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Ungelöste Widersprüche

Ungelöste Widersprüche

Der Russlandversteher Fritz Pleitgen und der Putinkritiker Michail Schischkin reden im gemeinsamen Buch aneinander vorbei.

„Wie zwei Tunnelbauer gingen wir daran, den massiven, granitharten Berg ‚Russland‘ den jeweiligen Positionen entsprechend von entgegengesetzten Seiten zu durchbohren, selbst auf die Gefahr hin, uns nicht in der Mitte zu treffen.“

Dieses sprachliche Bild, das Pleitgen und Schischkin in der Einleitung ihres Buchs entwickeln, beschreibt die Struktur und Grundstimmung ihres Buches ziemlich treffend. Der russische Schriftsteller, der seit 1995 in der Schweiz lebt, positioniert sich als harter Putinkritiker. Der deutsche Journalist, der von 1970 bis 1977 Korrespondent in Moskau war, argumentiert als „Russlandversteher“.

Abwechselnd schreiben sie über Erlebnisse und Zustände in Russland von den 1960er Jahren bis zur Gegenwart. Ein durchaus interessantes Buchkonzept. Schischkins Kapitel tragen autobiografische Züge, Pleitgen konzentriert sich auf seine Tätigkeit als Berichterstatter, auch seine Stationen vor und nach Moskau fließen mit ein. Beide Autoren entwickeln ihre Positionen im Verlaufe des Buchs und finden — mit Ausnahme einzelner Aspekte — doch nicht zueinander. Getroffen haben sich die beiden Tunnelbohrer also nicht. Eigentlich handelt es sich um zwei Bücher.

Abfärbende Weltsichten und ätzende Arbeitsverhältnisse

Zuerst der Blick auf Fritz Pleitgens Texte: Der heute 81-Jährige berichtet von seinen ersten Jahren als Korrespondent in Brüssel und Paris. Darunter findet sich auch die erfreulich offene Bemerkung, die Weltsicht von NATO und EWG habe in diesen westlichen Machtzentren auf ihn und seine Journalistenkollegen „abgefärbt“. Die Sowjetunion galt in solchen Kreisen als stets bedrohlich und feindselig. Leider spricht viel dafür, dass die meisten Korrespondenten bis heute genauso denken. „Russland war für uns der Inbegriff der Unfreiheit und Zwangsherrschaft, eine Gefahr für unsere Zivilisation“, schreibt Pleitgen. Und genau dorthin wurde er kurz danach von der ARD geschickt.

Pleitgen schreibt über die Beileidsbekundungen aus seinem privaten Umfeld. Über seine Anstrengungen, innerhalb eines Jahres Russisch zu lernen. Über seine sehr lehrreiche Autofahrt im November 1970 von Köln nach Moskau — an der sowjetischen Grenze verstand man Pleitgens Russisch übrigens nicht. Und er schreibt über die extremen organisatorischen und technischen Schwierigkeiten, als westlicher Journalist im Moskau der 1970er Jahre zu arbeiten. Pleitgen war anfangs allein, hatte also kein ARD-Kamerateam an der Seite. Solche Teams stellte ihm die staatliche Presseagentur Nowosti, nachdem das sowjetische Außenministerium Pleitgens angemeldete Berichte genehmigt hatte.

Die Arbeitsverhältnisse seien „ätzend“ gewesen, schreibt der Journalist. Später konnte er die Kamerateams gegen Westgeld und ohne Genehmigung beauftragen. Das Filmmaterial schmuggelte er selbst oder mithilfe von Diplomaten nach Deutschland. Mit der fortschreitenden Entspannung der Breschnew-Zeit war auch dies bald nicht mehr nötig.

Der Erste bei Breschnew, der Letzte bei Gorbatschow

Trotzdem seien Pleitgen die Sphären der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und des Militärs in der hermetisch abgeriegelten Sowjetunion verschlossen geblieben. So sei ihm nur das Feld der Kultur für die Berichterstattung geblieben, erläutert der Journalist. Hier traf er auf viele Regimekritiker, zu denen Pleitgen und seine Ehefrau auch privat Freundschaften entwickelten.

Dabei kommen auch zwei verschiedene Typen des Dissidenten zum Vorschein. Der Schriftsteller Lew Kopelew etwa setzte sich für Menschenrechte in der UdSSR ein, war jedoch gegen „Strafaktionen des Westens“ und gegen die westliche Instrumentalisierung sowjetischer Kritiker. Der Atomphysiker und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow hingegen forderte zur Durchsetzung der Menschenrechte in der UdSSR alle Härte des Westens. Sacharow lobte kalte Krieger der USA und hielt Henry Kissinger für „schwach“. Lew Kopelew war für Entspannung, Andrei Sacharow hatte dafür nichts übrig.

