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Kinder sind kein Eigentum

Kinder sind kein Eigentum

Die Schule und die Tatsache, dass Kinder sie in Deutschland besuchen müssen, darf hinterfragt werden, denn auch die kleinen Bürger gehören nicht dem Staat.

Kinder müssen zur Schule. Dieser Satz gilt als unantastbar. Die Schule als obligatorisch für Kinder zu erklären, ist die tiefste und gründlichste gesellschaftliche Impfung, die mir bisher begegnet ist. Sie sitzt so tief, dass kaum noch jemand merkt, wie seltsam sie ist. Fast jede Kindergeschichte und jedes Gespräch zwischen Erwachsenen und Kindern führt irgendwann an denselben Punkt:

„Naa, wie alt bist du denn?“

Egal, was das Kind antwortet, die Reaktion steht fest:

„Oh, dann kommst du ja bald in die Schule!“

Oder:

„Oh, dann bist du ja schon in der Schule!“

Es nervt mich unendlich.

Als gäbe es über ein Kind nichts Interessanteres zu erfahren. Als wäre Schule ein Naturereignis. Als beginne mit dem Schulbesuch das eigentliche Leben.

Kaum jemand fragt, ob das Kind gern lernt. Was es gerade beschäftigt. Was es wissen will. Kaum jemand ist wirklich daran interessiert, eine Beziehung zum „Kind“ aufzubauen. Die Institution ist wichtiger als der Mensch, der sie besuchen soll.

Dabei geht es in Deutschland nicht nur um Bildung. Kinder müssen zu festen Zeiten in einem anerkannten Schulgebäude erscheinen. Dort bestimmen andere über ihren Tagesablauf, den Lernstoff und die Bewertung ihrer Leistung.

Schulgebäudeanwesenheitspflicht ist dafür das ehrliche Wort.

Wer einen anderen Bildungsweg wählt, muss mit Behörden, Bußgeldern und dem Jugendamt rechnen. Die Familie soll triftig beweisen, dass ihr Kind bei ihr gut aufgehoben ist. Der Staat muss seinen Eingriff hingegen kaum erklären.

Ich halte das für anmaßend.

Bildung ist ein Recht des Kindes. Daraus folgt kein Recht des Staates, über dessen Lebenszeit zu verfügen. Ich bezweifle, dass er überhaupt festlegen darf, wann ein Kind was können muss. Warum sollen Behörden entscheiden, welches Wissen für jeden Menschen im selben Alter richtig ist?

Vor einer konkreten Gefährdung muss ein Kind geschützt werden. Freies Lernen ist aber aus meiner Sicht keine Gefährdung.

Schule übt Gehorsam ein

In der Schule lernen Kinder früh, sich fremden Abläufen zu unterwerfen. Die Klingel bestimmt ihren Tag und konditioniert gleichzeitig die junge Seele. Der Stundenplan bestimmt das Thema. Die Lehrkraft entscheidet, wann gesprochen werden darf und wer. Noten erklären dem Kind, was seine Arbeit wert ist.

Autoritäten anzuerkennen wird zur Gewohnheit, sich ihr anzubiedern häufig zum Überlebensprogramm.

Ein Kind kann sich stundenlang in ein eigenes Thema vertiefen. Verweigert es, eine Aufgabe auszuführen, deren Sinn es nicht erkennt, gilt es schnell als unmotiviert oder schwierig. Das System prüft dann das Kind, pathologisiert und medikamentiert es immer häufiger. Sich selbst prüft es selten.

Der freie Wille wird dabei nicht auf einmal gebrochen. Er wird langsam abtrainiert. Das Kind gewöhnt sich daran, dass sein Interesse weniger zählt als die Vorgabe eines Erwachsenen.

Später heißt das Disziplin.

Mein Körper hat Schule nicht vergessen

Meine Entscheidung, meine Kinder nicht in eine Regelschule abzugeben, beruht auch auf meiner eigenen Geschichte. Ich trage ein Schultrauma in mir. Ich kenne die Angst vor Noten und dem Sitzenbleiben. Ich weiß, wie es ist, die eigenen Eltern aus Angst vor Ärger anzulügen. Ich kenne das Gefühl, unter fremden Erwartungen zu zerbrechen und von Erwachsenen nicht gesehen zu werden. Diese Erfahrung taucht in keiner Schulstatistik auf. Mein Körper hat sie trotzdem gespeichert.

Auch die Arbeit von Gerald Hüther prägt meine Haltung. Lernen braucht Beziehung und Begeisterung. Man kann ein Kind auf einen Stuhl setzen und zum Ausfüllen eines Arbeitsblattes zwingen. Interesse lässt sich nicht anordnen.

Ein funktionierendes Kind ist noch lange kein Kind, das sich gut entwickelt.

Arno Stern habe ich zu seinen Lebzeiten in seinem Pariser Atelier besucht. In seinem Malort wurden die Bilder der Kinder nicht benotet, verbessert oder gedeutet. Die Erwachsenen schufen den Raum und hielten sich mit ihren Urteilen zurück. Eltern durften gar die Erzeugnisse ihrer Kinder gar nicht erst einsehen.

Diese Begegnung hat mir gezeigt, wie Entwicklung aussehen kann, wenn Erwachsene dem Kind vertrauen. Genau dieses Vertrauen fehlt mir in der Schule.

Wer experimentiert hier?

Wer seine Kinder dem Schulzwang nicht unterwirft, wird vorgeworfen, mit seinen Kindern zu experimentieren.

