„Ich würde gerne Jimmy Savile töten, er ist ein Heuchler. Er ist in alle möglichen Schweinereien involviert. Wir alle wissen davon, aber wir dürfen nicht darüber reden. Ich kenne einige Gerüchte“, sagte John Lydon alias Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, 1978 in einem Radio-Interview. Das Interview wurde nie ausgestrahlt und die Sex Pistols aus der BBC verbannt. 17 Jahre später bekam Lydon in der populären Talkshow „Piers Morgan’s Life Stories“ Applaus vom Studiopublikum, als der betreffende Teil des damaligen Interviews eingespielt wurde und er mit dem bekannten Moderator über die damaligen Geschehnisse sprach.
Wie kam es zu dieser Reaktion? Die Antwort: Weil der in Großbritannien einst so ungemein populäre Moderator Jimmy Savile von Scotland Yard als „der schlimmste Sexualverbrecher in der Geschichte des Landes“ bezeichnet wird – eine Tatsache, die, wie Lydon in einem anderen Interview mit Channel 4 im Jahr 2014 ausführte, „allgemein bekannt war“. Und er meint damit nicht nur die Pop-Szene – „wir wussten alle, was dieser Zigarrenfresser vorhatte“ – oder auch das Personal der Krankenhäuser, in denen Savile unzählige seiner Taten begangen hat, sondern so ziemlich alle Menschen, mit denen der Moderator in Kontakt kam. So ist bei YouTube im Kommentarbereich zu einem Video über den Ex-Polizisten und privaten Ermittler in der Angelegenheit, Mark Williams-Thomas, beispielsweise zu lesen:
„Als Jimmy in den 90er Jahren in der Nähe von Thirsk (North Yorkshire) lebte, war es allgemein bekannt, dass er, wenn er in die Stadt kam, eine bestimmte Fisch- und Pommesbude aufsuchte. Wenn sie wussten, dass er kam, schickte die Besitzerin die jungen Teilzeitmädchen weg und bediente ihn selbst (sie war so um die fünfzig).“
Oder auch:
„Ich habe Jimmy in einem Hotel bedient, in dem ich zu der Zeit gearbeitet habe. Er war ein Stammgast. Der Sous-Chef spuckte in sein Essen und sagte, er mache dies deshalb, weil Savile ein Kinderficker sei. Das war um 2004. Es war ein offenes Geheimnis. Jeder wusste es. Er hatte einfach Freunde in hohen Positionen.“
Dies deutete Lydon auch bei Piers Morgan an:
„Ich bin sehr, sehr verbittert darüber, dass solche Leute wie Savile und der Rest von ihnen weitermachen durften. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte. Aber sie haben das nicht gesendet. Wegen meines ‚umstrittenen Verhaltens‘ wurde ich für eine ganze Weile aus dem *BBC-Radio verbannt. Sie haben das nicht direkt gesagt, sondern andere Ausreden vorgebracht.“*
Zudem observierte der britische Inlandsgeheimdienst MI5 unter der Vorgangsbezeichnung „Subversion in moderner Musik“ die Sex Pistols – bei einer USA-Tournee der Band im Januar 1978 soll diese Aufgabe angeblich vom FBI übernommen worden sein – und führte 1980 bei Lydon mehrere Hausdurchsuchungen durch, sodass er Großbritannien ein Jahr später verließ.
