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Die Herren und der Unbekannte

Die Herren und der Unbekannte

Mit Poetisierung ist die Welt doch noch zu retten.

Während ein alter Uhrmacher und ein dreizehnjähriges Mädchen auf einem abgelegenen Gottesacker über die Toten reden, in einer Sprache, die von weit herzukommen scheint, treffen die Herren der Welt ihre Entscheidungen. Es scheint ihrem Wesen zu entsprechen, dass sie sich immer und überall hineindrängen, auch in Geschichten, die sie nicht haben wollen, Geschichten, die ganz persönlich zu bleiben begehren, weil nur dort, im ganz Eigenen, dessen Sinn sich nur den Eigensinnigen erschließt, das Leben seine Bestimmung finden kann.

Sie, die es gewohnt sind, sich in regelmäßigen Abständen zu treffen, um in Absprachen zu finden, von denen niemand erfahren darf, und Beschlüsse zu fassen, die durch offene Türen hinausgetragen werden, diese Herren kommen überein, sie können die aktuelle Lage nicht sich selbst überlassen. Es ist in ihrem Programm nicht vorgesehen, dass ein Phänomen unverstanden, unerklärt und unkontrolliert bleiben darf, welches unüberschaubare Auswirkungen auf ihre Geschäfte haben kann. Sie, die Herren der Welt, sind anderes gewohnt. Die Welt soll nach ihren Vorstellungen funktionieren. In dieser irrigen Annahme stehen sie auf einer Stufe mit der Mehrzahl der Menschen, die es gewohnt sind, nur in eine Richtung zu blicken. Und während die Vielen sich wundern und Fragen stellen, beschließen die Wenigen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Kontrolle über die Zeit zurückzugewinnen und dadurch die bevorstehende, große Katastrophe abzuwenden.

Bevor sie jedoch diesen Beschluss fassen, einstimmig wie es scheint, wird ein Heer von überteuerten Beratungsgesellschaften damit beauftragt, Analysen anzufertigen und Handlungsvorgaben zu entwickeln, ein System ineinandergreifender Zielvorgaben zu formulieren und darauf aufbauend Berechnungen anzustellen, wie sich die aktuellen Entwicklungen auf den globalen Handel und die Weltwirtschaft auswirken und mit welchen Maßnahmen, wie sie es nennen, dem Eintreten dessen vorzubeugen ist, was sie alle am meisten fürchten.

Doch diesmal bleibt alles vage, sehr umstritten, wie es scheint, zu viele Fragen bleiben unbeantwortet, zu viele Faktoren unbestimmt. Was bleibt, ist Angst. Angst, die so manchen zur Verzweiflung treibt.

Wie ein Uhrwerk folgen die Abläufe im Inneren der großen Maschine der menschlichen Machenschaften ihren vorbestimmten Gesetzen, die als ein Ineinandergreifen kleiner und kleinster Zahnrädchen sich mal schneller, mal langsamer drehen, so als gehorchten sie einer unsichtbaren Macht, die alles antreibt, gleich der Unruh einer Uhr, bis sich dann, sichtbar für alle, ein Zeiger bewegt.

Und so geschieht es, dass die meisten Regierungen Notstandgesetze erlassen, deren Wortlaut sich hier und da zwar ein klein wenig unterscheiden mag, welche im Kern jedoch überall gleich sind. Es sei, so heißt es, das übergeordnete Ziel des gemeinsamen Handelns der Menschheit, die menschliche Kontrolle über die Zeit zurückzugewinnen, und zwar mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unter dem Primat einer alles umfassenden Gleichschaltung. Es müssten dazu neue Verfahren entwickelt werden, um die Kontrolle der Zeit immer und unter allen Bedingungen zu gewährleisten, auch wenn es dazu erforderlich sein sollte, eine ganz andere Zeit neu zu erschaffen.

Was den Verlautbarungen folgt, sind Erlasse, die sich allerdings mit dem Erreichen des vereinbarten Ziels nicht unmittelbar zusammenbringen lassen, was bedeutet, dass niemand erklären kann, wie mit Hilfe der vorgesehenen Maßnahmen, die Zeit kontrolliert werden solle. Jedoch wird alles von allen zunächst widerspruchslos hingenommen.

So wird unter anderem in allen Staaten der Erde eine Ausgangssperre verhängt, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. In dieser Zeit dürfe niemand Wohnung oder Haus verlassen, Ausnahmen würden nicht gestattet.

