Miese Lebensbedingungen
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Wegen des enormen Preisdrucks und der mafiösen Lieferketten leben viele der 500.000 Landarbeiter und Landarbeiterinnen in Süditalien ohne feste Unterkunft oder zusammengepfercht in unwürdigen Wellblech und Barackensiedlungen, den Ghettos. In der Provinz Foggia existieren sechs dieser Ghettos mit je 5.000 Menschen, wie Borgo Mezzanone, Toretta Antonacci oder San Ferdinando bei Rosarno. Sie leben ohne sanitäre Einrichtungen, ohne Wasser, Strom und Kanalisation.

Wellblech und Barackensiedlungen in einem Ghetto: Printscreen aus dem Film „Das neue Evangelium“ von Milo Rau (3)
Christine Voss:
„Warum kosten Tomaten aus Süditalien, vor allem Tomatenkonserven, trotz längerer Transportwege nur ein Bruchteil von hiesigen Tomaten? Weil die Erntehelfer in Süditalien für ihre Tagesarbeit, die in rund 1200 Kilo geernteter Tomaten besteht, maximal vier Euro Tageslohn erhalten.“

Printscreen aus dem Film: Tomaten-Ernte: Sklavenartige Arbeitsbedingungen — Kassensturz — Play SRF (4)
Franziska Löpfe:
„Geflüchtete und Migranten suchen solche Ghettos auf, weil man ihnen verspricht, dass sie dort Arbeitsvermittler finden. Damit geraten sie aber in die Hände von mafiösen Organisationen. Diese haben inzwischen die Kontrolle über die Ghettos übernommen.“
Das Caporalato-System
Die Erntehelfer sind dem Caporalato-System unterworfen
Franziska Löpfe:
„Das mafiöse System baut auf den sogenannten Caporali auf, die als Arbeitsvermittler und Aufseher in den Plantagen tätig sind. Sie vermitteln die Arbeitsuchenden an die einheimischen Landwirte und fahren die Erntehelfer dann täglich aus ihren Ghettos zu den weitverstreuten Feldern. Dabei ist es ihr Ziel, den Arbeitern durch skrupellose Methoden den ohnehin schon geringen Lohn wieder abzunehmen. Sie verlangen zwölfstündige bis vierzehnstündige Arbeitszeiten sowie Gebühren fürs Essen und Fahren, sodass am Ende kaum noch etwas vom Lohn übrigbleibt. 55 Prozent der Migranten in den Ghettos hätten eine Arbeitsbewilligung, erklärte man uns, die Papiere seien jedoch meist von den Caporali organisiert worden. Die Bewilligung verfalle sofort, wenn jemand nicht mehr arbeite. Somit sind die Migranten den Caporali auch in Hinsicht auf ihre Arbeitsrechte ausgeliefert. Die Verflechtungen des Systems zwingen sie dazu, praktisch jede Bedingung zu akzeptieren.“
Ohne Verträge, ohne Rechte, ohne Würde ausgesetzt der Willkür
Italien kennt keinen gesetzlichen Mindestlohn. Branchenverbände fordern einen Stundenlohn von 9 Euro bei 6 Stunden Arbeit pro Tag. Etwa die Hälfte der betroffenen Erntehelfer ist ohne legalen Status und dadurch zusätzlich ausbeutbar, in einem von der Mafia kontrollierten System der Ausbeutung, dem Caporalato-System.
Die Capolari (Arbeitsvermittler) organisieren und befördern ganze Truppen von Erntehelfern und bieten den Agrarbetrieben zu günstigen Konditionen und ohne reguläre Arbeitsverträge an. Je mehr Arbeitskräfte sie auftreiben, desto lukrativer wird das Geschäft. In der Regel verdient der Caporale rund 40 Prozent am Tageslohn des Erntehelfers.
„Die Tomatenernte ist die schwierigste und schlimmste Arbeit auf den Feldern Italiens“
Migranten arbeiten wie Sklaven auf Italiens Feldern
Auch Reporter der SRF-Sendung „Kassensturz“ haben hinter die Kulissen der Tomatenernte in Süditalien geblickt und deckten auf, wie dort Migranten aus Afrika unter unmenschlichen Bedingungen leben und arbeiten.

