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Der wahre Grund, stolz zu sein

Der wahre Grund, stolz zu sein

Das Gerede vom „Schuldkult“ führt in die falsche Richtung. Es darf kein Schlussstrich gezogen werden. Im Gegenteil. Stattdessen geht es darum, das NS-Gedenken aufzufrischen und ihm eine neue Stoßrichtung zu geben.

Nun gehöre ich zu denen, die gar nicht wissen, was Deutschsein eigentlich sein soll. Wenn ich das sage, kommt vom Gegenüber meistens gleich eine Aufzählung, darunter sowas wie Fleiß, Ordnungsliebe, Pünktlichkeit, Pflichtbewusstsein und sonst wie tolle Dinge. Dabei kenne alleine ich zahlreiche deutsche Menschen, die unpünktlich sind — die Bahn ist es sowieso — und die einen deutlichen Hang zur Unordnung haben. Es gäbe noch viel mehr dazu zu sagen, aber vor allem: Warum soll man sich überhaupt Gedanken darüber machen, was deutsch ist und was nicht? Mich nervt dieses rückwärtsgewandte Gerede von Deutschland und den Deutschen, das durch für mich nicht nachvollziehbare AfD-Sympathie an Fahrt aufgenommen hat.

Wer außerdem gerne der AfD zuhört, der hört auch, und das immer häufiger, dass der deutsche „Schuldkult“ endlich mal aufhören müsse. Denn wer deutsch ist, der soll sich nicht schuldig fühlen müssen. Björn Höcke wettert immer wieder gegen eine angeblich „dämliche Bewältigungspolitik“ und fordert eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Sogar Elon Musk, der leider immer noch nicht Richtung Mars abgehoben ist, mischte sich da ein. Bei einer AfD-Wahlkampfveranstaltung im Januar 2025 mahnte er per Video Deutschland an, aufzuhören, sich auf vergangene Schuld zu fokussieren.

Nein danke, Herr Musk, Ihre Meinung interessiert mich nicht. Und was Herr Höcke sagt, interessiert mich erst recht nicht. Denn wahr ist:

Der in neurechten Kreisen beschworene „Schuldkult“ ist ein Mythos. Vielmehr reden AfD und Konsorten uns ein Schuldgefühl ein, um danach dazu aufzurufen, dass wir uns daraus befreien müssten.

Wer die Aufarbeitungskultur in Deutschland richtig versteht, der versteht auch, dass es nicht darum geht, aufgrund der nationalsozialistischen Bestialitäten in Schutt und Asche herumzurennen, sondern mit dringend gebotener Wachsamkeit und erhöhter Sensibilität: gegenüber den Regierenden, gegenüber Propaganda, gegenüber Ideologien, vor allem, wenn sie sich, und das bereits subtil, an nationalsozialistischem Gedankengut anbinden. Und vor allem gegenüber menschlichem Unrecht und jedweder Ausgrenzung, insbesondere wenn eine Mehrheit dahintersteht.

Man erinnere sich: Während der Covid-19-Pandemie hat das nicht geklappt, da hat die Masse diesbezüglich Scheuklappen aufgehabt. Seither hat sich eine Mob-Wut und Denunziations-Mentalität in der Gesellschaft etabliert, die die Fronten immer weiter verhärtet. Was wiederum ein Verweis darauf ist, dass es in Sachen Aufarbeitungskultur noch erheblichen Verbesserungsbedarf gibt.

Dennoch, jetzt soll nicht gemeckert und lamentiert werden. Worüber die AfD, und das aus parteipolitischem Grund, gar nicht redet, ist die Tatsache, dass Deutschland aufgrund der eigenen Verbrechen eine Aufarbeitungskultur betreibt, wie sie, und das im besten Sinne, einmalig ist in der Welt. Und dass wir, wenn man so will, stolz darauf sein können. Ein Hinweis für alle eingeschoben, die eine Stolz-Allergie haben: Alternativ lässt sich der Begriff Hochachtung verwenden.

Interessanterweise operiert die AfD permanent mit dem Begriff „stolz“, bringt ihn aber ausgerechnet nie mit der Aufarbeitungskultur in Verbindung.

Kein Wunder, das würde dem erwünschten Geschichtsrevisionismus im Wege stehen. Denn wenn wir bitte schön ganz schnell vergessen, dass die deutsche Nation unüberbietbar grausam gewesen ist, dann lässt sich ohne Vorbehalte und schlechtes Gewissen ein neuer Schwung nehmen, es zur nächsten unüberbietbaren Grausamkeit zu bringen. Dann ist da keine Bremse eingebaut, die uns rechtzeitig stoppen lässt.

