Zum Inhalt:
Unterstützen Sie Manova mit einer Spende
Unterstützen Sie Manova
Sinnloser Zwist

Sinnloser Zwist

Friedens- und Ökologiebewegungen atmen die gleiche Luft — und sollten sich endlich für eine gemeinsame Strategie zusammenraufen.

Spaltungsversuche gegen die Menschenrechts- und Umweltbewegung erweisen sich als eine Entwicklung, die den Herrschenden Erfolge bei der Durchsetzung ihrer Interessen in die Hände spielt. Aktuell kursiert ein Aufruf alternativer Kräfte, sich nicht am Klimastreiktag zu beteiligen. Zu solcherart Spaltungsversuchen schrieb Bert Brecht, vertont von Hanns Eisler, schon Anfang der 1930er Jahre das Solidaritätslied.

Im Angesicht der Spaltung der Arbeiterbewegung, die die Kraft hätte sein können und müssen, den aufkommenden Faschismus und damit den Krieg zu verhindern, heißt es darin:

„Wer im Stich läßt seinesgleichen, läßt ja nur sich selbst im Stich. (...) Unsre Herrn, wer sie auch seien, sehen unsre Zwietracht gern, denn solang sie uns entzweien, bleiben sie doch unsre Herrn.“

Spaltungsversuche in der Internationalen Solidaritätsbewegung, in der Friedens- und der Ökologiebewegung (...) spielen den Herrschenden in die Hände. Es erleichtert ihnen, ihre Strategie umzusetzen, den Einfluss von Opponenten zu schwächen (1). Aktuell zeigt sich dies sogar bei den Vorbereitungen zum Klimastreiktag am 20. September 2019.

Die teilweisen Erfolge meinungsmachender Medien und Kräfte — wie Henryk M. Broder, der sich heute im Umfeld der AfD bewegt — beim Versuch, die Friedensbewegung zu schwächen, wenden die Herrschenden vielfach in weiteren Bereichen an, um eine Opposition, wie einst die 68er-Bewegung, im Keim zu verhindern.

Aktuell finden neue Spaltungsversuche im Zusammenhang mit der Ökologiebewegung statt. Einzelne Kräfte, wie Greta Thunberg und die Fridays For Future-Bewegung, werden als Marionetten von Superreichen wie George Soros und Bill Gates dargestellt.

Das geschieht allerdings nicht nur in Spektren, die sich links präsentieren, sondern auch zum Beispiel im Magazin Compact (2).

Ins gleiche Horn bläst die Website journalistenwatch.de — dort ist die Rede von Klimalügnern und der „Heiligen“ Greta, was einen unverhohlen abfälligen Unterton transportiert. Zitat:

„Das Geschäftsmodell Klimawandel beschränkt sich längst nicht mehr auf das An-Land-Ziehen von Forschungsmilliarden. Jetzt mischen Millionäre, Blaublütige und Immobilienhaie mit“ (3).

Angela Merkel ging noch einen Schritt weiter in eine ganz andere Richtung:

„Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel skeptisch über die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg und das Engagement bei den jungen Menschen, das diese auslöst, geäußert. Merkel mutmaßte, dass es ‚äußere Einflüsse‘ für so eine Bewegung geben müsse. Damit spielte sie auf die hybride Kriegsführung Russlands an, die gezielt auf Propaganda und Desinformation setze. ‚Aber dass plötzlich alle deutschen Kinder — nach Jahren ohne jeden äußeren Einfluss — auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann man sich auch nicht vorstellen', mutmaßte Merkel.“ (4).

Nun gibt es auch vonseiten alternativer Medien Gegenwind für die Ökologiebewegung junger Menschen, wie etwa bei den Regenbogenkriegern, die sich auch gegen die NATO engagieren (5). Der Name „Regenbogenkrieger“ erinnert an das Greenpeace-Schiff, mit dem Umweltaktivisten der ersten Stunde in die Regionen der atmosphärischen Nuklearexplosionen fuhren, um gegen die Zerstörung der Natur durch das Militär zu protestieren.

