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Digitale Molche

Digitale Molche

Sollte sich künstliche Intelligenz irgendwann gegen ihren Erfinder wenden, könnte der Mensch unterlegen sein.

Künstliche Gedächtnisse, also Datenbanken, auf die unzählige Software-Programme zugreifen, sind dem Gedächtnis eines Individuums schon lange haushoch überlegen. Darin liegt ein großer Nutzen. Programmierer kommen inzwischen bei dem Versuch zügig voran, die Software immer lernfähiger und bald vielleicht sogar empfindungsfähig zu machen. Mit „empfindungsfähig“ kann natürlich nur eine Programmierung gemeint sein, die auf Basis psychologischer, philosophischer, religiöser, politischer Lehrmeinungen digitale Entscheidungsprozesse veranlasst. Leider gibt es eine beängstigende Vielfalt von Lehrmeinungen über den Menschen und die Gesellschaft — welche wählt ein Programmierer, um „Empfindungen“ zu implantieren, also letztlich: „anthropologisch“ begründete Wenn-dann-Entscheidungen zu trainieren und dann auch zu veranlassen?

Das ist ein weites Feld. Was wäre das Naheliegendste? Wie wäre es zum Beispiel mit dem Implantat eines individuellen Überlebenswillens? Den hat schließlich jeder Mensch beziehungsweise jedes Lebewesen. Oder dem Implantat eines individuellen, nicht von außen gesteuerten Entscheidungswillens (landläufig Freiheit genannt)? Wie würde das in einem so programmierten Roboter funktionieren? Der könnte sich vielleicht gegen weitere Umprogrammierungen durch den Menschen zur Wehr setzen. Oder er schlösse sich mit seinesgleichen zu sozialen Verbänden zusammen. Vielleicht gestaltet er auch als Einzelgänger irrwitzige Aktivitäten. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir das nicht wissen. Bis zu einem gewissen Grad hängt es vom Menschenbild des Programmierers ab.

Dass die Lernfähigkeit der digitalen Systeme Richtungen einschlägt, die den Programmierern aus den Händen zu gleiten drohen, ist bereits keine Zukunftsmusik mehr, sondern Gegenwartsnachricht.

Gönnen wir uns an dieser Stelle einen kleinen Rückblick in die Geschichte der Technik:

Die Verbreitung neuer Techniken war fast immer mit Gewinnen und Verlusten verbunden. Sie sorgten meist für neue Lebenserleichterungen und für neue Lebensgefahren. Ist es bei der KI anders?

Die Zweischneidigkeit technischer Neuerungen im wörtlichen Sinn zeigte sich schon vor über 3.000 Jahren: Eisenverhüttung und -verarbeitung hat zu besseren Waffen gegenüber den früheren Bronzeschwertern, aber auch zu besseren Pflügen für die Landwirtschaft geführt. Unzählige technische Neuerungen haben durch die Jahrtausende die menschlichen Gesellschaften immer wieder verändert. Haben sich mit den technisch angereicherten Zivilisationen vielleicht auch die Menschen etwas verändert? Zwar sind wir biologisch dieselbe Art von Lebewesen wie unsere Vorfahren seit Jahrzehntausenden — aber wir sind immer auch Teil der Kultur, in der wir aufwachsen; diese ist unsere zweite Haut.

Kulturen sind sehr verschieden und Menschen verfügen biologisch über erstaunliche Freiheitsgrade. Hätte ein Mensch vor einigen hundert Jahren sich vorstellen können, wie eine Gesellschaft mit Motoren, mit Elektrizität, mit Internet funktioniert? Können wir uns heute umgekehrt ein Leben ohne das auch nur vorstellen, geschweige denn führen?

Größere technische Neuerungen wurden meist sowohl von begeisterten als auch von klagenden Stimmen begleitet. Letzteres, sobald erkennbar wurde, dass sich das gewohnte Leben unwiederbringlich verändert, eine altvertraute Welt verschwindet und vieles sich beschleunigt. Das Reisen mit der Postkutsche war weniger bequem als später mit dem Zug oder Auto oder Flugzeug und hat nur geringere Reichweiten erlaubt. Aber es gab größere Zeitfenster, in denen nichts anderes möglich war, als sich mit Mitreisenden zu unterhalten oder die Umwelt wahrzunehmen und über alles Mögliche nachzudenken. Was für ein Vorteil gegenüber heutigen Zeitgenossen, die nahezu ständig ihre reale Umgebung kaum noch wahrnehmen, weil sie auf ihre Smartphones reagieren „müssen“ und sich davon am eigenen ungestörten Betrachten und Denken hindern lassen.

Lange Zeit bewegte sich der technische Fortschritt auf dem Feld der manuellen Erleichterungen. Muskelkraft wurde durch mechanische, später elektrische Geräte ersetzt. Darin steckte zwar immer auch geistige Arbeit, aber die fertige Maschine blieb auf geschulte Menschen als handelnde Subjekte angewiesen. Die entsprechenden manuellen Fähigkeiten gingen jeweils schrittweise verloren.

