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Vom Regen in die Traufe

Vom Regen in die Traufe

Die DDR-Bürger haben sich von einem repressiven System ins nächste gerettet. Hans-Joachim Maaz und Andreas Peglau bemühten sich im Frühjahr 1989 um eine Analyse der DDR-Gesellschaft — kurz vor deren Untergang.

Andreas Peglau: Bereits seit einiger Zeit lässt sich die erstaunliche Erscheinung registrieren, dass ein Volk, dass noch kurz davor seine alten Machthaber „davondemonstriert“ hat, jetzt offenbar von dem unbändigen Willen beherrscht wird, schnellstens Ersatz für sie zu schaffen. „Deutsche Einheit“ heißt das Gebot der Stunde. Wenn man den meisten Medien folgt, scheinbar schon aus rein ökonomischen Zwängen. Aber spielt unsere Seele, unsere psychische Struktur bei alledem keine Rolle?

Hans-Joachim Maaz: Die Charakterverformung, die ich in unserer psychotherapeutischen Arbeit immer wieder vorfinde — und von der ich vermute, dass sie auch für viele andere Menschen in unserem Land zutrifft —, wenn man die auf einen Punkt bringen wollte, dann ist es vor allen Dingen die Entfernung von der Innerlichkeit.

Also wenn wir sagen, dass wesentliche unserer Grundbedürfnisse nach Liebe, Zuwendung, Sexualität, Angenommensein nicht erfüllt werden, dann hat der Mensch einen Bezugspunkt zu sich verloren. Er weiß nicht mehr, was er wirklich möchte, kennt seine Bedürfnisse nicht mehr, die er hat unterdrücken müssen. Er hat also sozusagen die Orientierung auf sich selbst verloren, das ist ihm untersagt worden, es ist verboten, tabuisiert worden. Und das ist der Grund, weshalb er jetzt abhängig davon wird, was andere ihm sagen, was andere für gut oder richtig halten, was ihm erlaubt ist oder verboten wird.

Er wird sich also an Normen und vor allen Dingen an fremde Autoritäten anhängen müssen. Dies ist der Grund, weshalb wir feststellen müssen, dass viele Menschen bei uns autoritätsabhängig bis autoritätssüchtig geworden sind.

Und das bedeutet auch, wem eine äußere, eine fremde Autorität verlorengeht durch irgendetwas, der muss sehr bald wieder eine neue Autorität finden, um sein Gleichgewicht, seine Sicherheit wieder zu haben, weil er sich auf sich selbst nicht verlassen kann, weil er das nie hat lernen dürfen.

Und diese Situation ist bei uns eingetreten: Wir haben das bisherige Staatssystem, damit auch die wesentlichen Autoritäten, verloren. Auch wenn es repressive Autoritäten waren, die eher unterdrückt haben, waren sie aber immer doch auch diejenigen, die geherrscht haben, die bestimmt haben, wie es in unserem Lande zugehen soll, und auf diese Weise auch Orientierung und Halt gegeben haben. Und das ist nun weggefallen.

Das heißt für die meisten Menschen, jetzt entsteht ein Vakuum, es gibt eine Verunsicherung, es gibt keine äußere Orientierung mehr.

Und in der Tat haben wir ja auch in den letzten Wochen und Monaten feststellen müssen, dass die Leute zunehmend verunsichert waren, labilisiert sind, über neue Ängste klagen — Angst vor Freiheit, Angst vor Veränderung: Was soll ich jetzt machen mit mir, ich weiß nicht mehr, was richtig ist! Bis hin zu ganz harmlosen, lapidaren Geschichten, wenn's plötzlich also zwanzig verschiedene neue Zeitungen gibt: Ja, wofür soll man sich denn entscheiden? Oder bei der Wahl. Es gibt plötzlich eine Fülle von Wahlmöglichkeiten. Die meisten sagen: Ja, ich weiß gar nicht, wen ich wählen soll! Es entsteht eine neue Not, sich entscheiden zu müssen. Und das ist in erster Linie eben, weil die äußere Orientierung, die gesagt hat, was man tun soll, weggefallen ist, und die innere Orientierung uns längst verlorengegangen ist.

Der Verlust der inneren Orientierung — „Wer bin ich? Was will ich? Was ist richtig?“ aus meinem eigenen inneren Erleben heraus — das ist ja eine Erfahrung, die in der frühen Kindheit beginnt und dann ein ganzes Leben lang ausgeformt wird. Wenn diese Erfahrung irgendwie behindert wurde oder sogar verlorengegangen ist im weitesten Sinne, kann man sie nicht von heute auf morgen wieder aktivieren und beleben. Von daher ist diese Verunsicherung durchaus verständlich. Und auch die Gefahr, dass Menschen, weil sie diese Verunsicherung nicht haben möchten, weil sie das ängstigt, sich sehr rasch eben neue Autoritäten, neue Ordnungen suchen.

Man sucht zum Beispiel politische Führung. Die borgt man sich einfach aus dem Westen. Oder: Der rasche Ruf nach ,,Deutschland einig Vaterland!“ ist auch der, dass wir sehr rasch die Ordnung, die Gesetze, die Normen der Bundesrepublik übernehmen möchten. Auch das, was nicht gut ist. Es wird überhaupt nicht wirklich tiefer reflektiert und diskutiert darüber, was an der bundesdeutschen Ordnung und an den Normen, die dort herrschen, vielleicht nicht in Ordnung ist, weil das Bestreben, möglichst wieder eingebunden zu werden in bestehende Ordnungen, viel, viel größer ist als die Fähigkeit, die eigene Verunsicherung zu ertragen. Und das ist das Dilemma.

