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Die schwerste Entscheidung

Die schwerste Entscheidung

Abtreiben oder nicht? Gerade für sensible Frauen ist die Abwägung oft quälend, weil sie zwischen zwei Optionen wählen müssen, die beide eigentlich „nicht gehen“.

Nicht so einfach wie behauptet

Wir waren nicht nur leichtsinnig in den 1970er-Jahren; schon zu viele Eier waren im Freundinnenkreis außerplanmäßig gesprungen und hatten sich hemmungslos fröhlich befruchten lassen. Aber Verhütung war nicht so einfach wie behauptet.

Interruptus war nicht sicher, auf Berechnungen so viel oder wenig Verlass wie auf die Temperatur-und-sonst-was-Mess-und-Aufzeichnungsmethoden. Kondome? Die Herren beklagten Lusteinbußen, um Himmels Willen, das durfte nicht sein; und ehrlich, wir Frauen fanden die Waldwichtelhäubchen auch nicht so betörend. Die Spirale gab es schon, aber nur für Die-die-schon-Mutter-waren; und ob der kleine Draht verhütend wirkte oder eher abtreibend, wusste niemand so recht. Also die Pille, was sonst. Mittlerweile stellten die Frauenärzte (fast ausschließlich Männer) großzügig und vorbehaltlos Rezepte aus, auch für Unverheiratete. Also rein damit!

Aber, Mist: Zwischenblutungen. Pille gewechselt. Dauerblutungen. Pille gewechselt. Keine Lust mehr auf Lust; keine Lust mehr auf Pille. Ging ja eh nicht immer so wild zu, wie behauptet wurde in den jenen Zeiten. „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad, haha-lustig, wir brauchen keinen, jedenfalls keinen, der uns verbieten kann, zu arbeiten, das dürfen die immer noch, ja sind wir denn noch in der Steinzeit?!“

Aber dann gab es halt doch mal wieder eine Liebe oder Liebschaft. Sehnsuchtszittern, Monatszittern, ein neuer Versuch: Vaginale Verhütungszäpfchen. Schäumten wie Pril im Spülbecken, brannten brutal und waren nicht sicher.

Oft wurde die Lust von der Angst getoppt; gestoppt seltener, denn es gab ja die Pille und die Verheißung von Freiheit und keine Ausreden mehr.

Für Frauen stand mehr auf dem Spiel

Für uns Frauen stand mehr auf dem Spiel. Für uns war die Liebe folgenreicher, für uns barg die Lust mehr Risiken — und mit der Verantwortung für Liebe, Lust und Leichtsinn waren die meisten von uns allein.

Ich vertrug sie nicht, die Anti-Baby-Pille, diese nicht und jene nicht, und auch nicht die Minipille. Viele vertrugen sie nicht. Zwar hatten zwei Ärzte mir prophezeit, mit so einer unregelmäßigen Regel und-so-weiter sei ich ohnehin eisprunglos unfruchtbar, doch darauf wollte ich mich nicht verlassen: Eine Freundin von mir hatte niemals ihre Tage gehabt und flugs ein süßes Kind bekommen.

Genauso wenig wollte ich mich verlassen auf das, was da so selbstbewusst von allen Seiten tönte: Wenn doch mal was passieren sollte, da gibt’s ja Lösungen, das ist ja heutzutage keine große Sache mehr, wir leben ja nicht mehr im Mittelalter, da muss man ja nicht mehr zu einer Engelmacherin. Und wenn man nicht zu der lästigen Zwangsberatung will, dann halt schnell mal rüber nach Holland mit dem Frauenbus. Ein Wochenendausflug; ein kleiner Eingriff, Entfernung von Schwangerschaftsgewebe, mehr nicht.

Wie Babys entstehen und Engel gemacht werden

„Engelmacherin“ …? Während eine Tante und eine fremde Frau am Kaffeetisch leise miteinander sprachen, spielte ich im Nebenzimmer mit einer Puppe; aber Fünfjährige hören alles und merken alles und merken sich alles. Die Wohnung war finsterkalt und leer, kein Engel in Sicht, und die Frau, ganz in Schwarz, hatte geweint, als sie mir das Püppchen in die Hand gedrückt hatte, und die Tante sagte beim Abschied: „Nochmal herzliches Beileid.“

Wie Babys entstehen, das wusste ich schon früh. Die Kindersommerferien verbrachte ich auf dem Land. Jeden Sommer Menschen- und Katzenbabys, jeden Sommer eine Beerdigung, da blieb nichts im Nebel: nicht das Leben, nicht der Tod, nicht das Geld.

Das Kalb kommt weg von der Kuh, die Milch wird verkauft, das Schwein wird auf dem Hof geschlachtet, das Huhn kommt in den Suppentopf.

Ich war zwölf, als ich zum ersten Mal das Wort Pariser hörte, in der Schule; bald darauf folgte der Begriff Schwangerschaftsunterbrechung. Wie, was, Babytragezeit kurz mal unterbrechen und dann fortsetzen? Ach so, nein, Schwangerschaftsabbruch hieß das auch, oder Abtreibung oder ein Kind wegmachen. So also wurden Engelchen gemacht, nun wusste ich’s; mit Stricknadeln oder so. Ich hätte es lieber nicht gehört.

