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Die unerträgliche Freiheit

Die unerträgliche Freiheit

Wie der Großinquisitor in einer Erzählung Dostojewskijs glauben auch heutige Machthaber, die Menschen durch Zwang erziehen zu müssen. Teil 1/2.

Sevilla 1555. Jesus weilt wieder auf Erden. Der Großinquisitor begegnet ihm, erkennt ihn — und lässt ihn umgehend verhaften. In der Nacht besucht er Jesus im Gefängnis. Er müsse ihn leider verbrennen, erklärt er, denn Christus störe nur sein Werk. Das Bekenntnis des Inquisitors liest sich wie ein Handbuch der Nudging-Kultur — und gleichzeitig wie eine entlarvende Darstellung der wahren Motive dahinter.

Jesus, so meint der Großinquisitor, habe nie verstanden, dass Freiheit den Menschen in Wahrheit eine Last sei. Letztlich gehe es ums Brot: erst das Fressen, dann die Moral, sozusagen Brecht avant la lettre. Ergo müsse man die Menschen mit materiellen Anreizen ködern und beherrschen. Kriterien, wer zu diesen herrschenden „Auserwählten“ gehören soll, nennt unser Inquisitor leider nicht. „Ich sage dir, der Mensch kennt keine quälendere Sorge als die, einen zu finden, dem er möglichst schnell jenes Geschenk der Freiheit (…) übergeben kann.“

Die Thematik ist charakteristisch für das neunzehnte Jahrhundert, das Jahrhundert der großen Religionskritiker: Da Gott, mit Nietzsche gesprochen, nun einmal tot war, woher nun ethische Maßstäbe gewinnen? Was tun mit der neuen Freiheit in einem entzauberten, von Göttern entleerten Universum? Die französischen Existenzialisten gaben später eine Antwort: Aus der Bürde der Freiheit folgte für sie keineswegs Gewaltherrschaft — sondern das Prinzip Verantwortung. In die Alltagssprache übersetzt: Erwachsen werden, statt sich neue Überväter zu suchen.

Damit sind wir beim zentralen logischen Problem des Großinquisitors — und bei dem der modernen Idee des „Nudging“, welche diesen über hundert Jahre alten Gedankenzombie wieder ausgegraben hat.

Nudging-Befürworter gehen davon aus, dass der Mensch nicht weiß, was für ihn gut ist, und dass der Staat es ihm deshalb zu sagen hat. So agiert die aktuelle Politik ja auch im Umgang mit dem Coronavirus: verbieten, einsperren, „Zügel anziehen“.

„Der Staat“ — was soll das aber sein? Es handelt sich schließlich nicht um eine allwissende Gottheit, sondern um Politiker, die diesen Staat lenken. Also ebenfalls um Menschen. Woher aber wissen Menschen, dass Menschen nicht wissen, was für sie gut ist, und dass es deshalb besser für sie wäre, wenn es ihnen jemand sagt? Das ist ein Paradoxon wie in dem berühmten Beispiel, wenn ein Kreter sagt „Alle Kreter lügen“: Ist das die Wahrheit? Oder eine Lüge?

Worin genau soll der Wissensvorsprung dieses ominösen „Staats“ liegen? Letztlich ist „der Staat“ nur ein Euphemismus dafür, dass eine Gruppe für sich in Anspruch nimmt, besser als alle anderen zu wissen, was für diese gut ist. Eine Legitimationsstrategie also, um Macht auszuüben.

Auch der Großinquisitor arbeitet so: Wunder, Geheimnis und Autorität, so meint er, sind die einzigen drei Mächte auf Erden; Jesus habe die Menschen überfordert. „Die Menschen“? Erneut argumentiert der Inquisitor, als wäre er selbst gar kein Mensch. Vielleicht sieht er sich ja als transhuman avant la lettre — oder als „Übermensch“: nicht im Sinne des Originals von Nietzsche, eher in dem der nationalsozialistischen Nietzscherezeption.

Das Verhältnis zu „den Menschen“ kann somit gar nicht anders sein als asymmetrisch, aus der Position des Überlegenen heraus: Für den Großinquisitor sind sie Kinder, die er zu erziehen hat. Das ist eine hochgradig narzisstische Selbstüberhöhung.

Dabei gibt der Gottesmann sich selbstlos, geht es doch um das ungerechte Leid in der Welt, das er verhindern will. Das klingt sympathisch — aber haben wir nicht gerade erst erfahren, dass er tags zuvor an die hundert Ketzer verbrannt hat? Welches Glück muss denn erst mit brutaler Gewalt erzwungen werden? Nur durch Gewalt gegen die, welche er zu lieben vorgibt, kann der Inquisitor seine Autorität wahren. Die Unterdrückung der Freiheit schafft das Leid nicht aus der Welt — ganz im Gegenteil, sie generiert erst neues Leid. Und womöglich würden „die Menschen“ ja lieber diese „Bürde“ tragen, als unterjocht zu werden. Geraubte Freiheit ist immer eine Gewalterfahrung.

Der Inquisitor redet sich heraus: Schließlich nehme er die Sünden der Menschheit auf sich, indem er sie beherrscht. Sein eigenes Glück opfere er somit selbstlos dem der Massen. Vor einem Gericht käme er damit nicht weit: Dass man sich selbst quält, ist schließlich kein Freibrief, dasselbe mit anderen zu tun.