Denn wenn wir nicht den Mut finden, unsere innere Verunsicherung eine Weile auszuhalten — zu akzeptieren, dass es Zeiten gibt, wo uns keiner gleich sagen kann, was richtig oder falsch ist —, dann sind wir auch in Gefahr, uns allen möglichen Führern unkritisch wieder an den Hals zu werfen.

Manchmal wird es zu spät sein, wenn die Einsicht kommt, dass es in Wirklichkeit eine Ver-Führung war, dass das, was wir dann gewählt haben oder vielleicht auch die neue Lebensart, die wir dann gefunden haben, uns wieder nicht zusagt oder nicht wirklich freier und glücklicher macht.

Es besteht also ein Zusammenhang zwischen unserer Charakterstruktur, die sich aus unserer Erziehung ergeben hat und die so typisch war für unser politisches, gesellschaftliches System, und diesem Verhalten seit November 1989. Das klingt natürlich irgendwie auch so ein bisschen schicksalhaft, so als ob es überhaupt von vornherein keine andere Chance gegeben hätte.

Ob das schicksalhaft ist, das wage ich nicht zu sagen. Ich verstehe erst mal, dass es so gekommen ist. Die Chance, die wir also durchaus hätten und immer noch haben, ist die, dass wir genau diese, unsere innere Einengung, erfahren. Dass wir sie uns bewusst machen, dass wir überhaupt den Mut haben, uns zu bekennen. Und dass wir anfangen, auch unsere innere Unfreiheit zu überwinden. Dass wir nicht nur danach rennen, jetzt sogenannte äußere Freiheiten zu schaffen, denn die werden wir bei innerer Unfreiheit gar nicht ausfüllen können. Dass wir uns wirklich auf das besinnen, uns bewusst machen, was in uns schon längst angelegt ist oder anerzogen worden ist durch die Art und Weise, wie wir in unserem Land gelebt haben. Also das, was wir vielleicht als Trauerarbeit bezeichnen können: Trauer über unsere eigene Einengung, über unsere innere Unfreiheit, über die Gehemmtheit, die wir erlebt haben und die wir uns selber auferlegt haben, über die eigene Verlogenheit, über die allzu leichte Anpassung. Dass wir das bekennen, dass wir auch da erneut Zivilcourage beweisen — jetzt nicht mehr im Kampf gegen eine böse Obrigkeit, sondern gegen das Gestörte, Problematische, Verdrängte in uns.

Sie sprachen von Trauerarbeit, das ist ein Begriff, der zurzeit von vielen gebraucht wird, von vielen aber, glaube ich, gar nicht verstanden wird.

Ich verstehe darunter, dass wir gefühlsmäßig all das durcharbeiten — durchleiden kann man sagen —, was an Defiziten, an Schuld, an Kränkung, an Demütigung in uns ist, was wir im Staatssystem — aber eben auch jeder einzelne in seiner Lebensgeschichte — erfahren haben aufgrund einengender, entfremdeter, gefühlsblockierender Erziehung.

Trauerarbeit ist also immer ein Komplex von verschiedenen Gefühlen. In der Regel wird es sich da um Ängste handeln, wenn ich mich der Dinge erinnere, die mich eingeengt, verformt haben, wenn ich mich erinnere, was ich selber an Schuld auf mich geladen habe, auch an vertane Lebensmöglichkeiten, wo ich einfach nicht den Mut hatte, mich anders zu entfalten oder so zu entwickeln, so wie ich es gern gewollt hätte.

Auch an unwiederbringlich verlorene Lebenszeit. Wenn man sich an diese Dinge allmählich erinnert, wird das auch Empörung auslösen, Wut und Hass aktivieren gegen die, die das in uns erzeugt haben, also gegen die Unterdrücker. Und das sind eben in erster Linie die Eltern, die Lehrer, die Funktionäre. Es wird auch Schmerz und Trauer auslösen. Schmerz über das Bittere, was mir weh tat, was ich einstecken musste, und Trauer über das, was ich nicht leben konnte. Also ein Prozess, längere Zeit gehend, durch viele Gefühle hindurch.

Und das ist der Grund — so erlebe ich das immer wieder auch in der Therapie —, dass viele Menschen zunächst ganz heftig gegen diese Gedanken zu Felde ziehen. Sie wollen das nicht wahrhaben. Patienten oder auch wir Therapeuten werden beschimpft deshalb, weil wir mit solchen Erfahrungen, die wir machen, bei anderen — die das nicht wahrhaben wollen — Angst auslösen. Und Angst wird in der Regel mit Feindseligkeit bekämpft. Also darin sehe ich einen Grund, weshalb es zu einer wirklichen Trauerarbeit jetzt bei den meisten Menschen nicht kommt. Genauso wenig wie es zu einer wirklichen Trauerarbeit gekommen ist nach dem Dritten Reich, nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, wo Zeit gewesen wäre, zu überlegen: Was haben wir Deutschen denn da eigentlich angerichtet?

Die bekannten Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich haben das ja 1967 in ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ sehr deutlich beschrieben. Und ich glaube, dass das, was wir jetzt bei uns beobachten müssen, ein vergleichbarer Vorgang ist: Auch jetzt müssen wir, denke ich, eine Unfähigkeit zu trauern feststellen oder eine Verweigerung.