Mehr denn je ist also wichtig, sich zu vergegenwärtigen: Erinnerungskultur ist nichts, was uns niedrig hält, au contraire, sie lässt uns aufrecht gehen. Ein derartiges kollektives Verbrechen aufzuarbeiten, ist also eine enorm starke Leistung, die Respekt abverlangt. Deutschland wird auf der ganzen Welt darum beneidet, denn kein anderes Land hat das geschafft — überall wird geschwiegen und verharmlost. Was nicht gerade zuträglich ist. Denn: Nur wer wahre menschliche Größe hat, kann auch zu den Abgründen stehen — so können wir gewinnen, ob persönlich, ob gesellschaftlich. Der Schwache hingegen flieht vor den eigenen Schatten, der verdrängt sie, der beschweigt sie. Das bedeutet also, dass die AfD eine Gesellschaft dazu bringen will, sich selbst zu schwächen, indem sie sich von der vorbildhaften Aufarbeitungskultur abwenden soll.

Man will uns eine der größten Errungenschaften der Deutschen nicht nur madig machen, sondern sogar aberkennen. Dass Aufarbeitung als lästig und störend empfunden wird, ist kein neues Phänomen. Vorstöße hierzu findet man im Laufe der deutschen Nachkriegsgeschichte häufig. So sagte etwa Franz Josef Strauß im Jahre 1961, damals Verteidigungsminister:

„Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.“

Was damals dem Bedürfnis der meisten Deutschen entgegenkam: Es herrschte, und das bis in die 1980er-Jahre, eine regelrechte „Schlussstrich-Mentalität“.

Bekanntlich ist es anders gekommen.

Allem Verdrängungswillen zum Trotz hat sich eine öffentliche Erinnerungskultur durchgesetzt, für die man uns weltweit Respekt zollt. Andere Länder bringen die Kollektivleistung, sich mit den düstersten Kapiteln ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, nicht auf.

Man schaue nur nach Spanien, wo die Aufarbeitung des Franco-Regimes nur sehr schleppend in Gang kommt, ebenso wenig in Italien, wo sogar immer noch ein schauderhafter Mussolini-Kult existiert — dessen Geburtsort ist bis heute eine regelrechte Pilgerstätte. In der Türkei versteht man überhaupt nicht, warum man überhaupt aufarbeiten soll; die Gräueltaten der eigenen Geschichte werden geleugnet. Das geht so weit, dass Lehrer an deutschen Schulen immer wieder von türkischstämmigen Eltern bedroht werden, wenn sie den Völkermord an den Armeniern im Unterricht thematisieren.

In Polen wird nicht alles unter den Teppich gekehrt, aber so richtig ran traut man sich an eine konsequente Aufarbeitung auch nicht. Als der Historiker Jan Gross aufdeckte, dass die Polen mehr Juden als Deutsche während des Zweiten Weltkrieges umgebracht haben, erntete er Morddrohungen. Heftig attackiert wurde auch Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, als sie an Polens gewaltsame Kolonialisierung von Gebieten in der Ukraine und Weißrussland erinnerte. Sie plädiert seit Jahren dafür, sich so schonungslos wie die Deutschen mit der eigenen Geschichte zu befassen. Auch hier zeigt sich, dass man durchaus neidisch nach Deutschland blickt, dass das reflektierte Beispiel, das wir hierzulande geben, nachahmenswert ist. Wer das als „Schuldkult“ bezeichnet, diffamiert eine Errungenschaft, die nicht nur viel zur internationalen Verständigung beiträgt, sondern die vor allem zeigt, zu welcher Größe eine Nation fähig ist, indem sie Verantwortung übernimmt.

Daran zu appellieren, ist umso notwendiger, da das Ende der Auseinandersetzung mit dem NS-Terror kein ausschließlich neurechtes Bestreben ist. Laut einer Infratest-dimap-Erhebung aus dem Jahr 2020 geben etwa 37 Prozent aller Deutschen an, es solle endlich ein Schlussstrich gesetzt werden.

Das bestätigt auch eine Umfrage von ZDFinfo, in der außerdem zutage tritt, dass ein Viertel der Befragten erhebliche Wissenslücken in Bezug auf die NS-Vergangenheit hat. Es braucht also dringend eine Auffrischung. Zudem ist die Zeit gekommen, zu überprüfen, wo die Aufarbeitung noch ihre Schwachstellen hat. Denn die aufkeimende Schlussstrich-Sehnsucht muss nicht nur bedeuten, dass man sich seiner historischen Verantwortung nicht mehr stellen will, sondern dass die Art und Weise, wie aufgearbeitet wird, nicht richtig verfängt.