„Ob Kinder oder keine, bestimmen wir alleine“: Die frauenbewegten 1970er Jahre

Das Jahr 1971. Frauenfußball und Frauenmarathon waren endlich nicht mehr verboten, Dolle Minnas verbrannten öffentlich ihre BHs, und 374 prominente Frauen erklärten im STERN (0): „Wir haben abgetrieben — und fordern das Recht für jede Frau dazu.“

Ich war im zweiten Berufsjahr, minderjährige zwanzig. Noch immer mussten meine Eltern die Verträge unterschreiben. Hätten sie mich mit einem Freund bei sich übernachten lassen, hätten sie eine Anzeige wegen Kuppelei riskiert.

Das Jahr 1975. In Island nahmen sich 90 Prozent der Frauen einen Tag lang frei, ließen Erwerbsarbeit und Hausarbeit liegen und die Kinder bei den Männern. Das öffentliche und wirtschaftliche Leben kam fast gänzlich zum Stillstand. Danach ging’s mit der Gleichberechtigung in Island zügig voran.

Und bei uns? Auch im Jahr der Frau konnten Ehemänner ihren Angetrauten noch verbieten, berufstätig zu sein. Das nahm meinen Ganz-in-Weiß-Träumen den Glanz. Von Oswalt-Kolle-Aufklärungsfilmen, Sexkomödien und sogenannten Erotikfilmen blieb ich verschont, auch beruflich: Nachdem ich mich bei einem Fernsehdreh der Nackedeierei verweigert hatte, wurde ich nie mehr für sowas angefragt. Doch die Pub-und-Movies-Kinos, kurz PAM, boomten mit — wie das Volk sie nannte — „Papa-auf-Mama-Filmen“.

Waren wir wirklich dabei, uns von alten Zwängen zu befreien? Oder verstrickten wir uns in neue Abhängigkeiten?

1976, nach jahrelangen Debatten, Demonstrationen, Kämpfen und juristischen Auseinandersetzungen verabschiedete der Deutsche Bundestag eine Reform des Paragrafen 218 StGB

Nachdem ein Arzt die Schwangerschaft festgestellt und die Notlage der Schwangeren anhand von vier Kriterien bescheinigt hatte, musste sie noch zu einer Beratungsstelle — und für den Eingriff zu einem anderen Arzt. (1)

Beratung? Unerhört! Bevormundung! Wir lassen uns nichts vorschreiben! Mein Bauch gehört mir! Und Männer, wieder mal nur Männer dort bei Gericht, was wussten die schon!

Ob Kinder oder keine, bestimmen wir alleine!

Ich hatte in Italien auf der Bühne gestanden und in Down Under vor der Kamera, wollte alle Rollen der Welt spielen auf der ganzen Welt, wollte ansonsten bei mir selbst anfangen mit den Veränderungen und verschreckte alle Tanten und Verwandten mit Therapie, Meditation und einer Reise nach Indien.

Die Abtreibungsdebatten gingen weiter. Meine Karriere ging weiter.

Ein sonniger Tag

War es Schicksal? Es war der 21. Tag. War es Zufall? Es war eine Begegnung. Die Koffer waren gepackt. Nach zwei Jahren an einem Theater in Irgendwo-Ganzwoanders wollte ich heim, wieder freiberuflich und mehr fürs Fernsehen arbeiten. Es war mein zehntes Berufsjahr, ein sonniger Tag; einer meiner letzten Tage dort. Der 21. Tag eines mittlerweile einigermaßen regelmäßigen 23-Tage-Zyklus.

Als ich die Koffer in München auspackte, war mir übel. Umzugsstress, mutmaßte meine Mitbewohnerin. Mit Elfie teilte ich Miete und Nebenkosten für eine große Altbauwohnung im Herzen der Stadt, 250 Mark für jede. Meine Periode war ausgeblieben, aber das kam ja öfter vor. Ich rief bei meiner Agentur an, meldete mich zurück, da waren gleich ein paar Projekte in Aussicht, und einige Castings und Vorsprechen standen an. Es gab viel zu tun.

Und dann zeigte sich der kleine braune Ring im Reagenzglas.

Ich weiß nicht, wie lange ich weinte, die schnurrende WG-Katze im Arm. Ich war überwältigt von der Realität. Von dem Unfassbaren, das da geschah. Vom Unvorstellbaren. Überwältigt vom Hier und Jetzt und So.

Ich weiß nicht, wie lange ich in das warme Katzenfell weinte.

Dann stand ich auf und griff zum Telefon. Ruhig. Sachlich. Vernünftig. Was sonst sollte ich tun. Die Wohnung hatte ich noch, Anspruch auf ein paar Monate Arbeitslosengeld und Rücklagen für ein knappes Jahr; mehr als viele Kolleginnen meines Alters. Sonst hatte ich nichts.

Und ich war allein.

Infos waren schnell eingeholt. Keine Beratung; keine Frauenbusreise nach Holland.

„Ich fahre nach Wien.“ — „Sicher?“, fragte Elfie. Und am Ende eines langen Zwiegesprächs auf dem frühlingswarmen Balkon sagte sie: „Wenn du fährst, komm ich mit. Ich meine: Ich fahr dich.“

Nein, er war nicht verheiratet. Und er hatte Rückgrat, denn er hatte den Militärdienst verweigert und deshalb nach Schweizer Recht etliche Monate hinter Gittern verbracht. Friedliche Schweiz. Aber es war nur eine Begegnung.

Die Zeit tickt

Ich irre umher, habe mich verirrt, weiß den Weg nicht, weiß das Ziel nicht. Das Gepäck muss weg, ich muss das Gepäck loswerden, vielleicht finde ich, leichter geworden, den Weg?