Auf diese Weise könne das Chaos, das sich in den Bewegungsrhythmus der Masse eingeschlichen habe, halbiert werden, so heißt es in den Verordnungen, die überall und in allen Sprachen verlesen werden. Überwacht werden solle die Einhaltung der neuen Regeln durch eine Zeitpolizei, deren Personal, aufgrund des üblichen Personalmangels bei den berufsmäßigen Ordnungskräften, aus Freiwilligen rekrutiert werden solle, die sich zur Nachtarbeit berufen fühlten.

Die Zahl der Meldungen willfähriger Denunzianten schoss kurz nach Bekanntgabe der Verordnungen in ungeahnte Höhen.

Sodann werde eine Weltzeitregierung einberufen, so der einstimmige Beschluss weiter, eine Weltzeitregierung, die sich aus jeweils einem Vertreter all derjenigen Staaten zusammensetzen solle, die sich an dem Projekt zur Wiederherstellung der Zeit finanziell beteiligen würden. In einem geheimen Abstimmungsverfahren sollten diese Delegierten dann über weitere Schritte entscheiden, die als erforderlich angesehen würden, um einen Zustand zurückzugewinnen, der die Existenzgrundlage darstelle für das, was die Menschheit in fünftausend Jahren erschaffen habe, eine Zivilisation, die so komplex sei, dass sie ohne Zeitmaß über kurz oder lang auseinander fallen werde.

Es gelte unter allen Umständen, Chaos und Anarchie zu vermeiden. Die modernen Gesellschaften seien konzipiert wie eine Hochleistungsmaschine, die nur dann reibungslos funktioniere, wenn alle Abläufe passgenau sich ineinander fügten. Und dazu bräuchte es einen Taktgeber, eine Orientierung, die es ermögliche, Bewegungen zu planen, was wiederum nur auf der Grundlage einer exakten Messung der Zeit im Verhältnis zur Bewegung ermittelt werden könne. Um dies alles zu gewährleisten, seien die angeordneten Maßnahmen unbedingt erforderlich, nur so könne die Kontrolle zurückgewonnen werden.

Wenn es so ist, dann soll es so sein, sagen sich die meisten Menschen und reihen sich in langen Warteschlangen vor den verschlossenen Türen der Supermärkte, die ihre Öffnungszeiten vergessen haben.

Hier und da kommt es zu einem kleinen Handgemenge zwischen ganz besonders nervösen Zeitgenossen, die sich um den letzten Einkaufswagen streiten. Kaum dass sich die Türen öffnen, stürzen sich alle ohne Ausnahme auf die Auslagen, rattern durch die viel zu engen Gänge, räumen ein, was ihre Hände greifen können, ganz egal, ob sie es brauchen können oder nicht.

Bald schon werden die Regale leer geräumt sein und nicht mehr nachgefüllt werden können, weil insbesondere der Lieferverkehr auf eine exakte Zeitplanung angewiesen ist.

Nicht jeder akzeptiert die Erlasse und Verordnungen, einige ziehen durch die Straßen und verkünden lautstark ihren Unmut, andere gehen einen Schritt weiter, sie schreiten zur Tat. Autos brennen und Fenster gehen zu Bruch, Steine fliegen und Blut fließt. Ereignisse, die nicht unbeantwortet bleiben dürfen, von denen, die den Anspruch auf die Anwendung von Gewalt für sich allein vorgesehen haben.

Wohl dem, der gelassen bleiben kann in solchen Krisenzeiten und auf Gott vertraut. Mag sein, er wird nicht satt, aber ohne Angst zu leben, heißt Freiheit, ganz besonders dann, wenn die Herrschenden eine nächtliche Ausgangssperre verhängen, die nur Selbstzweck ist und Machtgehabe.

In einer Zeit ohne Zeit sind der Willkür keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, die Kontrolle zurückzugewinnen, auch wenn weder Mittel noch Zweck angemessen sind. Expertenkommissionen geben sich die Klinken der Tagungsräume in die Hand. Ihre Zusammensetzung unterscheidet sich dabei je nach dem Interesse derer, die legitimiert sind, die Mitglieder der Ausschüsse zu berufen.

Kein Tag vergeht, an dem sich nicht ein weiterer Experte zu Wort meldet und dadurch aus der Deckung tritt, die ihm bisher so viel Schutz geboten hat, dass er unbehelligt seinen Forschungen und Untersuchungen nachgehen konnte. Zu groß ist die Verlockung für einen, der glaubt, etwas zu sagen zu haben, als dass er sich zum Schweigen entschließen könnte.

