Zum Inhalt:
Unterstützen Sie Manova mit einer Spende
Unterstützen Sie Manova
Freiheit, Gleichheit, Kopf ab

Freiheit, Gleichheit, Kopf ab

Enthauptungen gehen heute schnell und blutlos vor sich, das ist so vollkommen alltäglich. Ein Gespräch.

Daniel Sandmann: Sibylle und Michael Birkenmeier, ihr habt euer Kabarett-Programm aus dem Jahr 2016 so benannt: „Freiheit, Gleichheit, Kopf ab“. War das hellseherisch?

Michael: Nein, das waren wir nicht wirklich. Es war einfach damals unser Ansatz von Kritik!

Sibylle: Wir spürten, es ging um alles. „Kopf ab“ war die Generalabsicht der Politik, der Kultur und der Bildung. Denk-Verhinderung und Denkverbote sind ja seit längerer Zeit gesellschaftlich wirksam.

Wir machten das damals fest am „Migrationsbetrieb“. Die tödlichen Wege der Flüchtenden und die Reaktion der Schweiz darauf waren für uns kaum auszuhalten. Wir haben diese Menschen in Lager, in unterirdische Luftschutzhallen gesteckt, ihnen das Arbeiten und Leben verboten und in den oberen politischen Etagen von Menschlichkeit und Integration geflötet ...

Barbarenzeit

(Ein Lied im Stile einer tragischen Aria von J. S. Bach)

Und wieder ist Barbarenzeit.
Gespielt wird jetzt Faschismus light
Die alte Sau im neuen Kleid
Sie rülpst, und wir gehorchen schon
Alt die Parolen, neu der Ton
Das vierte Reich, Business-Version

Michael: Unser Ansatz war „umkehren“. Wir haben das Phänomen „Migration“ nach innen gespiegelt: Wir Schweizer, alle auf der Flucht, die totale Ausflucht. Unsere ganze Lebenskultur nichts anderes als Formen ein- und derselben Angst, der zu sein, der ich bin. Als der, der ich bin, erkannt und gesehen zu werden. Aus dieser Not nehmen wir Zuflucht zur Tarnung: Kleider, Verkleidung in Rollen, Funktionen oder Zwangsjacken, um Hilflosigkeit und Versehrungen zu überdecken.

Sibylle: Unser Publikum haben wir dann im Theater als Flüchtende empfangen, und wir selber waren sehr unangenehme Beamte mit Mundschutz und Desinfektion, Beruhigungstablette und Instruktion. Und zwar obligatorisch. Die Mäntel mussten alle abgeben. Sie wurden auf der Bühne an Garderoben aufgehängt. In diesen „Kostümen“ haben wir dann Figuren auf ihren inneren Fluchtwegen gespielt. Das war ein reiches Arsenal von sehr wiedererkennbaren Momenten, satirisch, zum Teil schmerzhaft, aber auch sehr witzig.

Michael: Dass wir auf der Ausflucht keine Identität haben, außer einer Karte mit Nummer drauf, das kommt dem System gelegen. Inklusive die Kopf-Attrappe aus Zeitungspappe. Der Druck aus einem widersinnigen System führt zum kollektiven inneren Exil, und das funktioniert nur dank der Angst eines jeden vor dem anderen. Und im Keller des Unterschlupfs sitzt dann der Kaspar Unbehauser. Das verlassene Selbst. Im Dunkeln.

Nach der Kopf-ab-Sozialisation, die wir in verschiedenen Facetten gezeigt haben, versuchten wir am Schluss, den Kopf wieder aufzusetzen. Eine Selbst-Behauptung als Lied:

Kopf auf, wir wolln uns neu behaupten
Auch wenn die Angst uns immer wieder zittern lässt
All die Sicherheiten, an die wir glaubten ...
Wenn die mal weg sind, sind sie weg, nur eins steht fest:

Wir sind noch da ..., aber kein Businessplan
Kann uns befehlen, wohin wir weitergehn.
Wir vertrauen ganz auf unsere Augen
Und all denen, die uns in die Augen sehn.