Die heutigen Regenbogenkrieger rufen dazu auf, sich nicht am Internationalen Klimastreik am 20. September dieses Jahres zu beteiligen. Sie sind auch mit kritischen Forderungen unterwegs wie: „Hände weg von Venezuela!“, „Aufstehen gegen die Kriegstreiber“, „Imperialisten raus aus Mali!“, „Klassenkampf statt 3. Weltkrieg“, „Für eine Internationale NATO-Austritts-Front“ (6).

Ihre kritische Haltung und die Kritik an Fridays for Future verdeutlichen die Regenbogenkrieger unter anderem mit einer Karikatur, die Ökologiedemonstranten als „Umwelthelden“ zeigt, die auf einem Hai mit der Aufschrift „Banker“ inmitten eines Meeres von Geldscheinen stehen, Al Gore vor Klimafolgen warnt, die denen des Zweiten Weltkrieges entsprechen, und der „Finanz“-Hai denkt in einer Sprechblase an einen Trillionen-Umsatz.

Die dem zugrundeliegende Position der Regenbogenkrieger versteht sich als eine Kritik am Club of Rome, dem sie den Vorwurf machen, er sei von den Rothschilds finanziert. Zitat:

„Wir haben gesehen, daß seit 50 Jahren die Vorhersage einer durch CO2 bedingten Apokalypse, der Auslöschung des Lebens für die nächsten 10 Jahre, die andere jagt. Durch die Vereinbarungen der zahlreichen UN-Summits haben sich die Regierungen verpflichtet, diese vielfach wissenschaftlich widerlegten Vorhersagen als ‚Wahrheit' anzuerkennen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Da diese durch die reale Entwicklung periodisch widerlegt werden, wird seit 50 Jahren ein wissenschaftlicher Konsens beschworen und Kritiker als Climate Change Deniers dämonisiert.“

In der Tat ist der Bericht des „Club of Rome“ aus dem Jahr 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ der erste Text, der die Weltöffentlichkeit vor dem ökologischen Kollaps der Zivilisation mit statistischen Daten aus der Wissenschaft gewarnt hat.

Ein Zitat des damaligen UN-Generalsekretärs Sithu U Thant von 1969 beinhaltet eine Warnung, die auf eine Perspektive von zehn Jahren orientiert:

„ (...) nach den Informationen, die mir als Generalsekretär der Vereinten Nationen zugehen, haben die Mitglieder dieses Gremiums noch etwa ein Jahrzehnt zu Verfügung, (...) eine weltweite Zusammenarbeit zu beginnen, um das Wettrüsten zu stoppen, den menschlichen Lebensraum zu verbessern, die Bevölkerungsexplosion niedrig zu halten und den notwendigen Impuls zur Entwicklung zu geben. Wenn eine solch weltweite Partnerschaft (...) nicht zustande kommt, so werden, fürchte ich, die erwähnten Probleme derartige Ausmaße erreicht haben, daß ihre Bewältigung menschliche Fähigkeiten übersteigt“ (7).

U Thant prognostizierte hier keine Apokalypse innerhalb von zehn Jahren. Er forderte lediglich Kooperation. Dazu ist allerdings das System der Konkurrenz der Einzelkapitale um Maximalprofite mit dem Wettbewerb der Staaten um sogenannte Standortvorteile auf Kosten anderer unfähig.

Der Bericht des Club of Rome beinhaltet hinsichtlich der Systemfrage die Schlussfolgerung:

„Wir sind schließlich überzeugt, daß jeder vernünftige Versuch, einen dauerhaften Gleichgewichtszustand durch geplante Maßnahmen herbeizuführen, letztlich nur bei grundsätzlicher Änderung der Wert- und Zielvorstellungen des einzelnen, der Völker und auf Weltebene von Erfolg gekrönt sein wird“ (8).