Wir sind Arbeiter, wir wollen Verträge, Erntehelfer demonstrieren.
Printscreen aus dem Film Tomaten-Ernte: Sklavenartige Arbeitsbedingungen - Kassensturz - Play SRF
Afrikanische Erntehelfer demonstrierten in Süditalien für mehr Rechte. Sie berichteten von harter Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen, wie ein Bericht der Sendung Kassensturz zeigte, „Die Tomatenernte ist die schwierigste und schlimmste Arbeit auf den Feldern Italiens“, sagt ein Arbeiter. Andere streckten ihre geschundenen Hände in die Kamera: „Das ist von der Tomatenernte!“

Tomatensklaverei in Süditalien, Power Point Präsentation im Café de la Paix des Schweizerischen Friedensrates
Es sind Migranten, die als Erntehelfer für Pelati-Dosentomaten in Süditalien arbeiten. Sie reißen die Stauden aus dem Boden und schütteln die Tomaten in Kisten, im Akkord, für wenige Euro am Tag. Die Arbeitsvermittler, die sogenannten „Caporali“, ziehen den Arbeitern Gebühren von den mageren Löhnen ab. Zum Leben bleibt da nicht viel — zum Beispiel ein Auto, das als Behausung für zwei Personen dienen muss.
Verzweifelte Menschen, bedrohte Gewerkschafter
„Es gibt eine ganze Kette, die auf den Preis drückt“, sagte Ludovico Vaccaro, Oberstaatsanwalt der süditalienischen Provinz Foggia.
„Großverteiler verlangen Tiefstpreise von den Produzenten, Produzenten verlangen Tiefstpreise von den Bauern und die Bauern produzieren dann zu möglichst tiefen Kosten, indem sie die Arbeiter schlecht bezahlen.“
Das Ergebnis seien „Ghettos und verzweifelte Menschen, die akzeptiert haben, unter unmenschlichen Bedingungen zu arbeiten“.
Gewerkschafter Raffaele Falcone setzt sich für die ausgebeuteten Erntehelfer in Foggia ein. 20 Anzeigen erstattet die Gewerkschaft pro Monat. Eine gefährliche Arbeit. „Wir werden immer wieder bedroht“, berichtete Falcone.
„Vor einem Monat schlitzten sie meine Autopneus auf, einem Kollegen schlugen sie das Autofenster ein. Die Situation ist sehr kompliziert, vor allem in den letzten Monaten.“
Die Schweizer Detailhändler Migros und Coop versichern gegenüber „Kassensturz“, solche Zustände gebe es nicht auf ihren Tomatenfeldern. Sie würden alle Tomaten für Pelati maschinell ernten und die Abläufe streng kontrollieren.
No Cap bietet eine Reihe von Tomatenprodukten an, die unter fairen Bedingungen produziert werden, um die Ausbeutung von Migrantenarbeitern in der Landwirtschaft zu bekämpfen.
Franziska Löpfe:
„No Cap ist ein Verein, der von Yvan Sagnet gegründet wurde. Er bietet faire Arbeitsbedingungen für Migranten an. Unter dem Namen No Cap werden denn auch Konserven aus fair und biologisch produzierten Tomaten hergestellt. Die Produkte werden ohne Ausbeutung von migrantischen Landarbeitern in Italien hergestellt. Dies geschieht im Rahmen eines Projekts, das sich gegen das Caporalato-System wendet, ein System, das Migranten in der Landwirtschaft ausbeutet. Das Netzwerk No Cap kooperiert mit Bauern, die menschenwürdige Arbeitsbedingungen garantieren und die nach strengen Kontrollen die Zertifizierung von No Cap erhalten haben. Ihre Plantagen sind dem Einfluss der Mafia entzogen worden. In Deutschland sind auch Orangen, Zitronen, Melonen, Trauben, Erdbeeren und weitere Früchte mit dem No-Cap Label erhältlich.“

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Quellen und Anmerkungen:
(1) Erwägungen 1/2025 Tomatensklaverei in Süditalien Neue Wege 2.25, März/April
(1) Revolte der Würde — Ein Unterstützungsprojekt des Öko & Fair Umweltzentrums Gauting
(2) Das neue Evangelium, D, CH 2020, Regie und Buch: Milo Rau, Kamera: Thomas Eirich-Schneider. Mit Yvan Sagnet Maia Morgenstern, Enrique Irazoqui, Marcello Fonte, 107 Minuten
(3)Tomaten-Ernte: Sklavenartige Arbeitsbedingungen - Kassensturz - Play SRF