Wir sind noch da, doch einfach nicht zu köpfen
Nicht mehr ins Boot zu holen, nicht einmal zu zählen
Wo sie im Voraus fest mit Kopflosen gerechnet haben
Ist niemand da — wir werden ihnen fehlen.

Foto: Sibylle und Michael Birkenmeier, Copyright: Markus Räber



„Kopf ab“ natürlich als Metapher für das Ende des Subjekts, der Eigenständigkeit und damit auch für das Ende der Kritik. Und das, wie gesagt, 2016. Hätte also Corona — ich spreche von der „Reaktion“ darauf und lasse das Virus als solches außen vor — gar nicht erst kommen brauchen? War „das“ schon da, bevor es kam?

Sibylle: Ja sehr, diese Entmenschlichung hat sich schon lange angebahnt.

Michael: Und weil wir bei verschiedenen Fachkongressen zu neuen Leitbildern oder Restrukturierungen oft als „Zückerchen“ zur Auflockerung beitragen sollten, haben wir diese Entwicklung über die Jahre Schritt für Schritt mitbekommen und stets in freundlicher Schärfe auseinandergenommen.

Sibylle: Das sehr laute Lachen war jeweils eine Art Erlösung : „Wir sind ja so froh, endlich sagt das mal jemand.“ Diese Empfindung war sehr ehrlich, aber auch sehr flüchtig, und alles nahm unwidersprochen seinen Lauf.

Eure Kunst hat nie auf den Lacher gesetzt, auf die Erheiterung?

Michael: Doch, doch, immer wieder sehr. Allerdings ganz nach unserem Gusto.

Sibylle: Ja, der Lacher, die Erheiterung war sogar ziemlich oft gegeben, vor allem in unseren ersten Programmen. Es war oft sehr lustig, ging bis zu wirklich durchgelachten Clownerien. Wir waren sehr jung und in der Schweizer und der deutschen Szene bald mit allen möglichen Preisen geschmückt.

Was war das für ein „damals“, als ihr zum ersten Mal aufgetreten seid? War das unbeschwert? Eine unbeschwerte Theaterwelt zumindest?

Sibylle: Für uns war es tatsächlich so. Wir waren plötzlich in dieser ersten Zeit in allen Medien, und man hat sich um die Plätze in unseren Vorstellungen gerissen. Vier Wochen Spielzeit jeweils in Basel, Bern, Zürich und auch viel in Deutschland unterwegs.

Unser Fokus lag damals darauf, künstlerisch gut zu sein. Gute Musik zu machen, keine billige Unterhaltungsplärre, und textlich schöne und schauspielerisch gute Stücke zu zeigen. Natürlich auch sehr fantasievoll mit allen Themen umzugehen. „Stich ins Hartz“, „Dasein im Design“, „Quadratschläge“ waren Titel der ersten drei Programme. Bereits im dritten Programm sind wir dann um einiges kritischer und politischer geworden, haben aber nicht weniger auf die Pointe gesetzt. Das wird sonst unerträglich, wenn ein Publikum in der „Betroffenheit“ absäuft.

Michael: Wir versuchten damals zu formulieren: Was schlägt denn immer so quadratisch auf die Gesellschaft ein?

„Die Schule ist eine staatliche Erkläranlage mit obligatorisch neun Becken. Wenn du da rauskommst, bist du rein, so rein, dass garantiert nix mehr rauskommt.“

Den Lacher brauchen wir dringend zum Überleben auf der Bühne.

Gab es ein Publikum, das es heute nicht mehr gibt?

Michael: Die sogenannte Kleinkunst war zu Beginn in den späten 1960er-Jahre ein Treffpunkt von Kunstliebhabern, Querdenkern — damals noch absolut positiv konnotiert — und Intellektuellen. Kabarett hatte einen hohen künstlerischen, ja auch poetischen Anspruch. Als wir 1983 begannen, mit unseren Programmen aufzutreten, waren unsere großen Vorbilder alle noch auf der Bühne: Hanns Dieter Hüsch, Georg Kreisler, Kaspar Fischer, Dieter Hildebrand, Lore Lorenz und andere. Sie haben uns sehr ermutigt, gefördert, haben uns Preise verliehen.

