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Das Lied vom letzten Menschen

Das Lied vom letzten Menschen

In seinem Song „Eiszeit“ von 1982 beschwor Peter Maffay inmitten einer Aufrüstungs-Euphorie die nukleare Katastrophe.

„Da saßen wir in einem halbfertigen Haus, in Tutzing, am Starnberger See, zwei Musiker unterm Dach in einem kleinen Zimmer, und schrieben ein paar Songs. In dieser Zeit der Auf- und Abrüstung, als Hunderttausende auf die Straße gingen, um gegen diesen Wahnsinn zu demonstrieren, haben wir versucht, das Gefühl, unsere Angst, in einem Lied zum Ausdruck zu bringen. Dieses Lied, das dabei rausgekommen ist, das heißt: Eiszeit.“

Während Peter Maffay im Februar 2001 bei einem Live-Konzert in Hamburg diese Zeilen mit ruhiger, erzählender Stimme zu seinen Fans spricht, spielt die Band bereits den Anfang eines der bekanntesten Maffay-Lieder ein. Keyboards, Synthesizer erzeugen einen zart hallenden Klangteppich, lange, schwebende Akkorde sind zu hören, sanfte Gitarrenlaute dringen ans Ohr, ruhige, perlende Klänge erfüllen den Raum, ein zurückhaltendes Schlagzeugspiel bereitet sich vor, ein tiefer Bass schallt vorsichtig. Der Raum für den melancholischen Rückblick auf eine Zeit großer Gefahr, aber auch menschlichen Mutes und demokratischen Verantwortungsbewusstseins öffnet sich, langsam bauen Maffay und seine Band Spannung auf. Das Spiel der Instrumente wird schneller, und nach einem über zweiminütigen Intro beginnt Maffay zu singen:

Berge spucken Lava aus in den silberklaren Mond
Aschenregen fällt auf uns, die Erde hat Milliarden Volt
Und aus den Quellen schießt Glut so hoch bis zum Saturn

Atlantis kommt jetzt hoch
Doch wo bleibt der Mensch, der sich daran freut?

Und der Refrain beginnt mit voller Intensität:

Eiszeit, Eiszeit
Wenn die Meere untergehen und die Erde bricht

In einer stark bildhaften, künstlerisch geprägten Sprache beschreibt Maffay die nukleare Katastrophe.

Die Zeit, auf die Maffay mit seinen Worten vor Beginn des Songs anspielte, fand ihren Höhepunkt, als im Bonner Hofgarten zwischen 300.000 und 500.000 Menschen für den Frieden, gegen die Politik der Aufrüstung und die Stationierung von Pershing-2-Raketen demonstrierten.

Mit rauchig-rockiger Stimme singt Maffay weiter:

Kontinente rasen dann in Sekunden auf sich zu
Wer sieht noch den letzten Blitz dann vor dieser Explosion?
Die Wolken sind so rot, und wo einst die Wüste war
Gähnt nur ein schwarzes Loch
Und der letzte Mensch bittet um den Tod

Eiszeit, Eiszeit
Wenn die Meere untergehen und die Erde bricht

Dann hat kein Sprengkopf mehr irgendwo ein letztes Ziel
Bleibt dies nur Utopie? Rotes Telefon
Wenn du versagst

Eiszeit, Eiszeit
Wenn die Meere untergehen
Und die Erde bricht (wenn die Erde bricht)

Den apokalyptischen Bildern und der künstlerischen Verfremdung folgt der unmissverständliche Bezug zur politischen Verantwortung: „Rotes Telefon, wenn du versagst.“

Maffay mit seiner erfahrenen Band versteht es, in diesem Lied die Live-Energie voll auszunutzen, das Publikum „geht mit“, eine eigene Dynamik entsteht. Über die Strophen steigt die Intensität der Instrumente, und dann folgt der Höhepunkt, ein Solo-Gitarrenspiel, von einem der wohl besten deutschen Gitarristen: Frank Dietz.

Mit viel Gefühl und noch mehr Können und Kunst beginnt der Blues-Rocker mit einem Gitarrenspiel, das über zwei Minuten gehen wird und von Fans als „episch“ oder „göttlich“ betrachtet wird.