Stichwort Entspannung: Der rote Faden der Pleitgen-Kapitel ist die voranschreitende Entspannungspolitik Willy Brandts und wie Pleitgen diese — übrigens als persönlicher Anhänger der Ostpolitik — auf verschiedenen Korrespondentenposten erlebte. Er war der erste westliche Korrespondent, der Staats- und Parteichef Leonid Breschnew interviewen durfte. Und er war zufällig auch der letzte Journalist, mit dem Michail Gorbatschow in seinem Amt als sowjetischer Staatspräsident sprach. Er begleitete die Verhandlungen zwischen Gorbatschow und Reagan zum INF-Vertrag 1986/87 und die Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung 1990.

Statt der Staatsrechtler kamen die Goldman-Sachs-Boys

Auch die Zeit nach 1990 thematisiert Pleitgen und kritisiert die verpassten Möglichkeiten dieser Zeit. „Dem Westen hätte der Aufbau eines demokratischen Russlands ein riesiges Hilfsprogramm wert sein müssen“, erklärt er. Stattdessen habe man die Schwäche Russlands rigoros ausgenutzt. Der Westen hätte ein Heer von Verfassungsrechtlern schicken sollen, um die russischen Nachwuchsjuristen und Politiker Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit zu lehren. Doch es kamen die „Wunderknaben von Goldman Sachs“ mit den Rezepten der neoliberalen Schock-Doktrin.

Den späteren Präsidenten Wladimir Putin traf Pleitgen nur einmal bei einem offiziellen Abendessen der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Es war der Tag nach der berühmten Rede Putins 2001 im Bundestag. Der junge russische Präsident erschien ihm damals wie ein „wohlerzogener Knabe“. In einer Tischrede warb Putin für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit Europa. Heute sei er jedoch ein harter, illusionsloser Politiker, wofür auch die abschätzige Behandlung durch den Westen verantwortlich sei.

Pleitgen bleibt viel zu zahm

Im Vergleich zu den Schriften heutiger Russland-Korrespondenten ist es durchaus wohltuend, Fritz Pleitgens Einschätzungen zu lesen. Seine Zusammenfassung des Ukraine-Konflikts liest sich nicht so einseitig wie die vieler anderer etablierter Journalisten. Auch weist Pleitgen darauf hin, dass die US-Rüstungsindustrie die treibende Kraft der vorangegangenen NATO-Osterweiterung war und dass die Milliarden für US-Raketen besser den vielen armen Bewohnern der Vereinigten Staaten zugutekommen sollten. An anderer Stelle schreibt er, die NATO sei in ihrer Denkweise 1949 stehengeblieben.

Aber alles in allem bleibt Pleitgen in seinen Kapiteln zu zahm. Er agiert fast schon wie ein Diplomat auf Kompromisssuche und hält wichtige Kritikpunkte zurück. Von einem altgedienten Journalisten dürfen Leser beispielsweise konkrete Medienkritik verlangen. Im Wesentlichen verzichtet Pleitgen aber auf negative Worte über seine Kollegen und baut sogar Legenden auf — wie die von westlichen Medien, die die Kriegslügen ihrer Mächtigen aufdecken.

In Wirklichkeit aber verbreiten die selbst ernannten „Qualitätsmedien“ westliche Propaganda-Narrative und Kriegslügen so unkritisch und eifrig wie kaum jemand sonst.

Die Berichterstattung zu den Konflikten der vergangenen 20 Jahre belegt dies zweifelsfrei. Selbst wenn ein Journalist etwas aufdeckt, haben hunderte Kollegen zuvor bereits den agitatorischen Boden für den Krieg bereitet.

Eine fundierte Medienkritik Pleitgens wäre unheimlich wichtig gewesen, da gerade westliche Mainstreamjournalisten heute eine der Hauptquellen antirussischer Propaganda sind.

Grundvertrauen in westliche Institutionen

Auch bleibt Pleitgens politische Kritik zu sehr an der Oberfläche und hat weder Umfang noch Tiefe der argumentativen Kritik, die etwa seine Kollegin Gabriele Krone-Schmalz in ihrem Buch „Eiszeit“ erreicht. Von NATO und EU fordert er überzeugende Konzepte zur Lösung des Konflikts mit Russland, ohne anzudeuten, dass dies vielleicht gar nicht im Interesse dieser Bündnisse liegt. Hier scheint trotz all seiner Kritik ein ungerechtfertigtes Grundvertrauen Pleitgens in diese Organisationen zu bestehen, wie auch in die westlichen Medien.

