Mars, weil es auf der Erde keine Currywürste mehr geben würde. Und vorher, bevor sie auf den Mars übersiedeln würden, würden sie sich alle den Kopf eingeschlagen haben, wegen Trinkwasser und verfaulten Kohlköpfen. Nur er, einzig und allein er, würde geblieben sein und eine Würstchenbude betreiben. Am Ende der Welt. Oder irgendwo dahinter. Dort, wo ihn niemand würde finden können.
So, auf Abwege, Umwege und Holzwege geraten, kaufte er eine Flasche Schnaps und setzte seinen Weg fort. Seit einem Jahr war Alkohol in der Öffentlichkeit verboten. Und die nächtliche Ausgangssperre war nicht mehr zurückgenommen worden. Und die Maskenpflicht natürlich auch nicht. Oder er hatte es einfach nicht mitbekommen.
Besondere Ereignisse hinterlassen besondere Spuren im Gedächtnis. Manchmal wird etwas verdrängt, manchmal wird etwas hinzugedichtet. Dabei blieb der Boden unter den Füßen immer gleich, er veränderte nur seine Oberflächenbeschaffenheit und täuschte damit dem Fußgänger vor, er bewege sich vorwärts. Der Schnaps schien ihm gut zu bekommen, er beflügelte seine Phantasie und beschleunigte seine Schritte. Seine Füße suchten wie von selbst den Weg in eine bessere Zukunft. Denken war überflüssig geworden. Zudem verbrauchte Denken zu viel Energie. Um den Kohlendioxidausstoß zu verringern, war es unbedingt erforderlich, das Denken so weit zu reduzieren, bis es auf ein Mindestmaß zusammengeschrumpft sein würde. Schnaps konnte dabei behilflich sein.
Übermäßiger Schnapsgenuss trug eindeutig zur Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes bei, auch wenn es noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen worden war. Ein Schnapstrinker brauchte keinen wissenschaftlichen Nachweis seiner Hypothesen. Je mehr Schnaps er zu sich nahm, umso nachhaltiger wurde sein Lebenswandel. Er war die Nachhaltigkeit schlechthin. Die absolute Befriedigung seiner Bedürfnisse würde dafür sorgen, dass die nachfolgende Generation keinen Schaden nehmen würde. Schnaps aus regionaler Produktion und sonst nichts, nicht einmal Currywürste, nur noch Schnaps und immer weiter gehen, gehen und trinken, trinken und gehen, immer weiter, weiter bis ans Ende der Welt.
Als er am nächsten Morgen in einem fremden Bett erwachte, konnte er sich an nichts mehr erinnern. Er brauchte geschlagene fünf Minuten, um herauszufinden, dass das Bett im Freien stand und nach muffigem Sofa roch. Etwas in ihm verlangte dringend nach einem Kaffee. Jeden Morgen brauchte er einen guten Kaffee, unmittelbar nach dem Aufstehen. Ein Kaffee war der Einstieg in den Tag. Doch wo sollte er hier einen Kaffee herbekommen? Er wusste nicht einmal, wo er war. Außerdem waren seine Brieftasche und seine Geldbörse verschwunden. Er rappelte sich von seinem Sofa auf und versuchte, sich zu orientieren. Es gelang ihm, ein paar Schritte zu gehen.
Als er die Straße erreichte, näherte sich von rechts ein Polizeiwagen. Er fuhr zunächst an ihm vorbei, langsam, zu langsam wie er empfand. Das Polizeiauto schien sodann stehen zu bleiben, wendete und kam wieder zurück. Die Polizisten stoppten neben ihm und stiegen aus dem Wagen. Zwei hartgesottene Frauen, denen ihre Männlichkeit schwer zu Gesicht stand. Hinter ihren Masken waren keine Gesichtszüge zu erkennen, die hätten auf eine menschliche Regung schließen lassen. Sie sprachen zu ihm in einer Sprache, die er nicht verstehen konnte. Doch auch ohne Sprache konnten sie ihm unmissverständlich klar machen, dass er in den Wagen steigen würde. Sie trugen Handschuhe aus schwarzem Leder. Vier schwarze Handschuhe, die ihn packten, war das letzte, an das er sich erinnern konnte. Sobald er auf der Rückbank des Wagens saß, umfangen von schwarzen Gittern, löschte irgendwer das Licht und es wurde stockdunkel.
Langsam kroch die Kälte an seinen Beinen hoch, nahm seine Hüften in Besitz, seinen Bauch, seine Brust, seinen Hals, sein Gesicht. Die Kälte erreichte das Äußere seiner Schädeldecke und begann, langsam in ihn einzudringen, immer tiefer, bis sie den Ort erreichte, an dem seine Erinnerungen lebten, seine Träume und Visionen.
Als er wieder zu sich kam, saß er auf einer harten Holzbank und ihm war fürchterlich kalt. So kalt war ihm noch nie in seinem Leben gewesen. Er versuchte, auf die Beine zu kommen, und er schaffte es irgendwie, wahrscheinlich, indem er sich mit der einen Hand auf der Holzbank abstützte und mit der anderen Hand einen Gitterstab umfasste und sich daran hochzog. Vor ihm lag ein langer weißer Flur, an dessen Ende eine weiße Tür lag, die nur durch ihren schwarzen Rahmen in der weißen Wand zu erkennen war. Die Stille umfing ihn wie ein Leichentuch. Kein Geräusch war zu hören, keine Stimme, kein Kratzen, keine Schritte, nicht einmal das Summen eines Elektrogerätes, nichts.
Er musste an Manolito denken, einen der Helden aus der Westernserie High Chaparral. Manolito hatte gesagt: Die Apachen sagen, wer in der Wildnis reitet, wird ein Teil von ihr, und sie wird ein Teil von ihm.
Dazu fiel ihm jetzt eine Variation ein, die sich tief in seine Erinnerungen einbrennen sollte, bevor er sie für immer würde verlieren können: Wer durch diesen Wahnsinn läuft, wird ein Teil von ihm, und er wird ein Teil des Wahnsinns.
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