Wissen Sie, wir saßen vor kurzem mit Freunden zusammen und haben uns erinnert, was uns noch einfiel, was so unser Leben bestimmt hat. Also, wie wir uns bei den Pionieren verhalten haben oder bei der FDJ — ich war zum Beispiel mal in einer Agitprop-Gruppe — was da alles so in der Schule gewesen ist. Dabei sind sehr viele, ganz persönliche Betroffenheiten geäußert worden — was jeder von uns so alles mitgemacht und toleriert hat und was zum Teil schon sehr peinlich und beschämend war.

Und wissen Sie, was das Besondere daran war? Nicht nur die Erinnerung an diese Ereignisse, das war schon schlimm genug und manchmal auch belustigend — manchmal auch so absurd, dass wir auch lachen konnten —, aber das Besondere war, dass sehr bald mit der Erinnerung an diese Erlebnisse auch Erinnerungen kamen an die familiären Verhältnisse. Plötzlich war das vermischt mit Erinnerungen, was Vater oder Mutter von einem wollten, wie sehr die auch wollten, dass man sich schnell anpasst, dass man reibungslos in dieses System hineinpasst, dass man keine Schwierigkeiten macht, keine falschen Fragen stellt. Oder die Situation meinetwegen am Tisch zu Hause, wo der Vater dominierte oder eine leidende Mutter uns Kinder manipulierte —, dass das ähnlich war, wie man es dann auch in der Gesellschaft wieder erfahren hat.

Also, ich will damit sagen, dass die Dinge, die wir zunächst erinnerten — die jeder von uns in dieser Gesellschaft an Einengung, Kränkung, beschämender Manipulation erfahren und mitgemacht hat —, dass diese Erfahrungen sehr bald noch viel persönlicher wurden und noch viel weiter zurückreichten in die eigene Lebensgeschichte. Und das bedeutet: Wenn es zu einer Aufarbeitung im Sinne von Trauerarbeit käme, würde jeder, der das anfängt, eben auch auf seine ganz individuelle Lebensgeschichte, auf die Wahrheit seiner Kindheit geführt werden. Und das ist immer sehr bedrohlich, sehr beängstigend — und es wird eben von den meisten absolut nicht gewollt. Sie werden alles tun, um das zu verhindern. Mit Mechanismen, die man jetzt schon sieht: Einiges Deutschland, Marktwirtschaft, neues Geld, Streit der oppositionellen Kräfte untereinander.

Wir sind doch alle interessiert gewesen, dieses System zu verändern oder abzuschaffen. Ja, warum setzen sich dann nicht alle zusammen und überlegen, eine gemeinsame bessere Gesellschaft zu organisieren, statt sich gegenseitig im Streit zu lähmen?

Wenn man diesen Wahlkampf ansieht, wenn man sich überlegt, dass noch ganz ehrenwerte Männer vor einem halben Jahr, die oppositionelle führende Kräfte waren, sich bereits schon wieder lächerlich machen durch Phrasen, durch demagogisches Gerede, durch bloße Sätze, um Leute zu animieren, dass sie gewählt werden. Das ist sowas Absurdes, dass man es kaum glauben kann und im Grunde genommen, ich denke, nur verstehen kann, wenn man daran denkt, dass eben auch dieses Verhalten geeignet ist, von der inneren Not, also von der inneren Bewältigung der eigenen Probleme abzulenken. Man streitet dann halt lieber, als dass man Schmerz erfährt über die eigene Verbogenheit.

Und das ist natürlich auch eine Zeitbombe. Auch wenn der Wahlkampf vorüber ist, wenn es zum politischen Alltag übergeht, muss man immer noch Gegner haben, Feinde, um sich von der inneren Not abzulenken. Da wird es auch sehr bald wieder neue Ideologien geben, weshalb es richtig ist, gegen dieses oder jenes zu sein, oder weshalb diese oder jene Menschen die Bösewichter sind — was sich schon andeutet, mit Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus oder auch Hass gegen Rechtsradikale. Das sind die neuen Sündenböcke.

Die Feindseligkeit, die man in sich trägt aufgrund der Kränkung, die man erfahren hat, die muss ja wieder irgendein Objekt, irgendein Opfer finden. Es ist eine Gesetzmäßigkeit: Wenn man nicht seinen inneren Schmerz durch Trauerarbeit auf sich nimmt, muss man irgendwie nach außen in den Krieg ziehen, gegen irgendjemand oder irgendetwas, nur um der Aggressivität, die in einem gestaut ist, ein Ventil, eine Erklärung zu geben.

Dazu passt, dass der ehemalige DDR-Verteidigungsminister Theodor Hoffmann offensichtlich lieber ein großes Bundesheer gründen wollte, als um Gottes willen bloß nicht die Armee als solche aufzugeben. Das ist doch lachhaft, dass Leute, die jahrzehntelang zum Schutz gegen die ,,bösen Imperialisten" da waren, nun sagen: Also, ehe wir ganz aufhören, Krieg zu spielen, da fusionieren wir uns lieber mit unserem ehemaligen Todfeind.