In TV-Diskussionssendungen wie dem Presseclub oder der phoenix-Runde wird der Kölner Journalist regelmäßig als eine Art kritisches Gewissen des westlichen Journalismus eingeladen. Die Debatten unterscheiden sich dann merklich von üblichen Formaten à la „Fünf Stühle eine Meinung“. Obwohl Pleitgen dort wie im Buch eher gemäßigte Ansichten vertritt, wirkt er gegenüber seinen Kollegen dann schon fast radikal. Das zeigt, wie sehr sich der Meinungskorridor der etablierten Journalistenzunft heute verengt hat.

Scharfer Kontrast in Ton und Wortwahl

Wo der große Teil dieser Journalistenzunft meinungsmäßig steht, zeigt Michail Schischkin, der zweite Autor des Buches, ohne selbst Journalist zu sein. Lesern, die sich die Kapitel Pleitgens und Schischkins direkt nacheinander zu Gemüte führen, fällt der Kontrast zwischen beiden Autoren deutlich auf. Das beginnt schon beim Ton: Während der Erzählton des früheren WDR-Intendanten das ganze Buch über ruhig, sein Vokabular zurückhaltend ist, formuliert der russische Intellektuelle durchweg scharf mit teils rauer Wortwahl.

Im Verlauf des Buches wird immer deutlicher: Schischkin hat eine Rechnung mit dem Sowjetsystem zu begleichen. Dieser Zorn mag durchaus berechtigt sein — die Gründe folgen gleich —, doch schnell wird klar, dieser Zorn ist der falsche Ratgeber, um die Konfliktlage zwischen dem Westen und dem Russland der Gegenwart angemessen zu analysieren.

Schischkin kehrt vor der russischen Tür

Doch beginnen wir bei dem, was Schischkin gut und was seine Buchkapitel interessant macht: Der gebürtige Moskauer kehrt zuerst vor der eigenen, also der russischen Tür. Im Gegensatz zu westlichen Putingegnern — die auch gern vor der russischen Tür, aber nie vor der eigenen kehren — ist es verständlich, dass ein Russe sich kritisch mit dem Präsidenten und dem politischen System seines Heimatlandes auseinandersetzt. Schischkins Kritik am dortigen, alles überspülenden Patriotismus ist nachvollziehbar.

Bemerkenswert ist zudem, dass Schischkin die 1990er Jahre in Russland nicht als „Zeit der Freiheit“ verklärt, wie es viele Transatlantiker im Westen tun, sondern sie als „Hungerjahre“ und „Zeit der Enttäuschung“ bezeichnet. Es habe in der Wendezeit die Wahl zwischen Banditenkommunismus und Banditenkapitalismus gegeben, zitiert er Anatoli Tschubais, einen der berüchtigten „Reformpolitiker“ der Jelzin-Zeit. Auch beschreibt Schischkin die sich bekämpfenden Teile der russischen Gesellschaft der Perestroika und zeigt, dass es durchaus widerstrebende Interessen innerhalb der Bevölkerung gab. Das Ende der Sowjetunion sei „für die Mehrheit der Russen eine ungeheure menschliche und soziale Katastrophe“ gewesen, erklärt er.

Der 58-Jährige betont zudem, dass an Russland nichts rätselhaft oder mysteriös sei, wie man im Westen gern glaube. Es fehle lediglich an Wissen. „Wie wahr!“, möchte man da laut ausrufen. Doch die Gründe für das fehlende Wissen über Russland — die Verantwortung von Schule, Medien, Politik und Unterhaltungsindustrie, mithin die US-Fixierung unserer Gesamtgesellschaft — zu erwähnen, bleibt Schischkin leider schuldig.

Authentischer Zorn verhindert sachliche Analyse

Ebenfalls verständlich werden die persönlichen und familiären Verletzungen der Familie Schischkin durch das Herrschaftssystem der Sowjetunion. Die Geheimpolizei GPU verhaftete und ermordete den Großvater Michail 1930, weil er sich darüber beschwerte, dass die sowjetischen Behörden der Familie im Zuge der Kollektivierung die einzige Kuh wegnahmen. Im hohen Alter saß Schischkins Großmutter erblindet in einem Kämmerchen und durchlebte jeden Tag Wahnvorstellungen, in denen sie immer wieder versuchte, ihren Mann vor der Verhaftung zu retten.

