Zum Inhalt:
Übermut tut selten gut

Übermut tut selten gut

Zum Glück ist aus uns allen doch noch etwas geworden, denn die Schleifmaschine tut ihr Werk.

Übermut tut aber gut, sage ich, aber meine Tante Julie warnt mich. Übermut ist gefährlich. Sich zuviel freuen lenkt vom Glauben ab, von der Arbeit und vom Herrgott. Ich will das Beste für mich, Tante Julie. Versündige dich nicht. Gib dich mit dem zufrieden, was dir beschieden ist. Das Beste für dich ist der Himmel und dahin kommst du nur, wenn du demütig und dankbar bleibst. Dankbarkeit ist das Mittel gegen Versuchung. Versucht wird der, der dem Teufel Zutritt gewährt.

Der Teufel ist jener, der mir einflüstert, dass das Beste für mich gerade noch gut genug ist. Und das Beste ist der Zutritt zu einer Welt, die einen leben lässt, wo man auch sündigen darf. Also dort, wo es sich atmen lässt. Habe ich mich gewundert, dass die Welt ist, wie sie ist? Für ein Jammertal fand ich sie jedenfalls nicht übel. Freu dich, du Himmelskönigin, Halleluja, denn der Herr ist wahrhaft auferstanden, Halleluja. Schwester Berta freu dich doch, glaub an das, was du betest, und mach nicht so ein gequältes Gesicht.

Sich ruhig zu verhalten, ist das Beste in diesen Zeiten. Keinen festen Standpunkt haben. Sei getrost, du bist in guten Händen. Lass dich regieren, lass dich schmieren, duck dich zur rechten Zeit, und du wirst sehen, was übrig bleibt. Erbarmen mit denen, die es gut mit dir meinen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Wenn alle das Gleiche glauben, hoffen und lieben würden, fänden wir uns im Paradies wieder. Träfen auf Adam und Eva und würden uns hüten vor der Schlange. Einheit macht stark. Uneinigkeit stört, und genau da fängt das Böse an, und darum müssen Gesetze gegen das Böse beschlossen werden. Das offensichtlich Böse wird bestraft, das heimliche Böse wuchert umso heftiger, ja es verkleidet sich mitunter in der Gestalt des Guten, und ist nicht fassbar, nicht einmal erkennbar.

Ich suche immer ein Haar in der Suppe. Ist keines zu finden, ist mir die Suppe verdächtig. Vielleicht aus Gift zusammengebraut. Mir vergeht der Appetit. Du wirst noch mager und trübselig werden, und schließlich sterben müssen, wie der Suppenkaspar. Aber ich esse doch die Suppe, zumindest jene, in der ein Haar zu finden ist.

Korrekt und edelmütig sei der Mensch, hilfreich und gut. Gesetze beachtend, seine Pflichten erfüllend. Mir sind Pflichten ein Gräuel, aber ich erledige sie. Dafür, dass ich sie gräulich finde, erledige ich sie gewissenhaft, und danke dem Herrgott, wenn ich sie erfüllt habe.

Übermut tut selten gut. Das Beste für unsere Kinder ist die Förderung ihrer Stärken, und Abtötung ihrer Schwächen. Wir wissen, was wir für unsere Kinder wollen, wir wissen, was ihnen später nützt, also ist es wichtig, dass sie wissen, was nützlich ist.

Hast du VERSTANDen? Ja, ich verstehe, ich bin nur schwerhörig, ich weiß deine Miene zu deuten, lese von deinen Lippen, und mein scharfer Verstand stellt die Zusammenhänge her. Schweigen und Gemurmel, alles füge ich zu einem Bild. Es ist nicht notwendig, ja es verwirrt mich, wenn du mir zweimal sagst, was du von mir willst. Denn beim zweiten Mal, bin ich nicht mehr sicher, ob DU dich beim ersten Mal geirrt hast, und jetzt muss ich erst recht nachfragen, und dir wird klar, dass ich schwer von Begriff bin, Jetzt habe ich den Stempel drauf.

Aus dir ist ja Gottseidank, doch noch etwas geworden. Bin stolz auf meine Schülerin. Obwohl, erklären kann ich mir das nicht, denn eigentlich haben wir dich einfach mitgeschliffen. Ein aufmerksames Kind lernt aber auch beim und vom Mitschleifen.
Zeit zum Erinnern bleibt keine. Aber das macht nichts. Im Fotoalbum meiner Mutter glänze ich durch die Klarsichtfolie. Am ersten Schultag, vor dem Kindergarten, bei der Erstkommunion und bei der Firmung.

Immer froh und heiter, bitte mach so weiter. Bleib bescheiden, dann bleibst du heil. Die Schleifmaschine tut ihr Werk, schleift mich rund, wo's Runde gefragt ist, schleift mich spitz, wo Spitze erwartet wird. Ich, das Werk bin recht gelungen, hab mich so aber nicht immer sympathisch gefunden.

Geh den Weg, den wir für dich freigeschaufelt haben. Weich nicht ab davon, denn sonst wird's gefährlich. Geh gerade, nicht zu langsam, und bück dich nur, wenn dein Schuhband lose ist. Schau nach oben, von oben kommt das Gute, links und rechts ist meist bedenklich.

Der Weg ist mir vertraut. Nicht für mich wurde er geschaufelt. Unübersehbar sind die Fußspuren meiner Ahnen. Die Lust vergeht mir, ich spür die Last der Alten.

Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Wohin soll ich mich wenden? Unterm Hochspannungsmast lauert ein Fremder. Fürchte dich nicht, folge mir! Unter Strom stehen wir beide. Anziehungskraft ringt die Vernunft nieder, die sich geschlagen gibt. Das Jauchzen in Hirn, Herz und Bauch duldet keinen Einwand. Seine Hand in meiner und die Zeit hält sich nicht mehr an die Regeln. Und die Leute schütteln den Kopf und heben den Zeigefinger.

Beim letzten Mal geschah es zum letzten Mal. Immer gibt es ein erstes und letztes Mal. Dazwischen liegt die Glückseligkeit. Begrenzungen dulden wir im siebten Himmel nicht, die behalten wir uns für den Alltag und die Pflichterfüllung vor.

Es wird schon vorbeigehen.

Aber der Kelch des Lebens geht nicht vorbei, sondern uns entgegen. Es ist besser, ihn mit Anstand zu leeren, der Inhalt ist in der Regel genießbar, auch wenn er oft grauslich schmeckt…


Finden Sie Artikel wie diesen wichtig?
Dann unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende.

Wenn Sie für unabhängige Artikel wie diesen etwas übrig haben, können Sie uns zum Beispiel mit einem kleinen Dauerauftrag oder einer Einzelspende unterstützen.

Oder unterstützen Sie uns durch den Kauf eines Artikels aus unserer Manova-Kollektion .

Weiterlesen

Das Schweigen der Familien
Thematisch verwandter Artikel

Das Schweigen der Familien

Das Gespräch von Ben mit Björn Höcke beweist nicht die Harmlosigkeit des Befragten — es enthüllt die Tiefenschichten deutscher Befindlichkeit und kollektiver Traumatisierung.

Der KI-Gott
Aktueller Artikel

Der KI-Gott

Der US-Investor Peter Thiel warnt vor dem Antichristen — seine transhumanistischen Visionen sind aber selbst der Stoff, aus dem Horrorfilme gemacht sind.