„Das Gedenken geht an der Bevölkerung vorbei“, mahnt Historiker Michael Wolffsohn bereits seit Jahren. Daher müsse es besser an die heutige Zeit und die Zielgruppen angepasst werden. Besonders Jugendliche hätten den Bezug verloren: Etwa 50 Prozent wüssten nicht, was Auschwitz gewesen ist. Aber auch Menschen nichtdeutscher Herkunft könnten kaum etwas mit einer bislang „ausschließlich germanozentrischen“ Erinnerungskultur anfangen. Dabei gehe es sie sehr wohl etwas an. „Führende arabische und islamische Akteure haben mit Hitler-Deutschland freiwillig kooperiert“, erläutert Wolffsohn. Das heißt, die Täter des Holocaust fanden in zahlreichen deutsch besetzten Ländern und im Nahen Osten Komplizen — Länder, aus denen heute viele Migranten stammen. Es sei also nur konsequent, sie miteinzubeziehen. Auch das gehört zur Integration, sie dürfen nicht außen vor gelassen werden.

Grundsätzlich müsse auch die Sprache überarbeitet werden, derer man sich seit Jahrzehnten bedient: oft nur noch zur hohlen Floskel verkommen, zur versteinerten Phrase, die ins Leere läuft. „Bei fast allen Rednern zum Thema Holocaust kann ich Ihnen vorhersagen, was sie sagen. Kein Wunder, dass kaum noch jemand hinhört“, sagte Wolffsohn in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Geschichte dürfe aber niemals zum bloßen Ritual verkümmern. Aus seiner Sicht müssen vor allem „emotionale Brücken“ geschlagen werden, um die Menschen zu erreichen. Das Museale müsse dem Lebendigen weichen.

Das ist vor allem auch wichtig, um junge Menschen zu erreichen. Die Aufarbeitung darf nicht im Sinne einer nächsten Geschichtsstunde laufen, sondern das NS-Regime muss auf emotionaler Ebene vermittelt werden. Und zwar nicht nur das Grauen und die Schrecken.

Es ist wesentlich, zu verstehen, dass die Mehrheit begeistert von Hitler gewesen ist — und auch von der Idee, ein auserwähltes Volk zu sein und selbst Teil dieser Vision zu sein.

Der amerikanische Lehrer Ron Jones machte dazu im Jahr 1967 ein Experiment, das unter dem Titel „Die Welle“ bekannt geworden ist. Er installierte im Schulalltag sozusagen ein „Drittes Reich“, ohne dass den Schülern das zunächst klar war. Es wurde ganz normal, dass beispielweise jeder jeden verpetzte — wie es hieß, zum Wohle der Gemeinschaft. Das Experiment ist umstritten und es braucht keine Wiederholung dessen; aber es braucht Hintergrundwissen zu Psychologie und Propaganda. Zudem ist auch wichtig, zu verstehen, dass die NS-Zeit nicht etwas „Fernes“ ist, sondern dass der Mensch immer auch verführbar ist für große Ideen und Manipulation. Hier könnte man mit Jugendlichen Schatten- und Bewusstseinsarbeit machen, und das bereits an Schulen. So ließe sich der Aufarbeitung eine neue Lebendigkeit geben.

Ohnehin müssen wir alle uns fragen, wie nahe lassen wir das, was gewesen ist, an uns heran? Lebt auch in uns ein möglicher Faschist, der ausbrechen könnte? Vielleicht haben wir mit den Menschen des NS-Regimes mehr zu tun als uns lieb ist? Inwiefern sind wir selbst verführbar für Propaganda und Totalitarismus? Haben doch zuletzt die Pandemie-Jahre gezeigt, wie anfällig eine Gesellschaft ist, in eine Unmenschlichkeit zurückzufallen, die auf staatlich legitimierter Hetze und Ausgrenzung basiert. Das übrigens ist keine Gleichsetzung, sondern die Beschreibung von offensichtlichen Parallelen unter freilich völlig anderen Umständen. Nur weil niemand in Konzentrationslager verfrachtet wurde, ist die Unmenschlichkeit während der Corona-Ära nicht weniger wahr.

Die abgewehrte und stagnierende Aufarbeitungskultur könnte also durch Selbstreflexion eine neue Ausrichtung bekommen: das Zulassen-Können der eigenen Abgründe, und nicht der Finger, der auf das Gegenüber gerichtet ist — also diese Sache mit dem Balken und dem Splitter.

Und noch etwas fehlt. Das Entscheidende überhaupt. Thematisiert haben Margarete und Alexander Mitscherlich das bereits in ihrem 1967 erschienenen Werk „Die Unfähigkeit zu trauern“. Statt zu fühlen, was die Grauen des Nationalsozialismus bedeuten, hat man sich zunächst in die Verdrängung gerettet, und später auf die kognitive Ebene der Erinnerungsarbeit. Doch immer noch sind viel zu viele Tränen ungeweint. Insofern geht es darum, das Grauen des NS-Regimes emotional so weit an sich heranzulassen, dass eine ganze Gesellschaft darüber tief und ehrlich trauern kann.

Eben darum drücken wir uns seit Jahrzehnten: um all die kollektiven Tränen. Wann endlich werden sie geweint? Sicher nicht dort, wo das Gerede vom „Schuldkult“ sie unbedingt verhindern will.


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