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Ein Ruf aus Kaliningrad

Ein Ruf aus Kaliningrad

Ein Philologie-Professor der Kaliningrader Immanuel-Kant-Bundesuniversität ruft in Erinnerung, was der gleichnamige Philosoph über den ewigen Frieden zu Papier brachte — das ist heute aktueller denn je.

Iris Berndt: Sehr geehrter Herr Professor Gilmanov, Immanuel Kant ist Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt in der Forschung und Lehre sowie Thema Ihrer unzähligen Veröffentlichungen. Sie sehen mit Verzweiflung auf die immer tiefere Verstrickung in Krieg und Gewalt, sehen die Menschheit in Gefahr. Was hält Immanuel Kant Ihrer Meinung nach im 300. Jahr seines Geburtstages als wichtigste Botschaften für unsere Gegenwart bereit?

Wladimir Khamitovich Gilmanov: Ich habe darüber gerade vor einigen Wochen auch in einem Vortrag aus Anlass des Geburtstages von Immanuel Kant gesprochen: Wir sollten Kants Szenarium der Zukunft in „Das Ende aller Dinge“ aus 1794, das er gleichzeitig mit dem bekannten Friedenstraktat „Zum ewigen Frieden“ verfasste, wieder zur Hand nehmen. Von den drei möglichen Szenarien nennt er als drittes „das widernatürliche (verkehrte) Ende aller Dinge, welches von uns selbst, dadurch daß wir den Endzweck mißverstehen, herbeigeführt wird …“. Kant weist uns also darauf, dass wir richtig „verstehen“ müssen und spricht uns alle direkt an, bezieht auch sich ein, indem er von „wir“ spricht.

Könnte es sein, dass wir kollektiv missverstehen? Sodass wir anstatt des ewigen Friedens und des Völkerbundes „zum ewigen Frieden auf dem Kirchhof der Menschengattung“ bestimmt sind. Das ist eine bittere Warnung.

Wir sollten nicht meinen, wir haben die Aufklärung längst in uns. Nein, die moderne Zivilisation bedarf der Aufklärung mehr denn je, erst wenn wir das verstehen, können wir zu Wissen und Einsicht gelangen.

Können Sie das konkret erläutern?

Der erste Punkt betrifft unser Verhältnis zur Natur. Der dominante Code der Moderne ist physikalischer Objektivismus, alles scheint dem Menschen technisch möglich, die menschliche Seele gilt auch nur als ein Algorithmus. Der Mensch meint, so Ursache und Wirkung klar zu erkennen, aber es sind doch im Grunde nur mathematische Wahrscheinlichkeiten — ein höchst gefährliches Spiel. Gegen solchen verteufelten Hochmut setzt Kant eine Freiheit, die sich auf ein moralisches Gesetz gründet. Der Mensch ist ein Wesen, bei dem „alles Zweck und wechselseitig auch Mittel ist. Nichts in ihm ist umsonst, zwecklos, oder einem blinden Naturmechanismus zuzuschreiben“.

Wir haben uns in unserem Verhalten zur Natur einer Teleologie zu unterwerfen. Das ist nicht irgendein veralteter Götterglaube, sondern die Erinnerung an die starke Kraft, die uns beim fortgesetzten Morden, Siegenwollen und anderer Überhebung in den Arm fällt und zur Besinnung bringen kann.

Wichtig ist mir dabei zu betonen, dass Kant mit seiner Auffassung nicht etwa technikfeindlich agierte. Ganz im Gegenteil, er war in der zeitgenössischen Mathematik und Physik umfassend beschlagen. Er hatte auf diesem Gebiet berühmte Lehrer, lehrte und forschte. Er leistete seinen Beitrag zur modernen Theorie über den Ursprung des Sonnensystems, zum Energie-Erhaltungs-Satz oder auch zur notwendigen Dreidimensionalität des Raumes.

Das bedeutet eine demutsvolle Haltung gegenüber der Natur, wie sie auch die ökologische Bewegung fordert?

Ja, aber noch weitaus mehr. Kants Paradigma „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte“, ist auf die Natur und zugleich auf die menschliche Gemeinschaft anzuwenden.

Es ist also so: Weil wir eine moralische Urteilskraft haben, gibt es Gott?

