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Moderne Hexenjagd

Moderne Hexenjagd

Abweichende Meinungen stehen unter massivem Druck.

Ich möchte Ihnen gerne kurz aufzeigen, womit ein Bürger im Jahr 2018 rechnen muss, wenn er die offizielle Regierungslinie in Großbritannien infrage stellt. Lassen Sie mich mit folgender Attacke beginnen, die von Großbritanniens beliebtester Website, Guido Fawkes, die sich durch fanatische Regierungstreue auszeichnet, in enger Kooperation mit der Blair-Fraktion des Guardian gestartet wurde.

Trotz des Leitartikels vom Vortag wird in der heutigen Ausgabe eine lächerliche Story unter dem Titel „Zweifel an der offiziellen Salisbury-Version“ lanciert. Der Artikel vertritt einen ähnlichen Standpunkt wie Seumas Milnes (ehemaliger Guardian-Journalist, 2015 von Jeremy Corbyn zum Kommunikationschef der Labour Party ernannt, Anm. d. Übs.), der Parallelen zur Situation rund um die irakischen Massenvernichtungswaffen sieht, und stützt sich auf „Argumente“ aus den „sozialen Medien“, wonach das Nowitschok-Gift aus den Händen einer „nicht-staatlichen Gruppe, möglicherweise von Kriminellen“ stammen könnte. Es wird sogar auf den Blog des notorischen Verschwörungstheoretikers Craig Murray Bezug genommen, der die Behauptung aufstellt, „Israel besitze zweifellos dieselben technischen Kapazitäten zur Herstellung von Nowitschok wie jeder andere Staat“. Eine Quelle wie Murray heranzuziehen, ein Mann, der sich stationär in einer psychiatrischen Einrichtung behandeln ließ, hat in der Redaktion des Guardian für Fassungslosigkeit gesorgt.

Nun trifft es zwar zu, dass ich an einer schlimmen Depression litt und mich für etwa zehn Tage freiwillig im St. Thomas Hospital (keine psychiatrische Einrichtung) behandeln lassen habe, nachdem ich vom Auswärtigen Amt von meinem Posten als Botschafter gefeuert worden war. Damals hatte ich die rechtswidrige Überstellung von Terrorverdächtigen enthüllt und öffentlich, dass die Blair-Regierung auf nachrichtendienstliche Informationen zurückgriff, die durch die Anwendung von Folter gewonnen wurden. Ich habe nie versucht, dies geheim zu halten; ich habe vielmehr in meinem Buch Murder in Samarkand ausführlich darüber geschrieben. Ferner habe ich stets bekannt, mehrmals in meinem Leben ambulant wegen Depressionen behandelt worden zu sein. Und ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich bereits als Zwanzigjähriger erfahren habe, dass ich an einer bipolaren Störung leide.

Dass man jemanden im 21. Jahrhundert wegen einer psychischen Erkrankung stigmatisiert und alle Ansichten des Betroffenen als wertlos abtut, hatte ich nicht für möglich gehalten. Käme jemand innerhalb des erlaubten Meinungskorridors auf die Idee, mit dieser Form der Diffamierung zu arbeiten, würde der Guardian dies in Leitartikeln verteufeln. In Wahrheit erleben wir einen Rückfall in sowjetische Zeiten, als man für wahnsinnig erklärt wurde, sobald man von der Parteilinie abzuweichen wagte. Und natürlich treffen mich diese Angriffe - bin ich etwa eine Maschine?

Mich mit dem Begriff "Verschwörungstheoretiker" zu diskreditieren wird versucht, seitdem der damalige Außenminister Jack Straw vor dem Parlament behauptete, das Vereinigte Königreich habe weder Information verwendet, die auf Folterverhören beruhten, noch existiere ein Programm zur illegalen Überstellung von Terrorverdächtigen. Meine Vorwürfe sollten als reine Phantasie abgetan werden. Ich empfehle jedem, den dieses Thema interessiert, sich die Videos auf YouTube anzusehen, auf denen ich einem parlamentarischen Ausschuss die Beweise für meine Behauptungen vorlege. Dadurch wird zum einen der Hass erklärt, der mir heute vonseiten des britischen Staates und seiner Gefolgsleute entgegenschlägt, außerdem wird man auf diese Weise in die Lage versetzt, selbst entscheiden zu können, ob meine vermeintlich krankhaften Beiträge ignoriert werden sollten.

Seit diesen Ereignissen werde ich von staatlicher Seite und den privaten Medien als "Verschwörungstheoretiker" bezeichnet - obwohl heute Einigkeit darüber herrscht, dass die widerrechtliche Überstellung von Terrorverdächtigen stattgefunden hat, und im Grunde jeder weiß, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Ich erlebe zum Beispiel häufig, dass die Leute erstaunt darüber sind, dass ich nichts von der Theorie halte, dass die amerikanische Regierung etwas mit dem 11. September zu tun hat (abgesehen davon, dass sie die saudische Rolle herunterspielt) und dass ich es kategorisch ablehne, dass auf diesem Blog über dieses Thema diskutiert wird.

