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Die Stimme erheben

Die Stimme erheben

Aus dem Innersten: Das Gebet für die Freiheit versiegt nicht so schnell.

Bedenke, dass du auf der Welt bist, um etwas zu leisten. Die Gesellschaft hat dich nicht auf die Welt bestellt, aber wenn du schon einmal da bist, dann füge dich ein. Es gibt Gesetze und Verhaltensregeln, an denen du dich bedenkenlos festhalten kannst.

Wir, die Gesellschaft, sorgen dafür, dass du gut informiert bist. Wir wissen, was für dich wichtig ist, und du sollst wissen, was uns wichtig ist. Unser Informationssystem macht es möglich, dass du im Großen und Ganzen Deinen Verstand schonen kannst.

Ernähre dich gesund und treibe Sport. Geh regelmäßig zu deinem Arzt, absolviere alle Krebsvorsorgeuntersuchungen, damit wir dein Ergehen im Auge behalten können. Versichere dich gegen Krankheit, Unfall, versichere dich deines Lebens, und sorge dafür, dass du bei bester Gesundheit stirbst, und nicht der Gesellschaft und deinen Lieben zur Last fällst.

Ist es nicht der Sinn des Lebens, glücklich zu sein?

Kauf dir was Schönes! Damit leistest du auch deinen Beitrag zum Wirtschaftswachstum. Und Wirtschaftswachstum bedeutet Arbeitsplätze. Sei dankbar dafür, dass du arbeiten darfst, dass du sogar Lohn dafür bekommst. Sei dir bewusst, dass dies vor gar nicht allzu langer Zeit keineswegs eine Selbstverständlichkeit war. Damals hättest du zwar auch arbeiten dürfen, ja mehr als das: Du hättest schuften müssen, aber das hätte gerade zum Überleben gereicht. Also leiste deinen Beitrag: zur Arbeitslosenversicherung, zur Krankenversicherung, zur Pensionsversicherung. Und für die Statistik.

Sei vor allem mit dem zufrieden, was dir beschieden ist. Es tut dir nicht gut, aus deiner Welt auszubrechen, denn nicht umsonst bist du in dieser Welt geboren. Überlege nicht zu viel, das behindert nur deine Aktivität. Was wir brauchen, sind zupackende Menschen. Es ist uns ein besonderes Anliegen, dass du möglichst sicher und schmerzfrei dein Leben genießen kannst...

Aber ich will kein Leben in trostloser Sicherheit!

Haltet mich nicht auf, ich will denken, ich will leben, lieben und leiden, ja auch auf Schmerz habe ich ein Recht. Ihr aber habt meinen Gedanken einen Maulkorb verpasst und ich habe mein Gesicht unter einer hübschen Larve verborgen, die stets zufrieden und höflich lächelt. Angepasst habe ich mich, meine Gefühle in Schach gehalten, ja sie verleugnet, zum Schweigen gebracht so lange, bis sie beinahe starben. Eingezäunt von Sicherheitsnormen war die Hoffnung überflüssig geworden, und leichtsinnig habe ich meiner Freiheit den Laufpass gegeben. Übrig blieb ein blinder Glaube. An Euch! Nicht an Gott!

Der Maulkorb ist löchrig geworden. Immer zwingender meldet sich mein Verstand, und meine Gedanken und meine Gefühle bahnen sich ihren Weg in meine Träume, in Tag- und Nachtträume. Belasten mich mit Unruhe und Verzweiflung. Und meine lächelnde, stets höfliche Larve ist schon so abgewetzt, dass immer häufiger mein Zorn, meine Trauer und meine Empörung zum Vorschein kommen. Unbehagen und Entsetzen erfüllen mich immer mehr. Eine heftige Transpiration überwältigt mich, die den Maulkorb allmählich zersetzt, und die Larve zerfetzt. Mit der Ruhe und der Sicherheit ist es vorbei. Die Zäune sind eingerissen, und ich trete hinaus in freies Gelände. Viel Unkraut wächst hier, aber mitten drin blüht die Inspiration.

Jetzt fehlt mir nur noch der Mut, um die Inspiration pflücken zu können. Auch den Mut hatte ich aus dem Marionettendasein verbannt. Hinter Langmut und Sanftmut fristete er ein Schattendasein. Er zeigt sich nun zurückhaltend, der Mut. Wahrscheinlich hat ihn die jahrelange Verbannung geschwächt. Aber ich spüre den Ruck, den er sich gibt, denn meine Bereitschaft, mich auf den Seiltanz mit der Freiheit einzulassen, ist am Ende auch für ihn verlockend.

Ich tanze noch immer mit der Freiheit. Es ist berauschend, beglückend und schmerzhaft.

Ich lebe das Leben. Amen!


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