Der Inquisitor versucht, eine schopenhauersche falsche „Moralität“ im Handeln zu erzwingen, indem er durch Gesetz und Strafe eine bestimmte Lebensform — natürlich die von ihm erwünschte — vereinheitlicht. Er glaubt, die Menschen glücklich zu machen, indem er ihnen die Freiheit nimmt. Die schopenhauersche Unterscheidung zwischen esse und operari — sein und tun — im Hinterkopf konstatieren wir jedoch: Das bedeutet, in ihr Sein einzugreifen, mit welchem Freiheit untrennbar verbunden ist. Damit hat sich der Großinquisitor in Schopenhauers Charakteristik selbst unter die boshaften Charaktere eingereiht: Nur der boshafte Charakter opfert sogar das eigene Wohl dem Ziel, anderen — hier: durch die Veränderung ihres Seins — zu schaden.

Und was für ein Menschenbild steht zwangsläufig hinter der Idee, die Freiheit sei dem Menschen nichts als eine Last? Richtig: eines, nach dem der Mensch zur Sklaverei geboren ist.

Und voilà, tatsächlich lesen wir beim Großinquisitor, der Mensch sei von Natur aus ein Sklave und suche nur nach etwas, wovor „er sich beugen, wem er sein Gewissen übergeben kann, und auf welche Weise sich endlich alle Menschen zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen vereinigen könnten.“

Hier offenbar sich das wahre Gesicht der Menschenliebe des Nudging-Inquisitors. Es ist Menschenverachtung: „O, wir werden sie schließlich überzeugen, dass sie gar kein Recht haben, stolz zu sein; wir aber werden ihnen beweisen, dass sie kraftarm, dass sie nur armselige Kinder sind, dass aber das Kinderglück süßer als jedes andere ist.“

Wie aber bekommt man die Menschen dazu, ihre Freiheit den Mächtigen darzubieten? Natürlich mit Angst. Haben doch Gewaltherrscher aller Epochen Menschen unter ihr Joch gezwungen mit nichts als der Angst: vor der Hölle, vor dem Kommunismus oder dem Faschismus … oder auch vor einem an sich völlig unpolitischen Virus: Wie die Organisation Freedom House bereits vor Monaten feststellte, haben Regierungen weltweit das Coronavirus genutzt, um Demokratie abzubauen.

Entsprechend ist der schlimmste Feind solcher Herrscher keineswegs das Leid, sondern die Abweichler. Wie alle autoritären Herrscher ist auch der Großinquisitor leidenschaftlich in seiner Verurteilung der Unordnung, die nun einmal aus Freiheit entsteht. Unordnung, das bedeutet: Unterschiede in den Ansichten der Menschen — ganz besonders dann, wenn sich diese Ansichten von seiner eigenen unterscheiden. Vom Leid ist in dieser Phase seiner Rede gar keine Rede mehr. Warum auch, denn mittlerweile ist ja er selbst zur Ursache so vielen Leides geworden. Der angebliche moralische Imperativ, die Freiheit um des Glücks willen zu vernichten, entlarvt sich so selbst als perfide Legitimationsstrategie. Durch die moralische Begründung seines Unterdrückungsregimes delegitimiert der Inquisitor eventuelle Kritiker als „unmoralisch“: Ketzer. Doch diese Gesinnungsethik, wie Max Weber es genannt hätte, funktioniert nicht. Der Zweck heiligt nun einmal nicht die Mittel. Faschismus ist keine Zielsetzung, sondern eine Methode. Das sollten sich auch die vor Augen führen, die Andersdenkende vorschnell als „Covidioten“ beschimpfen. Die moralische Abwertung des politischen Gegners gehört zum politischen Instrumentarium von Unterdrückungsregimes und hat in Demokratien nichts verloren.

Dies offenbart die ganze narzisstische Manipulationstaktik des Großinquisitors. Es ging ihm nie darum, das Leid aus der Welt zu schaffen. Das angebliche Glück, welches er den getäuschten Massen verspricht, dient nur ihm selbst. Das Einzige, worum es dem Großinquisitor je ging, ist Macht. Seinen Glücksbegriff zwingt er den Menschen genauso auf wie sein System der Unterdrückung.

Dies sollte sich jeder vor Augen führen, der, naiv oder berechnend, einer Verbotskultur das Wort redet und von den Segnungen des Nudging schwadroniert. Nudging impliziert zwangsläufig ein asymmetrisches Machtverhältnis zwischen dem „Stupsenden“ und dem „Gestupsten“ — und ein entsprechendes, zutiefst antidemokratisches Menschenbild. Notwendig impliziert es die Frage, was der „Stupsende“ tun wird, wenn die andern nicht gestupst werden wollen: Jedem Nudging ist Gewalt zumindest potenziell inhärent. Anderen die Freiheit zu nehmen bedeutet stets, Gewalt auszuüben.

Freiheit mag tatsächlich manchmal eine Bürde sein. Vor allem die Freiheit der anderen — wenn man ein machtgieriger Narzisst ist, jedenfalls. Doch neues Leid zu schaffen, lindert nicht das bestehende. Das Leben zu verbieten, schützt nicht vor dem Tod. Freiheit hingegen zuzulassen, sich auf das Prinzip Verantwortung zu besinnen, bedeutet, immun zu sein gegen das schlimmste aller Viren: Menschenverachtung.


Dieser Beitrag ist zuerst im Forum Mit!Denken erschienen. Er wird mit einem zweiten Text demnächst fortgesetzt.


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