Sibylle: Mit der Zeit wurde die Szene überschwemmt von Alleinunterhaltern, Quasselstrippen, die den billigen Applaus krampfhaft abgemolken haben.

Die Böhmermanns kamen auf, eine Art systemrelevanter Prostitution, darauf bedacht, auf jeden neuen Shit draufzuspringen, um dann zu „entlarven“ und abzuknallen, was man grad so als Sau durchs Dorf treibt. Diese Spaßnudeln wurden von den Medien enorm gehypt, und wir waren nicht mehr so dabei.

Mehr und mehr galt Bierzelt-Stimmung in den Kleinkunstkellern. Die Veranstalter wurden zu Konformitäts-Schleudern.

Jetzt erst recht, sagten wir uns, und haben ungeachtet aller Trends einfach das Kabarett gemacht, das wir selber auf der Bühne gerne sehen würden. Wir standen zunehmend quer in der Szene, „anspruchsvoll, unbequem“, aber gerade dadurch konnten wir unser Publikum halten, das uns bis heute treu geblieben ist.

Michael: Dass mit Corona eine Trennung in zwei Lager sich vollzogen hat, war so nicht abzusehen. Vor allem nicht die totale Umwertung und Neudeutung von Links und Rechts. Dass die Kleintheater systemgehorsam sind, das war allerdings nicht überraschend. Dass praktisch alle von unseren Kollegen ebenfalls beim Gehorsam zu finden sind, das hingegen schon ...

Sibylle: Egal, wir halten es mit dem Satz, der auf dem Grabstein von Walter Mehring steht: „Ich bin weder rechts noch links, ich bin vertikal.“

Ich bin in den 60ern geboren. Vereinfacht fühlt es sich zuweilen so an, als ob der Weg jener Generation der Monopoly-Karte „auf direktem Weg ins Gefängnis“ folgte.

Sibylle: Du meinst mit „Gefängnis“ den langen Weg durch die Institutionen, den unsere Generation mit viel Gehorsam beschritten hat? Im Moment zeigt es sich ja sehr deutlich, wie die Gitterstäbe rund um so einen systemrelevanten Berufsalltag aussehen. Alles ist gänzlich von Rastern umgeben. Nun, wir haben keine Karriere in dem Sinne gemacht, dass wir uns hätten in ein Business-Hamsterrad einspannen müssen, um zu überleben. Wir haben unseren Platz am Rande gefunden, vorwiegend ohne Medienaufmerksamkeit. Wir haben uns in diesem Randstand wohlgefühlt. Finanziell ging das in den letzten Jahren nur mit sporadischer Projektfinanzierung durch Privatpersonen aus dem Freundeskreis.

Michael: Der Wahnsinn, den wir grad hinter uns haben und der schon wieder in unterhaltsam unterschiedlicher Gestalt versucht wiederzukehren und uns zu beschäftigen — Klimapanik, Genderwahn, Kriege, Roboterisierung —, dieser gefährliche Wahnsinn könnte allerdings bei uns Menschen vieles auslösen, was Zukunft wieder möglich macht. Folgenreiche Erkenntnisse, überraschende Entscheidungen, Lösungen, heilsame Zusammenbrüche, interessante biografische Wendungen.

Sibylle: Wir selber haben in der ersten Maßnahmenzeit zum Beispiel Entdeckungen gemacht. Wir haben einen schreibenden Menschen kennengelernt, der uns so inspiriert hat, weil er auf seine ganz eigene Art genau das ausgesprochen hat, 2020 schon, worum wir, noch völlig sprachlos, immer wieder gerungen haben. Uns hat es nämlich in der ersten Zeit der Maßnahmen die Sprache verschlagen.

Michael: Ja Daniel, du warst für uns ganz wichtig. Wir haben deine Texte studiert und uns so gefreut, dass es dich gibt. Dort sitzt noch einer und schreibt. Er hat noch Sprache.

