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Bildungsferne Vielfalt

Bildungsferne Vielfalt

Eine neue PISA-Studie offenbart massiv dysfunktionale Schulen — Migration darf bei der Suche nach Ursachen nicht aus ideologischen Gründen unter den Tisch fallen.

Wissen Sie noch — der PISA-Schock im Dezember 2001? Das waren noch goldene Zeiten! Seither ging es abwärts mit dem Niveau von Deutschlands Schülern. Jedenfalls im Ergebnis. Denn nachdem die vermeintliche Kulturnation zu ihrem Entsetzen aus allen Medien entnehmen musste, dass ihre verwöhnten Sprösslinge, was Leistungsfähigkeit betraf, global allenfalls zum unteren Mittelfeld gehörten, ging zuerst einmal ein von den Politeliten vorangetriebener Ruck durch das Land. Die Werte stiegen wieder kontinuierlich an, die juvenilen Landsleute Goethes und Kants schienen sich berappelt zu haben. Bis die Kurve dann wieder scharf nach unten abknickte: im Jahr 2015.

Wie kam es dazu? Hatte man seine Lektion nach überstandener Nationalschande immer noch nicht gelernt? Die neue PISA-Studie 2025, veröffentlicht am 8. September 2026, sollte die schulischen Leistungen von 15-Jährigen aus aller Welt bewerten. Sie erbrachte einen Absturz Deutschlands unter das Niveau des Horrorjahrs 2001. Was die Lesekompetenz betrifft, so gleicht die Leistungskurve dem Höhenprofil einer Hochgebirgswanderung. Im Jahr 2000: 484 Punkte, im Jahr 2015: 509 Punkte (Gipfelpunkt), im Jahr 2026: 464 Punkte. In den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften, die ebenfalls abgefragt wurden, war der Verlauf ähnlich. Musische Fächer, Psychologie, Geschichte, Religion, Fremdsprachen und andere kommen in der Studie gar nicht vor — auch das ist bezeichnend.

Reparaturanstalt der Gesellschaft

Mathias Brodkorb und Klaus Zierer fällen in ihrem topaktuellen Buch „Tyrannei der Gleichheit. Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft“ ein vernichtendes Urteil:

„Heute weisen die Schüler noch schlechtere Kompetenzwerte auf als in der ersten PISA-Studie im Jahr 2000, bekannt geworden als PISA-Schock im Land der Dichter und Denker.“

Als Ursache sehen der frühere Finanzminister Mecklenburg-Vorpommerns und der Erziehungswissenschaftler vor allem eine Überforderung der Schulen, die zu „Reparaturanstalten unserer Gesellschaft“ geworden seien. Alles, was Politik und Elternhäuser versäumt hätten, müssten nun Pädagogen nachträglich leisten. Die Wissensvermittlung wird durch Anforderungen sozialpädagogischer und psychologisch-integrativer Art an den Rand gedrängt.

„Binnen zehn Jahren hat jeder Schüler durchschnittlich etwa ein ganzes Schuljahr an Lernentwicklung eingebüßt. (…) Umgekehrt bricht die Leistungsspitze unter den Schülern regelrecht zusammen.“

Gemeint ist: Die Besten sind relativ gesehen heute schlechter als früher. Bundesbildungsministerin Karin Prien erklärte die Bewältigung der Bildungskrise daher zu einer „Schicksalsfrage für Deutschland“.

Wir dürfen dabei nicht vergessen, was schon vor 26 Jahren an berechtigten Einwänden gegen das System „PISA“ ins Feld geführt wurde. Die Studien erzeugen international einen enormen Erfolgsdruck, indem sie Schüler aller Länder quasi in einen permanenten Wettkampf gegeneinander hetzen — eine Motivation, die sicher nur selten von den jungen Menschen selbst ausgeht. Individuelle und kulturelle Unterschiede werden eingeebnet, nie vollständig Vergleichbares wird verglichen. Länder mit einem Leistungsdruck, der an Kindesmisshandlung grenzt, wie China oder Singapur, liegen regelmäßig vorn und werden deutschen Schülern zum Zweck der Beschämung vor Augen gehalten.