Somit hat dieser Bericht von 1972 die Abrüstung und eine Überwindung kapitalistischer Strukturen als Ausweg formuliert, ohne dies klar zu benennen. Er beinhaltet keinerlei Diagnose der Weltlage im Zusammenhang mit CO2, wohl aber sah er eine Lösung einerseits in Energien, die weniger Schadstoffe freisetzen und andereseits auch in der Nutzung der Atomkraft. Zugleich wies der Text auf die problematischen Seiten der Atomkraft hin:

„Einige Experten sind der Ansicht, große Energiemengen würden es ermöglichen, bisher nicht zugängliche Rohstoffe (...) nutzbar zu machen (...) Dieser Glaube ist zwar weit verbreitet, aber keineswegs allgemein anerkannt (...)“ (9).

Kohlendioxyd als Verbrennungsabgas, das als dreiatomiges Molekül im Verdacht steht, über seine Zunahme in der Atmosphäre die Erderwärmung anzuheizen, kam erst Jahre später im „Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen“ vom 22. Dezember 1989. Dem war eine zunehmend intensivere Diskussion über Treibhausgase vorangegangen, bei der der Fokus damals noch stärker auf Ozon und sauren Regen lag.

Die Regenbogenkrieger stellen die Diskussion durch falsche Zeitbezüge und durch eine einseitige Erwähnung von wissenschaftlichen Positionen nicht faktenhart dar. Umso wortradikaler fallen die Verurteilungen ihrer Gegner aus, die „vielfach Widerlegtes“ als „Wahrheit“ anerkennen, und die ihre Kritiker — also auch die Regenbogenkrieger — dämonisieren würden.

Die Schwäche auf wissenschaftlicher Ebene ersetzen die Regenbogenkrieger dann schon einmal durch pure Polemik:

„Die CO2 Apokalypse ist eine Lüge. Angst wird geschürt mit der Lüge, daß in 10 Jahren die Vernichtung der Menschheit auf dem Spiel stünde, wenn die CO2 Emissionen nicht drastisch reduziert würden. Die Menschen sollen in Panik versetzt werden, damit sie sich für Ziele einsetzen, die sie nicht kennen sollen, die das Gegenteil zum Resultat haben als die Sicherung ihrer Existenz. Alle Wetterextreme, die zum Beweis für die Gefahren der CO2 Emissionen und der globalen Erwärmung herangezogen werden, aktuell beispielsweise die weltweiten Waldbrände, sind in Wirklichkeit auf Wettermanipulation (Geoengineering) zurückzuführen. Es gibt tatsächlich eine menschengemachte Klimakatastrophe, aber nicht durch CO2 Emissionen“ (10).

Fangen wir bei der Gegenrede mit dem letzten der hier vorgetragenen Argumente an: Die Regenbogenkrieger meinen zu wissen, dass die Klimakatastrophe, die sie nicht in Abrede stellen, nicht durch CO2-Emissionen angefeuert wird. In diesem Zusammenhang ist dazu sagen: Es gibt in der Wissenschaft zu dieser Frage divergierende Positionen. Sich dabei auf eine Seite zu schlagen, das hat etwas von Selbstüberschätzung an sich, denn die Frage ist noch nicht eineindeutig geklärt. Deshalb gilt erst einmal eine rein logische Überlegung: Auch wenn eine allerletzte Gewissheit noch aussteht, macht es Sinn, das Leben zu schützen. Ich habe dazu im Rubikon-Text „Im Zweifel für das Klima“ argumentiert.

Marc-Uwe Kling brachte das in seinen Känguru-Apokryphen so auf den Punkt:

„Ja, wir könnten jetzt was gegen den Klimawandel tun, aber wenn wir dann in 50 Jahren feststellen würden, dass sich alle Wissenschaftler doch vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern“ (11).