In einer Welt aus Haltungen muss verzweifeln, wer auf das Denken zielt. Wie ist euer Erleben in dieser Hinsicht: Ihr wollt aufbrechen, Schablonen, Muster, und müsst zusehen, dass ihr — so stelle ich es mir vor — das Publikum stets weiter fortschiebt, sobald ihr deutlich werdet. Wie durchbricht man in Echtzeit — von der Bühne aus — Gräben, vielleicht sogar Feindschaft in einem Saal? Oder ganz simpel: Wie findet man in einer geframten Welt zum Publikum?

Sibylle: Wir haben nicht diese gnadenlose Selbstüberzeugung in unseren Stücken. Der Umgang mit Moralischem ist immer spielerisch.

Michael: Offener Feindschaft sind wir nie begegnet. Und bei skeptischer Stille gab es fast immer den Moment, an dem wir die Nuss knacken konnten, mit entwaffnender Offenheit, mit herzlichem Humor ...

Sibylle: Oh, ein Kontakt zu einem Publikum ist ein sehr bewegtes, schillerndes Geschehen. Das ist eine spezielle Art der Erfahrung, die man in 40 Jahren auf der Bühne stehend sammelt. Ein Publikum äußert sich sehr stark. Und es ist unsere Arbeit, den Kontakt trotz gewisser antipathischer Prozesse zu halten bis zum Schluss. Da kann man dann Wunder erleben. Ein etwas vereistes Publikum spendet langen und herzlichen Applaus. Und ein sehr beweglicher, zum Lachen aufgelegter Club macht kurz Klatschklatsch und fertig.

Foto: Sibylle und Michael Birkenmeier, Copyright bei den Künstlern



Und eure Kollegen, falls es solche gibt: Wie hat sich der Austausch mit ihnen verändert im Laufe der Jahrzehnte? So ganz im Zentrum des Gewühls seid ihr nie gewesen, aber ihr habt es ja bereits angedeutet, dass ihr euch mehr am Rande wiederfindet als früher.

Michael: Genauso ist es. Wir haben ein paar sehr geliebte Kollegen aus Musik, Kabarett, Jazz und der bildenden Kunst eingeladen zu unserem Festival im Oktober. Das ist eine wunderbare Alternative für all die Kollegen im Gewühl. Mit diesen Freunden machen wir „JETZT. Das Festival der Künste“, zu dem wir im Herbst herzlich einladen. Für uns ein großes Wagnis, 15 Anlässe in einem Monat.

Ist das Kabarett, ist die sogenannte Kleinkunst ein Gefäß, ein Medium auch, das den Zeitgeist sprengen könnte?

Sibylle: Man kann keinen Zeitgeist sprengen, nicht die Leute verändern und zu plötzlichem Erwachen bringen. Das Ganze ist zu lange deutlich falsch gelaufen. Menschen, die eine Kultur der Ehrlichkeit sich selber und anderen gegenüber pflegen und Fragen haben, werden sich trotz höllisch schwieriger Zustände entwickeln wollen. Sie kommen neugierig und offen ins Theater.

Michael: Solche Leute werden sich ein bisschen mehr zu Hause fühlen auf der Welt, wenn sie merken, dass da zwei auf der Bühne Ja sagen zu menschlicher Entwicklung und dass sie es gleichzeitig wagen, zu anderen Optionen Nein zu sagen.

Ein wunderbarer Augenblick aus eurem Theaterleben? Und was macht euch Hoffnung?

Michael: Oh, da gibt es ganz viele. Letzten Samstag zum Beispiel haben wir ein Extraprogramm gespielt nach einem sehr schönen Vortrag von Dr. Matthias Burchardt. Das hat so wunderbar zusammengepasst, das Publikum war ganz herzlich bewegt, und wir hatten das Gefühl, dass uns dort einige sehr dichte Momente gelungen sind. Ich halte es für narzisstisch, die Überzeugung zu haben, die Welt verbessern zu können. Aber solche Momente im Kontakt mit dem Publikum sind uns wichtig und haben einen Wert, denn sie haben stattgefunden und sind damit ein Stück Wirklichkeit geworden. Davon leben wir. Das macht uns Hoffnung.