Geprüft wird meist abfragbares Wissen in nur grobem Raster. Kreativität, das Denken in Zusammenhängen, das tiefergehende Durchdringen von Wissensstoff fallen gleichsam durch die Maschen des Netzes, in dem man die Lernenden zu fangen sucht. Ganz zu schweigen von nicht quantifizierbaren Kriterien wie Herzensbildung und sozialer Kompetenz.

Geformt werden sollte offenbar eine atemlos hechelnde Weltschülerschaft, die unter der Knute unbarmherziger Erwachsener die Galeere „Schule“ antreibt. Man möchte den Schülern zurufen: Lasst die Alten lamentieren und konzentriert euch auf eure Lebensqualität! Pflegt nicht-materielle Werte. Lasst meinetwegen die ganz große Karriere sausen und entfaltet das, was in euch steckt — egal was die Spießer sagen.

Tabuthema Migration

Aber die Situation ist komplizierter. Manche Defizite, die bei deutschen Schülern festgestellt wurden, sind so grundlegend, dass sie das Leben besagter Jugendlicher tatsächlich dauerhaft überschatten könnten, wenn keine Lösung gefunden wird. Und da kommen wir zu der Frage, die man in bestimmten Milieus eigentlich gar nicht stellen darf, ohne als „gesichert rechtsextrem“ abgekanzelt zu werden. Eine Frage, die sich gerade wegen des Eifers, mit der sie unterdrückt werden soll, umso mehr ins Bewusstsein drängt: Liegt es an der Migration?

Brodkorb und Zierer meinen: Ja (aber nicht nur). Ein Beispiel:

„Kinder mit Migrationshintergrund aus der ersten Generation verlieren zwischen 2012 und 2022 in Mathematik ganze 63 Leistungspunkte. Das entspricht einem Lernfortschritt von zwei Schuljahren.“

Dabei ist Mathematik naturgemäß nicht das Fach, in dem die perfekte Beherrschung der deutschen Sprache am wichtigsten ist. Um das Fach Deutsch geht es gar nicht in erster Linie. Die Probleme sind viel grundlegenderer Natur: Viele Schüler können dem Unterricht sprachlich nicht folgen. „In der Grafenau-Grundschule in Ludwigshafen gibt es praktisch keine Kinder deutscher Herkunftssprache mehr“, beschreiben die Autoren ein besonders drastisches Beispiel. Der Journalist Uwe Ebbinghaus gibt seine Eindrücke so wieder:

„Es gibt eine Einschulungsfeier, auf der kaum jemand versteht, was vorne gesprochen wird; kaum ein Kind kann in der ersten Unterrichtsstunde mit dem Satz ‚Jetzt nehmen wir das rote Heft aus dem Schulranzen‘ etwas anfangen, vielen ist das Halten eines Stifts oder einer Schere nicht vertraut. (…) Viele von ihnen kommen mit geringen oder gar keinen Deutschkenntnissen in die Schule.“

Deutsche Schulen (fast) ohne Deutsche

Rund 41.000 Grundschüler mussten 2025 die erste Klasse wiederholen. Ein holpriger Start, der für die weitere „Laufbahn“ nichts Gutes verheißt. Der Grund: hauptsächlich schlechte Deutschkenntnisse. Selbst ein junges Mathegenie muss passen, wenn es die Erklärungen des Lehrers nicht versteht, wenn es nicht fragen und die Antworten einordnen kann. Einige Bundesländer wie Hamburg oder Bayern haben deshalb jetzt verpflichtende Sprachtests eingeführt. Wolfgang Büscher von der „Arche“ Berlin berichtet von einer ersten Klasse, in der 30 Prozent der Schüler „kein Wort Deutsch“ sprechen. Neben der Lehrkraft müssen stets vier Pädagogen anwesend sein, die sich um die Kinder kümmern.

Ein Lehrer klagt: „Wir können überhaupt keinen Schulstoff mehr vermitteln, wir müssen uns um das kümmern, was in der Regel die Eltern machen sollen.“ Eine Schule, in der der Schulstoff nicht vermittelt werden kann — wohin führt das? Statt die Migrationsdichte in Frage zu stellen, wird jedoch oft auf Eltern oder auch auf Kitas herumgehackt, die angeblich ihre Hausaufgaben nicht gemacht hätten, um Kinder optimal auf die Grundschule vorzubereiten. Gute Ideen wie regelmäßige Überprüfungen der Sprachkenntnisse scheitern oft am Personalmangel.