Karriere
Jimmy Savile, geboren am 31. Oktober 1926 in Leeds, arbeitete ab Ende der 1940er Jahre zunächst als Discjockey und später auch als Geschäftsführer in Tanzlokalen. Seine große Karriere in Rundfunk und Fernsehen begann 1958 bei Radio Luxemburg und führte ihn über Tyne Tees Television 1964 zur BBC, wo es für ihn endgültig steil bergauf ging. Insbesondere die Moderation der Musik- und Hitparadenshow „Top of the Pops“ machte ihn weithin bekannt und so populär, dass ihm bereits ein Jahr nach der ersten Ausgabe von der BBC eine eigene Fernsehdokumentation unter dem Titel „Britain’s No. 1 DJ“ gewidmet wurde. Savile schuf auch neue Unterhaltungsformate. So wurde am Silvesterabend 1969 seine von BBC und ZDF produzierte Sendung „Pop Go the Sixties“ im gesamten Westeuropa ausgestrahlt. Auch das Konzept der von ihm moderierten Sendung „Jim'll fix it“, die am 31. Mai 1975 auf BBC 1 Premiere hatte, stammt von ihm. Thema dieses Familienprogrammes war es, Kindern ihre Träume zu erfüllen, wie mit dem Überschallflugzeug Concorde den Atlantik zu überqueren oder einen Löwen zu bändigen. Und so wurde der stets auffällig bis schrill gekleidete Savile zu einer der populärsten Personen im Vereinigten Königreich, zu einer exzentrischen Pop-Ikone und exaltierten Kultfigur.

Quelle: sky.com
Spendensammler
Savile verdingte sich zunächst in einigen Krankenhäusern als ehrenamtlicher Helfer mit Pförtner- und anderen Diensten, sodass es ihm möglich war, sich in der Nähe von Patienten aufzuhalten. Mit stetig wachsender Popularität, die ihn in hohe und höchste Kreise beförderte – er wurde später gar zum regelmäßigen bei Premierministerin Margaret Thatcher und Prinz Charles – konnte er sich dank seines Rufs zum eifrigen und gern gesehenen Spendensammler entwickeln, der im Laufe seines Lebens etwa vierzig Millionen Britische Pfund für wohltätige Zwecke sammelte. Er sammelte für Krankenhäuser, er sammelte für spezielle Bereiche von Krankenhäusern wie für eine Wirbelsäulenabteilung oder eine Station für Kinder und Jugendliche mit Rückenmarksverletzungen, er sammelte für mehrere jüdische Wohltätigkeitsorganisationen, und er gründete in den 1980er Jahren selbst zwei Wohltätigkeitsorganisationen. Zudem war er zwischen 1974 und 1988 Ehrenpräsident von „Phab“, einer nationalen Wohltätigkeitsorganisation, die sich der Integration von Menschen mit und ohne körperliche Behinderung auf allen Ebenen der Gesellschaft widmet. Savile förderte auch Medizinstudenten, die im Rahmen des Stipendienprogramms der Leeds University Research Enterprise forschten, und spendete jedes Jahr mehr als 60.000 Pfund; im Jahr 2010, ein Jahr vor seinem Tod am 29. Oktober 2011, erhielt das Programm eine Zusage über 500.000 Pfund für die folgenden fünf Jahre.
Sein Image zu jener Zeit: Sammler, Spender, Förderer, Helfer der Mühseligen und Beladenen, der Armen und Kranken und Unterstützer derer, die ausgebildet werden, diesen Unglückseligen zu helfen. Dazu unterhaltsamer Moderator, bunter Vogel und typisch britischer Exzentriker, mit dem sich zahllose Organisationen gerne schmückten. Der Rolls-Royce-Fahrer Savile war Mitglied des Institute of Advanced Motorists. 1975 wurde er zum Mitglied auf Lebenszeit des British Gypsy Council ernannt und war damit der erste „Außenseiter“, der aufgenommen wurde. Zudem war er viele Jahre lang „Häuptling“ der Lochaber Highland Games. Und auch Mensa International, dem internationalen Dachverband von Vereinen für Menschen mit hohem Intelligenzquotienten, gehörte er an.
