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Weitblick

Weitblick

Aus dem Innersten: Du sollst nicht so viel denken.

Mein Verstand will ständig gefüttert werden. Sein Hunger nach Informationen ist zügellos. Seine Neugier ist kaum zu befriedigen. Und kaum ist der Hunger nach Wissen gestillt, dürstet er nach Erkennen. Mein Verstand vertieft sich in meine Vergangenheit, ordnet meine Erfahrungen und Erinnerungen, und mit Vorliebe lenkt er meinen Blick auf Zukünftiges. Die Prognosen stehen günstig, sofern ich besonnen bleibe, und mein Leben planmäßig organisiere und meine Handlungen stets auf ihre Nützlichkeit hin überprüfe. Es ist unbestritten, dass der Weitblick meines Verstandes mich vor vielen widrigen Überraschungen schützt. Aber mein Gefühl, das häufig mit meinem Verstand Auseinandersetzungen führt, äußert sich dahingehend, dass dieser Weitblick die Sichtweise auf das Naheliegende und Unmittelbare verengt. Ja, mein Gefühl wirft mir vor, dass ich zurzeit wohl lieber das Weite suche …

Nicht mein Herz, sondern mein Kopf ist voll mit Gefühlen. Aber der weiß nichts damit anzufangen. Im Lagerraum des Hirns stapeln sich Unbehagen, Unzufriedenheit und Angst. Freude und Glück sind in diesem Depot nicht lagerfähig, das wäre etwas für Herz und Seele. Aber die haben wegen Enttäuschung derzeit geschlossen. Ich soll fließen lassen, ich soll nicht soviel denken. Einfach fließen lassen, sagt Peter, der Therapeut. Er ist der Meinung, dass ich meinem Gefühl mehr trauen sollte. Er ist nicht der Einzige, der meint, dass ich zu viel denke. Fromme Menschen sind besorgt um mein Seelenheil, denn wer zu viel denkt, der glaubt zu wenig an Gott, an Himmel und Hölle. Glaube braucht keinen Verstand, behaupten sie.

Ich traue allerdings lieber meinem Verstand. Ich will ihm nicht untreu werden. Er weiß genau, was ich brauche. Wohl empfinde ich ihn häufig als recht aufdringlich. Er könnte sich doch hin und wieder für bestimmte Phasen entfernen, mir mehr Freiraum gestatten, aber er weigert sich. Er ist der Meinung, dass für mein Überleben seine dauernde intensive Anwesenheit notwendig ist.

Die Liebe ist in dir, versichert mir Peter, der Therapeut. Er kann mich nicht überzeugen, denn ich weiß nicht, was Liebe ist. Alles, was ich über sie zu wissen glaubte, was von ihr behauptet wurde, ist mir im Laufe des Lebens in Scherben begegnet. Niemals als etwas Vollständiges, Klares und Eindeutiges. Kaum hatte ich gemeint, sie begriffen zu haben, sie zu besitzen, erbot sich das Schicksal eilfertig, Ereignisse zu inszenieren, die mächtig genug waren, mir das Herz zu zerreißen, und alle meine Gewissheiten zu zertrümmern. Aus den Trümmern kroch die Angst, die mich eine lange Zeit meines Lebens begleitete. Gefesselt, geknebelt vegetierte ich vor mich hin. Irgendwann löste sich die Angst mit der Unsicherheit ab. Die war ein wenig höflicher. Sie gab mir mehr Spielraum, aber hinter ihrer Höflichkeit lauerte Grausamkeit. Denn wie anders lässt sich ihr Verhalten deuten, das überall Hindernisse und Fallen witterte, sodass ich es kaum wagte, mich zu bewegen, obwohl ich frei gewesen wäre.

Der Verstand ignoriert meine Ängstlichkeit. Er fordert mich auf, die Trümmer zu beseitigen. Und gehorsam mache ich mich daran, die Trümmer aufzulesen. Aber ich bringe es nicht über mich, sie wegzuwerfen. Ich sortiere sie achtsam und verwahre sie sorgsam in einer Kammer meines Herzens. Die Tür zur Kammer lasse ich offen.

Seit geraumer Zeit strebt mein Verstand eine partnerschaftliche Verbindung mit meinen Gefühlen an. Denn immer häufiger zieht er sich bescheiden zurück, wenn sich meine Gefühle zu Wort melden. Sein Appetit auf den Weitblick ist merklich gedämpfter. Ich kann nun länger im Augenblick verweilen. Langsam komme ich mir selber immer näher …


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