Das besonders Schlimme an Versuchen, selbst durch alternative Spektren, junge Menschen von einem kritischen Engagement abzuhalten, das sie zeitlebens zu wacheren Bürgern machen kann, als wenn sie durch das normale Alltagsleben in diese Gesellschaft hineinwachsen, bringt der Appell der Regenbogenkrieger zum Ausdruck, sich am Klimastreik nicht zu beteiligen:

„Keine Teilnahme an dem großen Klimastreik! Die Gewerkschaften wurden aufgefordert, sich dem globalen Klimastreik am 20. September anzuschließen. Hier die Gründe, warum sie das nicht tun sollten: Die Umwelt- und Klimaschutzinteressen der Arbeiterklasse sind grundlegend andere als die Klimaschutzforderungen der UN-Klimagipfel. Die Forderungen der neuen globalen Klimabewegungen Fridays for Future und Extinction Rebellion sind jedoch identisch mit den Klimaschutzzielen der UN und wollen diesen lediglich zur Durchsetzung verhelfen“ (12).

Wer die Gefahren aufgrund der drohenden Klimakatastrophe in Abrede stellt, der kann behaupten, dass die Arbeiterklasse andere Interessen hat als die Fridays for Future-Bewegung. Wer diese Gefahr allerdings für nicht auszuschließen hält, der weiß: Wenn es zum Kollaps kommt, der sich am Horizont abzeichnet, dann gibt es keine Arbeiterklasse mehr.

Insofern haben alle Bewegungen erst einmal das existenzielle Interesse, die drohenden Zukunftsgefährdungen abzuwenden.

Dies zu schreiben, bedeutet keine unumwundene Unterstützung aller Forderungen, wie der nach der Bepreisung von CO2 und der CO2-Steuer. Die Versuche, auch aus dem Spektrum der Grünen, die alternativen Bewegungen mit dem Kapitalismus zu versöhnen, sind für das Ziel der Abwendung von Zukunftsgefährdungen kontraproduktiv.

Es wird nicht genügen, hie und da eine Stellschraube im Rahmen des sogenannten Marktes, der ein Kampfbegriff des Kapitalismus ist, neu zu justieren. Diese Justierung eines Systems, dessen Grundparadigmen die Konkurrenz statt der Kooperation und das Wachstumsdogma sind, wird die Gefahr nicht abwenden. Fridays for Future-DemonstrantInnen fordern „System-Change, not Climate-Change“ (13).


Bild


Quellen und Anmerkungen:

(1) NATO Strategic Communications Centre of Excellence, In search of an analytical framework, Riga, Lettland — Zitat: „(...) diminish opponent’s capacities and to emphasise one’s own strengths (...)“.
(2) Greta in Berlin — Paul Klemm, Soros, Antifa, Pressegeier, in: Compact, 19. Juli 2019.
(3) https://www.journalistenwatch.com/2019/08/19/wenn-klimaluegner-segel/
(4) https://www.merkur.de/politik/muenchen-merkel-mit-merkwuerdiger-anspielung-zu-greta-16-klimaaktivistin-kontert-zr-11761399.html
(5) https://regenbogen-krieger.net/2019/08/16/keine-teilnahme-an-dem-grosen-klimastreik/
(6) https://regenbogen-krieger.net/category/aufruf/
(7) Meadows, Die Grenzen des Wachstums, Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972, Seite 153.
(8) ebenda, Seite 174.
(9) ebenda, Seite 118.
(10) https://regenbogen-krieger.net/2019/03/13/die-ursachen-der-klimakatastrophe/
(11) https://www.blogrebellen.de/2017/06/04/klimaerwaermung-marc-uwe-kling-hat-die-antwort/
(12) https://regenbogen-krieger.net/2019/08/16/keine-teilnahme-an-dem-grosen-klimastreik/
(13) https://fridaysforfuture.de/


Wenn Sie für unabhängige Artikel wie diesen etwas übrig haben, können Sie uns zum Beispiel mit einem Dauerauftrag von 2 Euro oder einer Einzelspende unterstützen.

Oder senden Sie einfach eine SMS mit dem Stichwort Manova5 oder Manova10 an die 81190 und mit Ihrer nächsten Handyrechnung werden Ihnen 5, beziehungsweise 10 Euro in Rechnung gestellt, die abzüglich einer Gebühr von 17 Cent unmittelbar unserer Arbeit zugutekommen.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.