Von der Ikone zum Täter
Als im Oktober 2012 im Fernsehsender ITV eine zweiteilige Dokumentation über die Taten Jimmy Saviles gesendet wurde, recherchiert und zusammengestellt vom oben genannten privaten Ermittler und ehemaligen Polizisten Mark Williams-Thomas – der dafür auch fünf weibliche Opfer Saviles interviewt hatte –, brachen alle Dämme und eine Entlarvungswelle sondergleichen stürzte über Großbritannien, die das Land tief erschütterte und fassungslos fragen ließ, wie so etwas unter den Augen so vieler möglich war. Die Macht Saviles hatte sich zunächst sogar noch nach seinem Tod offenbart, als Williams-Thomas per Brief einen Brandsatz zugesandt bekam, der allerdings von der ITV-Poststelle in Birmingham abgefangen wurde, ohne Schaden anzurichten.
Doch nach der Ausstrahlung der Dokumentation war es vorbei mit Macht und Aura des Moderators. Mehr und mehr Opfer meldeten sich, unzählige Zeitungsartikel erschienen, zahlreiche Untersuchungen, nicht nur seitens der Polizei, wurden durchgeführt und Dokumente und Reporte erstellt.
Die Opferzahlen stiegen und stiegen, 200, 300, 450, 500, schließlich 1.000 und mehr. Das jüngste Opfer erst acht, dann fünf, dann zwei Jahre, das älteste 75.
Jimmy Savile wurde übergriffig bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Er begrapschte, verteilte Zungenküsse, berührte den Intimbereich, missbrauchte und vergewaltigte. Tatorte waren Gebäude und Gelände der BBC, er fand Opfer aber auch in Heimen und sogar in einem Hospiz. Und insbesondere Krankenhäuser stellten Haupttatorte dar, wo er Patienten, Personal und Besucher missbrauchte. „Er war ein Albtraum, er war abscheulich“, sagte eine Krankenschwester laut späteren Ermittlungen.
Andere beschrieben, dass, wenn er auf einer Station auftauchte, ein „Jimmy Savile-Alarm ausgelöst wurde und wir alle verschwanden“.
Tatorte waren Krankenstationen, Zimmer, Flure, Aufzüge, Büros oder auch sein auf dem Krankenhausparkplatz stehendes Wohnmobil. 73 Prozent seiner Opfer sind laut einem Untersuchungsbericht von britischer Polizei und Kinderschutzbehörde minderjährig gewesen, 82 Prozent weiblich. Seinen letzten Übergriff soll er 2009 im Alter von 82 Jahren begangen haben. Letztlich war Savile jeder Ort recht, auch das Haus seiner Mutter oder ein Café, aber auch ein Zug, wie das Beispiel einer 43-jährigen Frau zeigt, die auf einer Bahnfahrt zwischen Leeds und London von Savile sexuell belästigt wurde. Durch seine eifrige Spendensammelei hatte er in den Krankenhäusern des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS nicht nur rund um die Uhr freien Zugang zu allen Krankenstationen, sondern in zwei Hospitälern auch ein eigenes Zimmer, eines davon gar mit an die Kinderstation angrenzendem Büro.
Die tatsächliche Zahl der Opfer Jimmy Saviles wird nie bekannt werden, sie liegt aber wohl bei weit über 1.000. Allein in den Umkleideräumen und Studios der BBC gab es möglicherweise bis zu tausend Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe, die allerdings von den Mitarbeitern des Senders ignoriert wurden. Eine Untersuchung von Dame Janet Smith, 2014 veröffentlicht, zitiert Peter Saunders, Geschäftsführer der National Association for People Abused in Childhood (Napac): „Zu Lebzeiten von Savile würde ich nicht daran zweifeln, dass tausend Menschen von ihm auf dem Gelände der BBC missbraucht wurden. Die andere Sache, die ich außergewöhnlich und sehr traurig finde, ist die Anzahl der Leute, mit denen ich gesprochen habe, die mit der BBC in Verbindung stehen, und das sind viele Leute, die sagten: ‚Oh ja, wir wussten alle von ihm‘.“
Schuld ohne Sühne
Savile missbrauchte in den Krankenhäusern nicht nur Pflegepersonal und meist jugendliche Patienten – sogar Teenager im Rollstuhl und andere, die sich von einer Krebserkrankung erholten –, er führte in der Leichenhalle des Leeds General Infirmary, einem großen Lehrkrankenhaus im Stadtzentrum, nekrophile Handlungen durch, stahl Glasaugen von Toten und fertigte daraus Medaillons und Ringe.