Es ist so grotesk, dass man es gar nicht fassen kann. Man muss nur mal die Frage stellen: Ja, gegen wen brauchen wir denn im Moment eine Armee? Die alten Feindbilder stimmen nicht mehr — aber die Armee ist da. Es muss also nahezu ein neuer Feind geschaffen werden. Wir können darauf warten, dass regelrecht Konflikte geschürt werden, damit die Armeen und die Rüstung wieder einen Grund haben können, bestehen bleiben zu dürfen. Also, das ist so grotesk und so absurd, dass es einem übel werden kann, wenn man das bedenkt und letztlich gar nichts dagegen unternehmen kann.

Das klingt natürlich auch wieder alles sehr pessimistisch: Um wirklich eine neue Qualität der Gesellschaftsentwicklung zu erreichen, wäre eine Trauerarbeit notwendig. Sie sagen aber: Eigentlich ist das nicht möglich. Das heißt, es gibt keinen Ausweg.

Na, das ist nicht ganz richtig. Es ist möglich. Und ich kenne inzwischen einige tausend Menschen, die diesen Weg gehen und durchaus auch zeigen, dass es möglich ist. Nie ideal, man ist in diesem Prozess nie fertig, man wird nicht plötzlich ein ganz neuer Mensch. Aber in der Therapie sagen wir, wenn man den Weg durch seine Gefühle geht, dann gewinnt man eine neue innere Stabilität, neue Freude am Leben.

Dass ich über mein eigenes inneres Elend, über die Defizite, die Mangelsituationen, die sich in meinem Leben ereignet haben — in meiner Kindheit schon, und dann in der Gesellschaft fortgeführt — dass ich den Mut habe, dies aufzuspüren und daran jetzt bewusst zu leiden — das führt zu einem Zustand von größerer Freiheit, größerer Selbstsicherheit, Bewusstheit und schafft eben den Mut zu neuem Leben.

Dies ist, therapeutisch gesehen, durchaus möglich. Die Frage ist nur: Wie ist es massenweise möglich? Das weiß ich auch nicht. Ich bin an dieser Stelle erst mal nur insofern optimistisch, dass wir überhaupt über diese Themen öffentlich arbeiten können, dass ein Interesse besteht, dass darüber gesprochen, informiert wird. Es gibt zunehmend Menschen, die sich in Selbsthilfegruppen zusammenschließen, um über ihre inneren Befindlichkeiten sich gegenseitig Mitteilung zu machen.

Also da gibt es hoffnungsvolle Ansätze, und zugleich gibt es aber auch das Gegenteil: dass man angefeindet wird, weil man solche Themen in die Öffentlichkeit bringt. Man wird abwarten müssen, wie die politische Entwicklung weitergeht.

Ich halte es nicht für ganz ausgeschlossen, dass es wieder Zeiten geben kann, wo die Behandlung solcher Themen verboten wird. Dass wir dann wieder nicht öffentlich danach fragen können: Was treibt denn Menschen heute zur Macht? Sind das nur edle Motive, oder sind das vielleicht auch Ablenkungsmanöver von innerer Not?

Eins der gängigsten Argumente gegen eine bewusste Beschäftigung mit der eigenen und auch der gesellschaftlichen Vergangenheit lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Wir haben einfach keine Zeit für den Luxus, über den Schnee von gestern zu lamentieren; wir brauchen unsere Kräfte, um die Probleme der Gegenwart und der Zukunft zu meistern. Was halten Sie von einer solchen Einstellung?

Es ist richtig und lachhaft zugleich. Richtig ist: Das wirtschaftliche Desaster und noch viel mehr die ökologische Krise sind so ausgeprägt, dass tatsächlich dringend etwas geschehen muss. Auf der anderen Seite — also mir geht es persönlich so —, ich habe jetzt vierzig Jahre hier gelebt, ich muss nicht sofort den westlichen Wohlstand haben, oder es muss nicht sofort für mich die Wirtschaft perfekt gemacht werden. Es wird also auch, denke ich, Panik gemacht, schlimmer dargestellt, als es in Wirklichkeit ist. Noch hungert keiner in der DDR.

Ich denke, wenn wir uns vierzig Jahre Zeit gelassen haben, haben wir auch noch ein, zwei, drei weitere Jahre Zeit, um in Ruhe miteinander zu arbeiten, miteinander zu ringen, eine neue Form einer Gesellschaftsordnung mit einer neuen Form einer Wirtschaftsordnung aufzubauen, wirklich gründlicher zu überlegen, das allmählich wachsen zu lassen. Und immer wieder auch in Verbindung damit: uns Zeit zu lassen, Raum zu geben für Vergangenheitsbewältigung. Ich habe immer den Eindruck gehabt, diejenigen, die am lautesten geschrien haben: „Lasst doch die Vergangenheit, es ist genug geredet!“, das sind diejenigen, die am wenigsten ihre eigene Vergangenheit bewältigt haben, die am meisten Angst davor haben, das auch nur zu versuchen.

Hinter dieser Einstellung steckt ja irgendwo auch die Meinung, dass für das, was man in der Gegenwart macht und in der Zukunft machen möchte, die Vergangenheit gar keine Rolle spielt. Was resultiert denn aus einer nicht bewältigten, nicht bewusst erlebten Vergangenheit für die Gegenwart eines Menschen?

