Der Name ist ein Stück der Seele. (Thomas Mann)
--
Lîla war sieben Jahre alt, und sie trug einen Namen, der wie ein kleines Lied klang. Zumindest hatte ihre Mutter das gesagt. Doch in der Schule klang er nie wie ein Lied.
„Lila?“, fragte die Lehrerin, während sie die Liste vorlas.
„Nein, Lî- la.“, sagte das Mädchen leise, fast so, als könnte das richtige Aussprechen den Namen retten.
—
Mit jeder neuen Sprache erwirbt man eine neue Seele.
--
Der Junge mit den Schuhen
Vor ihrem Haus, am kleinen Platz mit den Kastanienbäumen, spielte oft ein Junge. Er hieß Kofi, und er war fast so alt wie Lîla. Was zuerst auffiel, waren seine Schuhe: knallrot, mit weißen Streifen, ein bisschen zu groß für seine Füße.
„Warum trägst du immer diese Schuhe?“, fragte Lîla eines Tages, als sie sich neben ihn setzte.
Kofi grinste. „Weil man mich damit sofort sieht. Auch wenn ich nicht gesehen werden will.“
Sie verstand nicht gleich.
„Meine Mama sagt, ich soll stolz sein, woher ich komme“, erklärte er. „Manchmal sagen die Kinder: Du bist anders. Aber wenn ich nach Ghana gehe, sagen sie: Du bist aus Deutschland. Hier bin ich der mit der dunklen Haut, dort bin ich der mit dem hellen Akzent.“ Er kickte einen Stein über den Platz. Der Stein rollte, blieb kurz stehen, und rollte dann wieder weiter, als könnte er sich auch nicht entscheiden.
„Und die Schuhe?“, fragte Lîla.
„Die sind von meinem Onkel aus Ghana. Er sagt, sie bringen Glück. Aber manchmal bringen sie nur Fragen.“
Lîla schaute auf ihre eigenen Schuhe. Sie waren braun, einfach, unauffällig. Niemand stellte wegen ihnen Fragen. Und doch hatte sie das Gefühl, dass auch sie mit jedem Schritt auffiel — nicht wegen ihrer Schuhe, sondern wegen ihres Namens, ihrer Haut, ihres Gesichts.
„Manchmal denke ich“, sagte sie leise, „ich bin für die einen zu kurdisch. Für die anderen zu deutsch. Und irgendwie für niemanden genau richtig.“ Kofi nickte sofort, als hätte er nur darauf gewartet. „Genau! Man hängt dazwischen. Wie ein Seil, das von beiden Seiten gezogen wird.“
Er hob seine Schuhe hoch und ließ sie wieder auf den Boden klatschen. „Aber weißt du, vielleicht ist ‚dazwischen‘ auch ein Ort.“
„Ein Ort?“
„Ja“, meinte er, „stell dir vor, alle laufen auf einer Straße. Manche auf der linken, manche auf der rechten. Wir laufen in der Mitte. Da sehen wir beide Seiten.“ Lîla überlegte. Sie stellte sich die Straße vor: Menschen, die links gingen, Menschen, die rechts gingen. Und sie und Kofi in der Mitte, mit roten Schuhen und einem Namen, den niemand aussprechen konnte. „Aber in der Mitte ist es manchmal einsam“, flüsterte sie. Kofi warf den Stein in die Luft und fing ihn wieder. „Vielleicht“, meinte er, „ist es nicht wichtig, wo man genau hingehört. Vielleicht sind wir Brücken. Und Brücken gehören immer zu zwei Seiten gleichzeitig.“
Die Kastanienblätter rauschten über ihnen, als wollten sie zuhören. Dann standen sie auf und spielten Fangen. Kofis rote Schuhe blitzten im Sonnenlicht, als würden sie eine Spur ziehen. Und Lîla dachte: Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wenn man auffällt. Vielleicht bedeutet es nur, dass man Spuren hinterlässt. Als sie nach Hause ging, sah sie noch einmal zu Kofis Schuhen hinüber. Sie wirkten plötzlich nicht mehr zu groß, sondern genau richtig — als gehörten sie zu jemandem, der seinen Platz sucht, so wie sie.
--
Zwischen zwei Welten zu leben heißt, Horizonte zu sehen.
--
Der Markt der Stimmen
An einem Samstag ging Lîla mit ihrer Mutter auf den Wochenmarkt. Schon von weitem hörte sie das Rufen, Lachen und Feilschen. Es war, als ob der ganze Platz ein einziges Gespräch führte — nur dass niemand alle Sätze verstand.
„Tomaten, frisch und süß!“, rief ein Mann mit einem großen Korb.
Neben ihm sang eine Frau etwas auf Polnisch, während sie ihre Äpfel ordnete.
Ein paar Schritte weiter sprach jemand Russisch in sein Handy, und gleich daneben pries eine Frau ihr Brot auf Arabisch an.
Die Stimmen wirbelten durcheinander wie bunte Luftballons, die sich im Wind kreuzten. Lîla fühlte sich, als stünde sie mitten in einem Regen aus Wörtern. Manche Tropfen trafen sie direkt — die deutschen Wörter, die sie sofort verstand. Andere perlten an ihr ab, fremd und geheimnisvoll.
„Es ist so laut“, sagte sie.
„Das ist Musik“, meinte ihre Mutter. „Man muss nur hinhören.“
Lîla blieb bei einem Stand stehen, an dem Gewürze verkauft wurden. Dutzende Dosen in Rot, Gelb und Grün funkelten wie kleine Schätze. Der Verkäufer sprach in einer Sprache, die sie nicht kannte, aber als er lachte, verstand sie das sofort. Lachen brauchte keine Übersetzung.