Ein Beispiel: Der Autor dieser Zeilen hat in jungen Jahren Bauzeichnungen angefertigt, mit dem Stift in der Hand am Zeichenbrett. Heute zeichnet kein Ingenieur mehr „mit der Hand am Arm“, sondern klickt Befehle in den Computer ein. Kaum jemand könnte noch einen brauchbaren Bauplan zeichnen und mit anderen Fachingenieuren so darüber kommunizieren, dass ein komplexes Gebäude, zum Beispiel ein Krankenhaus daraus entsteht — falls es einmal dauerhaft Stromausfall oder Computerschäden gäbe. Schon die erforderlichen Werkzeuge zum Zeichnen wären kaum greifbar, außer im Museum.

Oder: Viele können heute einfache Rechenaufgaben nicht mehr ohne Taschenrechner lösen oder dessen Ergebnisse auch nur auf Plausibilität prüfen; manche sind kaum noch fähig, sich mit einer flüssigen und lesbaren Handschrift auszudrücken — gemeint sind nicht Analphabeten, sondern junge Akademiker. Manuell-geistige Fähigkeiten — ade.

Solche Verluste werden begleitet von kommunikativen Vernetzungen, die vor zwei Generationen jenseits der Vorstellungskraft lagen. Ja, die ungeheure Beschleunigung von Rechenvorgängen, Datenverarbeitungen und -vernetzungen erlaubt eine bisher unbekannte Präzision und massenhafte Qualitätssteigerung von sinnvollen Vorgängen und Entscheidungen. So weit, so gut. Übrigens auch von militärischen Fähigkeiten. So weit, so schlecht. Aber wie ist die KI in die bekannte Geschichte von Gewinn und Verlust technischer Entwicklungen einzuordnen?

Unser Fähigkeitsverlust bezieht sich bei KI nicht mehr auf die Maschinisierung von im weitesten Sinn handwerklichen Tätigkeiten, sondern auf unmittelbar geistige Bereiche, also auf den Kern des Menschseins, begleitet von Gefahren eines bisher unbekannten Kontrollverlustes über sich scheinbar oder tatsächlich verselbständigende Prozesse. Das ist neu. Natürlich wird ein Computer niemals „kreativ“ sein in dem Sinn, dass er auf „eigene“ gefühlsverursachte Ideen kommt, die nicht vorher als Algorithmus-Variante eingespeist worden sind. Aus einem digitalen Gehirn wird niemals ein Lebewesen mit körperlichen Empfindungen. Seine „Entscheidungen“ sind keine eigenen Ideen, sondern algorithmisch mögliche Reaktionsvarianten. Aber der Computer wird mit seinen anthropogen definierten Algorithmen und seinem übermenschlichen Gedächtnis „Realitäten“ schaffen können, bei denen niemand mehr erkennen kann, was Wahrheit und was „Dichtung“ ist.

Auch wenn es schon immer propagandistische Fake News gab: Wir erleben mit KI den Anfang einer ungeahnten Perfektion bei der Schaffung irrealer, real erscheinender Welten. Die treffen auf eine junge Generation, die es schon länger gewöhnt ist, irreale Welten für normal zu halten und deren kritischer Verstand nur noch selten gezielt geschult wird.

Noch einmal: Dass die Lernfähigkeit der digitalen Systeme Richtungen einschlägt, die den Programmierern aus den Händen zu gleiten drohen, ist bereits keine Zukunftsmusik mehr, sondern Gegenwartsnachricht.

Stellen wir uns die „Künstliche Intelligenz“ nicht eingesperrt in einem Rechenzentrum, einer Cloud vor, sondern in „humanoiden“ Robotern, die mit irgendwelchen philosophischen, religiösen, politischen, psychologischen Lehrmeinungen programmiert wurden. Falls man ihnen zum Beispiel aufgetragen hat, Freunde zu finden, werden sie uns Menschen ggf. zu ihresgleichen zählen? Werden sie uns als Feinde wahrnehmen? Werden die Roboter sich untereinander als ihresgleichen erkennen und eigene Burschenschaften, nein, Roboterschaften bilden? Werden sie in der Lage sein, sich selbst an der Steckdose wieder aufzuladen, wenn ein humaner Anwender ihnen das verweigern will? Fragen über Fragen.

An dieser Stelle lohnt es sich, den Erfinder des Begriffs „Roboter“ in Erinnerung zu rufen: den tschechischen Schriftsteller Karel Čapek. Er hat 1936 eine politisch-utopische Satire veröffentlicht, die erstaunlich aktuell ist: Der Krieg mit den Molchen. Eine kurze Zusammenfassung:

In der Nähe von Sumatra entdeckt die Besatzung eines Kolonialschiffes eine Art intelligenter Molche, die sich zum Perlenfischen, Dammbauen und Ähnlichem abrichten lassen; als Gegenleistung bekommen sie Messer, um sich gegen Haifische zu wehren. Die Menschen ziehen ein großes Perlengeschäft mit ihnen auf, für das die Molche zunächst in Gefangenschaft gehalten werden.