Wir haben in unserer Arbeit dafür einen Fachausdruck, den sogenannten Wiederholungszwang. Und der besagt, dass Menschen zwanghaft das wiederholen müssen, was sie in ihrer frühen Kindheit erfahren haben. Das heißt, sie verhalten sich unbewusst so, dass die Verhältnisse, die für sie ursprünglich waren, wiederhergestellt werden. Und sie suchen solche Verhältnisse oder tragen dazu bei, dass solche Verhältnisse wiederhergestellt werden.

Der Sinn einer solchen absurd erscheinenden Verhaltensweise liegt darin, dass die frühen Erfahrungen, die man gemacht hat, ja immer auch auf die genannte Art mit Bitterkeit, mit unangenehmen Erlebnissen verbunden sind — die man aber letztendlich verdrängt hat. Aber wenn man jetzt bessere Verhältnisse herstellen oder erfahren würde, würde man unweigerlich an diese ursprünglichen bitteren Erfahrungen erinnert werden. Und diesen Schmerz will man vermeiden.

Aber es liegt auch etwas Positives im Wiederholungszwang: Er ist ja ein Ausdruck dafür, dass innerlich etwas unbewusst gärt, schmort, eigentlich anders erledigt sein möchte. Und indem ich immer wieder die gleichen Verhältnisse wie damals herstelle oder suche, will ich mir auch eine Chance geben, es doch mal besser ausgehen zu lassen. Und so hat der Wiederholungszwang diese negative Seite, dass der Mensch nicht seine Erfahrung freiwillig verlässt, und zugleich ist er der Hoffnungsträger dafür, dass es einmal unter entsprechend günstigen Verhältnissen wirklich zu einer Aufarbeitung, zu einer Lösung für die frühen Probleme kommt.

Das ist ja auch der Grund, worauf wir in der Therapie bauen können: Dass im Menschen selbst so eine Hoffnung weiterhin bestehen bleibt, dass er zu mehr Freiheit, zu mehr Gesundheit, zu mehr Befriedigung seiner Grundbedürfnisse findet. Und wenn wir den Kontakt zu diesem Teil seines Wesens aufbauen, dann haben wir auch in jedem Menschen einen Verbündeten, der dann bereit ist, auch Schmerz und bittere Erinnerung in Kauf zu nehmen, um sich diese neuen Möglichkeiten zu erarbeiten.

Dieser Wiederholungszwang besagt dann aber auch — noch einmal auf unsere gesellschaftliche Situation angewandt —, dass das, was wir jetzt als „stalinistisch“ zusammenfassen, was an stalinistischen Anteilen in unserer Erziehung, in unserem Leben war, dass wir diese Zustände sozusagen unbewusst auch immer wieder herstellen werden, solange wir diesen Anteil unseres Lebens, unserer Persönlichkeitsentwicklung nicht bewusst erleben.

Genauso ist es. Man sieht es doch schon, dass man eben neue Führer braucht. Die werden doch zuhauf ins Land geholt. Als wenn wir nicht selber unsere Reden zu unserer Wahl halten könnten. Man muss sich das mal überlegen, wie klein wir uns selber machen, für wie unfähig wir uns erklären, wenn wir nicht unseren Wahlkampf selber machen, dass wir uns wirklich neue „Väter“ holen, die uns sagen sollen, was richtig und was falsch ist. Und ich denke, der Gedanke ist gar nicht so absurd, dass wir statt stalinistischer repressiver Strukturen jetzt die Repressionen durch die Macht des Geldes oder des Konkurrenzkampfes suchen. Das sind ja auch einengende, repressive Strukturen, die den Wiederholungszwang sättigen können.

Ich habe das selbst schon am eigenen Leibe empfunden: Wenn ich hier in der DDR etwas einkaufen will, dann ärgere ich mich meistens, dass ich dies und jenes nicht finde und nicht bekomme und bin also frustriert. Jetzt bin ich in die Bundesrepublik gefahren und bin dort einkaufen gegangen, und was habe ich erlebt? Also ich war ähnlich frustriert, weil ich mich bei der Fülle der hervorragenden Angebote nicht entscheiden konnte, oder ich hatte dann was Wunderbares gekauft und stellte nach zehn Minuten fest, dass ich den gleichen Artikel hätte zehn Mark billiger bekommen können in einem anderen Laden. Und das ist bei den geringen Geldern, über die wir verfügen, natürlich frustrierend. Also, am Ende war ich genauso frustriert, obwohl ich aus der Fülle schöpfen konnte wie hier, wo ich den Mangel erleiden musste.

Und da habe ich zum ersten Mal auch drüber nachgedacht: Mensch, das sind doch neue Repressionen! Der Markt, die Fülle, der Überfluss, dieses Konkurrenzdenken erzeugt ganz neue Zwänge und Einengungen.

Dann habe ich mit Bekannten, Freunden und Verwandten im Westen gesprochen und habe festgestellt, dass sie ständig beschäftigt sind: Wo kriege ich einen Artikel am billigsten? Ich wurde nahezu angefahren manchmal; wenn ich irgendwas kaufen wollte: Das kannst du doch nicht machen, man muss erst noch dort und dort schauen, ob es nicht billiger ist!

Also, ich dachte, ich bin in einem absurden Theater: Ich habe mich gerade mühsam aus solchen Einengungen befreit und bin schon wieder in den nächsten, die nur goldig verpackt sind. Da wird deutlich, dass möglicherweise diese neuen Verhältnisse nichts anderes als den Wiederholungszwang ausdrücken. Und was wir jetzt so mit „stalinistisch“ bezeichnen, wird vielleicht in einem neuen System eines Tages den Beinamen „konsumterroristisch“ bekommen und ist nur eine andere Variante desselben Problems.

