So viel Unheil hat der Mensch auf Erden angerichtet, dass es nicht schade um sein Verschwinden wäre. Die defekten Bio-Maschinen, die wir sind, produzieren zu viel CO₂, heizen den unaufhaltsamen Klimawandel weiter an und bringen den Planeten damit quasi zum Verglühen. Damit es einen selbst möglichst noch nicht erwischt, wird der Alltag auch den dubiosesten Klimazielen untergeordnet und das konsumiert, was die Katastrophe auf die Nachwelt verschiebt.
Als wäre der Mensch ein Ding wie jedes andere, wohnt die einstige Krone der Schöpfung ihrem eigenen Untergang bei. Auf seine materielle Erscheinungsform reduziert, schwankend zwischen Hybris und Selbstverachtung, scheint es keinen Ausweg zu geben.
Und es gibt ihn auch nicht, wenn man die Dinge so betrachtet. Ein Lebewesen, dem einzig seine materielle Dimension bleibt, zieht im großen Spiel vom Fressen und Gefressenwerden früher oder später den Kürzeren.
Beschränkt man den Menschen auf das Materielle, bleibt ihm nichts anderes übrig, als hinter der Technologie zurückzustehen und letztlich aussortiert zu werden. Maschinen arbeiten billiger und effizienter, analysieren und kombinieren besser, sind leichter reparierbar und lassen sich alles gefallen. Kein Wunder, dass sich Menschen nicht nur im Film in Roboter verlieben, sondern auch in der Wirklichkeit. Um die Fortpflanzung müssen wir uns keine Gedanken machen. Die übernimmt die Technik.
Verwirrter Geist
Die transhumanistische Entwicklung ist nur möglich in einer auf das Materielle reduzierten Vorstellungswelt. Die Bauklötze des Lebens können beliebig zusammengesetzt und wieder auseinandergenommen werden. Einen Geist, der alles zusammenhält, gibt es nicht mehr. Er ist uns im Laufe der Zeit abhandengekommen.
Wir sprechen heute von einem Zeitgeist, dem, was wir für normal, richtig, möglich oder undenkbar halten. Geist im allgemeinen Sprachgebrauch wird oft mit Gespenst gleichgesetzt, etwas, was es nicht gibt und was uns Angst macht. Die Definition ist nicht eindeutig. Das Wort Geist hat in der deutschen Sprache sehr unterschiedliche Bedeutungen.
Im philosophischen Sinne bezeichnet er das, was wir als Denken, Bewusstsein, Vorstellung und Sinngebung erleben. Mit Geist kann eine innere Haltung gemeint sein, eine Denkweise und Bedeutung, die hinter etwas steht. Der Hegelsche Weltgeist bezeichnet einen geschichtlichen Prozess, in dem sich das menschliche Selbstverständnis entwickelt.
Geist ist nicht nur das, was wir denken, sondern auch das, womit wir denken. Der Materialismus beschränkt den Geist auf das Gehirn.
Begriffe wie Geist und Seele werden als überholte Volkspsychologie betrachtet. Es gibt nur physische Prozesse. Der Funktionalismus sieht geistige Zustände als nicht unbedingt mit einem bestimmten Gehirnzustand identisch. Deshalb könnte theoretisch auch ein nicht-biologisches System einen Geist haben.
Die Grenzen der evidenzbasierten Wissenschaft
Viele Menschen sehen in dieser Entwicklung einen Fortschritt. Wir sind nicht mehr so dumm, an irgendwelche Gespenster zu glauben. Den Aberglauben haben wir überwunden, den Glauben an übernatürliche Zusammenhänge, Kräfte oder Wirkungen, für die es keine ausreichende nachvollziehbare Grundlage gibt — sprich: eine Erklärung aus der evidenzbasierten Forschung.
Unsere Wissenschaft arbeitet mit systematisch gewonnenen, überprüfbaren Beobachtungen und basiert auf Daten. Doch „die bisher vorliegenden Daten sprechen dafür“ ist nicht dasselbe wie „das ist wahr“. Wissenschaftliche Evidenz ist interpretierbar und abhängig von der Intention und der Motivation der Forschenden, die entscheiden, welche Hypothesen sie untersuchen und welche Messverfahren sie verwenden. Ihre Fragen entscheiden darüber, welche Antworten sichtbar werden können.
Evidenzbasierte, empirische Forschung hat nur einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit zum Gegenstand. Wissenschaft kann messen, was im Gehirn passiert, wenn jemand Schmerz empfindet. Das subjektive Empfinden kann sie nicht erfassen.
Sie kann die Wirkung untersuchen, doch nicht die Frage nach der Bedeutung beantworten. Sie sucht nach Regelmäßigkeiten. Das Einmalige entgeht ihr. Sie kann nur mit dem arbeiten, was beobachtbar, messbar oder zumindest methodisch untersuchbar ist, nur das untersuchen, für das sie geeignete Begriffe, Methoden und Beobachtungsmöglichkeiten besitzt.
Keine Seele, ach
Es hat schon in der Antike materialistisch orientierte Strömungen gegeben. Zu einer ausgearbeiteten philosophischen Strömung jedoch wurde der Materialismus erst zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt war ein entscheidender Schritt längst vollzogen, der den Menschen zunehmend auf seine materielle Dimension festlegte.