Auch unterließen es die Behörden zeitlebens, den bangenden Vater und die hoffende Großmutter des Schriftstellers über den Tod seines Onkels Boris zu informieren, obwohl die Dienststellen genau wussten, dass dieser 1942 von den Nazis in einem Gefangenenlager erschossen worden war. Der aus all dem entstandene Zorn Schischkins auf das autoritäre System ist nachvollziehbar und authentisch. Problematisch ist jedoch, dass er eine kontinuierliche Linie von damals zum Russland im Jahr 2019 zieht, so als hätte sich nie etwas verändert.

Darüber hinaus reicht eine innenpolitische Kritik am Kreml überhaupt nicht aus, um sich einem geopolitischen Konflikt zwischen Russland und dem westlichen Machtblock zu nähern — wie es der Untertitel des Buches ja andeutet. Hierzu müssten weitere analytische Schritte folgen, welche die Interessen und Motive aller Konfliktparteien offenlegen. Schischkin, der seit fast einem Vierteljahrhundert im Westen lebt und gut vernetzt ist, hätte Ressourcen und geistige Mittel dazu, doch zeigt er in solchen Aspekten eine atemberaubende Naivität.

Bereit, das westliche Auge immer zuzudrücken

Naivität ist sicher das falsche Wort — er weiß es ja besser. Vielmehr ist bei Schischkin eine merkwürdige Bereitschaft vorhanden, die Lügen, Verbrechen und knallharte Interessenpolitik westlicher Akteure zu übersehen oder aktiv kleinzureden. Ein konkretes Beispiel: Auch im Westen gäbe es politische Lügen wie die von den erfundenen irakischen Massenvernichtungswaffen, räumt Schischkin ein. Doch auch wenn diese Lügen gravierende Folgen hätten, würden westliche Lügner dann abgewählt und wirkten gegen Putin wie „kleine Gauner“, schreibt er weiter.

Was bei Schischkin nicht steht: Die Lüge über Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen diente zur Rechtfertigung eines völkerrechtswidrigen Angriffskriegs der USA und Verbündeter im Jahr 2003, der mit dem ganzen folgenden Chaos bis heute viele hunderttausend Menschenleben forderte. Eine kleine Gaunerei eben — die übrigens weder George W. Bushs noch Tony Blairs Wiederwahl verhinderte. Schischkins Behauptungen zerschellen an der Realität.

Westlicher Imperialismus hilft Russland nicht

Den gleichen Selbstbetrug wie Schischkin begehen auch andere Intellektuelle und viele Journalisten etablierter Medien. Doch sie sollten sich im Klaren sein: Nur weil westliche Machteliten Putin kritisieren, heißt das nicht, dass sie geeignete Verbündete wären, um ein besseres Russland zu schaffen.

Intellektuelle wie Schischkin müssen wissen, dass westliche Imperialisten, also diese „kleinen Gauner“, kein demokratisches, freies, soziales Russland wollen. Sondern ein außenpolitisch schwaches, schuldenabhängiges und innenpolitisch dereguliertes Russland, das westliche Konzerne ausbeuten können und das für imperiale US-Interessen keine Bedrohung ist.

In den 1990er Jahren unter Jelzin war es genauso und Schischkin hat es miterlebt. Was hat das den Menschen gebracht? Armut und Hunger auf der einen, Mafiakriege und Reichtumskonzentration auf der anderen Seite. Er kritisiert dieses Versagen der „zweiten russischen Demokratie“ sogar selbst, doch hat er die Lehre daraus nicht gezogen.

Schischkin glaubt — so ist im Buch zu lesen —, die westlichen Kapitalisten wollten Russland mit der Schocktherapie in den 1990er Jahren wirklich helfen. Doch die neoliberalen Privatisierungs-, Kürzungs- und Deregulierungsorgien haben betroffenen Gesellschaften noch nie geholfen. Die Liste ist lang — davon kann sich Schischkin in Naomi Kleins Buch „Die Schockstrategie“ überzeugen. Oder er schaut aktuell in die Ukraine, um zu erkennen, wohin westliche Wohlstandsversprechen führen: zu Landgrabbing, Wirtschaftseinbruch und Massenauswanderung — und das ganz ohne Putin.