Ich taste mich an Abgründen entlang, stolpere auf ausgesetzten Pfaden, erklimme kaputte Leitern. Ein Weg ins Nichts. Ich stürze. Schrecke hoch. Mir ist übel.

Die Zeit tickt. Die Zeit steht. Die Zeit rast. Ich werde die Zeit zurückdrehen. So viel zu erledigen vorher noch, ein Casting, wie in Trance, ein Vorsprechen.

Ein Drehtag, viel Geld, bedeutungsloser Film, künstlerisch hochwertige waren immer schon selten. Wie viele Drehtage braucht man, um ein Kind großzuziehen? Lässt sich die Zeit zurückdrehen? Ich bin müde, will nicht nachdenken, nur schlafen. Hat das Leben nicht schon entschieden? Ich entscheide mich gegen die Willkür des Lebens. Ist es Willkür? Was sonst? Bin ich verliebt? Na also. Ohne Vater wird so ein Kind neurotisch. „Pah“, sagt Elfie, „neurotisch wird man so oder so.“

„Schien hell in meine Kammer die Sonne früh herauf / Saß ich in allem Jammer in meinem Bett schon auf.“ Goethe.

Morgens ein Zwieback, gleich nach dem Aufwachen, das hilft gegen die Übelkeit. Die Gedanken zur Ruhe bringen. Meditation. „Sitting silently, doing nothing, spring comes and the grass grows by itself.“ Gras kann man nicht immer wachsen lassen, wie es will. Gedanken kann man nicht immer zur Ruhe bringen. Die Gedanken rasen. Die Zeit tickt.

Es war nur eine Begegnung, es gab keine weiteren Pläne, doch nun gibt es Kontakt, zwangsläufig. Er muss es doch wissen, wenn ich schon sonst mit niemandem rede, außer mit Elfie. Was und mit wem sollte ich auch reden, gibt nichts zu reden, alles entschieden.

Aber er muss es wissen, es geht ihn ja was an, er ist ja, er wäre ja der … Vater, ja.

Er klingt überrascht, ist freundlich. Aber was soll er tun, er kann ja nicht einfach fort von dort, will auch nicht fort, studiert ja noch, hat ja kein Geld, was kann er schon tun? Will mir nicht dreinreden, nichts einreden, nichts ausreden, mich nicht überreden, sich nicht einmischen. Nur ins Heim soll es nicht, das nicht.

Was erwarte ich? Einen Heiratsantrag? Will ich einen? Nein. Bin ich verliebt? Er hat blaue Augen. Heim?! Nein, es war kein Vorschlag, im Gegenteil, doch der bloße Gedanke, irrwitzig, empörend! Wer macht denn sowas?

Wer macht denn so etwas?

Eine Tante, kurz nach dem Krieg, gab ihren Sohn ins Heim. Erst war er in Obhut einer Kriegerwitwe — die hätte so gern ein Kind gehabt —, dann im Heim. Was sonst hätte Tante Fräulein Mutter tun sollen? Sie musste Geld verdienen. Lange und vergeblich wartete sie darauf, dass der ferne Kindsvater doch einmal käme vom anderen Ende der Welt, um sie zu heiraten und Papa zu sein für den Sohn.

„Was mein armes Herz hier banget, was es zittert, was verlanget, weißt nur du, nur du allein!“ Faust. Meine Mutter war auch Schauspielerin. Hat das Gretchen gespielt. 1947. Vorher, im Krieg, war sie allein mit ihrer Erstgeborenen. Bei Kriegsende flüchtete sie mit der Fünfjährigen aus dem brennenden Berlin. Danach kam die Kleine in die Schule und zu Verwandten. Die Mama musste Geld verdienen, ging auf Vorsprechreisen durchs zerbombte Land, bekam ein gutes Engagement, von der ersten Gage kaufte sie ein Kinderfahrrad. Morgens Proben, nachmittags Text lernen und hamstern, Kohlen und Kartoffeln, abends Vorstellung, Schiller und Goethe, was hätte sie tun sollen? Immer spielen, immer hungern, immer frieren, immer Sehnsucht nach dem Kind, bis, einige Jahre später, sie mit dem Mann zum Standesamt ging, der dann mein Vater werden sollte — und Vater auch für meine große Schwester. Mami gab den Beruf auf; was sonst hätte sie tun sollen?

Ich bin die nächste in der Reihe; nichts Besonderes; nicht die erste, nicht die letzte, nur eine von vielen; und auch noch selber schuld.

Es war der 21. Tag eines 23-Tage-Zyklus, mit Diaphragma. Nur die spermienvergrämende Creme … Ich hatte sie in der Hand gehabt; aber es war doch schon der 21. Tag.

Warum jetzt, hier, so?

Neunundzwanzig. Eigentlich ein gutes Alter, um ein Kind zu bekommen.

Vor ein, zwei Jahren hatte ich, blindverliebt, es darauf ankommen lassen, wochenlang, monatelang, er lächelte dazu, ich war mir so sicher, hatte Babysöckchen gekauft und ein Lied gesungen für mein künftiges Kind. Und dann kam doch wieder nur Liebeskummer. Und hier bin ich nun.

Es hat sich schon eingenistet jetzt.

Vernünftig sein!