Für Jimmy Savile hatten seine Taten niemals Konsequenzen. Er verfügte über ein bemerkenswertes und für viele furchteinflößendes Maß an Macht, er war ausgesprochen populär und er war ein spektakulärer Spendensammler – so bekam ein achtjähriges Mädchen, das von einem Missbrauch durch Savile berichtete, von einer Krankenschwester zu hören: „Sei still, du albernes Ding. Weißt du nicht, wie viel er für dieses Krankenhaus geleistet hat?“ Beschwerden in Krankenhäusern wurden ignoriert oder zwar angehört, aber nicht weitergegeben – trotzdem erscheint es vollkommen unglaubwürdig, wenn die Geschäftsleitungen der Krankenhäuser behaupteten, trotz Saviles kaum verborgenen Agierens nichts von seinen Handlungen mitbekommen zu haben und sich weigern, bei den Opfern um Entschuldigung zu bitten. Denn befragte Mitarbeiter berichteten ebenfalls von einem „offenen Geheimnis“ und dass die Handlungen Saviles „allgemein bekannt“ gewesen seien.
Schilderungen durch Patienten wurden vom Krankenhauspersonal ignoriert mit dem Hinweis, dass Savile sehr viel Geld für das Krankenhaus sammle – dazu oft mit dem Hinweis, dass er so etwas Schreckliches nie tun würde.
Mitarbeiter, die es wagten, auf Saviles Handlungen hinzuweisen, erhielten die dringliche Warnung zu schweigen. Zwischen 1972 und 1985 wurden neun informelle mündliche Beschwerden und eine formelle Anzeige über Savile von seinen Opfern eingereicht. Keine der Eingaben wurde „ernst genommen oder an die Geschäftsleitung weitergeleitet“, heißt es in einem Bericht. David Clay, der 1983 zum Geschäftsführer des National Spinal Injuries Centre (NSIC) – ein Zentrum für Wirbelsäulenverletzungen, das in Stoke Mandeville beheimatet ist –, ernannt wurde, äußerte, Savile habe sich verhalten, als sei er Gott. „Es war Jimmy Saviles Reich.“
Als Ken Cunningham 1991 den Posten des Abteilungsleiters des Krankenhauses übernahm, war er schockiert von der Macht, die Savile ausübte, der zu diesem Zeitpunkt ein Schlafzimmer samt Büro mit einem Berberteppich, einem Klappbett, einem großen Ledersofa und einem goldenen Briefkasten eingerichtet hatte. Cunningham sagte:
„Dieser Mann hatte das Gehör von Königshäusern und Premierministern. Es beunruhigte mich, dass es jemanden gab, der sich die Loyalität und Freundschaft von leitenden Angestellten kaufen konnte.“
Keine Ermittlungen
Die Polizei war den Opfern keine Hilfe. Meldeten sich diese bei den Behörden, so wurden sie abgewiesen. Die enorme Popularität des Moderators, sein Ikonenstatus, seine engen Kontakte zu Regierung und Königshaus verhinderten Ermittlungen. Die polizeiliche Aufsichtsbehörde HMIC konstatierte, durch dieses Versagen sei Savile fünf Jahrzehnte lang unbehelligt geblieben. HMIC-Inspekteurin Drusilla Sharpling äußerte: „Dieser Bericht ist Anlass zu großer Sorge. Die Polizei hat damals klar Fehler gemacht.“
Nach Angaben Sharpling habe vor allem der enorme Bekanntheitsgrad des Fernsehstars frühere Ermittlungen verhindert: „Saviles Popularität und seine Macht haben dazu geführt, dass damals mit besonderer Vorsicht vorgegangen wurde.“
Beispielhaft ein Fall aus den 1980ern: Ein weibliches Opfer schilderte der Metropolitan Police, dass sie in Saviles Wohnmobil auf einem BBC-Parkplatz angegriffen wurde. Doch die entsprechende Polizeiakte ist unauffindbar und der ermittelnde Beamte inzwischen verstorben.