Stress, Depression und Mediensucht

Wenn wir diese Situation mit dem Schulunterricht in unserer eigenen Kindheit vergleichen, ist es eigentlich schwer vorstellbar, wie unter solchen Umständen überhaupt etwas gelernt werden soll.

Und die Deutschkenntnisse von frisch zugewanderten Kindern verbessern sich nicht unbedingt in rasantem Tempo. Denn sowohl der Schulhof als auch Elternhaus und Freundeskreis sind meist Zonen, aus denen die deutsche Sprache verbannt ist. Diese erscheint als eine Zumutung, ein lästiger Fimmel verständnisloser Lehrer, der den Schülern während der Unterrichtsstunden aufgedrängt wird.

„Kinder lernen nicht nur von Lehrern, sondern auch voneinander. Wie aber sollen Kinder effektiv Deutsch lernen, wenn sie untereinander nicht Deutsch sprechen?“ (Mathias Brodkorb, Klaus Zierer).

Ein Lehrer einer Gemeinschaftsschule in Nordrhein-Westfalen mit einem Migrationsanteil von 98 Prozent berichtet:

„Viele Kinder kommen ohne Deutschkenntnisse, ohne basale Fertigkeiten, ohne Sozialkompetenzen in die Klassen.“

Das Fehlen der Sozialkompetenzen macht sich dann wieder bei der Wissensvermittlung bemerkbar. Und die Psyche Heranwachsender verdunkelt sich zunehmend. Brodkorb und Zierer sprechen denn auch von einer Selbstmordrate bei jungen Leuten, die sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt hätte, von Depressionen, Einsamkeit, Ängsten und Stress. Manchmal kommt körperliche Vernachlässigung hinzu:

„Junge Menschen bewegen sich heute zu wenig, sie spielen zu selten im Freien und sind zu selten zu Fuß unterwegs.“

Stattdessen verbringen Jugendliche laut einer Postbank Jugend-Digitalstudie „pro Woche sage und schreibe über 71 Stunden im Internet, also mehr als zehn Stunden am Tag — meist sitzend oder liegend“. Der letztere Aspekt — das wissen alle, die Kontakt zu Jugendlichen haben — betrifft nicht allein Menschen aus eingewanderten Familien.

Wäre Deutschland ohne Massenmigration top?

Keinen Zweifel daran, welcher Faktor allein für die Bildungsmisere verantwortlich sei, ließ das Portal Nius in einer Sendung vom 10. September 2026. „Deutschland wäre ohne Massenmigration eines der bildungsstärksten Länder Europas“ war die Hauptthese. Dies wurde mit Zahlenmaterial aus der PISA-Studie untermauert.

Kinder mit zwei deutschen Eltern (513 Punkte) stünden deutlich besser da als der deutsche Durchschnitt (472 Punkte). Weit darunter lägen Kinder, die selbst eingewandert sind (430 Punkte). „Warum“, so fragte die Nius-Sofarunde, „geht die Leistungskurve seit 2015 kontinuierlich steil abwärts?“ Es ist offenbar nicht unbedingt so, dass sich Einwanderer nach einer intensiven Lern- und Integrationsphase seit 2015 wieder „gefangen“ hätten und einige Jahre später zu einem guten Durchschnitt beitragen könnten. Dem stehen vor allem die nachdrängenden Neuzugänge entgegen, die immer wieder bei null anfangen müssen.

Hätten wir nur deutsche Schüler — so suggeriert eine Grafik, die Nius einblendet —, so stünde Deutschland auf Platz 1 (Lesekompetenz und Naturwissenschaften) beziehungsweise auf Platz 2 (Mathematik) in Europa. Aber auch wenn man Werte von Schülern mit deutschen Eltern isoliert betrachtet, gilt natürlich: Früher war es weitaus besser. Warum?

Laut Nius-Redakteurin Pauline Voss geht es nicht so sehr um Migration als solche, sondern vor allem um die Art der Migration. Sie sieht vor allem den Islam in der Verantwortung, welcher Eltern und Kinder aus muslimisch geprägten Ländern dazu aufhetze, das ganze Schulsystem als „Vertreter des Staates“ abzulehnen. Sie suggeriert, der Islam lehne Integration ab, weil sie einen Anpassungsdruck erzeuge, der gegen die Grundsätze dieser Religion gerichtet sei. Sich von Ungläubigen etwas sagen lassen zu müssen, werde von vielen Kindern aus der islamischen Welt als erniedrigend empfunden, so dass sie auf stur schalten.