Kind, sei doch vernünftig, diese Situation, unmöglich, zu schwierig, was könnte ich dir bieten, nichts, geh lieber freiwillig, komm später wieder, irgendwann, wenn’s passt.

Wird es je besser passen? Jetzt spricht alles dagegen. Nichtbeziehung, Beruf, allein, Zeit, Geld. Geld! Und wenn ich genug davon hätte? Wenn ich genug Geld hätte?

„Recht auf Abtreibung“. Wieso eigentlich nicht „Recht auf Mutterschaft“?

Mutterschaftsgeld, seit 1979, seit einem Jahr gibt es das, 750 Mark, gar nicht so wenig.

750 Mark für sechs Monate. Und dann? Die nächsten zwanzig Jahre?

Du wärst allein mit mir; ohne Vater, tut mir leid. Stell dir das mal vor. Und überhaupt, dieser Beruf, weder Feiertag noch Feierabend, ständig irgendwo auf Reisen! Wer sollte dich umsorgen? Eltern und Schwester leben da und dort, woanders, und — na hör mal, ich stand schon mit neunzehn auf eigenen Beinen, da schrei ich doch mit dreißig nicht nach Mama oder Schwester, die hat selbst drei Kinder und studiert nochmal, die Ehe kriselt.

Seit dem 21. Tag klopft dein winziges Herz. Aber der Kindergarten nimmt die herzigen Kinderchen erst mit drei Jahren auf. Bis dahin, was?

Lehrerin hätte ich werden sollen, ordentlich verhüten hätte ich müssen, nicht einmal das kann ich, guck doch, was für eine Rabenmutter ich wäre; ich würde dir nur schaden.

Stimmt, er war auch beteiligt, nein, gefragt hat er nicht, aber wann hat jemals einer gefragt, wo es doch die Pille gibt.

„Zu dumm zum Verhüten, und jetzt hat sie einen Braten in der Röhre.“ So sagt man. Doch; hab ich schon gehört. Flittchen, Schlampe, gefallenes Mädchen nennt man so eine vielleicht nicht mehr, aber ledige Mutter und verantwortungslos, das sicherlich; und das Kind von so einer nennt man unehelich; willst du so genannt werden? Bankert nennt man es auch. (2)

Bankert heißt „auf-der-Bank-gezeugt“. Kurios: Auf einer Bank bin ich ihm begegnet, dem, der dein Vater nicht sein wird.

In der Nacht davor hat er von einer schwangeren Frau geträumt. Das erzählte er neulich am Telefon.

Sonderbar, ja. Es hatte drei Tage lang durchgeregnet, während eine Freundin zu Besuch bei mir war, und regnete noch, als ich sie morgens zum Bahnhof brachte. Mittags kam die Sonne raus, ich ging zum See und setzte mich auf eine Bank, um in dem Büchlein zu lesen, das die Freundin mir geschenkt hatte: „Das Wunder des Lichts“. Es war der 21. Tag.

Ein Wunder ist es ja schon, so aus dem Nichts heraus entsteht da ein Mensch.

Das Mysterium des Lebens vollzieht sich in meinem Leib.

Aber für dieses Mysterium ist mein Portemonnaie zu klein.
Hallo? Hörst du mich?

Es stimmt nicht, was sie sagen.

Diese Stille kommt nicht von einem Zellhaufen.

„Mariechen saß weinend im Garten …“

Aber guck doch die Geschichten an, keine ging gut aus, schon die alten Küchenlieder erzählen davon: „Mariechen saß weinend im Garten / im Grase lag schlummernd ihr Kind …“

Illegitime Geburt. Ausgesetzte Kinder, Findelkinder, Findelhaus, Kinderbewahranstalt.

Die Mütter — Tagelöhnerinnen waren sie oft, Dienstboten, Mägde, Untergebene — wurden entlassen, verstoßen, verachtet, vor Gericht gestellt, ins Gefängnis geworfen, hingerichtet, brachten sich um.

„Drum wollen wir uns beide / hier stürzen in den See / Dort sind wir dann geborgen / vor Kummer, Ach und Weh.“

Franziska zu Reventlow, die „Skandalgräfin mit dem illegitimen Kind“, war sie nicht ständig pleite? Zugegeben, das ist schon so lange her! Noch nicht lange her, da gab es noch die Amtsvormundschaft; vor zehn Jahren hätte ich noch nicht einmal das Sorgerecht für dich bekommen; und dein Erzeuger wäre nicht mit dem unehelichen Abkömmling verwandt gewesen.

Ach was, das ist ja nun auch vorbei. Und? Heute? 1980? Welche Frau zieht denn ein Kind allein groß? Eine jüngere Kollegin lebt mit Baby im Haus für Mutter und Kind. Eine sehr bekannte Ex-Miss-World und Moderatorin, ja, die war lange allein mit ihrer Tochter; vor ein paar Jahren rauschte da der Blätterwald. Und sonst? Eine Elfie-Freundin lebt mit ihrem Kleinkind von Sozialhilfe.

In der Literatur kommen Mütter kaum vor, Mamas, die allein sind, schon gleich gar nicht; Alleinerziehende nennt man sie seit ein paar Jahren. In Heimatromanen sind alle Mütter tot. Mütter spielen keine Rolle. Deshalb gibt’s auch kaum Mütterrollen. Schlechte Aussichten für uns, Kind. Nur bei Bertolt Brecht gibt es Mütter und gute Mütterrollen: Die Stumme Kattrin in „Mutter Courage“, die habe ich vor ein paar Wochen noch gespielt, die rettet ein Kind aus dem brennenden Haus und wird dafür erschossen.