Das Schulsystem sortiert Kinder nach Geburtsjahr in Klassen. Alle bekommen denselben Stoff im selben Tempo. Danach werden sie verglichen und auf weitere Bildungswege verteilt.

Warum gilt ausgerechnet das als normal?

PISA 2025 brachte Deutschland erneut die niedrigsten bisher gemessenen Ergebnisse in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Die Anwesenheit aller Kinder führt offenbar nicht automatisch zu guter Bildung.

Trotzdem tritt der Staat auf, als besitze er das einzig verantwortbare Modell.

Vielleicht sollte ein System mit solchen Ergebnissen weniger selbstsicher sein.

Ich will meine Töchter nicht ausliefern

Ich weiß meine Töchter in der Schule weder körperlich noch intellektuell sicher. Keine Schule kann garantieren, dass ein Kind nicht gemobbt oder gedemütigt wird. Viele Lehrkräfte leisten gute Arbeit. Das ändert nichts daran, dass Eltern ihre Kinder einem System übergeben müssen, das sich bei Problemen oft zuerst selbst schützt.

Intellektuelle Sicherheit bedeutet für mich, widersprechen zu dürfen. Ein Kind muss sagen können, dass es etwas anders sieht. Seine Fragen dürfen nicht als Störung gelten. Eine Lehrkraft hat nicht automatisch recht, weil sie vorne steht. Eine Lehrkraft sollte ohnehin leidenschaftlich unterrichten und nicht einfach ihre Zeit absitzen.

Ich möchte außerdem nicht, dass meine Töchter unserer Familie kulturell fremd werden.Sie sollen anderen Lebensweisen begegnen. Dafür müssen sie ihre Wurzeln nicht verlieren. Unsere Werte und unsere Art des Zusammenlebens dürfen nicht zu einem Restprogramm nach Schulschluss werden.

Kinder verbringen einen großen Teil ihrer wachen Zeit in Institutionen. Diese vermitteln ihnen immer eine Vorstellung davon, was normal ist und wer bestimmen darf. Natürlich prägt das ein Kind.

Der Staat spricht gern von Erziehungspartnerschaft. Eine Seite dieser angeblichen Partnerschaft verfügt allerdings über Gerichte und Polizei. Das ist keine Partnerschaft. Das ist ein Machtverhältnis.

Anwesenheit ist keine Bildung

Ich kenne Erwachsene und Jugendliche, die keine klassische Schulbahn durchlaufen haben. Sie stehen im Leben und übernehmen Verantwortung. Ihre Existenz widerlegt die Behauptung, nur Schule könne Menschen bilden.

Das beweist nicht, dass freies Lernen immer gelingt.

Aber die Schule beweist auch nicht, dass Schule gelingt. Ich bin tatsächlich der Meinung, dass sie diesen Beweis im großen Bild schuldig bleibt. Ja, Schule sozialisiert. Aber wie und wohin? Aus meiner Sicht in ein von Autoritäten reguliertes Top-Down-Miteinander.

Das lehne ich für mich ab und auch für meine Kinder.

Plötzlich sollen es die Eltern richten

Bundesbildungs- und Familienministerin Karin Prien verlangt mehr Verantwortung von den Eltern. Sie sollen vorlesen, spielen und ihre Kinder stärker begleiten. Natürlich sollen sie das. Aber wann?

Beide Eltern sollen arbeiten. Viele Familien können sich etwas anderes gar nicht leisten. Der Ganztag soll Kinder länger in Institutionen halten. Abends sollen die Eltern dann auffangen, was tagsüber liegen geblieben ist.

Der Staat nimmt Familien gemeinsame Zeit und beklagt anschließend, dass Eltern zu wenig für ihre Kinder tun. Bin ich der einzige, der das zynisch findet?

Wenn Bildung nicht ohne Eltern funktioniert, brauchen Eltern Zeit und Entscheidungsfreiheit. Verantwortung ohne Freiheit aber, ist nichts anderes als Haftung.

Kinderrechte gelten auch gegen die Schule

Was geschieht, wenn ein Kind sagt: „Diese Schule macht mich krank. Ich will dort nicht mehr hin“!?

Sein Wille zählt plötzlich wenig. Für Benotung und Disziplinierung gilt es als alt genug. Über seinen Bildungsweg darf es kaum mitentscheiden.

Wir als Familie führen aber eine andere Beziehung mit unseren Kindern. Wir hören den Kindern zu, weil sie Menschen sind. Wir fordern sie und setzen Grenzen. Wir achten aber auf ihre Interessen und ihre Entwicklung.

Freies Lernen bedeutet nicht, Kinder allein zu lassen. Sie lernen durch Begegnungen, eigene Projekte und das wirkliche Leben. Es gibt weitaus mehr als nur die Wahl zwischen Schule oder Verwahrlosung.

Der Staat soll sich zurücknehmen

Ich möchte keine neue Behörde, die freies Lernen genehmigt und anschließend unsere Wohnzimmer kontrolliert. Ich will so wenig Staat wie möglich.

Eine Familie ist keine Außenstelle des Bildungsministeriums. Kinder sind keine PISA-Punkte und kein zukünftiges Personal für den Arbeitsmarkt.

Freiheit schließt das Recht ein, anders zu leben, als eine Behörde es vorsieht. Muss das Ergebnis am Ende staatlichen Erwartungen entsprechen, war es keine Freiheit.

Meine Kinder gehören weder mir noch dem Staat.

Ihr Leben gehört ihnen.

Der Staat sollte seine Finger von ihnen lassen und mir die Möglichkeit geben, die freiheitlichen Rechte meiner Kinder zu respektieren.


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