Ausgerechnet der Westen soll gegen Oligarchen helfen

In einer Passage fragt Schischkin, wie westliche Demokratien den einfachen Menschen in Russland gegen die Oligarchen helfen können. Das mutet besonders merkwürdig an, sind doch die westlichen Staaten selbst Oligarchien in noch viel größerem Maßstab. Schischkin könnte dazu einen Blick in die jährliche Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt werfen. Dort wird er sehr viele Multi-Milliardäre aus unseren „Demokratien“ finden — lange bevor er einen russischen Oligarchen entdeckt. Wenn er zusätzlich noch die wissenschaftlichen Responsivitätsstudien für Deutschland oder die USA zur Kenntnis nimmt, sieht er schwarz auf weiß, dass bei uns nicht der Mehrheitswille, sondern die Superreichen bestimmen, wo es politisch langgeht. Und das ist auch historisch gesehen kein neuer Zustand.

Wie kommt Schischkin auf die Idee, dass ausgerechnet „westliche Demokratien“ etwas gegen das Oligarchentum hätten? Er glaubt der hiesigen Demokratiepropaganda unbesehen. Bei ihm sind beispielsweise solche Sätze zu lesen:

„In der zivilisierten Welt ist es längst selbstverständlich, dass der Staat als Instrument zur Verfechtung der Interessen seiner Bürger dient und keine eigenen Interessen verfolgt. Die Macht wird von unten aufgebaut, und nur die Machtbefugnisse, die auf unterster Ebene nicht realisiert werden können, werden nach oben delegiert.“

Westliche Staaten haben keine Interessen? Die Macht wird von unten aufgebaut? Wohlmeinend gesprochen, ist das ein krasser Trugschluss, der aus der besonderen Schweizer Perspektive vielleicht wie die Realität wirkt. Aber allein der Blick ins Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh, wo Julian Assange in Isolationshaft und unter psychischer Folter festgehalten wird, angeblich weil er gegen Kautionsauflagen verstoßen hat, sollte auch Schischkin eines Besseren belehren. Welcher einfache Bürger „von unten“ hat das befohlen? Warum tun „demokratische“ Staaten das, wenn sie doch „keine eigenen Interessen“ haben?

Andere russische Intellektuelle wie Andrei Nekrassov sind da weiter — sie haben mittlerweile hinter die Fassade geblickt und mussten bitter erfahren, wie viel die hiesigen Freiheitsversprechen wert sind, wenn man als russischer Putinkritiker mal den westlichen Staaten und ihren Oligarchen zu genau auf die Finger schaut. Es ist fraglich, ob Schischkin diese Erkenntnisstufe erreichen will.

Keine Kritik an Chodorkowski

Die Punkte Demokratie und Oligarchie spricht Schischkin auch im Schlusskapitel nochmals an. Ihm gelingt es dort tatsächlich, die Phase unter Jelzin als demokratisch zu loben und nur wenige Sätze später die Ausplünderung des Landes durch Oligarchen in eben jener Zeit zu verdammen — das ist kognitive Dissonanz in Reinform.

Schischkin fordert von den Oligarchen zu Recht die Rückgabe des geraubten russischen Vermögens. Er könnte diese Forderung auch ganz praktisch an einen Landsmann in der Schweiz überbringen: an den Oligarchen Michail Chodorkowski, den einst reichsten Mann Russlands, der unter Putin ins Gefängnis musste. Doch über Chodorkowski, zu dem Schischkin in Schweizer Medien schon mehrfach befragt wurde, redet er plötzlich ganz anders. In Schischkins Buchkapiteln erscheint der Oligarch ausschließlich als Opfer Putins und das eben noch „geraubte Volksvermögen“ ist plötzlich Chodorkowskis „Privateigentum“. In einem Interview mit der Basler Zeitung sagte Schischkin 2014:

„Ich bewundere ihn für seine Haltung im Gefängnis. Ich weiss, wie das ist, mein Bruder war in einem russischen Gefängnis. Und die Opposition hatte grosse Hoffnungen in Chodorkowski gesetzt. Endlich gab es eine Persönlichkeit, die Putin auf demselben Niveau gegenüberstand. (…) Es gibt aber immer noch die Hoffnung, dass Chodorkowski im Moment ein Time-out genommen hat. Dass dies die gut überlegte Strategie des zukünftigen Schicksalslenkers von Russland ist.“

Trotz all seiner Buchkritik an russischen Superreichen will Schischkin also einen der schlimmsten Oligarchen an der politischen Macht in seinem Heimatland sehen. Sind schwerreiche Räuberbarone nur ein Problem, wenn sie nach Putins Pfeife tanzen? Diese Haltung macht Schischkin unglaubwürdig.