Was Dietz an dieser Stelle abliefert, ist nicht nur ein Gitarrenspiel. Er erzählt mit seinem Instrument regelrecht die Geschichte des Liedes, er zieht die Saiten, lässt die Töne sprechen und transportiert auf der Gefühlsebene Trauer, Hoffnungslosigkeit, Wut, aber auch den Widerstand. Auf die emotionale Bedrohung folgt ab Minute 5:50 die von der Band flankierte Explosion seines langsam aufgebauten Auftritts. Mit Staunen und Ehrfurcht beobachtet die Band Dietz' Darbietung, während das Publikum zu einem Sonderapplaus ansetzt. Dietz' Gitarrensolo ist an diesem Abend wohl zu einem der emotionalsten der deutschen Rockgeschichte geworden.

Das Lied — und speziell diese Version — ist ein Kunstwerk, das in der langen Reihe der friedensbewegten Lieder seinen festen Platz hat.

Das Unvorstellbare, die Zerstörung des Planeten und in der Konsequenz auch der Menschheit, war damals ernst. In einer Zeit, in der die Großmächte immer wieder aufgerüstet und ein gigantisches Nukleararsenal aufgebaut haben, hing das Damoklesschwert des Atomkriegs über der Menschheit.

Was in Deutschland im Falle eines Falles passiert wäre, davon kündet die Simulation eines Nuklearkriegs zwischen der NATO und der Sowjetunion, die noch im Jahr 1989 abgehalten wurde und über die der Spiegel berichtet hatte. Von Deutschland wäre nichts mehr übrig geblieben.

Maffay, im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern, die damals ihren Mund aufgemacht haben, äußert sich auch heute noch kritisch. In einem Facebook-Post vom September 2025 schreibt der Künstler in Richtung Verteidigungsminister Boris Pistorius:

„Wir leben nicht mehr im Frieden.
Nach ‚Deutschland muss kriegstüchtig werden‘ jetzt die nächste verbale Eskalation. Wann, Herr Pistorius, Herr Merz, müssen wir mit der Bekanntmachung der ‚Mobilmachung‘ rechnen? Sind Sie sich eigentlich im Klaren, welches Öl Sie da ins Feuer gießen? Ist den ‚starken Mann‘ zu geben die einzige Option, die Ihnen einfällt angesichts der sich rasant verschärfenden Konfrontation mit Russland? Bekämpfen Sie und Ihre Kollegen die Ursachen, nicht die Symptome der Problematik, und hören Sie endlich auf mit dieser euphorischen Kriegsrhetorik und der damit verbundenen Propaganda. Verteidigungsfähig angesichts der seit drei Jahren stattfindenden, sich immer mehr ausweitenden Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und Russland: ja. Unabhängigkeit von den USA — in diesem Zusammenhang: ja, und konzertiertes europäisches Vorgehen ebenfalls.

Aber mit Verstand und Übersicht (…).“

Und in der Tat: Die Konfrontationspolitik zwischen der NATO und Russland wird immer bedrohlicher. Längst ist der Eindruck entstanden, dass ein Funke genügt, um einen heißen Krieg hervorzubringen, oder um es mit Maffays Worten zu sagen: Dann spucken Berge Lava aus.

In Anbetracht dieser Situation drängt sich aus musikalischer Sicht die Frage auf: Wann kommt ein neuer „Eiszeit-Song“?


Redaktionelle Anmerkungen:
Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Projekt Friedensnoten: „Eiszeit“ – Peter Maffay über die nukleare Katastrophe“ bei den NachDenkSeiten.

Das Projekt Friedensnoten wurde von dem Künstler Jens Fischer Rodrian und dem Journalisten Marcus Klöckner 2022 ins Leben gerufen. 2026 ist das Projekt zu einem Friedensbündnis von Radio München, Manova, NachDenkSeiten und „Protestnoten“ geworden. Rund 80 Friedensnoten von gut 60 Autoren sind mittlerweile zusammengekommen.


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