1945 hat es in Deutschland offensichtlich keine ausreichende kollektive Trauerarbeit zur Bewältigung des Faschismus gegeben. Besteht nicht die gleiche Gefahr, zu verdrängen statt aufzuarbeiten, jetzt hierzulande bezüglich des Stalinismus?

Ja. Es gibt auch jetzt wieder eine massenweise Betroffenheit, eine massenweise Schuld und — so wie ich es jetzt sehe — den Versuch einer gemeinsamen „Erlösung“, zum Beispiel in der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Das, denke ich, ist im Moment der Versuch, von der individuellen Problematik abzulenken.

Eine „kollektive" Trauerarbeit allerdings im Wortsinn ist nicht möglich. Man kann zwar kollektive Formen finden wie Öffentlichkeits- oder Medienarbeit, kann in Literatur und Kunst diese Themen aufgreifen und dadurch große Bevölkerungskreise erreichen. Aber auch eine Rede oder eine Kundgebung, eine Demonstration, die sich dieses Themas annimmt, wäre noch keine Trauerarbeit im eigentlichen Sinne. Denn Trauerarbeit kann nur jeder einzelne leisten.

Wenn man das mal vergleicht mit der Trauerfeier bei einer Beerdigung, dann gibt es dort eine Gruppe von Menschen, ein Ritual, das günstige Bedingungen dafür schaffen könnte — in der Realität wird diese Chance meist verpasst —, dass der einzelne eine Chance hat zu trauern. Dass er innerhalb eines geschützten Rahmens zu seinem Schmerz kommen kann, dass er jetzt eine Erlaubnis hat, zu weinen, zu trauern über den Verlust. Man könnte sich vorstellen, dass wir innerhalb einer Gesellschaft auch solche Möglichkeiten, solche Rituale uns geben: in Versammlungen, in Gesprächen untereinander, in kleineren oder größeren Gruppen.

Aber die eigentliche Trauerarbeit bleibt eine ganz individuelle, eine, die jeder für sich leisten muss und der er auch einen individuellen Inhalt geben muss, denn er ist ja auf seine ganz konkrete Art und Weise betroffen von der Verformung.

Sie haben vorhin schon das Buch ,,Die Unfähigkeit zu trauern“ erwähnt. Dort werden ganz ähnliche Probleme besprochen, wie wir sie diskutiert haben. Die Mitscherlichs sprechen zum Beispiel davon, dass das sogenannte Wirtschaftswunder der BRD nach dem zweiten Weltkrieg vor allem dadurch notwendig und möglich geworden ist, „weil Millionen Bürger durch neue gewaltige Anstrengungen die Anstrengungen verdrängen wollten oder ungeschehen machen wollten, die sie im dritten Reich unternommen hatten“ — bei der Unterstützung oder Duldung des Massenmordes an den Juden oder bei der Vorbereitung und Durchführung des zweiten Weltkrieges. Sie sprechen auch von einer Taktik, die auf das Motto hinausläuft: „Der Führer hat an allem Schuld. Wir sind alle nur betrogen worden und mussten gehorchen“ — eine These, die mir aus der jüngsten DDR-Geschichte sehr bekannt vorkommt. Und sie vertreten schließlich die Meinung, dass durch dieses massenweise Verdrängen der faschistischen Vergangenheit die Bundesbürger, ihre Parteien und Politiker nicht in der Lage wären, flexibel und kreativ auf neue politische Situationen zu reagieren. Kann man also in dieser Weise die am einzelnen Menschen — zum Beispiel durch psychoanalytische Therapie — gewonnenen Erkenntnisse auf ein Kollektiv übertragen? Lässt sich auch über einen ganzen Staat sagen: Die Kraft, die er verwenden muss, um die eigene Vergangenheit zu verdrängen und unbewusst zu halten, fehlt ihm für die Gegenwartsbewältigung?

Ich denke, unbedingt.

Politik wird von Menschen gemacht, und Parteien werden von Menschen gemacht. Das heißt, das, was in der Politik als Programm erscheint, ist letztlich das Ergebnis der Gedanken und der Haltung von einzelnen Menschen. Das heißt, die Psychologie des einzelnen wird sich in den politischen Programmen auf jeden Fall ausdrücken und abfärben. Deshalb war die Parole ,,Die Partei hat immer recht“ ja eine ebenso absurde wie gefährliche, weil damit der Eindruck erweckt wurde, dass die Partei ein eigener Mechanismus wäre, der nun also übermenschliche, metaphysische Kräfte entwickeln könnte. Und das ist ein einfacher Betrug: Eine Partei ist nichts anderes als einzelne Menschen. Und bei der SED musste man sogar sagen, letztlich sind es nur noch die Ideen von einigen wenigen oder sogar eines einzelnen gewesen.

Ich halte es zum Beispiel für sehr wichtig, dass eine Auseinandersetzung mit den Mächtigen, also zum Beispiel auch mit Erich Honecker, geschieht. Nicht im Sinne des Sündenbockes — „Der ist schuld!“ —, sondern um genauer zu wissen: Ist Erich Honecker ein Verbrecher? Oder ein psychisch Kranker? Oder ein ganz durchschnittlicher, normaler Bürger wie die meisten in unserem Land? Ich glaube, das Letztere wird am ehesten stimmen.