Dann kommt der Tag, an dem ein bisher unbekannter Wissenschaftler, der dazu bestimmt ist, sich in die Reihe der Würdenträger ganz hinten einzureihen, das Wort ergreift.

„Wir wissen überhaupt nichts.“

Mit dieser Wahrheit beschließt er den Anfang vom Ende seiner beruflichen Laufbahn.
„Wir geben uns lediglich der Illusion hin, zu wissen, weil wir ohne diese Illusion völlig verloren wären. Wir glauben an das Wissen und wir glauben daran, Wissen entdecken zu können. Dabei sind wir blind und taub. Wir wissen nichts. Nur geben wir das nicht zu. Schließlich leben wir davon, vorzugeben, Wissen zu schaffen.“

Möglicherweise hat der unbekannte Wissenschaftler, der sich aufrafft, solche Reden zu führen, einfach nur schlecht geschlafen, möglicherweise hat sich gerade seine Frau von ihm getrennt und er ist in eine tiefe Krise geraten, eine geistige, möglicherweise ist er berufsmüde und will lieber etwas ganz anderes machen, vielleicht einfach nur mit seinen Händen in der Erde wühlen, nach Wurzeln graben oder Gemüse anbauen, vielleicht auch Hühner züchten, nur fehlt ihm der Mut, sich ins Offene zu wagen, dorthin, wo alles unsicher ist und frei, wo eine Angst wohnt, der man widerstehen kann, und das Abenteuer.

Und so wirkten Kräfte in ihm, die ihn vorantreiben wollen, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Sein Schicksal nimmt die Sache selbst in die Hand und sorgt dafür, dass sich alle gegen ihn wenden, da sie noch nicht ganz so verrückt geworden sind wie er und niemals bereit wären, zuzugeben, dass der Unbekannte vielleicht gar nicht mal so falsch liegt, weil sie dadurch nicht nur ihren Beruf, sondern auch sich selbst in Frage stellen müssten.

Noch hat ihn, den Unbekannten, niemand unterbrochen, wodurch es ihm möglich wird, seine Rede bis zum Ende zu bringen, dorthin, wo er selbst und kein anderer einen Schlusspunkt zu setzen vermag.

„Wir streiten uns unablässig über die Frage, wer wir sind, auch wenn wir über etwas ganz anderes debattieren, diese Frage gehört immer dazu“, fährt er fort. „Aber solange wir nicht wissen, wer wir sind, so lange der Mensch dem Menschen und somit sich selbst ein Fremder bleibt, so lange wissen wir nichts.“

Nachdem der Unbekannte diese Worte gesprochen hat, herrscht minutenlanges Schweigen. Dann geht ein leises Flüstern durch die Menge derer, die sich hier in dem großen Saal um einen runden Tisch versammelt haben. Hier und da ist der Name des Wissenschaftlers zu hören. Aus Gründen der Pietät soll er verschwiegen werden. Dann wird die Sitzung unterbrochen und alle erheben sich von ihren Plätzen. Viele verlassen den Raum, wenden sich zur Toilette oder zünden sich im Gehen eine Zigarette an, ein paar wenige bleiben zurück und diskutieren in kleinen Gruppen.

Der Unbekannte meint noch einmal die Worte zu hören, die er gerade gesprochen hat, dann verlässt auch er den Raum und das Gebäude, geht die Straße entlang und denkt nicht mehr an das, was sich gerade ereignet hat.

Er wendet sich nicht ein einziges Mal mehr um und geht immer weiter, weiter geradeaus.


Beim Text handelt es sich um eine Passage aus dem 10. Kapitel des Romans ‚Der Mann, dem es gelang, den Sommer anzuhalten‘ von Thomas Wagner. Mit dem Tod seiner Frau Magdalena hat der Einzelgänger Jakob Gottlieb Tennriegel auch seinen Lebensmut verloren. Als er sich endlich dazu durchringen kann, seine Uhrmacherwerkstatt zu schließen, bleiben die Uhren stehen. Es bricht eine Zeit ohne Zeit an. Die Welt gerät aus den Fugen. Die Begegnung mit der dreizehnjährigen Anna, einer Liebhaberin von Friedhöfen, verschafft dem alten Mann eine letzte Frist, um sich seinen Dämonen zu stellen und zu erfahren, was es heißt, ein Leben für die Toten zu leben.


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