Die Grusche im „Kaukasischen Kreidekreis“; die möchte ich auch mal spielen. Die Grusche nimmt ein verlassenes Kind an unter Lebensgefahr.

Und ich? Bin feige. Zu feige, mein eigenes anzunehmen.

„Marie Farrar, geboren im April / unmündig, merkmallos, rachitisch, Waise …“

Brecht wusste Bescheid, die brachten sogar ihre Kinder um, diese Frauen, so verzweifelt waren die. Und ich?

Was bin ich denn für eine? Fremden, die gern ein Kind hätten, will ich’s nicht schenken zum Weiterleben, aber fremden Ärzten will ich’s zum Entfernen überlassen? Was ist das für eine Logik?

Weiß ich nicht. Wieso kann ich eine Mücke erschlagen, aber keine Hornisse? Weil das eine kaum zu spüren ist und das andere sich wie Mord anfühlt? Weiß ich nicht. Bremsen erschlage ich, Spinnen und Schnecken rette ich; gleicht sich das aus? Weiß ich nicht. Wieso meinen so viele, Abtreibung bis zur 12. Woche sei eine gute Lösung, danach aber immer weniger gut und irgendwann — wann genau? — keinesfalls mehr akzeptabel? Aus Sorge um das wachsende Risiko für die Mutter? Oder weil der Zellhaufen, das Schwangerschaftsgewebe, der kleine Mensch, immer mehr aussieht wie ein Mensch?

Man sieht doch schon in der siebten Woche, dass es ein Mensch ist. Ich habe Bilder gesehen.

Von irgendwo dort draußen

Das Buch lag in der Bücherei auf einem Tisch, ein ziemlich neues Buch, Fotos aus dem Mutterleib, solche Fotos gab es bislang noch nie. Meine Güte, Zygote, Morula, Blastozyte, Embryo, Fötus, Neugeborenes, Säugling, Kind; wie das wächst und wächst und sich ordnet und formt und Gestalt annimmt, schon ein Wunder. Am Anfang ist es wie eine Mini-mini- Himbeere. In der fünften Woche sieht es aus wie ein kleiner Außerirdischer. Naja, ist es ja auch. Ist ja von irgendwo dort draußen gekommen.

Zu mir.

Ich bin erschöpft, will nur schlafen. Träume einen Filmtitel. Dein Kind, das unbekannte Wesen.

Wie kann man denn überhaupt einfach so Ja sagen zu einem wildfremden Wesen? So ein Mensch kann alles werden: genial, dumm, nett, bedeutungslos, kriminell. Zwillinge gab es schon in unserer Familie. Zwei, na stell dir das mal vor, allein mit zweien! Oder behindert, könnte auch sein, kommt gar nicht so selten vor. Was wäre denn dann? Wer würde mir beistehen?

Vielleicht hättest du auch so blaue Augen.

Und diese Welt, schau sie doch an, die Welt, da kann man doch kein Kind reinsetzen, in diese Welt! Mord und Totschlag! Ja, schon richtig, als der Säbelzahntiger vor der Höhle hockte, war’s auch nicht immer gemütlich. Ist halt eine gefährliche Welt, ein unfriedlicher Planet. Fressen und gefressen werden, der Klügere gibt nach, die Dummen siegen, was geboren ist, muss sterben. Besser, man wird gar nicht erst geboren.

Aber angefangen hast ja schon, bist gezeugt, wirst sterben, wie wir alle, jetzt oder später; der Kreislauf ist unwiderruflich in Gang gesetzt.

Wer steht mir bei?

Absaugen ist weniger gefährlich als eine Entbindung. Gebären ist viel riskanter, Mutterwerden ist lebensgefährlich. Muttersein erst recht.

Ich bin auf einer Party; da sind viele Männer. Ich suche einen Vater für mein Kind. Ich bin die einzige Frau dort. Freudig gehe ich auf die Männer zu. Da sehe ich: Der eine hat nur einen Arm, ein anderer läuft mühsam an Krücken, der hier kann nicht sprechen, der dort ist blind. Jeder ist beschädigt; behindert; versehrt. Ich schrecke auf.

„Schenkt Gott ein Häslein, gibt er auch ein Gräslein.“ So ein blöder Satz, woher kommt er plötzlich, von zehn Häslein bleiben … wie wenige übrig?

Ich muss raus, an die frische Luft. Schwangere Frauen, Mütter mit Babys, so viele, wo kommen die alle auf einmal her? So viele Paare. Eine Gruppe behinderter Kinder; in unserem Viertel gibt es eine Förderschule. Wer stünde mir bei, wenn so etwas …? An der Ampel wartet eine Mutter mit drei kleinen Kindern. Eine alte Frau nickt ihr lächelnd zu: „Recht haben Sie! Besser im Galopp durchs Fegefeuer als geschlichen!“

Hallo Lebensschützer, die ihr da auf der Straße steht, denen ich da zufällig begegne, was habt ihr für mich? Rat? Hilfe? Eine Broschüre? So schaffe ich es allein, danke, kenne ich schon; die Lektüre hat mich nicht ermutigt.