Das heißt, er verkörpert am deutlichsten das, was sozusagen auch am verbreitetsten in der Bevölkerung ist: Bestimmte Charakterstrukturen, die zusammenpassen.

Keiner kann sich auf die Tribüne stellen, wenn es nicht ein Volk gibt, das da willig vorbeidefiliert und solche grotesken Aufmärsche mitmacht. Da wird irgendetwas ausgedrückt, was das ganze Volk betrifft. Und der Führer ist dann sozusagen die ,,Gestalt gewordene Psychologie“, also der Ausdruck dessen, was in den meisten Menschen vorhanden ist. Nur im Führer wird das am schärfsten, am deutlichsten klar.

Und es gibt ja auch das Wort ,,Jedes Volk hat den Führer, den es verdient“, ,,Jeder Mensch hat den Partner, den er verdient.“ Da ist sehr viel Wahres dran, weil sich im Partner, im Führer ausdrückt, was man selbst ist. Das ist irgendwie ein Spiegelbild.

Um noch einmal auf die Analyse von Alexander und Margarete Mitscherlich zurückzukommen: Dieser Analyse kann man also entnehmen, dass auch für viele Bundesbürger das gilt, was Sie aufgrund Ihrer therapeutischen Erfahrung für die große Zahl von DDR-Bürgern annehmen können, nämlich Schwierigkeiten mit der eigenen Vergangenheit, blinde Flecken immer besonders da, wo es weh tut. Besteht da nicht eine Riesengefahr, wenn die beiden deutschen Staaten jetzt aufeinander zugehen, dass sich die massenhaft vorhandenen Charakterstrukturen — die ja dann so unterschiedlich vermutlich gar nicht sind —, dass sich diese Charakterstrukturen und diese ,,Unfähigkeiten zu trauern“ gegenseitig aufschaukeln, verstärken, wenn sie weiterhin verdrängt bleiben? Gibt es nicht auch aus psychotherapeutischer Sicht eine tatsächliche Gefahr, wieder in die alte Großmannssucht, in den Größenwahn, in die Deutschtümelei und ähnliches zurückzufallen, als eben „ein Volk“ — mit einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit?

Ich sehe diese Gefahr als gegeben. Ich kann mir das so vorstellen: Wenn es so kommt, dass wir angeschlossen werden an die Bundesrepublik, dann heißt das ja, dass vierzig Jahre Leben in diesem Lande im Grunde nichts getaugt haben. Ich meine damit nicht unser politisches oder wirtschaftliches System — das hat offensichtlich wirklich nichts getaugt, aber hier haben sechzehn, siebzehn Millionen Menschen gelebt, die eben auch ein ganz persönliches Leben zu verantworten haben. Es geht also, denke ich, um die Würde des Einzelnen. Und wenn plötzlich gesagt wird, alles, was war, taugt nicht mehr, jetzt müssen wir so leben, wie es uns die Bundesrepublik vorschreibt, dann kann man schon ermessen, wieviel Kränkung, wieviel Hass und Neid, wieviel Enttäuschung das in jedem DDR-Bürger zurücklassen muss.

Jeder von uns weiß, wie das war, wenn er zwanzig Jahre meinetwegen auf einen Trabbi gespart hat. Er hat sparen müssen, anstehen müssen, er musste sich was einfallen lassen, er hat seinen ganzen Stolz, seine Ehre, seine Kreativität in das Erreichen solcher Ziele gesetzt, ein Auto oder eine Wohnung hübsch einzurichten, eine Datsche zu haben, einen Schrebergarten zu gestalten. Und plötzlich ist das entwertet. Der Trabbi ist doch nur noch ein Haufen Mist, wenn wir die Westwagen sehen!

Das heißt aber, das, was viele Jahre unseren Stolz ausgemacht hat, wo wir auch irgendwas von unserer Würde drangehangen haben, ist plötzlich nur noch einen Haufen Dreck wert. Das kann ein Mensch ohne tiefe Kränkung, also ohne Beleidigung und schmerzliche Berührung nicht verkraften. Und das bleibt in uns stecken. Wenn das also nicht eine Möglichkeit hat, dass wir das irgendwie ausdrücken können, dass wir das, was weiß ich, hinausweinen, hinausschreien können, bleibt das eine Bombe, die in uns tickt.

Und das wird sich rächen, wenn wir uns nach dem ersten Wohlstandsrausch die Frage stellen werden: Ja, und nun? War es das, sind wir jetzt glücklicher und zufriedener? Dann, denke ich, wird sich diese aufgestaute destruktive Energie anfangen zu entladen, und dann könnte durchaus passieren, dass das große Deutschland neue Ziele sucht, neue Feinde braucht, um den wahnsinnigen, unausgelebten sozialen Druck irgendwohin zu richten.

Wenn ich also die Bedenken höre, die von den Nachbarländern, von Polen, von Frankreich, Holland geäußert werden, dann sind das bestimmt keine realpolitisch begründeten Bedenken, aber intuitiv wird da etwas empfunden, etwas geahnt von dieser Problematik, die sich aufbauen kann, wenn es ein vereintes Deutschland gibt ohne psychische Revolution, ohne Trauerarbeit.

