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Die Moralweltmeister

Die Moralweltmeister

Statt auf dem Rasen mit gutem Fußball zu brillieren, war die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Katar mehr damit beschäftigt, politische Zeichen zu setzen.

Niederlage — Unentschieden — Sieg. Was hätte es doch schön werden können nach solch einer Steigerung?! So manches Auge glänzte bereits, denn etwas vom alten Pomp schien wieder aufzuflammen. Freudiges Betroffensein somit bei denjenigen, denen es angesichts von Fußballspielen allein noch um den Sport geht. Eine Turniermannschaft wurde die frühere „Deutsche Nationalmannschaft“, die bald, dem politischen Willen gemäß, zur „Mannschaft“ gestutzt wurde, von Berufenen und Unberufenen häufig genannt. Schwacher Beginn oft, dann aber die unablässige Steigerung, am Ende gar ein Titel. Das galt über viele Jahre hinweg. Dann aber mit zunehmender Regelmäßigkeit das Vorrundenaus bei Europa- und Weltmeisterschaften. Mit der Verzwergung des Namens erfolgte zugleich die sportliche Verkümmerung. Zwischenzeitlich dann wieder eine Phase des Aufbäumens.

Tatsächlich schien es bei der gegenwärtigen Fußball-Weltmeisterschaft, der doch eigentlich ungeliebten, so, als könnte trotz aller Aufregung im Vorfeld ein neues Märchen, diesmal ein Weihnachtsmärchen, wahr werden. Das neue Märchen aber wollte den guten Ausgang nicht kennen. Die Mannschaft selbst hatte offenbar zeitig ein ungutes Gefühl, was den Verlauf des Turnieres betraf. Zum guten Ton gehört es ja inzwischen, ob nun passend oder nicht, den Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Und so war es dann gemacht, das Foto, das Mannschaftsfoto, das um die Welt ging und beeindruckte: Das kollektive Halten der Hand vor den Mund. Was wurde nicht alles geraunt und hinein- wie herausgelesen aus diesem Foto. Überwältigt zeigte sich etwa ARD-Mann Tom Bartels: „Hier die Aufstellung der deutschen Mannschaft, aber die ist zweitrangig. Allen am allerwichtigsten ist, dass dieses Zeichen gesetzt wurde!“ Von einer Heldentat geradezu wurde gemunkelt, denn natürlich vermutete man als Ausdruck des Gruppenbildes die Geschehnisse um Binden und Regenbogen und allerlei Diversem. Einmal mehr wurde Haltung gezeigt und irgendwie betroffen war man schließlich auch.

Doch welch Fehleinschätzung der Situation! Welch peinliche Groteske der Medien! Mitnichten ging es der „Mannschaft“ um Akte des Bekennens. Die Kernkompetenz beim Fußball ist allein der Fußball.

Daran erinnerte sich die rasenballspielende Truppe und wollte deshalb doch nur dieses mulmige Gefühl rauslassen: „Auweia … es wird schiefgehen mit dem Weiterkommen!“ Ein schlichtes Bauchgefühl, eine ungute Vorahnung. Betroffenheit eben, ängstliche dazu.

Freilich, Heldenhaftigkeit nimmt sich — noch immer — besser aus als Zaghaftigkeit, die Medien konnten somit gar nicht anders als umzudeuten und umzuinterpretieren. Das Schreckhafte als weinerliche Betroffenheit lässt sich eben nicht sonderlich wirksam verkaufen. Auch gab es schließlich das mediale Vorab. Lobpreis im höchsten Ton: Super sind wir! Hammerhart drauf. Wir haben einzigartige Spieler, mit riesigem Talent, beinahe genialem Potential. Der Zusammenhalt der Mannschaft ist fantastisch. Wir sind unbedingt Titelanwärter.

Die Einstellung? Super! Unsere Werte? Super! Und so fahren wir zur WM, um den Titel zu holen. An unseren Werten ist letztlich kein Vorbeikommen! Als dauertönige Endlosschleife hören wir von blinder und unbedingter wie bedingungsloser Menschenliebe.

Und bewiesen ist doch längst, Weltmeister können wir: Fußballweltmeister (Vergangenheit!), Exportweltmeister (Vergangenheit!), Moralweltmeister (Gegenwart!).