Schlimme Fotos? Danke, will ich nicht sehen. Adoption? Pflegekind? Niemals, ihr Lebensschützer. Mütterschützer? Nie könnte ich mein Kind Fremden überlassen. Habe ich gesagt „mein Kind“? Wieder mal nur Männer da; was wissen die schon. Aber Zellhaufen sagen die hier nicht. Ich hinterlasse meine Adresse, falls, in der schnell tickenden Zeit, es noch einem einfallen sollte, wer mir beistehen könnte.

Absaugmethode. Macht man jetzt so. Auch in Wien. Gute Klinik. Schonende Methode. Naja, nicht für den Embryo. (3)

Mein Busen spannt; irgendwie schön. Zwieback, morgens.
Manche Frauen werden danach nicht mehr schwanger. Wäre das so schlimm? Ich konnte mir immer ein Leben ohne Kinder vorstellen, mit Kindern auch, zwei vielleicht. Irgendwann. Wann? Könnte schön sein, mit dem Richtigen. Wer ist der Richtige?

Wer steht mir bei?

Frauengespräche und politische Diskussionen

„Der Paragraf 218 muss weg, eine Fristenlösung muss her.“ Da sind sich inzwischen fast alle einig: Feministinnen, Intellektuelle, Künstler aller Sparten, Indienreisende auf spiritueller Suche. Niemand ist für Abtreibung, nein, im Gegenteil, alle sind für Wunschkinder; und für die Selbstbestimmung der Frau. Genau deshalb soll Abtreibung endlich enttabuisiert werden.

Nur auf dem Dorf, da denkt man noch anders, da steht das Unverbindliche noch nicht so hoch im Kurs, auch wenn die alten Ordnungen schon bröckeln.

Was heißt das eigentlich, Tabu?

Elfie hat Geburtstag und zehn Frauen eingeladen. Eine hat ihre tschechische Tante mitgebracht, die noch etwas lädiert ist nach einem Unfall und vorübergehend bei der Nichte wohnt. 1968 hat Frau Liba mit ihrem Baby die Heimat verlassen und später in Deutschland geheiratet, doch seit kurzem lebt sie in Scheidung: „No, wird manche geholfen, Treppe hinauffallen, und andere wird geholfen, Treppe nunterfallen.“ Mehr erzählt sie nicht.

Aber plötzlich reden alle, über Ehe, Kinder, Krisen.

„Was bedeutet das Wort Tabu eigentlich?“ — „Unverletzlich, heilig oder sowas; ich glaub, das ist Hindi.“ — „Unsinn, Polynesisch!“ — Du machst doch Yoga, vielleicht könntest du Yogalehrerin werden.“ — „Ey, nee, da verdient sie ja nix.“ — „Aber als Dozentin an der Volkshochschule, wenn man genug Kurse gibt?“ — „Glaubst du an Gott? An Wiedergeburt? Ich meine, wenn’s Wiedergeburt gibt, dann wär’s ja nicht so schlimm, oder?“ — „Und du meinst“, sagt Frau Liba, „dann tät wiederkommen Kind? Des Kind, wo du hast abtrieben? No, wird sich hüten und lieber andere Adresse suchen!“ — „Es müsste mehr Kinderkrippen geben. Hast du schon mal an ein Au-Pair gedacht?“— „Also wenn ich das so höre und dich seh, da wirst du das Kind wohl nicht behalten können.“

Am liebsten würde ich ihr ins Gesicht springen, aber die anderen reden schon weiter.

— „Mutterschaftsgeld. Darauf hättest du Anspruch. Und auf Sozialhilfe, drei Jahre lang.“
— „Sozialhilfe? Ich? Fürsorge? Du spinnst wohl!“ — „Das heißt nicht mehr Fürsorge.“
— „Unterhalt bekämst du auch.“ — „Quatsch, Alimente werden abgezogen von der Stütze; aber wenn du die Stütze nicht willst und er nicht zahlt, kannst du Unterhaltsvorschuss beantragen. Oder lebt er im Ausland?“ — „Ja.“ — „Oh, schade, nee, dann springt Papa Staat leider nicht ein.“ — „Wenn es einfach so passiert ist, dann darf man gar keine Alimente verlangen“, findet eine, doch da schreien alle empört los. „Aber man bekommt ja auch viel von so einem Kind, oder?“ — „Jo, kriegst du viel von so ein Kind, kriegst du alles zurück, was hast du angetan deiner Mutter! No, und du, was is mit dir, sagst gar nix? Was wirdest denn noch gern wolln spielen, als Schauspielerin?“

Ach … alle Rollen auf der ganzen Welt …

„Wie denn? Soll ich das Baby abends in der Theatergarderobe parken? Na also. Außerdem, ganz ehrlich, also, vielleicht kann ich es gar nicht lieben.“

„No, Mutterliebe, ho, wirst schon noch merken, was heißt. Und wenn Blag wird groß und hat schlimme Frisur und raucht und findet Mama unmeeglich und macht Bleedsinn und kommt in Knast dafier, backst du Kuchen und besuchst Knastkind. Und vielleicht hast Nagelfeile in Kuchen gebacken.“

Allgemeine Erheiterung. Ich will weg.