Ihr erwähnt Matthias Burchardt, ihr habt auch gemeinsam mit Daniele Ganser Abende gemacht. In einem binären System, zu dem unsere Gesellschaft geworden ist, ist es kaum mehr möglich, Kontakte zu pflegen ohne selbst so „codiert“ zu werden, wie die Haltungsinstanzen bestimmte Personen „codieren“. Kontaktschuld. Merkt ihr das? Geht man euch anders an? Werdet ihr von Leitmedien gemieden? Bei SF DRS, dem öffentlich-rechtlichen (ÖR) Radio und Fernsehen der Schweiz, ist ja doch auch ein Bericht über eure Abschiedstournee gekommen ganz ohne Kontaktschuldmuster. Ich war erstaunt ...

Sibylle: In der Schweiz geschieht der Ausschluss nicht mit Anprangern, sondern mit Totschweigen. Ab 2000 haben sich wichtige Theater mit fadenscheinigen Begründungen diskret von uns abgewandt.

Michael: Für mich unvergesslich: Die Kleinkunstbörse mit 1.000 Veranstaltern und Kollegen im Saal. Wir spielen 20 Minuten, tosender Applaus. Kein einziger Veranstalter wollte nachher mit uns einen Auftritt planen. Sie sagten:

„So super, was ihr macht! Aber das kann ich meinem Publikum nicht zumuten!“

Sibylle: Nach den fünf Auftritten mit Daniele Ganser, mit dem wir schon sehr lange befreundet sind, nahm diese Ausschlussdynamik richtig Fahrt auf. Die Pressearbeit gestaltete sich immer zähflüssiger, wir hatten unsere sehr überschaubare Anzahl von Theatern, in denen wir noch spielen konnten. Aber wenn die ÖR-Medien ausnahmsweise mal über uns berichtet haben, so waren die Kritiken immer ausgezeichnet. Seltsam.

Unterschied Deutschland — Schweiz: Ich persönlich habe zuweilen das Gefühl, dass die Menschen in Deutschland bewusster schweigen, wie ihr es in der Verarbeitung von Bachs Kantate zum Thema macht, also: über Politisches hinwegschweigen. Es wird über anderes, Banales gelabert. Man hat hier die Folgen des „Nichtschweigens“ bereits verinnerlicht — es gab ja auch genug Strafaktionen.

In der Schweiz dagegen herrscht noch das Bewusstsein, in einer zwar da und dort bedrohten, aber insgesamt noch gegebenen „Freiheit“ zu leben. Naiver — so kommen mir meine Schweizer Freunde oft vor. Wie ist diesbezüglich eure Wahrnehmung, und welchen der beiden Zustände — setzen wir mal voraus, es wäre etwas dran — erachtet ihr als den besseren?

Sibylle: Es ist genau so, wie du das treffend beschreibst. In der Schweiz haben wir vor allem den regressiven Effekt der Maßnahmen an der Bevölkerung beobachtet. Unsere Kindergartenregierung generiert eine Kindergartenbevölkerung. Und so viele sind kindlich stolz, gehorcht zu haben, und wollen gar nichts wissen vom großen Hoax. Natürlich ist auch im Widerstand, den es auch hier gibt, vieles in Kinderschuhen unterwegs.

Michael: Aber was wir gemeinsam haben, ist dieses Trauma, das wir klar benennen können, alle aus ihrem eigenen Blickwinkel. Im Trauma trennt uns nichts. Wir sind alle zutiefst erschrocken. Bloß über ganz andere Geschehnisse. Einige haben Ja gesagt, gehorcht. Und einige haben früh Nein gesagt und sich zu wehren versucht. Jeder reagiert im Grunde genauso, wie er vorher gelebt hat.

Sibylle: Die einen haben Vertrauen in eine Welt, zu der mir das Vertrauen komplett fehlt. Die andern sind da wählerischer mit dem Verschenken ihres Vertrauens. Trauen sich da mehr selber zu. Mein lebenslang trainiertes Wahrnehmen von Situationen und Menschen, mein brennendes Interesse daran zu begreifen, wie das alles ineinandergreift, hat es mir leicht gemacht, sofort klar zu sehen, um was es sich hier handelt, und meine Leute zu finden, von denen ich Texte lese oder die ich anderweitig als Gesprächspartner habe.

