Arday war der Märchenprinz der Woken. Er kommt aus einem „Sozialviertel“, wurde als Kleinkind als autistisch diagnostiziert. Nach eigenen Angaben lernte er erst mit 11 Jaren sprechen, konnte nicht lesen, bis er 18 war, und legte dann eine glitzernde akademische Karriere hin, die ihn mit Mitte 30 nach Cambridge brachte. Er wurde zum Posterboy der Woken.
Eigentlich konnte Arday nach eigenen Aussagen alles und noch mehr: 600 Meilen in 6 Tagen und 30 Marathons in 35 Tagen laufen, über Jahre hinweg nur zwei Stunden pro Nacht schlafen, nebenbei 5 Millionen an Spendengeldern sammeln und zeitgleich einen Gehirntumor überleben, während er seine Doktorarbeit schrieb, Brunnen bohrte, semiprofessionell Fußball spielte und vieles, vieles mehr.
Niemand scheint an irgendeinem Punkt seinen Verstand eingeschaltet und nachgefragt zu haben. Zu großartig war die Geschichte. Heute wird klar, was eigentlich immer offensichtlich war: An all den Geschichten scheint wenig dran zu sein.
Nur die wissenschaftliche Arbeit von Arday wurde von einigen Kollegen infrage gestellt. Die ersten waren 2023 Dave Harris, ein emeritierter Professor aus Cambridge, und sein Kollege Martyn Hammersley. Ihr Schreiben wurde aber von der Universität zurückgewiesen. Die Fakultät vertrat die spannende These, sie sei nicht zuständig für mögliche Plagiate, die vor Ardays Zeit in Cambridge begangen wurden. Arday heuerte einen teuren Anwalt an, der die beiden Zweifler und möglicherweise auch die Universität unter Druck setzte.
Dazu hatte Arday etwas Glück, denn die Geschichte mit dem Plagiat wurde von einem berüchtigten Professor in Gent aufgegriffen — Nathan Cofnas. Er forscht rund um das Thema Ethnizität und Intelligenzquotient (IQ) und vertritt Thesen, die man mit Fug und Recht als rassistisch bezeichnen kann. Seiner Meinung nach würde es ohne Diversitätsprogramme keinen einzigen schwarzen Professor in westlichen Ländern geben. Schwarze haben seiner Aussage nach einen zu geringen IQ dafür. Er selbst hatte seine Alma Mater Cambridge verklagt, weil er sich dort als weißer Mann diskriminiert sah. Es brauchte nicht viel Geschick, um Cofnas‘ Anschuldigungen von Arday als rassistisch motiviert abzutun. Cambridge veröffentlichte ein Statement, wonach Arday von den „Vorwürfen des Plagiats im Zusammenhang mit seiner Dissertation und seinen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften“ entlastet worden und „Opfer einer niederträchtigen Kampagne zur Untergrabung seiner Glaubwürdigkeit“ sei (1).
Das wird Cambridge vermutlich noch lange bereuen. Denn mittlerweile steht es außer Frage: Arday hat die Dissertation einer anderen Wissenschaftlerin mehr oder weniger komplett übernommen (2). Dafür brauchte es keine tiefe Recherche, denn das Plagiat ist offensichtlich. Cambridge hat die Entlastung einfach erfunden, ohne auch nur einmal einen kurzen Scan oder irgendetwas durchzuführen. Einfach so. Aber eben nicht nur das. Schaut man sich Ardays Auftritte auf YouTube an, fragt man sich schon, ob man es hier mit „des Kaisers neuen Kleidern“ zu tun hat. Der Mann kann keine anständigen Reden halten, sie haben keine Struktur, er springt von Thema zu Thema, streut ein bisschen poststrukturalistischen Jargon ein, redet von seiner Großartigkeit und vergleicht dann alles mit irgendwelchen australischen Familienserien. Keine Aussage nirgends. Und niemand soll bemerkt haben, dass der Mann intellektuell ziemlich nackt dasteht?
Als Soziologe, Antirassismus- und Proneurodiversitätsspezialist wurde er gefragt, was er sich als wichtigste Änderung auf dem Gebiet der Soziologie wünschen würde. Die Antwort: Alles solle sich um Liebe drehen, nicht um Hass.
Na toll. Das erinnerte dann doch sehr an den Hollywoodfilm „Miss Undercover“, wo sich jede Kandidatin bei einem Schönheitswettbewerb mit schmelzendem Lächeln, ohne Hirn und unter tobendem Applaus „World Peace“ wünschte.
Als die Vorwürfe lauter wurden, formte sich ein Unterstützerteam. Der Vorsitzende der britischen Grünen gehörte ebenso dazu wie viele andere linke Vertreter und Mitglieder des Establishments. Sie sprechen von unhaltbaren Vorwürfen, von kompletter Entlastung seiner wissenschaftlichen Integrität, von Angriffen auf Arday, weil er schwarz ist (3). Niemand dieser Unterstützer hat die Dissertation nur einmal fünf Minuten von ChatGPT prüfen lassen. Dass Arday schwarz ist und aus der Arbeiterklasse kommt, reichte offenbar, um ihn als über jeden Verdacht erhaben anzusehen.
Die Universität Cambridge ist eine Institution, die einen großen Namen führt. Sie verspricht Qualität, Exzellenz, die besten Köpfe.
Das Städtchen Cambridge ist hübsch und hat nette mittelalterliche Bauwerke, aber es lebt vom Ansehen der Universität. Nur dafür bewerben sich die besten Studenten der Welt, nur dafür folgen begabte Wissenschaftler dem Ruf auf einen Lehrstuhl. Niemand kommt wegen des guten Wetters oder leckeren Essens, wirklich nicht.