„Könntest du’s nicht zu ner Tagesmutter geben?“ — „Gibt doch noch kaum welche!“ — „Stimmt, die sind rar gesät.“ — „Dann werd doch selbst Dagmamma, die werden dringend gebraucht! Zwei, drei andere Steppkes noch zum eigenen dazu beim täglichen Spaziergang …?“ — „Nee, lass die Finger davon, wenig Knete, nur Stress!“

— „Andernfalls ist das ja zum Glück auch keine große Sache mehr. Die Schleimhaut wird abgesaugt und fertig.“ — „Wisst ihr aber schon, dass Kleines is ned Staubfussel und kommt ned als komplette hibsche Puppchen in Klinikmüll, oder? — „Als Mutter ist frau jedenfalls bloß das Heimchen am Herd. Den eigenen Ableger großziehen, dafür gibt’s höchstens Verachtung. Kohle, Anerkennung und Rentenpunkte gibt’s nur für Fremd-Kinder-Betreuung.“ — „He, Mütterlohn! Das wär doch mal ein Fortschritt.“ — „Träum weiter!“ — „Was ist, warum weinst du?“ — „Am liebsten würde ich euch allen ins Gesicht springen.“ — „Siehst“, sagt Frau Liba, „geht schon los mit Nagelfeile. No, glaub ich, wirde Kind immer gut bei dir haben.“

Ich will mit niemandem mehr reden.

„Der Paragraf 218 muss weg!“ Auch die Kapitalismuskritiker sind dafür. Merkwürdig, wo es doch so oft nur eine Frage des Geldes ist. Wieso propagierten sie nicht das Recht auf Muttersein? Wieso forderten sie keinen Mütterlohn?

Frauen können jetzt alles werden. Nur Mutterwerden ist nicht so leicht

Meine Schwester weiß es jetzt auch. Sie versteht mich. Sie ist elf Jahre älter, sie versteht alles, egal, was ich mache. Karriere mach ich dann jedenfalls nicht mehr. Unter anderen Umständen als in anderen Umständen könnte ich Krimikommissarin werden, sowas gibt‘s jetzt auch, weibliche Kommissare. Krimis finde ich gruselig. Wie viele Drehtage als Krimikommissarin bräuchte man wohl, um …?

Letzte Nacht habe ich von einem kleinen Baum geträumt. Er lag auf meinem Weg, entwurzelt, noch ganz grün.

Sogar eine Bundesministerin gab es schon, und eine Bundestagspräsidentin. Wir Frauen können jetzt alles werden. Nur Mutterwerden ist schwierig.

Einmal hab ich gesehen, wie ein Kälbchen von der Mutter weggezogen wurde, gleich nach der Geburt. Die Milch war ja für den Verkauf. Mir war so schlecht.

„Hast du’s Mutti schon erzählt?“ Nein. Besser nicht, Schwesterherz. Sie hat eh schon genug Sorgen. Als ich vor Jahren mal Angst hatte, schwanger zu sein … Sie war so lieb, aber zu besorgt. „Ob sie damals wohl eine Abtreibung erwogen hat, im Krieg, bevor sie dich bekommen hat?“ Das ist für uns beide unvorstellbar.

„Bist du dir denn immer noch sicher?“

Ich kann nicht mehr zurück; schon weil ich diese Gedanken hatte. Was bin ich für eine, die sowas denkt? Kann doch nicht Mutter werden, so eine Rabenmutter. Vielleicht hab ich das Kind gar nicht verdient, vielleicht hab ich gar kein Kind verdient. Schonende Methode? Sie würden mir das Herz herausreißen. Aber jetzt kann ich nicht mehr zurück.

Ich muss da jetzt mal reingehen, in die Klinik, wenigstens in Gedanken. Als kleines Mädchen war ich nicht so feige. Landsommerferien, das Huhn wurde geköpft, gerupft, gekocht; ich habe zugesehen und mitgegessen. Aber als die Welpen erschlagen werden sollten, „so viel Hünd könna mir ned gebrauchen!“, da habe ich geschrien, bis sie weiterleben durften.

Wer steht mir bei?

Therapiestunde

Ich rufe Albert an. Schon seit Jahren war ich nicht mehr bei ihm. „Himmelhilf, Therapie!“ Wie entsetzt damals alle waren! „Wer geht denn zu sowas, ist sie jetzt total übergeschnappt?“

Ich rufe Albert an. Einige Tage später sitze ich in der Gruppe. Neue Gesichter, alte Probleme, Eltern, Depressionen, Ehe, Wut, Sprachlosigkeit, ein verheimlichtes Kind, Ratlosigkeit, der Nazi-Onkel, Beruf, Versagensängste.

Auch ich erzähle; heule die ganze ausweglose Situation in die Welt, bis mir die Stimme versagt. Nun liegt meine Wirrnis dort im Raum, all die vielen Teile des unlösbaren Puzzles, das ganze Chaos.

„Leben auf hoher See, was?“, sagt Albert. Was habe ich erwartet? Seine Einstellung kenne ich ohnehin, er ist katholisch. Ich bin froh, dass er auch in seinem Schweigen neutral bleibt.

Eine Frau sagt: „Wenn ich dich höre, hör ich tausend Frauen schreien.“ Eine andere schluchzt; jemand seufzt. Nichts passt zusammen. Das Unlösbare hängt dort wie eine erstickende Wolke. „Out of chaos stars are born“, murmelt einer.

„Sehr frei nach Friedrich Nietzsche“, fügt Albert hinzu.

Er will mir einen Platz freihalten, für die übernächste Woche. Nächste Woche steht der Termin im Kalender.

Das Nietzsche-Zitat muss ich mal raussuchen.

Hinsehen

Ich will nicht feige sein. Will nicht blind da reingehen.