Das ist vielleicht etwas verkürzt, aber das trifft es. Ein Mensch ist nur der, der eine moralische Urteilskraft hat, der versucht zu „verstehen“, dabei unbedingt ehrlich ist und vom „Trieb nach Wahrheit“ beseelt ist, wie es Gotthold Ephraim Lessing ausdrückte. Von mir aus hat diesen Trieb sogar Otto von Bismarck demonstriert, als er die Nachkommen warnte, mit Russland solle man nur ehrlich spielen und nie im Krieg sein.

Kants Aufklärungsidee bedeutet letztendlich nichts als den Mut zu einer letzten Ehrlichkeit in Jedem von uns, zu so einer Art Psychologie der ehrlichen Einfachheit und gleichfalls den Mut zu einer wahren Demokratie der weltbürgerlichen Gemeinschaft. Zählen Sie nur einmal, wie oft der Ausdruck ehrlich in Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ vorkommt. Mit Ehrlichkeit ist hartnäckig zu fragen: „Wer hat die Nord-Stream-Leitungen gesprengt oder sprengen lassen?“ Kants Ehrlichkeit ist in der Tat „weltzermalmend“, um einen Ausdruck von Heinrich Heine aufzugreifen.

Was wäre die Kantische Ehrlichkeit hinsichtlich der Lage in der Ukraine?

Sie bestände darin, eine schlimme von den Medien geschürte Stimmung zu erkennen und dieser nicht blind zu folgen. Ist es ehrlich zu behaupten, Russland sei der Aggressor? Ist es nicht ersichtlich, dass Russland zu einer militärischen Reaktion gezwungen wurde, nachdem die USA sich mit Gewalt in die ukrainische interne Krise eingemischt haben?

Es wird leider in Deutschland und in Europa verschwiegen, dass mit ausländischer Unterstützung beispielsweise in der Ukraine eine schlagkräftige Armee erst aufgebaut wurde und die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine rassistisch unterdrückt wurde. Erst jetzt im Lande sehen unsere Offiziere das ganze Ausmaß des zerstörerischen und hasserfüllten Faschismus in der Ukraine, sowohl in den Köpfen als auch in der installierten Technik. Russland wurde zu dieser Militäroperation genötigt, um dem Angriff zuvorzukommen.

Durch die Schuld der westlichen Waffen und auch Soldaten wird dieser Konflikt immer größer, sodass wir jetzt am Rande eines ganz Europa zerstörenden Dritten Weltkrieges stehen.

Kant verlangt zum Frieden souveräne Staaten, weder die Ukraine ist ein solcher, ich fürchte die westeuropäischen Staaten sind es auch nicht.

Sie meinen, die USA hat mit ihrer Einmischung, Kants Präliminarartikel zum ewigen Frieden verletzt, der lautet: „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen“?

Die Ukraine ist unser Brudervolk und das kann ich im Namen meines ganzen Volkes und der Menschen, die ich hier in Kaliningrad spreche, sagen: Die bedauernswerten Ukrainer sind nur das Mittel der gewalttätigen Einmischung aus geostrategischen Gründen. Ich weiß nicht, ob in Deutschland bekannt ist, mit wie schwerem Herzen wir diesen uns aufgezwungenen Bruderkrieg führen. Es sind auch nicht die Ukrainer, die jetzt in Russland zivile Ziele bombardieren. Diese Waffen werden von der NATO aus gesteuert. Wo ist der Protest von europäischer Seite gegen diese völkerrechtlich geächtete Kriegsführung?

Das Kantische Friedensprojekt enthält neben dem Prinzip der Nichteinmischung als Voraussetzung für Friedensschlüsse auch, dass „kein geheimer Vorbehalt für Anlässe eines künftigen Krieges“ bestehen dürfe.

Ich möchte hier daran erinnern, was Thomas Mann erstaunt 1943 während seines Exils in den USA in sein Tagebuch notierte, als in amerikanischen Elitekreisen das Thema der Eröffnung der zweiten Front gegen Hitler diskutiert wurde: „Es entsteht so ein Eindruck, dass es dabei nicht um diesen Krieg geht, sondern um die Vorbereitung eines nächsten …“ Er meinte damit den Krieg gegen die Sowjetunion.

Oder es sei erinnert an Handlungen im Rahmen der Minsk- und Istanbul-Initiativen für ein Friedensabkommen in der Ukraine. Für die Minsk-Verhandlungen gab es sogar einen UNO-Auftrag. Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel gestand jedoch im Dezember 2022, dass diese Verhandlungen unter geheimem Vorbehalt für das schnelle Aufrüsten der ukrainischen Streitkräfte in die Länge gezogen wurden.