Ich will's noch mal von einer anderen Seite sagen. Ich bin überzeugt aus vielen Erfahrungen, die ich auch mit Westdeutschen gemacht habe, dass viele von ihnen auch davon gelebt haben oder sich besonders gut, groß, reich fühlen konnten, weil wir die ärmeren, erbärmlicheren, kleineren, die kleinmütigeren, die kleinkarierteren Brüder und Schwestern waren. Sie konnten auch ihre innere Problematik dadurch kompensieren: Na, guckt euch doch die im Osten an, guckt doch mal, wie beschissen die leben! Und das hat ihnen ein Größegefühl gegeben.

Das wird plötzlich auch fehlen, wenn wir im vereinten Deutschland nicht mehr die armen Hanswürste sind. Auch da, denke ich, fehlt ein Kompensationsmechanismus. Wo wird das hinschwappen? Wie werden nun eine große Anzahl der Westdeutschen, sagen wir mal, ihre Größe messen können, wenn sie sich nicht mehr vergleichen können, wenn wir alle VW und Mercedes fahren, und sie nicht mehr lächeln können über unsere blöden Autos?

Dann wird es ganz neue Erlebensweisen geben oder eine Not, einen Druck, neue Erklärungen, neue Opfer, neue arme Brüder und Schwestern zu schaffen — nur um im Gleichgewicht zu bleiben. Also, die Labilisierung liegt nicht nur bei uns, sondern sie liegt auch bei den Westdeutschen im vereinten Deutschland.

Die seelischen Gefahren sind allerdings für die Westdeutschen sicherlich insofern etwas geringer, wenn wir wenigstens nur angeschlossen werden. Denn andernfalls wäre es ja sicherlich für einen Großteil von ihnen auch irgendwie eine Kränkung: Sie waren die ganzen vierzig Jahre das aktivere, clevere, erfolgreichere, international anerkanntere Volk, und nun sollen sie sich mit diesem doch kleinen, nicht so effektiven Land, was von allen diesen traditionellen Werten von Leistung weniger erreicht hat, auf einen Kompromis einlassen? Wozu eigentlich? Was haben dann die eigenen Werte noch für eine Bedeutung? Andererseits würden wir aber als DDR-Bürger, wenn wir angeschlossen werden, zum zweiten Mal unsere Identität aufgeben müssen. Erst konnten wir mit der Schuld, die unsere Väter, unsere Großeltern getragen haben im Faschismus ebenso wenig weiterleben wie die Westdeutschen, und jetzt dürfen wir wieder nicht zu unserer Vergangenheit stehen, die nun mit dem Wort Stalinismus belastet ist. Wer sind wir denn eigentlich dann?

Wir waren ja auch immer irgendwie gern gesehene Gäste, wenn wir in den Westen kamen, oder wir wurden gefördert, gestützt. Wohlwollen war da. Und das ist doch schon längst umgeschlagen. Die DDR-Bürger, die jetzt rüberkommen, werden doch schon — ich denke, auch mit Recht — eher abgelehnt, es ist kein Verständnis mehr vorhanden. Zunehmend hört man Ängste drüben: Was wird, wenn die Einheit kommt?

Wir sind auch schon die neuen Sündenböcke: Die Probleme, die in der Bundesrepublik bisher verdeckt waren, können jetzt auch den DDR-Bürgern angelastet werden. Das ist bereits im Gange. Da wird es ganz neuartige soziale Konflikte geben, die ausgetragen werden, und wir wissen noch nicht, wie.

Ich denke, die einzige Hoffnung, die wir hätten — ich denke, sie ist schon verspielt — wäre die gewesen, dass wir uns wirklich noch zwei, drei Jahre Zeit ließen, um zu einer größeren inneren Reife, zu einer inneren Demokratisierung zu kommen, dass wir wirklich, sagen wir mal, erhobenen Hauptes mit unserer Würde ein Deutschland wieder bilden können.

Dass wir weder als arme Brüder und Schwestern kommen, denen geholfen werden muss, noch eben als Ex-Stalinisten oder als welche, die jetzt Unruhe schaffen. Dass eine Reife kommen kann, eine innere Bewältigung der Probleme, die wir in uns tragen.

Ich meine, dass es auch eine Chance wäre, wenn wir diesen Weg gehen würden, auch wieder so manchem Westdeutschen vielleicht ein bisschen Mut zu machen, selbst mal wieder nach innen zu schauen und selbst innezuhalten und sich zu fragen: „Ja, wir leben zwar in einem der reichsten Länder der Welt, aber leben wir glücklich?“ Dass wir auf diese Weise eine neue gesunde Politisierung nach Deutschland bringen.

Das wäre — ist — eine Chance, die wir durchaus für uns nutzen könnten, die uns auch besser anstehen würde als nur den Westen nachahmen zu wollen.


PS: Ein 22-minütiger Ausschnitt aus dieser Sendung kann hier angehört werden.



Quellen und Anmerkungen:

Zu trauern ist „die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal und so weiter. Die Realitätsprüfung hat gezeigt, dass das geliebte Objekt nicht mehr besteht, und erlässt nun die Aufforderung, alle Libido aus ihren Verknüpfungen mit diesem Objekt abzuziehen. Dagegen erhebt sich ein begreifliches Sträuben. Das Normale ist, dass der Respekt vor der Realität den Sieg behält. Doch kann ihr Auftrag nicht sofort erfüllt werden. Tatsächlich wird aber das Ich nach der Vollendung der Trauerarbeit wieder frei und ungehemmt“ (Sigmund Freud, Trauer und Melancholie, 1917).


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