Soviel ich weiß, braucht man nicht mal eine Narkose. Nur Schmerzmittel. Der Muttermund wird geweitet. Dann wird das Schwangerschaftsprodukt abgesaugt. „Wie mit nem kleinen Staubsauger“, sagt Elfie, „nur stärker, das hängt ja schon ziemlich fest da drin.“ Aber so genau weiß sie ich es auch nicht.

„Ich hab ja noch nicht abgetrieben.“ — „Würdest du?“ — „Bevor ich das Examen in der Tasche habe? Auf jeden Fall.“

Es hält sich fest in mir und ich will es von mir losreißen?

Alice Schwarzer hat eine Abtreibung gefilmt, vor einigen Jahren; aber der Film wurde nicht gezeigt, die Ausstrahlung verboten. (4)

Von Reue hat nie eine gesprochen; keine von denen, die ich kenne.

S. hätte ohne Berufsabschluss dagestanden. L. hat sich befreit gefühlt und war gleich wieder fit. A. ist von ihrem Freund unter Druck gesetzt worden, das war nicht selbstbestimmt; aber der Eingriff sei keine große Sache gewesen. Das zweite habe sie dann bekommen, da sei sie stur geblieben. Eine Kollegin, sie war schon Mutter und in Scheidung, ein einziges, letztes Ehestündchen nochmal, da ist es passiert. „Ja, ja, ja, ach ja, 's ist traurig, aber wahr / Nein, nein, nein, ach nein, von einmal, da kann es nicht sein …“ Es gab keinen anderen Weg, sagt sie. Zwischen zwei Vorstellungen hat sie es wegmachen lassen; niemand hat was davon mitbekommen, nicht einmal der Mann.

Als ich dort auf der Bank am See in der Sonne saß und zusah, wie die weißen Segelboote auf dem Wasser schaukelten, ein bisschen las und dann mit geschlossenen Augen dem friedlichen Kling-Klong der Schiffchen lauschte, da spürte ich, wie sich jemand zu mir auf die Bank setzte. Und wie auf einem Spruchband tauchten die Worte auf: „Der ist es.“

Manchmal muss nachkürettiert werden nach dem Absaugen; wenn nicht alles rausgeht.

Wenn was nicht rausgeht?

Weder dies noch das

Das Telefon klingelt. „Ich hab von dir geträumt, Schwesterchen. Sonderbarer Traum. Du warst auf einem Feld, im Nebel, knietest auf einem Feld voller grauer Steine, ganz ratlos, und hast mich gefragt: ‚Was soll ich denn tun?‘ — ‚Nimm einfach das, was vor dir liegt‘, hab ich gesagt. Und dann … der Stein fing an zu glitzern, in deiner Hand.“

Wir schweigen lange.

„Aber …“ — „Schon gut; ich weiß, wie leicht Reden ist und Träumen und wie schwer die Entscheidung.“ — „Du weißt es?“ — „Ja.“

Das wusste ich nicht.

Die Zeit tickt. Wann werde ich endlich alles zu Ende gedacht haben?
Bis zur Kliniktür habe ich es schon geschafft, in Gedanken. Endlich.
Die große Glastür öffnet sich von ganz allein.

Zwanzig Jahre später

Die Segelschiffe schaukeln leise im Sommerwind. Das Wasser glitzert in der Sonne. Ich sitze auf einer Bank in einem Hafen. Kling-Klong tönt es zu mir herüber. Vor mir liegt ein See-Ewer. In ein paar Stunden wird der ehrwürdige Zweimaster ablegen; oder ablanden, auslaufen, wie das wohl richtig heißt? Das große Segelschiff wird in See stechen, mit rund dreißig Passagieren an Bord, sicher durch die Wogen geführt von einer dreiköpfigen Crew: der erste Kapitän und der zweite Kapitän, und jedes Jahr eine neue Hilfskraft. Die dritte in der Crew ist diesmal eine junge Frau, eine FÖJ-lerin.

Dieses zarte, durchdringende, glockenartige Klingeln, Klimpern und Klackern, da schlagen Schäkel, Karabiner und andere metallische Beschläge gegen den Masten.

Jetzt weiß ich schon etwas mehr, aber ich werde noch viel dazulernen müssen.

In ein paar Stunden wird das Schiff den Hafen verlassen, mit meiner Tochter an Bord: für ein Leben auf hoher See.


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Quellen und Anmerkungen:

(0) https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/feministinnen-dolle-mina-verbrennen-bhs-amsterdam-100.html
https://www.emma.de/artikel/53-jahre-stern-aktion-abtreibung-341071

(1) https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/abtreibungsparagraf-200096
https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/familie/schwangerschaft-und-kinderwunsch/schwangerschaftsabbruch/

(2) https://www.br.de/radio/bayern2/die-gefallenen-maedchen100.html
https://www.br.de/radio/bayern2/die-gefallenen-maedchen102.html
https://bravo-archiv.de/n_bravo_fls_sw.php
Liebe mit heimlichen Folgen – Inge muss ihr Kind verschenken, BRAVO Ausgabe 3/19

(3) https://www.abtreibungsmethoden.org/
https://www.youtube.com/watch?v=aJlWryD_V7g

(4) https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama/archiv/1974/-,panorama12462.html
https://www.ardmediathek.de/video/panorama/diskussion-zum-film-ueber-abtreibung/das-erste/Y3JpZDovL25kci5kZS82YmFhMmNhZC0zYWYyLTQwM2YtOTg5Ny1hNWFkOTkyZjFjYTA

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