Putin mal wie Dschingis Khan, mal wie Adolf Hitler

Ein weiterer Negativpunkt, der sich durch Schischkins Buchkapitel zieht, ist sein wenig überzeugender Versuch, in Russland eine Kontinuität von der spätmittelalterlichen Mongolenherrschaft bis heute zu belegen. Die Herrschaftstechniken der mongolischen Khane seien in dieser langen Zeit von russischen Zaren und Sowjetherrschern bis hin zu Putin beibehalten worden, so die These. Immer wieder bezeichnet er Letzteren als „Groß-Khan“. Auch wenn Schischkin nur über die Machtvertikale und bestimmte Herrschaftstechniken schreibt, so ist solch eine Gleichsetzung hochgefährlich, da sie die alten rassistischen Klischees von Russen als barbarischen Halbasiaten bedient.

Überhaupt die Wortwahl:

Schischkin bemüht wiederkehrend Nazi- und Hitlervergleiche, um Putins Handeln oder Aussagen zu kommentieren. Wer sich mit den monströsen Verbrechen Hitlers und Nazi-Deutschlands befasst hat, dem stoßen diese inflationären Vergleiche doch sehr übel auf.

Unappetitlich ist auch sein Wortspiel, man habe zum Ende von Jelzins Amtszeit eine „graue Maus“ als Nachfolger gesucht, Putin jedoch stamme aus einem „Rattenwurf“. Auf dieses Niveau muss ein großer Poet nicht rutschen.

Permanent wiederholt Schischkin im Buch, dass die Menschen in der UdSSR „Sklaven“ gewesen seien. Dürfte solch eine Bezeichnung für Gulag-Häftlinge durchaus berechtigt sein, so ist sie bezogen auf alle Sowjetbürger eine Verharmlosung wirklicher Sklaverei. Schischkin sollte gerade als russischer Literat gut darüber im Bilde sein, was Sklaverei ist — hat das doch so mancher russische Künstler, so beispielsweise Iwan Turgenjew, thematisiert.

Es ist davon auszugehen, dass die russischen Leibeigenen des 19. Jahrhunderts oder die schwarzen Sklaven der USA gern mit durchschnittlichen Bürgern der Sowjetzeit getauscht hätten. Von seiner eigenen These unberührt, schreibt Schischkin über seine Eltern, dass diese sich ausdrücklich nicht als Sklaven sahen. Auch wenn man ihm als Schriftsteller die durchgängige begriffliche Theatralik verzeihen möchte, so hat sie nichts zu suchen in einem Buch, das eine sachliche Analyse zum Ziel hat.

Vom Hörensagen und Vorwurfstapeln

Der größte Negativaspekt an Schischkins Buchkapiteln ist jedoch sein Umgang mit Fakten. Mehrfach ergeht er sich in zusammenhanglosen Rundumschlägen gegen den Kreml. Allein in einem einzigen 16-seitigen Kapitel macht Schischkin Russland für syrische Flüchtlinge, für die Anschläge auf den Boston Marathon, für den deutschen Überwachungsstaat und vieles mehr verantwortlich. Er stapelt Vorwurf auf Vorwurf, ohne etwas davon zu belegen.

Dem Leser schlägt das ganze aus den Medien bekannte Potpourri entgegen: Russland habe Georgien überfallen, betreibe Trollfabriken, unterstütze Trump, destabilisiere demokratische Staaten und so weiter und so fort. Hinter unzähligen Entwicklungen stecke der russische Geheimdienst FSB. Dieser schicke zum Beispiel „in deutschen Städten zehntausende Russen mit rassistischen Losungen auf die Straße“. Auch den eher kleinen russischen Auslandsmedien unterstellt Schischkin eine unfassbare Allmacht.

Der Westen hingegen sei schwach, unvorbereitet und hilflos gegen die russischen Aktivitäten, behauptet der Schriftsteller. Russisches Geld zersetze den Westen, man könne sich hier nicht zu „echten Sanktionen“ durchringen, deutsche Journalisten verteidigten naiver Weise russische Infokrieger als Kollegen. Das ist stellenweise so realitätsfern und absurd, dass man das Buch zur Seite legen muss. Hat Schischkin schon mal von Frank Überall, dem Vorsitzenden der Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) gehört?