Im Gutachten von Polizei und Kinderschutzbehörde heißt es, Savile hätte durchaus zu Lebzeiten strafrechtlich verfolgt werden können, wenn die Behörden Vorwürfe gegen den Moderator ernst genommen hätten. Doch wer dies versuchte, blieb erfolglos.
John Lindsay, in den späten 1970er Jahren als Detective Inspector bei der Thames Valley Police tätig, erzählte der BBC, dass er von einer Krankenschwester in Stoke Mandeville darüber informiert wurde, dass Savile Patienten missbrauchte und dass er dies mehr als einmal seinen Vorgesetzten berichtet habe.
„Man hat mir nicht geglaubt […]. Ich glaube, das lag einfach daran, dass Savile zu diesem Zeitpunkt und viele, viele Jahre lang eine Ikone war.“
Ein hochrangiger Kollege habe ihm gesagt: „Jimmy Savile ist ein sehr bekannter Mann. Er muss in Ordnung sein. Er kann nichts Illegales tun. Machen Sie sich keine Sorgen.“ Lindsay sagte der BBC: „Ich war nicht zufrieden, aber es gab nichts, was ich dagegen tun konnte.“
Die mit dem Fall befasste Staatsanwältin Alison Levitt warf offiziellen Stellen vor, Anschuldigungen gegen Savile nicht energisch genug nachgegangen zu sein. Demnach hatten sich in den Jahren 2007 und 2008 mehrere Frauen bei der Polizei gemeldet. Dass Savile nie angeklagt wurde, habe zum Teil auch daran gelegen, dass die Frauen nicht bereit gewesen seien, vor Gericht auszusagen. Die Polizei, so Levitt, hätte sich stärker darum bemühen müssen, die Frauen zu Aussagen zu bewegen. So sei ihnen beispielsweise nicht mitgeteilt worden, dass auch andere Opfer sich gemeldet hätten, die ihre Angaben untermauern würden. Allerdings unterschlug Levitt die einschüchternde Wirkung von Macht, Prominenz und Kontakten des Moderators.
Und auch die BBC, Saviles Arbeitgeber, hatte vertuscht und Kritiker mundtot gemacht und verhinderte zum Beispiel einen kritischen Nachruf auf den verstorbenen Savile. Der Sender konnte sich nur zögerlich und letztlich auf Druck der Öffentlichkeit dazu durchringen, eine Untersuchung des Falles Savile zu veranlassen.
2016 analysierte eine unabhängige Kommission unter Leitung einer ehemaligen Richterin die Rolle der BBC im Fall Savile und kam zu dem Resultat, dass die BBC-Verantwortlichen systematisch weggesehen und eine „Atmosphäre der Angst“ und eine „sexistische Macho-Kultur“ erzeugt hätten, die ein Aufdecken der Verbrechen Saviles verhinderten.
Prestige
Jimmy Savile unterhielt beste Beziehungen nicht nur zum Königshaus, sondern auch zu Premierministerin Margaret Thatcher, der er bei vielen Treffen – sogar im privaten Bereich auf ihrem Landsitz Chequers – geschickt zu schmeicheln wusste und die außerordentlich von ihm angetan war. Ein Bericht enthüllte beispielsweise, wie Saviles Wohltätigkeitsarbeit und sein Status innerhalb des Stoke-Mandeville-Krankenhauses von Thatcher gefördert wurden, welche ihn 1980 als leitenden Spendensammler und Projektmanager für eine 10-Millionen-Pfund-Kampagne zum Wiederaufbau der Abteilung für Wirbelsäulenverletzungen (NSIC) einsetzte – ein Schritt, der ihm praktisch unbestrittene Autorität und Kontrolle gab. Und im August 1988 wurde er von der stellvertretenden Gesundheitsministerin Edwina Currie zum Vorsitzenden einer Interims-Task-Force ernannt, die das Management des Broadmoor-Krankenhauses beaufsichtigen sollte, nachdem dessen Vorstandsmitglieder suspendiert worden waren.