Im Jahr 869 legte das Konzil von Konstantinopel einen wichtigen Grundstein für ein dichotomisches Menschenbild. Die Lehre der zwei Seelen wurde als Irrlehre verworfen. Der Mensch sollte nur noch eine Seele haben, eine zugleich vernünftige und geistige Seele. In den nachfolgenden philosophischen Deutungen erschien der Geist nicht mehr neben Körper und Seele als eigenständige dritte Dimension des Menschen. Aus Körper, Seele und Geist wurde die Dualität von Körper und Seele.
Mit dem Verschwinden der Trinität tauchte der Mensch in die Dualität von Gut und Böse. Zwischen „Gott“ und „Teufel“ hin- und hergeworfen, fehlt ihm gewissermaßen die Mitte, die Kraft, die ihn davon abhält, von einem Extrem ins andere zu fallen. Unsere Welt ist ausschließend geworden: entweder Freund oder Feind, Krieg oder Frieden, du oder ich. Wo es keine Mitte mehr gibt, verlieren wir die Orientierung.
Mit leeren Händen
Das deutsche Wort Geist steht in einer langen sprach- und geistesgeschichtlichen Tradition und steht unter anderem mit den Begriffen spiritus und pneuma in Verbindung. Der Körper war das physisch Leibliche, die Seele das Empfinden und die Persönlichkeit, und der Geist dasjenige, was sich auf Wahrheit, Sinn, Freiheit und das Übersinnliche bezieht.
Wahrheitsfindung und Freiheit waren also nur über den Geist möglich. Wo die Dimension des Geistigen fehlt, ist der Zugang zu Wahrheit und Freiheit versperrt. Beschränkt auf unsere physischen Bedürfnisse und auf unser Empfinden irren wir durch die Welt und lassen uns viel erzählen.
Es ist zunehmend schwierig, Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden. Wir können nur bestimmten Quellen glauben, um in den Wogen der Informationsfluten nicht unterzugehen.
Es fehlt der Geist und die wenigsten merken es. Das Werkzeug ist nicht mehr da, mit dem wir uns Wahrheit, Sinn und Freiheit erschließen können. Wir stehen gewissermaßen mit leeren Händen da. Wie arm ist die Welt geworden, seit sie auf das Materielle reduziert wird! Seit der Geist weg ist, sitzen andere am Steuer und machen uns glauben, was wir erleben, sei unausweichlich.
Wir stellen es nicht infrage und beruhigen uns damit, dass wir in einer Demokratie leben. Doch auch der Demokratie ist der Geist abhandengekommen: die Bereitschaft, die eigene Sicht nicht für die einzig mögliche Wahrheit zu halten und anderen Menschen dasselbe Recht auf ihre Sicht zuzugestehen. Demokratie bedeutet, miteinander zu reden, sich zu widersprechen, zu prüfen, zu entscheiden und gegebenenfalls eine alte Entscheidung zu korrigieren.
Eine Demokratie kann formal funktionieren und innerlich ausgehöhlt sein. Wenn Menschen nur noch Informationen aufnehmen, die ihre bereits vorhandene Meinung und Glaubensvorstellung bestätigen, wenn politische Gegner zu Feinden werden oder wenn eine bestimmte Deutung nicht mehr hinterfragt werden darf, kann nicht mehr von einer demokratischen Kultur die Rede sein, obwohl die Institutionen weiterbestehen.
Den Geist befreien
Das größte Hindernis, das es zu überwinden gilt, damit sich das ändert, sind nicht die Regierenden, nicht die „Eliten“. Es ist die eigene Begrenztheit.
Wer nur an die materielle Welt glaubt und meint, sie sei die einzige, der ist nicht fortschrittlich, sondern blind. Er lebt in einem Gefängnis und merkt es nicht.
Eingesperrt in eine ausschließende Körperlichkeit, hin- und hergerissen zwischen seinen Bedürfnissen und Gefühlen, entfremdet von der eigenen Seele und abgetrennt von dem, was ihm Zugang zu Freiheit und Wahrheit gibt, fristet er ein trauriges Dasein, dessen Ende er dennoch fürchtet. Es bleibt ihm nur, sich davon abzulenken.
Ein anderer Weg wäre, sich auf den Geist zu besinnen. Er ist nicht verschwunden und immer da. Er ist nur überlagert worden. Informationen, Rollen, Institutionen, Konsum, Routinen, Algorithmen und ständig neue Geschichten darüber, wer wir sein sollen, haben ihn verdeckt. Diese Ge-Schichten gilt es abzuziehen, um die innere Eigenständigkeit zurückzugewinnen.
Was nehme ich tatsächlich wahr? Was denke ich eigentlich, wenn mir niemand sagt, was ich denken soll? Stille zulassen, die eigene Identität nicht an eine Überzeugung binden, widersprechen, ohne zu entmenschlichen und überzeugen, ohne zu besiegen, beobachten, fragen, nachdenken, gestalten und Verantwortung übernehmen: Das ist es, was den Geist befreit. Denn er ist nichts, was uns von außen gegeben wird. Er ist unsere Fähigkeit, wach zu sein.
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