Dem gegenüber gebe es in anderen Ländern, etwa in der Schweiz, eine „High-Performer-Migration“, bei der gebildete und weltoffene Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen. Voss suggeriert damit, Deutschland solle künftig nicht so sehr darauf achten, ob Flüchtlinge „uns“ brauchen, sondern vielmehr darauf, ob „wir“ sie brauchen können.

„Sachlich gerechtfertigte Ungleichheit“

Im Gegensatz zu dieser auffälligen Fixierung von Nius auf das Thema Migration machen Mathias Brodkorb und Klaus Zierer vor allem einen grundlegenden Denkfehler in der Bildungspolitik verantwortlich: Der Staat wolle eine Gleichheit bei den Lernerfolgen erzwingen, obwohl die Startchancen der Schüler so verschieden seien, dass eigentlich nur eine totalitäre Diktatur diese einigermaßen einebnen könne.

Die Regierung versuche, „den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft (zu) entkoppeln“. Dies sei zwar gut gemeint, jedoch illusorisch und im Kern übergriffig. „Der Einfluss der Eltern auf die eigenen Kinder soll vollständig aus der Welt verschwinden und der Staat die ‚Lufthoheit über die Kinderbetten‘ erobern.“

Hier wendet sich das Autorenduo im Geist wirtschaftsliberalen Denkens offen gegen den sozialistisch geprägten Gleichheitsgedanken.

„Nicht Gleichheit wird von guter Bildung erzeugt, sondern sachlich gerechtfertigte Ungleichheit.“

Die Gleichheit der Startvoraussetzungen aller Schüler sei nicht nur wegen unterschiedlich ausgeprägter natürlicher Intelligenz und Charakteranlagen niemals zu erreichen — auch die Elternhäuser brächten völlig verschiedene Einflussfaktoren hervor, die von einer noch so gut konzipierten Schule niemals angeglichen werden könnten.

„Sechs Jahre sind mehr als 2.000 Tage. Beschäftigen sich Eltern und Kinder täglich drei Stunden miteinander, sind das mehr als 6.000 Stunden. In dieser Zeit wird vorgelesen — oder auch nicht. Das eine Kind hat einen Bruder, der mit ihm regelmäßig spielt und so die Kompetenzen des Geschwisterkindes unbewusst fördert — das andere nicht. Das eine wird gesund ernährt — das andere ungesund …“

Die Liste der prägenden Faktoren kann endlos fortgesetzt werden.

Lose-Lose-Spiel der Bildungsmisere

Es scheint klar, dass Migration nur einer von vielen möglichen „Hintergründen“ ist, die dabei eine Rolle spielen können. Sie ist allerdings einer, der den Alltag in Klassenzimmern zunehmend prägt. So hat sich der Migrationsanteil laut Statistischem Bundesamtvon 29,2 Prozent im Jahr 2010 auf 43,0 Prozent im Jahr 2025 erhöht. In Ballungszentren und an Brennpunkten gibt es sogar Schulklassen mit 80 bis 98 Prozent Migrationsanteil. Selbst wenn man Probleme, die mit dem „Culture Clash“ zusammenhängen — zum Beispiel mit dem Mentalitätsunterschied zwischen Kindern aus islamischen Ländern und solchen aus Deutschland —, hier einmal beiseitelässt, muss jedem klar sein: Das sind keine Orte, an denen man gut lernen kann.

„Unmenschlich“ ist es keineswegs, solche Verhältnisse zu kritisieren. Brodkorb und Zierer referieren nur das Offensichtliche:

„Auch der Anteil an Schülern ohne Deutsch als Muttersprache ist in diesem Kontext überaus relevant. Ist er in einer Klasse zu hoch, führt es zu einer doppelten Ungerechtigkeit im Schulsystem. Weder die Kinder mit Migrationshintergrund noch jene deutscher Herkunftssprache können dann ihr Leistungspotenzial bestmöglich abrufen. Bildung wird immer auch durch das jeweilige Sprachniveau und die kulturellen Überzeugungen beeinflusst, die alle mitbringen.“

Heraus kommt das Gegenteil eines Win-Win-Spiels, quasi ein Lose-Lose-Spiel. Einheimische verlieren und Zuwanderer verlieren.