Ich kann mir aber in der Tat keine gewagtere Verschwörungstheorie vorstellen als die, wonach die russische Regierung Nowitschok-Vorräte angelegt, diese Aktivitäten vor der OPCW (Organisation für das Verbot chemischer Waffen, A. d. Ü..) geheim gehalten und außerdem heimlich Killeragenten trainiert haben soll, nur um die gesamte Operation durch den Mord an einem pensionierten Spion an die Wand zu fahren, den man vor Jahren freigelassen hat. Dennoch kommt niemand auf die Idee, Boris Johnson einen „Verschwörungstheoretiker“ zu nennen.

Die Angriffe gegen mich beschränken sich nicht allein auf die Medien. Ich erhalte eine Reihe sehr unangenehmer E-Mails, wie etwa diese:

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Es ist natürlich nicht neu, dass jede Kritik an Israel vom Vorwurf "Antisemitismus" vereinnahmt wird. Speziell Blair-Anhänger wenden dieses Prinzip an, wenn sie eine positive Haltung gegenüber Jeremy Corbyn diskreditieren wollen. Ich bin alles andere als ein Antisemit. Jüdische Menschen haben mit ihren Beiträgen zur Wissenschaft, zur Musik, zur Literatur oder zum Handel die Welt in außergewöhnlicher Weise bereichert. Das ändert allerdings nichts daran, dass sich Israel beim Thema Chemiewaffen wie ein Schurkenstaat verhält. Israel weigert sich, die Chemiewaffenkonvention zu ratifizieren, seine Chemiewaffenbestände zu vernichten und der OPCW beizutreten.

Vater und Tochter Skripal wurden augenscheinlich Opfer eines Anschlags. Nach der Feststellung, dass nicht allein Russland die Tat begangen haben könnte, habe ich nebst weiteren möglichen Schuldigen Israel erwähnt. Nachdem die russische Syrienpolitik in starkem Konflikt zu den israelischen Interessen in der Region steht, könnte Israel davon profitieren, dass Russland für die Attacke von Salisbury verantwortlich gemacht wird. Ich habe jedoch nie gesagt, dass dem höchstwahrscheinlich so ist. Ebenso könnte die CIA oder ein nicht-staatlicher Akteur verantwortlich sein (letzteres halte ich für das plausibelste Szenario - es könnte jemand sein, der von Skripal im Zuge von dessen Doppelagententätgkeit verraten wurde, wobei ich weiterhin der Meinung bin, dass die Verbindung zu Orbis (privates Sicherheitsunternehmen, A. d. Ü.) nicht ernst genug genommen wird).

Besonders ätzende Beleidigungen gegen mich kommen von Journalisten des Mainstreams und staatlichen Medien. Mich als gestörten Rassisten abzutun, erlaubt es ihnen, sich nicht mit Stimmen auseinandersetzen zu müssen, die die Regierungsversion des Giftgasanschlags in Frage stellen. Zudem schützen sie sich damit vor den Kritikern, die ihnen vorwerfen, die offizielle Darstellung nicht zu hinterfragen und damit ihre journalistische Pflicht zu verletzen.

Wie abweichende Meinungen diffamiert wird, lässt sich am Beispiel des Journalisten James Bloodworth aufzeigen, einem prominenten Blair-Anhänger, der sogar zu verhindern versucht, dass eine Privatperson die Regierungslinie anzweifelt. Er schikaniert und drängt einen privaten User dazu, die von ihm selbst (Bloodworth) verbreiteten Unwahrheiten über mich zu glauben, anstatt lediglich das zur Kenntnis zu nehmen, was ich tatsächlich gesagt habe. Als Mr. Law (der als Philosophiedozent vermutlich eine gewisse Sympathie für intellektuelle Redlichkeit empfindet) ihm widerspricht, zieht Bloodworth seine Teilnahme an einem von Mr. Law organisierten Literaturfestival zurück.

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Es ist schwer nachzuvollziehen, was heute in Großbritannien vor sich geht, aber wenn die BBC in ihrer Flaggschiff Nachrichtensendung eine Debatte über die Vorkommnisse von Salisbury abhält, während ein großes Bild des britischen Oppositionsführers eingeblendet wird, der via Photoshop mit einer Uschanka (russische Kopfbedeckung, A. d. Ü.) neben dem Kreml platziert ist, hat in unserer Gesellschaft eine radikale Veränderung stattgefunden. Die Giftgasattacke von Salisbury lehrt uns womöglich weniger über den Einsatz von Chemiewaffen als darüber, dass Großbritannien sich weitaus schneller in Richtung eines autoritären Staates bewegt als wir es für möglich gehalten haben.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „On Being a Dissident Voice in 2018". Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.


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