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Die neuen Gotteskrieger

Die neuen Gotteskrieger

Religiöser Fanatismus ist längst nicht mehr nur ein Merkmal arabischer Terrorregime. Ein Blick nach Israel und die USA lohnt sich.

Seit Beginn des Krieges gegen den Iran durch Israel und die USA tritt die religiöse Komponente des Konfliktes immer deutlicher zutage. In Israel ist das schon seit einer Weile zu beobachten. So nannte Premierminister Benjamin Netanjahu die erste Phase des Angriffs „Operation Rising Lion“ — wobei der Löwe dabei symbolisch für den Stamm Juda und eine messianische Linie steht. Auch Netanjahu spricht von der Rückkehr des Messias, wobei er diese nicht so bald kommen sieht, wie so mancher Geistlicher Israels.

Bekannt ist dabei Rabbiner Menachem Mendel Schneerson, geistlicher Führer der religiösen Sekte Chabad Lubawitsch, der Netanjahu als letzten Premierminister vor der Rückkehr des Messias betrachtet und ihn schon vor Jahrzehnten darum bat, die Ankunft des Messias zu beschleunigen. Auch der nationale Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir und der Finanzminister Bezalel Smotrich sehen sich als Erfüllungsgehilfen biblischer Prophezeiungen.

Israel wird schon lange beherrscht von religiösen Endzeitsekten, die über den Staat die biblische Schlacht Armageddon herbeiführen wollen, um die Erlösung des jüdischen Volkes zu forcieren. Dass sie dabei religiösen Fanatikern des muslimischen Glaubens gegenüberstehen, passt dabei in das westliche Klischee des zurückgebliebenen Islam, aus dem bärtige Terroristen die Legitimation für Mord und Gewalt ableiten, um Frauen zu unterdrücken und den satanischen Westen zerstören.

Dass aber der sogenannte Führer des Westens, das US-Imperium selbst einmal dem religiösen Fundamentalismus verfallen würde, damit haben wahrscheinlich die wenigsten gerechnet. Immerhin waren die USA stets diejenige Kraft, die — zumindest vermeintlich — religiösen Fundamentalismus in aller Welt in einem „Krieg gegen den Terror“ bekämpft und nebenbei ganze Staaten destabilisiert hat.

Zu diesen Gegnern gehörten in den vergangenen 30 Jahren unter anderem die Taliban, Al-Qaida und der Islamische Staat (IS). Diese Terrororganisationen wurden von den USA vehement bekämpft, ihre Anhänger — oder vermeintlichen Anhänger — mittels Drohnenschlägen vernichtet und Regierungen aufgrund unterstellter Terrorunterstützung gewaltsam abgesetzt. Dies geschah freilich erst, nachdem die USA dieselben Terrororganisationen zunächst aufgebaut hatten.

Doch die Erzählung vom glorreichen, säkularen Westen, der sich gegen rückständigen Fundamentalismus zur Wehr setzt, verfing und ist bis heute in den Köpfen der Menschen verankert.

Immer wieder hieß es, diese barbarischen Terroristen hassten einfach die westliche Freiheit und wollten ihren Gottesstaat auf westliche Gesellschaften ausdehnen. Dagegen hat sich der Westen als Verteidiger der säkularen Freiheit aufgespielt. Da müssen die Äußerungen so mancher Regierungsvertreter der Trump-Administration für Kopfzerbrechen sorgen.

So inszeniert sich etwa der Kriegsminister Pete Hegseth als Gotteskrieger. Sein Oberkörper ist mit Tätowierungen überzogen, die stark an Symbole aus den Zeiten der Kreuzzüge erinnern. Templerkreuz und Aussprüche wie „Deus vult“ — also „Gott will es“ — mit denen Papst Urban II. angeblich die Massen zum Kreuzzug nach Jerusalem aufgefordert haben soll, präsentiert Hegseth stolz in seine Haut imprägniert. Die Anekdote dieses Ausspruchs durch Papst Urban II. ist zwar historisch umstritten, doch es geht um die Belebung eines Mythos, mit denen sich christliche Fundamentalisten ins Recht setzen, fremde Landstriche zu erobern.

Hegseth trägt diese religiöse Komponente ganz offen vor sich her. So las er auf einer offiziellen Presskonferenz des Weißen Hauses aus Psalm 144: „Gelobt sei der Herr, mein Fels, der meine Hände geschickt macht für den Kampf, meine Finger für den Krieg“, und versprach seinen Feinden „Tod und Zerstörung“. Erst unlängst zitierte er öffentlich aus einer vermeintlichen Bibelpassage, die sich als ein für den Film Pulp Fiction erfundener Bibelvers entpuppte. Öffentlich erklärte er auch, dass die Militärführung religiöse Lehren nutze, um Politik und militärische Entscheidungen zu beeinflussen.