Welche „Saiten“ — ich spiele auf eine Aussage aus eurer Bach-Kantate an — müsste man heute aufziehen, um die Richtung zu verändern? Und wo sind diese Saiten herzubekommen? Hat euer Aufhören damit zu tun, dass die Frage kaum zu beantworten ist? Hört ihr überhaupt auf — und was ist mit JETZT in diesem Zusammenhang, diesem Festival, das ihr im Oktober in Basel veranstaltet?

Michael: 2019 planten wir unser Abschiedsprogramm „schwindelfrei“. Auch so ein „Hellseherprogramm“: Lockdown für alle ab 60, sie müssen sich dringend „nach-richten“. Das spielten wir mit geringfügigen Aktualisierungen bis mitten in die Coronazeit. Bis wir aufhören mussten. Unser Aufhören war ohnehin unser Plan, und später kam es dann mit den 3G-Regeln zwangsweise auf uns zu. Wirklich Pause zu machen, sich zurückziehen und dieses dauernde „Besetztsein“ mit den Aufgaben des Berufes ablegen zu dürfen, war nach 40 Bühnenjahren eine Befreiung.

Sibylle: Die Frage: Was wäre zu tun, damit es sich ändert? Andere Saiten aufziehen? So denken wir nicht. Wir haben kein Interesse, unser Publikum zu etwas hin zu erziehen. Im Gegenteil, wir muten unsere eigene gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Gegenwart dem Publikum zu. „Ihr seid ja so mutig“: So haben wir uns nie empfunden. Wir haben eigentlich mit jedem Programm neue Saiten aufgezogen, denn wir haben immer Fragen und Gefühle bearbeitet, die uns aktuell beschäftigt haben.

Seit ich mehr zu Hause bin, hab ich die Ruhe zu malen, auf dem leeren Blatt — welche Freiheit! — mit allem, was raus will, umzugehen. Was daraus geworden ist, ist an der Ausstellung am „JETZT“-Festival zu sehen.

Michael: Wir waren beide nun ein Jahr zu Hause. Jetzt haben wir deutlich das Gefühl, dass wir wieder zur Verfügung stehen wollen. Darum dieses große Festival der Künste „JETZT eine ARTErntedank“ mit befreundeten Künstlern.

Sibylle: Es soll helfen, im Klima dieser ausgefransten Zeit etwas zu verdichten und intensive Momente im „JETZT“ zu schaffen, für uns und das Publikum gleichermaßen. Ich denke, Kunst bekommt gerade JETZT ihre ganz basale Bedeutung wieder.

Ich danke euch ganz herzlich.


JETZT-Festival — Flyer, Copyright: Noëmi Bachmann



An den Veranstaltungen vom 13. Oktober und vom 20. Oktober werden in einer Collage aus Text und Musik auch Texte von Daniel und Teer Sandmann vorgetragen, die auf Rubikon und Manova veröffentlicht worden sind.

Hier geht’s zum Festival.
Hier geht’s direkt zum Programm des Festivals als pdf.
Hier zum Beitrag von SF DRS über die Abschiedstournee von Sibylle und Michael Birkenmeier.


Wenn Sie für unabhängige Artikel wie diesen etwas übrig haben, können Sie uns zum Beispiel mit einem Dauerauftrag von 2 Euro oder einer Einzelspende unterstützen.

Oder senden Sie einfach eine SMS mit dem Stichwort Manova5 oder Manova10 an die 81190 und mit Ihrer nächsten Handyrechnung werden Ihnen 5, beziehungsweise 10 Euro in Rechnung gestellt, die abzüglich einer Gebühr von 17 Cent unmittelbar unserer Arbeit zugutekommen.

Weiterlesen

Der Unbeugsame
Aktueller Artikel

Der Unbeugsame

Bald jährt sich der Todestag des Schriftstellers Uwe Johnson zum vierzigsten Mal — ein guter Anlass, sein Wirken zu würdigen.

Delirieren mit Viren
Aus dem Archiv

Delirieren mit Viren

Was in Corona-Zeiten stirbt, ist vor allem unser aller Fähigkeit, sich ein eigenständiges Bild von der Wirklichkeit zu machen.