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Die Kunst des Grundsätzlichen

Die Kunst des Grundsätzlichen

Ein posthumes Werk des Philosophen Jochen Kirchhoff lässt noch einmal dessen kritische Fragen an die Wissenschaft anklingen.

Die vergessenen Voraussetzungen der Moderne

Grundannahmen liegen jeder Kultur, jedem Weltbild und jeder Wissenschaft zugrunde. Solange alles hinreichend funktioniert oder zu funktionieren scheint, bleiben Grundannahmen zumeist unsichtbar. Erst in Krisenzeiten treten sie wieder deutlicher hervor. Nicht zuletzt die Corona-Jahre haben die Frage nach Reichweite und Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis für viele Menschen neu aufgeworfen.

Posthum ist ein Werk des Berliner Philosophen im Hirschmann-Verlag erschienen, das schon 1982 entstand und in kaum veränderter Form die Leserschaft erreicht. Noch einmal tritt der Philosoph auf den Plan, wie wir ihn kennen: radikal im besten Sinne. Der Weg der Naturwissenschaft wird auf grundsätzliche Verschiebungen des Wirklichkeitsverständnisses zurückgeführt, wie sie sich exemplarisch im Wirken Galileo Galileis manifestieren, das unter anderem den Verzicht auf die Beantwortung von Wesensfragen zugunsten einer Berechenbarkeit der Phänomene mit sich bringt. Geschichtlich hat sich diese Weichenstellung zunächst durchgesetzt gegen die alternativen Ansätze wie die eines Giordano Brunos oder Goethes, auch ob ihrer enormen Erklärungskraft und technischen Fruchtbarkeit. Kirchhoff fordert dennoch und meinem Dafürhalten zu Recht die Reintegration eines metaphysisch fundierten beziehungsweise ganzheitlichen naturwissenschaftlichen Denkens.

Kirchhoff fragt in seinem Werk „Anti-Geschichte der Physik“, ob die neuzeitliche Physik nicht selbst auf Voraussetzungen beruht, die selten hinterfragt werden: die Vorrangstellung des Messbaren, die Trennung von Subjekt und Objekt, die Reduktion qualitativer Erfahrung auf quantitative Größen und die Vorstellung eines letztlich mechanischen Universums.

Die Physik als Weltbild und der Verlust des lebendigen Kosmos

Die moderne Physik ist weit mehr als eine Naturwissenschaft. Sie wurde zur stillen Metaphysik der Moderne. Viele Menschen halten ihre Grundannahmen nicht mehr für Deutungen, sondern für die Wirklichkeit selbst. Hier setzt Kirchhoffs Kritik an. Er fordert nicht die Abschaffung wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern die Erinnerung daran, dass auch wissenschaftliche Modelle eben Modelle bleiben.

Ein zentrales Motiv seines Werkes ist die Frage, ob mit dem Siegeszug mathematischer Abstraktion etwas verloren gegangen ist: die Erfahrung eines lebendigen Kosmos. Der Mensch erscheint in der Moderne als Beobachter eines fremden Universums. Kirchhoff hingegen fragt, ob Erkenntnis nicht immer auch Teilhabe ist, ja diese zur Voraussetzung hat.

Auch innerhalb der Physik selbst werden heute wieder Grundsatzfragen gestellt, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Beispielhaft seien hier die Beiträge von Alexander Unzicker, Sabine Hossenfelder oder Gerd Ganteför genannt. Kosmologie, Gravitation, Bewusstseinsforschung und Grundlagenphysik zeigen vielerlei ungelöste Probleme. Kirchhoffs Werk gewinnt gerade deshalb Aktualität und Bedeutsamkeit, weil es diese Fragen bereits vor Jahrzehnten — und über Jahrzehnte eindringlich und konsequent — gestellt hat.

Die Raumfrage

Besonders klärungsbedürftig erscheint die Raumfrage. Kirchhoff selbst bezeichnete den Raum immer wieder als Mysterium. Er hat die Raumfrage nicht abschließend beantwortet, wohl aber neu geöffnet. Gerade darin könnte eine seiner wichtigsten Zukunftswirkungen liegen.

Persönliche Begegnungen

Ich erinnere mich gern an manche Spaziergänge um den Schlachtensee in Berlin-Zehlendorf, bei denen Jochen Kirchhoff mir aus seiner philosophischen Arbeit erzählte. Ich denke an Gesprächsvideoaufnahmen zu Themen wie Reinkarnation, dem Wesen der Zeit oder der Frage nach dem kosmischen Anthropos, einem Urbild des Menschseins, die in einem kleinen Team realisiert werden konnten. Manches Telefonat mit ihm beantwortete aktuelle Fragen oder war Hilfe bei den ganz persönlichen Suchbewegungen. Sein Geist, seine umfassende Bildung und auch seine Liebe zu Musik und Kunst bleiben mir gut in Erinnerung. Seinen Hinweisen und Impulsen verdanke ich nicht nur eine Art informelles Studium der Philosophie, sondern auch die stete Ermutigung zum eigenständigen Denken.

Beiträge zur Werkpflege

Die Jahre seit der Corona-Krise waren unter anderem geprägt von der Wiederbelebung der von Jochen Kirchhoff mitbegründeten Edition Dionysos. Vor allem die Transkription seiner Naturphilosophischen Vorlesungen in vier Bänden, kleine Sammlungen seiner Essays aus Zeitschriften, die Transkription seiner Gespräche mit Gunnar Kaiser aber auch die Wiederauflage des Werkes „Nietzsche, Hitler und die Deutschen“ konnten gemeinschaftlich noch zu seinen Lebzeiten realisiert werden — genauso wie eine Wiederauflage seiner Monografien zu Giordano Bruno, Friedrich W. Schelling und Nikolaus Kopernikus, die einen intensiven Beitrag zur kosmologischen Grundfrage darstellen: In was für einem Universum leben wir?

Was trägt weiter

Die bleibende Bedeutung der „Anti-Geschichte der Physik“ erschöpft sich nicht in einzelnen Thesen. Sie reicht von der Vorstellung eines lebendigen Universums über die Idee eines anderen, das forschende Subjekt nicht ausschließenden Zugangs zur Physik du Naturwissenschaft bis hin zur Annahme primordialer Felder als tragender Grund aller materiellen Strukturen.

In einer Zeit wachsender Ungewissheiten erinnert das Werk daran, dass Erkenntnis nicht mit Antworten beginnt, sondern mit der Fähigkeit, scheinbare Selbstverständlichkeiten erneut und immer wieder zur Disposition zu stellen, damit Prämissen des Denkens und Forschens bewusst werden können und bewusst bleiben.

So können auch Annahmen und Deutungen der Phänomene mehr und mehr in Richtung der Seinswirklichkeit verschoben werden.

Jochen Kirchhoff bleibt für mich ein Philosoph großer geistiger Beweglichkeit. Sein eigentliches Vermächtnis besteht vielleicht weniger in einzelnen Antworten als in der Beharrlichkeit des Fragens. Ob man seinen Antworten folgt oder nicht — die von ihm gestellten Fragen haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Er erinnerte durch sie daran, dass Weltbilder nicht nur Ergebnisse von Erkenntnis sind, sondern auch deren Voraussetzungen. Wer diese Voraussetzungen sichtbar macht, erweitert den Horizont des Denkens. Darin liegt die bleibende Aktualität seines Werkes. Sein Insistieren auf der kosmisch-geistig verankerten Würde des Menschen ist eine erinnernde Wegweisung weit über den „geopolitisch“ angespannten Tag hinaus.


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