Jimmy Savile und Premierministerin Margaret Thatcher, 1980. Quelle: The Guardian
Auch beim damaligen Prinz Charles war Savile ein gerngesehener Gast, konnte sich nach Belieben im St. James' Palace oder Clarence House bewegen und erhielt Zugang zu Partys im Buckingham Palace, berichtet die im Oktober 2021 ausgestrahlte ITV-Dokumentation „Savile: Portrait of a Predator“. Savile begründete dies so:
„Die Royals sind von Menschen umgeben, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Ich habe eine frische Herangehensweise, die ihnen offensichtlich gefällt. Ich glaube, ich werde eingeladen, weil ich von Natur aus eine lustige Art habe und wir viel lachen. Sie haben nicht oft Gelegenheit zum Lachen.“

Quelle: Hellomagazine.com
Wie der ehemalige königliche Korrespondent Richard Kay schilderte, blieb auch Prinzessin Diana nicht von den Übergriffen Saviles verschont, der sich überdies in die Beziehung von Prinz Charles und Prinzessin Diana eingemischt habe:
„Er drängte sich in ihre Ehe, indem er sich als jemand präsentierte, der immer zur Verfügung stand. Und Charles mochte es, ihn um sich zu haben. Er tauchte unangemeldet im Kensington Palace auf, wo sie lebte, und überredete die Polizei am Tor, die niemals jemanden ohne Einladung hereinließ, ihm Einlass zu gewähren, erzählte mir Diana. Er sagte zu ihr: ‚Nun, ich bin nur hier, um nach dir zu sehen.‘ Und sie erzählte, dass Charles, wenn es ein Problem gab, das gelöst werden musste, immer scherzte, sie würden Jim darum bitten, weil ‚Jim es schon regeln wird‘ – so lautete auch der Titel von Saviles erfolgreicher Fernsehsendung, die zwischen 1975 und 1994 lief. Ich glaube, sie fand das etwas beunruhigend.“
Kay berichtete des Weiteren, Savile sei in Dianas Wohnung „hereinspaziert und habe dort herumgelungert“. Er sei auch in ihr Büro gegangen, um den Sekretärinnen die Hände zu küssen, wobei er manchmal seine Lippen an ihren Armen „rieb. Das hat er sogar bei Prinzessin Diana gemacht. Er leckte Prinzessin Dianas Hand, woraufhin sie zurückschreckte. Wie sie mir erzählte, war das etwas sehr Unheimliches“.