Betroffene Helden

Das mediale Nachher — anstelle des Weihnachtsmärchens — fällt dann deutlich kürzer und kümmerlicher aus. Ein Gemurmel eigentlich nur, ein Nuscheln. Irgendwie zu viele individuelle Fehler, unverständlich. Der Teamgeist stimmte doch. Überhaupt war da die Überlegenheit, die sportliche, nun ja … auf jeden Fall aber die moralische. So schlecht ist es dann doch um die deutsche Erfindungskraft gar nicht bestellt: Verlieren um der Menschenliebe willen! Eine Niederlage für die Menschenrechte! Betroffenheit wird zur Heldentat!

„Wir müssen mit den Waffen des Gegners umzugehen lernen, doch mit dem gebührenden Ekel“, ließe sich wohl mit dem kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila rufen. Grundsätzlich aber wurde „gegen die FIFA gewonnen“, so tönte es jubilierend aus öffentlich-rechtlichem Kommentatorenmund. DFB-Pressesprecher Steffen Simon setzte nach und bekennt, betrübt und stolz zugleich: „Wir haben die Binde verloren, aber nicht unsere Werte.“

Selbstzensur. Boykott der sportlichen Überlegenheit aus moralischen Gründen. Die Niederlage als Protest. „Hilfsausdruck“ (Wolf Haas). Man ist sich nah, nur das zählt, auf das Warum kommt es nicht mehr an. Die sachliche Prüfung, was es etwa auf sich haben könnte mit dem Nächsten, dem Nahen, dem Fernen und dem Fernsten, ist zu unterlassen. Auf die Übereinstimmung kommt es an, nicht auf eine Differenzierung. Gemeinschaft intendiert jedoch Vereinnahmung und Ausschluss, hat kein Interesse an einer — wenigstens in Ansätzen — stattfindenden Auseinandersetzung mit dem Fremden, das häufig durchaus fremd bleiben dürfte. Persönliche Betroffenheit wird als Schild gegen das „Objektive“, das Gefühlsferne in Stellung gebracht, so tat es einst die frühe Frauenbewegung und setzte sich allmählich durch.

Die Opferrolle lässt sich glänzend inszenieren und wirkt dabei immens gemeinschafts- und identitätsstiftend. Problemlagen werden einer gnadenlosen Verallgemeinerung unterzogen, die Psyche des Einzelnen kann nach Belieben mit dem Elend der ganzen Welt beladen und belastet werden. Ausgeblendet wird dabei jedoch konsequent die Frage, wo noch eine Grenze besteht, wo zu differieren wäre. Ist alles gleich wichtig, wo ist dann noch zu trennen zwischen meinen individuellen Bedürfnissen und dem, was außer mir liegt, was ohne Beziehung zu meinem direkten Erleben ist? Wäre es nicht eben dann aber erforderlich, weil konsequent, ein Mindestmaß an persönlicher Betroffenheit zu erfüllen?

Will man bestimmten Foren und einschlägigen Feuilletonseiten glauben, darf doch nur der mitreden, der selbst Opfer ist, der tatsächlich auch betroffen ist von Verlust, Ausgrenzung und/oder Schmerz. Wie steht es somit um die „Binde“, die, ginge es nach den „Woken“ dieser Welt, den WM-Fußballern mit der Parole „One Love“ in den Farben von LGBTQ+ übergestülpt werden soll? LGBTQ bezeichnet lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer.

Heterosexuell meint diese Binde jedoch nicht und meint sie auch nicht irgendwie mit, sondern diskriminiert in dieser Propagandaform die heterosexuelle mehrheitliche Lebensform.

Sind die Fußballer der Nationalmannschaften somit überwiegend lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer? Wobei lesbisch ursprünglich nur die weibliche Form der Homosexualität bezeichnet und somit doch wohl in den (National-)Mannschaften der Männer nicht vorkommen sollte. Wie also sollten die Spieler da betroffen sein? Soll doch selbst nur noch Literatur übersetzen dürfen, wer über einen gleichgearteten Hintergrund verfügt. Wenigstens darf ein schwarzer Autor nicht von einem weißen Bearbeiter übersetzt werden, fehlen diesem für das Übersetzungswerk schlicht die Voraussetzungen der Diskriminierung. Als absurde Konsequenz solch ideologischer Denkweise bleibt: Der Nichtangehörige der Betroffenengruppe kann sich kein Urteil erlauben, es wäre angemaßt.