Schischkins Ausführungen sind faktisch das Gegenteil der realen Entwicklungen und Kräfteverhältnisse zwischen Westen und Russland. Tatsachen werden zu Meinungen, Meinungen zu Tatsachen. Manchmal alles zusammen in wenigen Sätzen nacheinander. Auf Seite 247 behauptet er erst, der Westen werde sich bei russischem Druck „immer zurückziehen“, aus dem Kaukasus, aus der Ukraine, aus dem Baltikum. Wenige Zeilen darunter schreibt er, NATO-Truppen rückten wegen russischer Provokationen ostwärts an die russische Grenze. Na was denn nun?

Verantwortungsloses Herumfantasieren

Blicken wir kurz genauer auf Schischkins Faktentreue beim Ukraine-Konflikt. Seine Erzählungen überschreiten dort mehrmals die Grenze zum verantwortungslosen Herumphantasieren. Wie eine allgemeingültige Wahrheit behauptet er auf den Seiten 184/185, dass russische OMON-Einheiten von der Krim in die Menge auf dem Maidan geschossen hätten. Anscheinend meint er damit das Scharfschützenmassaker vom 20. Februar 2014. „Offensichtlich folgten sie damals bereits Befehlen aus Moskau und nicht aus Kiew“, fügt Schischkin hinzu.

Eine krasse These, für die er keinerlei Beweise nennt. Solch ein Szenario behaupten nicht einmal die politischen Maidansieger in der Ukraine. Erstens gehörten die Polizeieinheiten von der Krim zum Zeitpunkt des Massakers noch gar nicht zu Russland. Es gab dort keine OMON, sondern nur Berkut-Einheiten. Zweitens stehen, als Todesschützen angeklagt, in der Ukraine bis heute Angehörige einer Kiewer Berkut-Einheit vor Gericht, die laut Generalstaatsanwaltschaft auf Befehl Präsident Janukowitschs gehandelt haben sollen.

Warum hat Kiew nicht diese ominösen OMON-Leute aus Schischkins Erzählung angeklagt? Das passt vorn und hinten nicht zusammen.

Die offizielle Position Kiews sieht denn auch wie folgt aus: Der damalige ukrainische Generalstaatsanwalt Viktor Schokin sagte der BBC im November 2015:

„Wir haben keine russische Spur. Die Materialien, die wir jetzt haben, machen es unmöglich, einen solchen Schluss zu ziehen. Nicht, weil wir diesen Schluss nicht ziehen wollten, sondern weil es keine Grundlage dafür gibt.“

Zur Erinnerung: Das sagt nicht das russische Staatsfernsehen, sondern der ukrainische Generalstaatsanwalt, der jedes noch so kleine Indiz für eine Schuld Moskaus am Massaker feierlich präsentiert hätte. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Natürlich erwähnt Michail Schischkin auch nicht die Ermittlungsarbeiten des kanadischen Forschers Ivan Katchanovski, dessen Ergebnisse ebenfalls nicht nach Moskau, sondern direkt auf die Profiteure des Massakers deuten. Schischkin verbreitet hier primitivste Anti-Kreml-Propaganda.

Schischkin fällt auf Gerassimow-Doktrin herein

Dies tut er auch an anderer Stelle: Da fällt er auf die westliche Erfindung einer „Gerassimow-Doktrin“ herein. Angeblich habe der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow in einer Rede 2013 die hybride Kriegsführung als offizielle Militärdoktrin Russlands vorgestellt. In Wahrheit referierte Gerassimow über die moderne hybride Kriegsführung des Westens, wozu unter anderem das Anfachen und Unterstützen sogenannter Farbrevolutionen gehört. Das hat der Erfinder dieser Falschmeldung, der britische Forscher Mark Galeotti, sogar öffentlich zugegeben.

Selbst bei Wikipedia kann man das erfahren. Ein klassisches Eigentor Schischkins. Das kommt eben dabei heraus, wenn man nur Mainstreammedien konsumiert. Behauptungen werden dort schon lange nicht mehr überprüft, solange sie ins antirussische Narrativ passen. Falls es weitere Auflagen des Buches geben sollte, ist zu hoffen, dass wenigstens der Verlag diese groben Fehler korrigiert.

So ziemlich alle Äußerungen Schischkins zum Ukraine-Konflikt verbreiten das bekannte, simplifizierende Gut-Böse-Narrativ.