Hegseth sieht die USA schon länger auf einem „Kreuzzug“ — und hat dies in einem 2020 veröffentlichten Buch namens „American Crusade“ auch so geschrieben. In Bezug auf die Gründung des Staates Israels sprach er in einer 2018 gehaltenen Rede von einem „Wunder“ und stellte auch die Frage nach zukünftigen Wundern — etwa der Errichtung des dritten Tempels an der Stelle der heutigen Al-Aqsa-Moschee.

Als Kriegsminister hat Hegseth dabei die Aufsicht über das US-Militär. In dieser Funktion kritisierte er bereits 2025 die schwindende Bedeutung des Seelsorgekorps als spirituelles und moralisches Rückgrat der Armee. Am 25. März 2026 kündigte er eine Reform der Seelsorgekorps an — inklusive Änderungen der Uniformen — die ab sofort religiöse Insignien als Abzeichen tragen sollen.

Damit erinnern einzelne äußerlich sichtbare Elemente innerhalb der US-Armee — etwa Kreuzfahrersymbolik und religiöse Kriegsrhetorik — zunehmend an jene fanatischen Gotteskrieger fundamentalistischer Terrororganisationen, die sie in der Vergangenheit stets zu bekämpfen vorgab. Schon zuvor hatte es zudem mehrere Beschwerden aus den Reihen des US-Militärs gegeben, denen zufolge mehrere ranghohe Offiziere den Krieg gegen den Iran als „Gottes Wille“ und als biblische Endzeitschlacht bezeichnet hatten. Die Kreuzfahrermentalität ist also nicht nur beim Kriegsminister zu finden, sondern tritt auch in Teilen des Militärs offen zutage.

Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte Donald Trump knüpft an die biblische Rhetorik an. Szenen wie ein im Weißen Haus stattfindendes Gebet um und für Donald Trump sprechen Bände. Zudem hatte das Weiße Haus unter Trump bereits im Herbst 2025 die Nation aufgefordert, religiöse Gruppen zu gründen und eine Stunde in der Woche zu beten.

Trump selbst wird von israelischen Fundamentalisten zudem als der Messias Ben Joseph betrachtet und damit als der Vorläufer des wahren jüdischen Messias Ben David. Das färbt offenbar auf ihn ab, denn unlängst ließ er von sich ein KI-Bild erstellen, das ihn als Messias darstellte, der die Toten wiedererweckt.

Schon sein Wahlkampf war von religiöser Rhetorik begleitet — nicht zuletzt, nachdem er ein Attentat überlebt hat. In der Folge hat Trump begonnen, sich als Vertreter Gottes zu betrachten, der unter der schützenden Hand Gottes dessen Werk auf Erden zu verrichten gekommen sei. Gott habe sein Leben aus einem Grund verschont, so erklärte er wenige Tage nach dem Anschlag. Und dieser Grund sei, Amerika wieder groß zu machen. Viele seiner Unterstützer knüpften an diese Vorstellung an — darunter auch der ehemalige Moderator von Fox News, Tucker Carlson, der sich allerdings nach der Amtsübernahme zunehmend von Trump entfremdet hat.

Ganz neu ist Trumps Einschätzung seiner selbst als Erlöser oder Auserwählter dabei nicht. Schon in seiner ersten Amtszeit legte er diese Rhetorik an den Tag. Doch die religiös aufgeladenen Fantasien von ihm und seinen Anhängern und Unterstützern, sowohl in evangelikalen Kreisen der USA als auch in zionistischen Kreisen Israels (und der USA), nehmen insbesondere seit dem Beginn des Krieges gegen den Iran auch ganz öffentlich neue Dimensionen an — einschließlich eines offenen Konflikts mit dem Papst wegen dessen Kritik am Irankrieg. Einem Papst, der bemerkenswerterweise ebenfalls aus den USA stammt.

Die USA unter Führung der Trump-Administration entwickeln sich damit erkennbar zu einem religiös-fundamentalistischen Staat, der unter der Rechtfertigung, im Auftrag Gottes zu handeln, ganze Landstriche in Schutt und Asche legt und sich damit ihren vorherigen Feinden annähert. Zwar haben die USA schon zuvor unter dem genau gegenteiligen Vorzeichen — dem Kampf gegen fundamentalistische Fanatiker — ganze Länder zerstört, doch nun scheint sich die politische Führung der USA mental und moralisch seinen vorherigen Feinden angenähert zu haben.

Die USA formen sich dabei langsam, aber sicher zu einem theokratischen Regime, das sie im Iran gerade zu bekämpfen vorgeben. Das Imperium befindet sich im Niedergang, was die Hinwendung zum religiösen Fanatismus zu forcieren scheint. Auch wenn die USA nie ein ernsthaft demokratischer Staat waren, lässt die zunehmende Fanatisierung der Staatsführung für die Zukunft der US-Amerikaner bereits jetzt Schlimmes erahnen.


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