Mag man sich nun noch vorstellen, was solches Denken für die Justiz bedeutet? Machte schließlich nicht auch der Gewaltverbrecher Schmerz-, Ausgrenzungs- oder Traumaerfahrungen? Wie könnte sich somit ein Nichtbetroffener ein Urteil erlauben?

Betroffenheitspropaganda und Betroffenheitspolitik sind gefährliche Abirrungen. Die Betroffenheitsmoral klagt die Emotion ein, nicht jedenfalls das rationale Interesse des unbetroffenen Einzelnen am Gemeinwohl. Dabei sind wir Menschen doch in der Lage, den anderen zu verstehen. Als Angehörige der einen Gattung können wir einander verstehen, auch wenn unsere Erfahrungen nicht deckungsgleich sind.

Wer ernsthaft behauptet, nur wer eine Erfahrung teile, dürfe über diese auch urteilen und reden, verunmöglicht das Verstehen. Niemand teilt im strengen Sinne die Erfahrung eines oder einer anderen.

Wäre nicht auch zu fragen, was Betroffenheit näher qualifiziert? Wann bin ich also betroffen? Was gäbe den stärkeren Ausschlag zudem, die physische oder psychische Betroffenheit? Betroffen machen kann mich das Ansehen eines Filmes oder eben eines Fußballspiels, das Leid eines Tieres, die Zerstörung einer Landschaft, das Lauschen von Musik ebenso wie das Betrachten eines Gemäldes oder Fotos.

Die beschädigte Würde des (Fußball-)Sports

Die queere Binde jedenfalls bedeutet das antidemokratische Gegenstück zur antidemokratischen Scharia, denn die verkörpert das geltende Rechtssystem in Katar, und heterosexuelle Männer gelten dort gegenüber der Restbevölkerung als überlegen. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“, so schrieben es die Vereinten Nationen 1948 in die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Katar ignoriert diese Erklärung. Die FIFA zeigte sich ebenso unbeeindruckt ob der eigenen Statuten. Heißt es dort immerhin im Artikel 3: „Die FIFA bekennt sich zur Einhaltung aller international anerkannten Menschenrechte und setzt sich für den Schutz dieser Rechte ein.“ Ein Eigentor. Dem Fußball freilich nicht fremd, denn die WM 2022 wird an den Wüstenstaat vergeben.

Schadensbegrenzungsübung sodann und der Versuch, die Scharte auszubügeln, nachdem sich auch im EU-Parlament Stimmen vernehmen lassen, die von einer „Weltmeisterschaft der Schande“ sprechen. Die Moralisierungskampagne wird neuerlich vorangetrieben. Wieder soll es eine Armbinde richten, durchdachter nun und menschenfreundlich, natürlich mit „No Discrimination“ betitelt. So bringt sich die FIFA in Stellung, nimmt neuen Anlauf im Ringen um die verlorene Glaubwürdigkeit und stürmt mit dem Freiheits- und Gleichheitsanspruch der UN-Menschenrechtecharta auf das heikle Feld. „Keine Diskriminierung“ bedeutete immerhin konsequente Gleichbehandlung aller Menschen, wie unterschiedlich Veranlagungen und Lebensentwürfe auch sein mögen.

Diese Botschaft wäre unmissverständlich und setzte ein Zeichen, das wohl auch in Katar wahrgenommen und vielleicht sogar verstanden worden wäre, zumindest hätte verstanden werden können, wäre nicht eben gegenüber den Akteuren des Weltfußballs wie der nationalen Verbände ein exorbitanter Glaubwürdigkeitsverlust eingetreten. Bescheidenheit hätte hier den Beteiligten besser zu Gesicht gestanden, vor allem jedoch der Verzicht auf die Wertedemonstration und das Verkünden politischer Botschaften, nicht zuletzt eben angesichts der gnadenlosen Kommerzialisierung des Fußballs.

Die Würde des (Fußball-)Sports ist schwer beschädigt. Ein bestimmter Geschmack wird an dieser Weltmeisterschaft haften bleiben und wohl so manche — sportliche — Betroffenheit.


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