Sie meinen, dieses Eingeständnis der Kanzlerin nach einem mehrjährigen Verhandlungsprozess hat das Vertrauen Russlands in die europäischen Partner beeinträchtigt?

Das hat es. Ich füge hinzu: Leider. Dabei ist es doch so, und das ist eine meiner schon öfter geäußerten geopolitischen Grundthesen:

Dass die Zukunft Europas, wenn nicht sogar der ganzen Menschheit, in besonderem Maße vom Verhältnis zwischen Russland und Deutschland abhängt.

Das ist eine Kulturdimension, eine Wahlverwandtschaft, eine Verbindung von Herz und Verstand, die ihren Ausdruck in vielen Familienbeziehungen hoher Häuser und einfacher Menschen fand.

So war das auch zu Lebzeiten von Kant, der ja sogar russischer Bürger gewesen sein soll?

Kant lebte in Königsberg, das in Ostpreußen liegt. Und Ostpreußen wurde für vier Jahre russisch durch einen Krieg, der entstand, weil der preußische König Friedrich der Große dem Angriff Österreichs zuvorkommen wollte, indem er selber angriff und in Sachsen und Schlesien einmarschierte. Österreich und Russland aber waren Verbündete. Er provozierte damit den Siebenjährigen Krieg, 100.000 tote Preußen und den Untergang Preußens. Wenn die russische Zarin 1762 nicht gestorben wäre und ihr Nachfolger, ein Bewunderer Preußens, sofort Frieden geschlossen hätte, wer weiß, wie die Geschichte verlaufen wäre. — Das Wichtigste aber, was ich sagen möchte, ist, dass damals Russen und Deutsche selbstverständlich, ob in Petersburg oder in Ostpreußen, miteinander lebten und sich deutsch oder russisch verständigten. Kant war mitten unter ihnen.

Darf ich zum Abschluss noch fragen, ob und wie Sie mit Ihrem Wissen um das Werk von Immanuel Kant den Frieden als logische Möglichkeit sehen?

Natürlich, wenn die Menschen ihre Lage erkennen und sich von der Manipulation befreien. Dabei machen wir alle Fehler, die armen Ukrainer ebenso wie die bedauernswerten Deutschen. Deren Zustand ist im Moment so, wie es Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft schreibt: „Das Verhalten der Menschen, so lange ihre Natur bliebe, wie sie jetzt ist, bliebe, würde also in einen bloßen Mechanismus verwandelt werden, wo, wie im Marionettenspiel, alles gut gestikuliert, aber in den Figuren doch kein Leben anzutreffen sein würde.“ Als den Russen die europäische Tür schmerzhaft vor der Nase zugeknallt wurde, hat das ihren Erkenntnisprozess sehr beschleunigt.

Kant empfiehlt: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Das ist das wahre Freiheitsprinzip. Ehrlichkeit, wechselseitiges Zutrauen und die Verabredung zwischen souveränen Staaten sind dann möglich. Sie sind die Voraussetzung für einen Prozess hin „zum ewigen Frieden“, der immer wieder neu erstritten werden muss.

Lieber Herr Professor Gilmanov, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.


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Quellen und Anmerkungen:

Wladimir Gilmanov ist Doktor der deutschen Philologie und Professor am Institut für Geisteswissenschaften der Kant-Universität seiner Geburtsstadt Kaliningrad und dort über die Emeritierung hinaus aktiv in die Lehre eingebunden. Schwerpunkt seiner Forschung ist die Hermeneutik, Literaturgeschichte, Philosophie und Geschichte von Autoren insbesondere mit Königsberg-Bezug wie Simon Dach, Immanuel Kant und seines Schülers Johann Georg Hamann, sowie E.T.A. Hoffmann, Johannes Bobrowski. In vergleichenden Studien widmet er sich darüber hinaus dem deutsch-russischen Kulturtransfer. Sein wissenschaftliches Werk umfasst an die 200 Aufsätze und Vortragsmanuskripte in russischer, deutscher und englischer Sprache.

Monographien von Wladimir Gilmanov:

Simon Dach und das Geheimnis des Barock, Kaliningrad 2007 (311 S. russ.);
Johann Georg Hamann und die Aufklärung, Habil. 2003 (Kaliningrad 2006, 459 S. russ.);
Das literarische Schicksal Ostpreußens, Kaliningrad 2016 (256 S., russ.)

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