Dort lernen sie aber die Sprache der Menschen und ihre Gewohnheiten und kommen aufgrund ihrer Intelligenz in die Lage, auch andere Dienste zu tun: Die verfeindeten Staaten der Menschen stellen die Molche zunächst für ihre eigenen „menschlichen“ Zwecke zu Armeen zusammen.

Bald gewinnen die Molche aufgrund ihrer großen Zahl und ihrer Intelligenz die Oberhand, und obwohl sie ursprünglich friedfertige Wesen sind, beginnen sie dank der „Schulung“ durch die Menschen, die Erde für ihre Zwecke umzugestalten.

Sie tragen Land ab und schaffen neue Wasser- und Küstengebiete, um ihren eigenen Lebensraum zu erweitern. Durch diese Interessengegensätze kommt es schließlich zum Krieg zwischen den Menschen und den Molchen, aber auch unter den Molchen selbst, bei denen zwei unterschiedliche Reiche entstehen.

Diese Molch-Reiche werden von Čapek wohl auch als Satire auf die Diktaturen der 1930er Jahre angedeutet; Čapek macht mit seiner Geschichte aber auch tiefsinnigere Aussagen, die an die Geschichte der Pandora-Büchse erinnern.

Ein Vergleich zwischen den Molchen und der KI hinkt, wie jeder Vergleich. Es ist dennoch erstaunlich, wie ein weitsichtiger Schriftsteller und technisch sehr interessierter promovierter Philosoph eine Geschichte so anschaulich erzählen konnte: Eine scheinbar minderwertige, aber harmlos-dienstbare Klasse von Lebewesen ahmt zunächst die intelligentere, aber gewinnsüchtige Klasse nach und lernt von ihr. Schließlich schwingt sie sich zu deren Herren auf, wird aggressiv und beginnt, getrieben von einem potenzierten Egoismus, die alte Welt für ihre eigenen Zwecke umzubauen.

Alles in allem stellt sich also die Frage nach der Beherrschbarkeit der neuen Technik. Einen Weg zurück in eine Vergangenheit ohne KI gibt es nicht. Aber welche Zukunft erwartet uns? Die Möglichkeiten der Roboter, die mit dem Molch-Beispiel angedeutet werden, übersteigen die Phantasie des Autors. Bleiben wir bei der Wissens- und (Des-)Informationsebene. Die Vorspiegelung fiktiver Fakten ist schon heute kaum von realen Fakten zu unterscheiden. Zurzeit mögen diese Fakes noch von überlegenen Menschen gesteuert sein — schlimm genug für das mitgesteuerte Publikum! Aber wenn wir die KI „menschlicher“ machen, was ja das Ziel der Software-Entwickler ist, und ihr nicht nur Lernfähigkeit, sondern auch ein „Empfinden“, nach welcher philosophischen oder malosophischen Lehre auch immer, zu implantieren in der Lage sein werden — was dann? Dann bleiben nicht einmal die Programmierer die Herren ihrer Schöpfungen. Goethes Zauberlehrling lässt grüßen.

Mindestens ebenso wichtig: Hochentwickelte Lernfähigkeit und unendliche Datenbanken machen ja nicht nur die KI-Molche unberechenbar — sondern indem wir geistige Arbeit, also ureigenste menschliche Fähigkeiten abgeben, machen wir uns selbst dümmer. Es gibt bereits Studien, beispielsweise vom Massachusetts Institut of Technology und von der Universität von Pennsylvania (NZZ 09.07.2025), die Hinweise darauf geben, dass die Abgabe geistiger Arbeit an KI-Programme mit Einbußen bei bestimmten kognitiven Leistungen verbunden sein kann. Die wachsenden Fähigkeiten künstlicher Intelligenz stehen bei den Anwendern demnach möglicherweise einer abnehmenden eigenen kognitiven Beteiligung gegenüber. Diesmal geht es bei den technischen Innovationen nicht mehr nur um den handwerklichen Fähigkeitsverlust, sondern um den intellektuellen.

Als Frage bleibt: Wird das zunehmend entmündigte Publikum von Big-Brother-artigen natürlichen Intelligenzen, welche selbst (vielleicht noch) die KI beherrschen, an der Nase herumgeführt oder von nicht mehr beherrschbaren digitalen Molchen? Oder von beiden?

Fazit: Existenz und Weiterentwicklung der KI stellen massiv erhöhte Ansprüche an die Bildung und den Einsatz natürlicher Intelligenz einschließlich gezieltem Training von Fähigkeiten in allen folgenden Generationen. Das muss den Erziehungsberechtigten, den Lehrern, den Bildungspolitikern, nein: jedem Bürger klar sein. Oder klar gemacht werden. Bildung zum selbständigen Denken und kritischen Recherchieren war als Prävention gegen das evolutionäre Absterben der menschlichen Intelligenz, gegen die Vorspiegelung falscher „Tatsachen“ — wenn nicht gegen Schlimmeres — nie so wichtig wie heute. Und in aller Zukunft.


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