Die meisten dieser Äußerungen könnten hier einzeln und umfangreich widerlegt werden. Ich habe dies in den Artikeln der letzten fünf Jahre vielfach getan. Zur Verklärung des Maidan, zu den Scharfschützenmorden, zum verfassungswidrigen Machtwechsel, zu den Falschmeldungen deutscher Medien und auch zu den manipulativen Behauptungen über den Zustand der Krim. Doch alternative Medien liest Michail Schischkin offensichtlich nicht. An einer Stelle im Buch deutet er an, Journalisten der Alternativmedien „säen Zweifel“ im Auftrag des Kremls und seien Putins „nützliche Idioten“.

Fazit: Propaganda verdrängt Erfahrungsberichte

Michail Schischkins Buchkapitel sind immer dann interessant, wenn er über eigene Erlebnisse und Erfahrungen in Russland schreibt, über seine Familiengeschichte und die Ansichten ihm nahestehender Menschen. Schwer erträglich wird es jedoch, wenn er — meist eher unstrukturiert und ohne Vorwarnung — aus diesen Erzählungen in seine Anti-Kreml-Rundumschläge übergeht. Schnell stellt man fest, dass er in diesem Moment den Boden eigener Erfahrung weitestgehend verlässt und sich auf den unsicheren, weil oft faktenfreien Boden der medialen Anti-Putin-Hysterie begibt. Wer wie Schischkin solche harten, unversöhnlichen Vorwürfe äußert, sollte sie auch gut belegen können. Daran scheitert er.

Dahinter steht offenbar ein grundsätzlicher Zorn auf das Sowjetsystem. Ein Zorn, den er nicht nur aus familiären Gründen spürt, sondern den gerade Künstler, die in ihren Freiheiten beschnitten werden, umso stärker spüren. Immer wieder deutet Schischkin an, dass er es dem autoritären System übelnimmt, dass es so viele große russische Künstler zensiert, eingesperrt, ausgebürgert, deportiert oder umgebracht hat.

Sein Zorn führt nicht nur zu fehlerhaften und unzureichenden Analysen heutiger Konflikte, sondern auch dazu, dass der Schriftsteller nicht mal die weitestgehend friedliche äußere Auflösung der UdSSR anerkennen kann. Im Schlusskapitel schreibt Schischkin, die Sowjetunion sei „schmachvoll“ verschwunden. Auch hier muss ihm entschlossen widersprochen werden. Nein, Herr Schischkin, die UdSSR hat sich friedlich aufgelöst, 14 nichtrussischen Sowjetrepubliken wurde der Weg in die nationale Eigenstaatlichkeit erlaubt und die riesigen Truppenverbände der Roten Armee aus Mittel- und Osteuropa wurden abgezogen, niemand hat auf den roten Knopf gedrückt. Das ist nicht schmachvoll, sondern beachtlich. Es ist zu bezweifeln, dass das US-Imperium derart friedlich untergehen wird.

Nebeneinander statt miteinander

Was bleibt von diesem Buch? Ernüchterung. In den jeweiligen Schlusskapiteln formulieren Pleitgen und Schischkin eigene Vorschläge und Forderungen, doch besser wäre ein gemeinsamer Schlusstext gewesen, ein Dialog. Ihre auf fast 400 Buchseiten aufgestellten Thesen hätten sie darin gegenseitig auf Stichhaltigkeit und Gegenargumente abklopfen und gemeinsame Handlungsvorschläge entwickeln können, auch wenn dies bei der unversöhnlichen Extremposition Schischkins sicher schwierig geworden wäre. Doch diese Synthese bleibt aus. Im Mainstream, wo das Buch eine gewisse Wirkung entfalten könnte, wäre genau das der nötige, wenn auch nur zaghafte erste Schritt, um die Diskussion voranzubringen und das seit Jahren unverändert einseitige Russlandbild abzuändern.

Was soll so ein Dialog bringen? Der konstruktive Streit zweier so typischer Positionen zu Russland könnte Vorbild für die reale politische und mediale Diskussion sein. Auch dort trifft ja die Fraktion der gemäßigten „Russlandversteher“ auf die Gruppe der strikten Putingegner. Stattdessen jedoch werden Politik und Medien zum Vorbild. Wie aus den üblichen Polit-Talkshows bekannt, bleiben die zwei teils unvereinbaren Meinungen nebeneinander stehen. Es gibt keine Lösung, es geht nicht voran, man kommt nicht zueinander. Zwei Tunnel ins Nirgendwo.


Bild

Fritz Pleitgen, Michail Schischkin: Frieden oder Krieg. Russland und der Westen — eine Annäherung. 384 Seiten, 20 Euro, Ludwig-Verlag, ISBN: 978-3-453-28117-2.


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