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Es ist keine Definition von „Güte“, wenn eine Bildungspolitik beide Gruppen — Mehrheit wie Minderheiten — in psychische Probleme treibt, die durch Über- oder Unterforderung bedingt sind. Und wenn sie beiden Gruppen den Bildungserfolg vorenthält, der ihnen unter idealen Umständen möglich wäre.

Auch aus Angst vor Rassimusvorwürfen werden deutschstämmige Kinder Umständen ausgesetzt, die ihren Lernfortschritt stark behindern. Sie müssen mit Klassenkameraden lernen, die den Unterricht andauernd aufhalten — einfach, weil sie es nicht besser wissen (können). Von Störungen durch Verhaltensauffälligkeiten von vielleicht schwer traumatisierten Kindern aus Krisengebieten ganz abgesehen.

Ohne die Migrierten damit abwerten zu wollen, vergleiche ich diesen Vorgang mit der Zusammenlegung mehrerer sehr unterschiedlicher Jahrgangsstufen in eine Klasse, zum Beispiel der ersten mit der fünften Klasse. Es ist klar, dass sich in einem solchen Fall die einen permanent überfordert, die anderen ausgebremst fühlen. Syrer und Afghanen sind natürlich erst einmal völlig unschuldig daran, dass sie nicht schreiben und sprechen wie ein deutsches Kind, das womöglich noch aus einem bildungsnahen Elternhaus kommt. Dennoch können die Folgen der Zuwanderung in die Klassenzimmer verheerend sein. In extremen Fällen, zum Beispiel wenn es eine Mehrheit von nicht muttersprachlich deutschen Kindern gibt, kann die Schule sogar zu einem Ort werden, wo Schüler Deutsch verlernen, so Pauline Voss. Sie kämen mit einem gemessen an ihrem Alter recht gutem Sprachniveau rein — und gingen mit Sätzen wie „Ich geh Aldi“ wieder raus.

Bedenken muss man aber dabei: Auch ohne den Faktor Migration zu betonen, wurde schon oft ein steiler Niveauverfall unter deutschen Schülern festgestellt, wie ihn die Figuren „Danger und Chantal“ in der Filmreihe „Fack ju Göthe“ humoristisch darstellten: „Wir haben den Roman gelesen, mit der ‚Faust‘. Aber der war verrückt, dieser … Reclam.“

Andauernde Misserfolgs-Erlebnisse — ein Motivationskiller

Zu all dem gibt es natürlich auch Gegenstimmen. Jenen, bei denen sich alle Probleme am Ende auf Migration zurückführen lassen, stehen andere gegenüber, die Migration partout aus der Analyse herausstreichen wollen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. So schrieb die taz in Anlehnung an eine Veröffentlichung der Bundesschüler*innenkonferenz:

„Bildung wurde in diesem Land jahrelang nicht als Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe behandelt, sondern als Posten, bei dem sich immer noch sparen lässt. Persönliche Förderung bleibt vielerorts Glückssache: abhängig davon, ob eine Lehrkraft trotz Überlastung Zeit findet, ob Eltern Nachhilfe finanzieren können oder ob ein Kind den Rückstand allein aufholt. Wenn Schüler:innen die Motivation verlieren, liegt das nicht daran, dass sie sich zu wenig anstrengen wollen. Motivation verschwindet, wenn Kinder früh lernen, dass sie mit ihren Fragen den Unterricht aufhalten, dass für ihre Lücken keine Zeit bleibt und dass ihre Zukunft stärker von Herkunft und Geldbeutel abhängt als von dem, was sie können.“

Es liegt nicht nur an Migration

Auch das ist plausibel. Das Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) nannte eine Reihe von Faktoren, die das Niveau der Schulen — neben Migration — abzusenken halfen. Speziell in den Zehner-Jahren, als es zu dem PISA-Leistungsknick kam. Dazu gehörten:

  • Ein eklatanter Mangel an qualifizierten Lehrkräften und pädagogischem Personal. Es kam besonders in sozial benachteiligten Regionen zu Unterrichtsaufall en masse.
  • Versäumte Sprachförderung in Kitas und an der Grundschule. Jugendliche, die dem Unterricht sprachlich nicht folgen können, fallen ab der Sekundarstufe massiv zurück.
  • Digitalisierung und Ablenkung: Seit dem Durchbruch von Smartphones und Social Media (um 2012 bis 2015) hat sich das Freizeit- und Leseverhalten radikal verändert. Der Grund: eine exzessive Nutzung digitaler Medien und die damit einhergehende Ablenkung im Unterricht. Gleichzeitig verloren Schüler massiv das Interesse am Lesen längerer Texte in ihrer Freizeit.
  • Der „Corona-Effekt“: Die so genannte Pandemie hat bereits bestehende Probleme wie eine mangelnde digitale Infrastruktur und die Überlastung der Schulen wie ein Brennglas verstärkt und den Abwärtstrend beschleunigt.

Man sieht:

Während Analysen „rechter“ Medien immer auf einen verderblichen Einfluss des Islam hinauslaufen, folgt „links“ auf jede Strophe ein Refrain, der besagt, dass Migranten auf keinen Fall ein Vorwurf gemacht werden dürfe.

Beide Extreme sind ungeeignet, um zu einer fairen Einschätzung zu gelangen, die das Potenzial zur Besserung enthält.

Segregation — aber ohne Ghetto-Bildung

Der naheliegende Ausweg läge in Klassen, die nach dem Sprachniveau der Schüler getrennt sind. „Ghetto-Bildung“ ist dabei nicht unbedingt nötig; die verschiedenen Klassen könnten sich ja innerhalb desselben Schulgebäudes begegnen. Schädlich wären nur moralische Wertungen, die unverschuldetes Hinterherhinken von weniger sprachkompetenten Schülern mit Verachtung strafen. Ein solches Modell scheitert aber in der Regel an zu wenigen Lehrkräften. „Zu wenige Lehrkräfte“ könnte man aber auch mit „zu viel Zuwanderung“ übersetzen. Beide Deutungen sind aus einer bestimmten Perspektive wahr. Dabei geht es nicht darum, Flüchtlinge als Menschen schlechter und Einheimische besser zu bewerten, sondern nur um ganz praktische Belange.

Ein Nachteil bei getrenntem Unterricht bestünde darin, dass Kontakt mit Muttersprachlern einem syrischen Flüchtlingskind mit Sicherheit eine schnellere Sprachentwicklung ermöglichen würde. Dazu wäre es aber notwendig, dass ein sanfter Anpassungsdruck auf Einwandererkinder ausgeübt würde. Bei vielen zugewanderten Kindern in einer Klasse entfällt jedoch die Notwendigkeit, untereinander Deutsch zu sprechen — wie sie oft auch im Elternhaus entfällt. Jedes Kind findet genügend Gesprächspartner auch in seiner eigenen Sprache. Ab einem Anteil von etwa 30 bis 40 Prozent von Kindern mit einer anderen Ursprungssprache verliert nach Studien zur Schulentwicklung Deutsch seine Funktion als Umgangssprache unter Schülern — zum Beispiel in den Pausen.

Zuwanderung aus den falschen Gründen

Zudem haben wir es vielfach mit Zuwanderung zu tun, die nicht auf besonderer Liebe und auf Interesse für ein bestimmtes Aufnahmeland beruht. Vielmehr resultiert der Impuls zur Migration vielfach aus blanker Not oder Lebensgefahr. So wird in Deutschland im Eilverfahren aufgenommen, notdürftig integriert oder gar eingebürgert, ohne dass die Neulinge die Werte und die Kultur des Aufnahmelandes wirklich bejahen oder auch nur gut kennen würden.

Viel wurde über strenge Einbürgerungskriterien gelacht, wie sie in der Komödie „Die Schweizermacher“ mit Emil Steinberger dargestellt werden. Da wird zum Beispiel gefragt: „Wenn der Tell heute noch leben würde, wen meinen Sie, würde er erschießen?“ Sicher wissen auch Deutsche nicht unbedingt gut über deutsche Kultur oder das Grundgesetz Bescheid. Und Einbürgerung darf nicht in Gehirnwäsche oder Preisgabe von allem „Eigenen“ ausarten, was ein Flüchtling aus seiner Ursprungskultur mitgenommen hat. Aber ohne Zweifel verursacht die faktische Nicht-Akzeptanz der Gastgeber-Kultur durch die Neuankömmlinge Probleme. Es geht dabei weniger um Kenntnisse von Goethes „Faust“, die auch die deutsche Film-Heldin „Chantal“ nicht vorweisen kann. Es geht um „Sekundärtugenden“ wie Toleranz, die Akzeptanz von Meinungspluralismus, Gleichberechtigung der Geschlechter und sexueller Orientierung. Diese sind nicht in allen Herkunftsländern selbstverständlich.