Nun stellen sich viele Fragen. Wie viele solcher minderbegabten Professoren hat die Uni? Warum hat niemand etwas gesagt? Haben die Kollegen nichts bemerkt, weil sie vielleicht selbst nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind? Oder haben sie etwas bemerkt, sich aber nicht getraut, etwas zu sagen, was als rassistisch oder heteronormativ-weiß-hegemonial interpretiert werden könnte? Beschwerden von Studenten über die mangelhaften Betreuungsleistungen von Arday gab es offenbar, doch die Studis wurden pauschal des Rassismus beschuldigt.
Wie, fragt man sich, sieht es eigentlich in Oxford aus? Wir wissen, dass man wie Kathleen Stock seinen Professorentitel verlieren kann, wenn man unbequeme Thesen vertritt wie die ihre, dass man sein Geschlecht nicht ändern kann. In Deutschland ist das nicht besser, wie man an vielen Beispielen wie Michael Meyen oder Ulrike Guérot sehen kann.
In Universitäten herrscht ein Klima der Verunsicherung. Wer würde sich zum Beispiel trauen, sich offen gegen die Translobby zu äußern? Oder abweichende Thesen vertreten zu was oder wem auch immer? Oder einen schwarzen/trans/behinderten Studenten als unfähig für ein Studium zu bezeichnen, auch wenn das den Tatsachen entspräche? Zu groß wäre die Angst, als Rassist oder transphob bezeichnet zu werden. Da ist Durchwinken und Augen zudrücken allemal leichter. Jason Arday ist mehr als nur ein Mann, der dem System „durchgerutscht“ ist. Er wurde überall weitergelobt. Niemand hatte die Eier, Fragen zu stellen. An der Universität Glasgow, seinem Verlag Princeton Press und eben auch in Cambridge.
Das grundlegende Problem ist das Schweigen, nicht Jason Arday. Diese überspitzte Geschichte, wo angeblich so kluge Leute lange Jahre einen solch offenkundigen Mist geschluckt haben, ist ein Fingerzeig. Eine Universität ist nicht dafür da, nett zu sein. Sie ist dafür da, dass Menschen nachdenken und ihre Meinung offen und frei äußern können, auch oder vielmehr besonders, wenn es sich um Ideen handelt, die das gängige Narrativ infrage stellen. Ohne Angst, diffamiert zu werden.
Das Schweigen ist das Problem, und der Haupttäter in dieser Geschichte ist nicht unbedingt Arday — unschuldig ist er aber natürlich auch nicht.
Die Universitätslandschaft hat einen minderbegabten Menschen nach oben gejubelt, weil er ihre Bedürfnisse nach Diversität erfüllte. Einen Schwarzen, einen Autisten und einen sozial Unterprivilegierten, alles in einer Person. Die Fakultät wollte sich toll fühlen und inklusiv sein und eben nicht weiß, privilegiert und cis-heteronormativ. Sie wollten die Guten sein. Dafür war Arday da, das war seine Aufgabe.
Dabei hätte der Mann vermutlich durchaus irgendwo einen anständigen Job ausführen können, wenn er nicht immer nur nach oben gestolpert wäre, bis er sich in einer Position wiederfand, für die er nicht im Ansatz die Eignung mitbringt. Am Ende war die Geschichte nicht nett zu Jason Arday.
Bislang gelten Universitäten und „die Wissenschaft“ noch als Autoritäten. Doch mit jeder Geschichte, in der sie, statt sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren, Propaganda verbreiten oder Moral vor sich hertragen, geht dieses Vertrauen Stück für Stück verloren. Arday oder eher die Weigerung der Professorenschaft, das Offensichtliche zu sehen, haben viel kaputt gemacht. Freiheit hat die Wissenschaft dazumal groß gemacht. Freiheit von Forschung und Lehre, ohne Angst, zu sagen, was man denkt.
Die Geschichte mit Arday ist aber noch nicht zu Ende. Am Dienstag erscheinen Ardays Memoiren. Wenn man den Leaks auf X und der Rezension des US-amerikanischen Kulturmagazins The Atlantic Glauben schenken will: voll von grotesken Fantasien über seine eigene Großartigkeit. Angeblich hat der Verlag Simon& Schuster dafür 1,4 Millionen Pfund gezahlt und es mit dem Faktenchecken eher nicht so genau genommen. Eine weitere Peinlichkeit.
Nun hat sich der Märchenprinz also als ein Märchen entpuppt statt als Prinz. Die Bösewichter sind identifiziert und werden bestraft. Niemand wäre jetzt gerne in den Schuhen der lobhudelnden Dekanin. Oder in denen des Grünenvorsitzenden. Am Ende doch noch eine Geschichte mit Moral.
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Quellen und Anmerkungen:
(1) Exclusive: News outlet killed story on plagiarism allegations after Cambridge prof hired law firm – Retraction Watch
(2) Ihr Name: Paula Zwozdiak-Myers, https://www.theatlantic.com/books/2026/08/jason-arday-cambridge-academic-memoir-resignation/688206/
(3) „Wenn ein angesehener schwarzer Wissenschaftler wiederholt unbegründeten Vorwürfen ausgesetzt wird, obwohl er vollständig entlastet wurde, deutet dies darauf hin, dass versucht wird, schwarze Menschen zu untergraben, die einflussreiche Positionen innehaben. Professor Arday, ein schwarzer Mann aus der Arbeiterklasse, wurde zum jüngsten schwarzen Professor in der Geschichte der Universität Cambridge. Sein bemerkenswerter Werdegang, seine wissenschaftliche Arbeit und seine Führungsqualitäten sollten gewürdigt werden — und nicht von Kampagnen überschattet werden, die auf Vorwürfen beruhen, die umfassend zurückgewiesen wurden.“ https://goodlawproject.org/petition/stand-in-solidarity-with-jason-arday/



