Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Für die einen steht nichts weniger als die Rettung der Demokratie auf dem Spiel. Andere hoffen auf eine historische Wende. Wieder andere wollen vor allem verhindern, dass die jeweils falschen Menschen an die Macht kommen.
Womit wir bei einem Verhältnis wären, dem ich grundsätzlich misstraue: der Macht von Menschen über andere Menschen.
Ich werde nicht wählen.
Nicht, weil mir gleichgültig wäre, wer regiert. Nicht, weil alle Parteien identisch wären — auch wenn ich mich gelegentlich zu drastischen Metaphern hinreißen lasse. Und auch nicht, weil politische Entscheidungen keine Folgen für unser Leben hätten. Sie haben Folgen — mitunter erhebliche. Mein Nichtwählertum ist deshalb weder Ausdruck von Desinteresse noch der bequeme Rückzug eines Menschen, der sich über die Niederungen der Politik erhaben fühlt.
Ich wähle nicht, weil ich meine politische Verantwortung nicht mit einer gelegentlichen Stimmabgabe verwechseln möchte. Ich wähle auch deshalb nicht, weil meine Teilnahme einem politischen Verfahren Legitimität verleihen würde, dessen grundlegende Machtordnung ich nicht bestätigen möchte. Und weil ich einem Widerspruch nicht länger ausweichen kann: Ausgerechnet ein Milieu, das der Obrigkeit zutiefst misstraut, setzt enorme Hoffnungen in die Übernahme ebendieser Obrigkeit durch die vermeintlich Richtigen.
Seit Jahren erzählen alternative Medien ihrem Publikum, wie mächtig Regierungen, Konzerne, Geheimdienste, supranationale Institutionen und mediale Apparate seien.
Der Einzelne erscheint in dieser Erzählung häufig als Manipulierter, Entrechteter und Betrogener. Dann beginnt der Wahlkampf — und plötzlich soll ein Kreuz auf einem Blatt Papier genügen, um aus der diagnostizierten Ohnmacht auszubrechen.
Natürlich kann eine andere Regierung konkrete Dinge verändern. Sie kann Gesetze beschließen oder aufheben, Mittel verteilen, Behörden führen und politische Spielräume öffnen oder schließen. Sie kann eine Wende in der Migrationspolitik herbeiführen, sie kann der Wirtschaft Vertrauen geben oder nehmen, sie kann die innenpolitische Lage, die Sicherheitslage beruhigen oder eskalieren. Wer deshalb wählen geht, handelt nicht irrational. Doch ein Wechsel des politischen Personals ist noch kein Ende der Fremdbestimmung.
Die Hoffnung auf die richtige Obrigkeit bleibt eine Hoffnung auf Obrigkeit.
Auch Nichtwählen ist für sich genommen kein Akt der Freiheit. Wer zu Hause bleibt, sein Leben unverändert weiterführt und anschließend fünf Jahre lang über „die da oben“ klagt, hat lediglich auf ein Kreuz verzichtet. Er hat noch keine Verantwortung übernommen.
Die entscheidende politische Frage lautet für mich daher nicht nur: Wer soll über uns regieren? Sie lautet: In welchen Bereichen könnten wir längst aufhören, auf die Erlaubnis, Versorgung oder Rettung durch andere zu warten?
Wo begeben wir uns in Abhängigkeiten, die wir anschließend beklagen? Wo konsumieren wir Empörung, statt Fähigkeiten zu entwickeln? Wo beschwören wir unsere Ohnmacht, weil sie uns davon entlastet, das eigene Leben zu verändern? Und wo nennen wir es Widerstand, wenn wir lediglich auf den nächsten Hoffnungsträger warten oder uns von Demorednern aufpeitschen lassen, mahnende Pappschilder und Finger in die Höhe halten und am nächsten Tag genauso weiterleben wie bisher?
Freiheit beginnt für mich nicht in der Wahlkabine. Sie beginnt dort, wo ein Mensch Verantwortung für seine Entscheidungen, seine Beziehungen, seine Arbeit, seine Versorgung und seine Gemeinschaft übernimmt. Sie entsteht nicht auf einmal und auch nie vollständig. Sie muss praktisch erarbeitet werden — oft unspektakulär, ohne Publikum und ohne Garantie auf Erfolg. Ohne zu Ende gedacht zu sein. Ohne Antworten auf die drängenden Fragen zu geben und ohne Sicherheit für die Zukunft versprechen zu können. Das ist unbequem, es erfordert Mut und es beinhaltet die hohe Wahrscheinlichkeit von Misserfolgen.
Deshalb versuche ich, gemeinsam mit anderen Strukturen aufzubauen, die uns ein Stück unabhängiger machen: durch Kooperation, Renaturierung, Selbstversorgung und Räume, in denen Menschen einander tatsächlich begegnen können. Das ist kein fertiges Gegenmodell und schon gar kein Paradies außerhalb der Gesellschaft. Es ist auch keine Anstrengung, die gegen die moderne Zivilisation gerichtet ist. Ich liebe meine Audiotechnik, mein MacBook und die Möglichkeiten, die uns die soziale Marktwirtschaft bis hierhin ermöglicht hat. Ich will nur nicht länger von ihr abhängig sein. Es ist ein Versuch, weniger Energie in die tägliche Betrachtung der Macht und mehr Energie in die Erweiterung der eigenen Handlungsmöglichkeiten zu investieren. Und so scheitern wir uns nach und nach zum Ziel.
Vielleicht geht ihr am 6. September wählen. Vielleicht bleibt ihr zu Hause. Beides entbindet euch nicht von der wichtigeren Entscheidung, die an jedem nächsten Morgen erneut ansteht: Wartet ihr darauf, dass andere die Bedingungen eures Lebens verändern und euch ein erfülltes und sorgenfreies Leben ermöglichen — oder beginnt ihr, eure eigene Gestaltungsmacht herauszufordern und herauszufinden, wie unabhängig ihr euch eigentlich wirklich machen könntet?
Gebt eure Stimme ab, wenn ihr es für richtig haltet. Aber gebt eure Verantwortung nicht mit ihr ab.
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