1999 besuchte Prinz Charles Saviles Cottage in Glencoe in den schottischen Highlands, wo sie lachend und scherzend fotografiert wurden. Nach einem offiziellen Besuch im Hauptquartier der Bergrettung Glencoe kam Charles zum Mittagessen in Saviles Anwesen. „Savile hatte diesen Ort, eines seiner vielen Verstecke, die er über das ganze Land verteilt hatte“, so Kay. „Es war eine völlig bizarre Situation. Savile ließ Frauen in Kellnerinnen-Schürzen gekleidet Tee servieren.“

Quelle: WalesOnline / Daily Record
An Saviles 80. Geburtstag, so die ITV-Dokumentation, habe Charles diesen Anlass mit Geschenken und „einem außergewöhnlichen Brief“ gewürdigt und soll geschrieben haben: „Niemand wird jemals erfahren, was Sie für dieses Land getan haben, Jimmy. Dies ist ein kleiner Beitrag, um Ihnen dafür zu danken.“
In der Dokumentation kam auch Meirion Jones zu Wort, ein Journalist, der kurz nach Saviles Tod dessen Verbrechen untersuchte. Er sagte: „Wenn man ein Freund der königlichen Familie ist, wird ein Polizeichef es sich zweimal überlegen, bevor er ein Team mit der Ermittlung gegen einen beauftragt.“
Ritterschläge und Orden
Als populäre und hoch geachtete Persönlichkeit im Vereinigten Königreich wurde Savile entsprechend mit dessen Orden und Ehrungen überhäuft: „Officer of the Most Excellent Order of the British Empire (OBE)“, „Knight Bachelor“ – Ritterschlag für sein karitatives Engagement, welcher ihn dazu berechtigte, den Titel „Sir“ zu tragen –, Ehrendoktor der Rechtswissenschaften der Universität Leeds und Ehrendoktor der Universität Bedfordshire sowie „Freeman of the Borough of Scarborough“, eine Auszeichnung, die von einer Gemeinde an ein geschätztes Mitglied der Gemeinschaft, eine berühmte Persönlichkeit oder einen Würdenträger verliehen wird.

Quelle: The Guardian – University of Bedfordshire/PA
Und 1990 wurde Savile von Papst Johannes Paul II. mit dem päpstlichen Ritterschlag geehrt und zum „Knight Commander of the Order of Saint Gregory the Great (KCSG)“ ernannt – Komtur des Ritterordens vom heiligen Gregor dem Großen – in Anerkennung seiner umfangreichen Wohltätigkeitsarbeit.

Quelle: The Telegraph / PA
Letzte Ehre
Es gab im Vereinigten Königreich damals wohl doch einige Unwissende oder Ignoranten, die entsprechende Erzählungen und Gerüchte für Äußerungen missgünstiger Neider hielten. 5.000 Fans erwiesen ihm jedenfalls Anfang November 2011 tränenreich die letzte und zweifelhafte Ehre im Queen’s Hotel zu Leeds, auf dessen Dach Savile zu Ehren der Union Jack auf Halbmast wehte und wo sein prachtvoller Sarg aufgebahrt war zwischen seiner letzten, halb gerauchten Zigarre und Bergen von weißen Yorkshire-Rosen.

Quelle: The Guardian – Christopher Furlong/Getty Images
So ereignete sich Bizarres: Tausende von Kondolierenden, die Absicht der Stadtverwaltungen von Leeds und Scarborough, Jimmy-Savile-Statuen zu errichten – auch einige Krankenhäuser hegten diesen Plan –, die von tosendem Applaus begleiteten Trauerzüge durch die beiden Städte, die Totenmesse am zweiten von drei Gedenktagen in der römisch-katholischen Kathedrale St. Anne's in Leeds mit 300 geladenen Gästen, 400 öffentlichen Plätzen und unbegrenztem Raum im Freien – Mitglieder der Royal Marines hatten Saviles Sarg in die Kirche getragen. Und natürlich die Beileidbekundung von Prinz Charles und seiner Frau Camilla. Eine Sprecherin des Clarence House erklärte: „Der Prinz von Wales und die Herzogin von Cornwall haben mit großer Trauer vom Tod von Jimmy Savile erfahren und sind in Gedanken bei seiner Familie.“
„Ich wusste nicht, was geschehen war“, sagte später ein Opfer Saviles. „Ich habe nicht verstanden, was passiert war. Ich wusste, dass es sich falsch anfühlte, und ich fühlte mich schmutzig, und ich wollte mich reinigen und ich wollte mich waschen, wieder und wieder. Ich verstand nicht. Ich konnte mir nicht einmal erklären, was passiert war.“
Jimmy Savile wurde, seinem letzten Wunsch gemäß, in einem 45-Grad-Winkel „mit Blick auf das Meer“ in Scarborough, Yorkshire, beigesetzt.
Sein Sarg war goldfarben.
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