Sie dachte: Vielleicht sind Wörter gar nicht immer nötig. Vielleicht reicht manchmal ein Ton, ein Blick, ein Duft.
Während sie weiterging, hörte sie, wie ein Mädchen auf Türkisch mit ihrer Mutter redete. Kurz darauf sang ein alter Mann ein italienisches Lied, um seine Trauben zu verkaufen. Die Stimmen lagen nebeneinander, ohne sich zu stören, wie viele Farben in einem Regenbogen.
„Und ich dachte immer, es sei schlimm, wenn man nicht versteht“, murmelte Lîla.
Ihre Mutter legte ihr die Hand auf die Schulter. „Manchmal ist Nicht-Verstehen der Anfang vom Zuhören.“
Sie blieben bei einem Bäcker stehen. Lîla bekam ein Stück Sesamkringel. Während sie kaute, stellte sie sich vor, jedes Stück Brot sei ein Wort aus einer anderen Sprache. Zusammen ergaben sie einen Korb voller Sprachen, in dem sich niemand entscheiden musste, welches Stück das richtige war.
Auf dem Heimweg summte sie leise. Nicht ein Lied, das sie kannte, sondern ein Klang, der aus den vielen Stimmen im Markt entstanden war. Es war ein Lied ohne Wörter — und doch war es voller Bedeutung.
Lîla dachte: Vielleicht ist es gar nicht schlimm, dass ich nicht alle Sprachen sprechen kann. Vielleicht trage ich sie trotzdem in mir, wie ein Markt, in dem jedes Zelt seine eigene Farbe hat.
Und mit diesem Gedanken fühlte sie sich ein kleines bisschen größer, als sie nach Hause ging.
–
Vielfalt ist die Kunst, verschieden zu sein, ohne sich zu trennen
–
Die Nacht der Fragen
In dieser Nacht lag Lîla lange wach. Das Zimmer war still, nur die Uhr im Flur tickte, regelmäßig wie ein Tropfen. Sie zog die Decke bis unters Kinn und starrte an die Zimmerdecke, wo das Mondlicht ein bleiches Rechteck malte.
Warum bin ich nicht einfach nur deutsch?“, dachte sie. „Oder nur kurdisch?“
Sie drehte sich auf die Seite. „Warum bin ich beides — und manchmal fühlt es sich an wie keins?“ Die Fragen kamen wie eine Parade, eine nach der anderen, und sie schoben sich wie kleine Tiere in ihren Kopf:
Bin ich zu viel? Bin ich zu wenig? Bin ich eine Mischung, die niemand versteht?
Sie seufzte. Der Seufzer war so schwer, dass er kaum in die Luft steigen wollte. Dann erinnerte sie sich an den Baum aus ihrem Traum. Den Baum ohne Schatten. Plötzlich war er wieder da, in ihrem Kopf, mitten in der Dunkelheit. Die Äpfel hingen schwer an den Zweigen, die Birnen ebenso. Sie schaukelten nah beieinander, doch sie berührten sich nicht, als hätten sie Angst voreinander. Lîla schloss die Augen fester. Diesmal wollte sie sich den Baum anders vorstellen. Sie dachte sich einen Wind herbei, der stärker blies, sodass ein Apfel gegen eine Birne stieß. Ganz leicht, ein kleines Klopfen. Und siehe da — nichts Schlimmes passierte. Beide blieben hängen, beide blieben Früchte.
„Warum also nicht zusammen?“, murmelte sie.
Sie stellte sich vor, die unsichtbare Linie zwischen den Früchten würde verschwinden, einfach im Wind verwehen.
Der Baum rauschte sanft, und sie glaubte, ein Flüstern zu hören: Du musst dich nicht entscheiden. Da öffnete sie wieder die Augen. Das Rechteck aus Mondlicht war noch da. Aber jetzt sah sie es anders: Nicht mehr wie eine kahle Fläche, sondern wie ein Fenster.
Vielleicht, dachte sie, gibt es draußen eine Antwort, die ich nur noch nicht sehen kann. Ihre Gedanken liefen weiter, leiser nun.
Vielleicht bin ich kein halbes und kein ganzes Stück. Vielleicht bin ich etwas, das erst wächst.
Sie drehte sich auf die andere Seite. Im Regal stand ihre alte Puppe, halb im Schatten. Eine Seite des Gesichts glänzte hell, die andere verschwand fast in der Dunkelheit. Plötzlich erschien ihr die Puppe vertraut, wie ein Spiegel: Auch sie war zwei Seiten in einem Körper. Und trotzdem war sie eine einzige Puppe, nicht zwei.
„Vielleicht bin ich auch so“, dachte Lîla. „Und vielleicht ist das gar nicht schlimm.“
Sie lauschte. Im Flur knarrte eine Diele, draußen fuhr ein Auto vorbei, dann wieder Stille. Alles wirkte ruhiger, als hätte die Nacht selbst ihr Ohr an ihre Gedanken gelegt. Langsam wurden ihre Lider schwer. Die Fragen waren noch da, aber sie schienen leichter geworden, als wären sie kleine Blätter, die man ins Wasser legt. Der Fluss, den sie neulich gesehen hatte, nahm sie mit. Sie stellte sich vor, wie die Fragen auf der Oberfläche trieben und das Wasser sie sanft forttrug.
–
Der Fluss fließt immer weiter. Er nimmt alles mit. Steine, Blätter, sogar Tränen.
Hier können Sie das Buch bestellen: „Thalia“
Wenn Sie für unabhängige Artikel wie diesen etwas übrig haben, können Sie uns zum Beispiel mit einem kleinen Dauerauftrag oder einer Einzelspende unterstützen.
Oder unterstützen Sie uns durch den Kauf eines Artikels aus unserer Manova-Kollektion .