Helfen Migrationsquoten?

Man könnte argumentieren, dass Flüchtlinge ja nur vorübergehend Aufnahme fänden, wofür sie nicht quasi zu „Gesinnungsdeutschen“ mutieren müssten. Man könnte sie bald wieder zurückschicken, wenn sich die Lage in ihrer Heimat beruhigt hätte. Aber dem steht oft eine über Jahre oder Jahrzehnte schwierige Menschenrechtslage in bestimmten Ländern entgegen. Flüchtlinge sitzen in Deutschland fest, gleichzeitig sind sie quasi mit einem Bein — oder mit dem Herzen — noch in der Heimat, was die Integration erschwert.

Faktisch ist das Dilemma also: Entweder Deutschland übt starken Anpassungsdruck auf Neuankömmlinge aus, so dass ihnen viele ihrer Glaubensüberzeugungen abtrainiert werden müssten — oder wir haben einen dauerhaften Culture Clash im Klassenzimmer.

Die Einführung von Migrationsquoten an Schulen wäre ein möglicher Lösungsansatz. Um dem Eindruck einer Art Inländer-Ausländer-Apartheid entgegenzuwirken, könnte man die Schüler nach Deutschkenntnissen bei Eintritt in die Schule sortieren. Theoretisch könnte dann „Chantal“ (deutschstämmig, schlechte Deutschkenntnisse) in einer weniger anspruchsvollen Klasse landen wie „Ali“ (iranischer Herkunft, aus einer gebildeten Familie mit großem Integrationsehrgeiz). Es zählen nur Kenntnisse, nicht Herkunft und Religion — wie es einer humanen, vorurteilsfreien Gesellschaft angemessen ist. Eine Migrationsquote würde allerdings voraussetzen, dass sich in einem Stadtteil überhaupt genügend ursprünglich deutsche Kinder finden, um eine Klasse zu beispielsweise 60 Prozent zu bestücken. Eine angemessene Deutschenquote ist nicht überall leicht zu erfüllen.

Ein unauflösbares Dilemma

Das Dilemma, vor dem wir stehen, ist grundsätzlich unauflösbar.

Der Strom von Flüchtlingen aus Ländern, in denen wirklich unerträgliche Zustände herrschen, reißt nicht ab, nur weil Deutschland nicht über genügend Unterkünfte, Deutschlehrer und Integrationshelfer verfügt. Umgekehrt: Besagte Aufnahmeplätze und gutes Fachpersonal können nicht herbeigezaubert werden, nur weil in der halben Welt menschenunwürdige Zustände herrschen.

Mitgefühl gemäß dem Motto Angela Merkels, Deutschland müsse „ein freundliches Gesicht zeigen“, ist schön. Dies sollte aber auch nicht in ideologisch bedingte völlige Gleichgültigkeit gegenüber den Belangen der ursprünglichen Bevölkerung ausarten, quasi in „Inländerfeindlichkeit“.

Die Interessen der eigenen Bevölkerung in den Vordergrund zu stellen, wäre „normal“, zumal unsere Politiker ihren Amtseid auf das Wohl der deutschen — nicht der ukrainischen oder syrischen — Bevölkerung geschworen haben. Für die ganze Welt zuständig ist genau genommen nur der UN-Generalsekretär, nicht der deutsche Steuerzahler. Dennoch sollte man das Bemühen um Güte und „Selbstlosigkeit“ nicht abwerten, sofern es ehrlich gemeint ist.

Wenn ich eine Patentlösung zu all dem gefunden habe, sind Sie gewiss die Ersten, denen ich es verrate.


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Quellen und Anmerkungen:

Mathias Brodkorb, Klaus Zierer: Tyrannei der Gleichheit. Für mehr Gerechtigkeit in der Schule und Gesellschaft. Verlag Matthes & Seitz. 191 Seiten, € 20

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