„Cogito ergo sum“ — der Satz des Philosophen René Descartes (1596 bis 1650) gehört zu den Gründungsgedanken der neuzeitlichen Philosophie und des Rationalismus. Das denkende Ich wird zum Ausgangspunkt der Gewissheit. Ein bedeutender Schritt auf dem Weg der Individuation: Der Mensch löst sich aus dem Gruppendenken und entdeckt sich selbst als eigenständiges Subjekt.
Mehr als tausend Jahre vor Descartes stellte sich Augustinus von Hippo (354 bis 430) die Frage, ob er seinen Sinnen und der Außenwelt trauen könne. Seine Antwort war verblüffend einfach: Selbst wenn er sich täuscht, muss er existieren; „si fallor, sum“ — wenn ich mich täusche, bin ich. Auch der Zweifel bringt letztlich Gewissheit. Es sind unsere Gedanken, die unsere Existenz bezeugen.
Wer denkt, der bildet sich eine Meinung. So wie zu Descartes’ Zeiten derjenige nicht wirklich zu existieren schien, der nicht dachte, scheint heute derjenige nicht zu existieren, der keine Meinung hat. Wer seine Meinung verkündet, zeigt: Ich bin jemand. Ich bin mit dabei. Ich habe Bedeutung.
Mit ihrer Meinung sind viele geradezu verheiratet. Es wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen dem, was jemand denkt, und dem, was jemand ist. Wir haben nicht eine Meinung; wir sind unsere Meinung. Das macht Trennung schwierig. Eine Scheidung kann teuer werden. Wir riskieren, aus der Familie der Richtigmeinenden ausgeschlossen zu werden.
Zwischen Meinung und Deinung
Im Wort „Meinung“ steckt das Pronomen „mein“. Was mein ist, ist nicht dein. Die Kluft zwischen dem einen und dem anderen ist tief geworden. Wir müssen uns entscheiden: Du oder ich. Freund oder Feind. Wahrheit oder Lüge. Richtig oder falsch. Entweder — oder. Schnittmengen gibt es nicht oder kaum. Wer schon eine Meinung hat, braucht keine andere Meinung mehr. Man weiß ja schon Bescheid.
Zusammenkommen tun wir auf diese Weise nicht. Während die Welt auf einen dritten Weltkrieg zuschlingert, beharrt der Einzelne auf seiner Position und bietet seinem Gegenüber keinen Raum an, in dem eine Begegnung auf Augenhöhe möglich wäre. Damit tun viele genau das, was sie anderen anzulasten versuchen: Sie tragen dazu bei, die Konflikte zu verschärfen.
Wenn wir das vermeiden wollen, müssten wir uns aufeinander einlassen. Neugierig aufeinander sein. Offen sein. Und letztlich auch verletzlich. Wie das gehen kann, illustrieren die Episoden mit der Rose und dem Fuchs in der Erzählung „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Die Rose, wunderschön, aber auch eitel, empfindlich und widersprüchlich, wird gehegt und gepflegt. Der Fuchs wird gezähmt, indem der kleine Prinz in Beziehung zu ihm geht.
Dem anderen wird dabei nichts übergestülpt. Er wird in kein Korsett gezwungen und darf sein, wie er ist. So schöpft er Vertrauen und kann sich offenbaren. Objektive, also auf das Objekt ausgerichtete Wahrnehmung schafft einen Raum, in dem Begegnung wahrhaftig und ohne Angst stattfinden kann. Das braucht gleichzeitig Mut und Demut und eine Position, von der aus man die Dinge betrachten kann.
Es braucht eine Mitte zwischen „mein“ und „dein“. Fehlt diese Mitte, werden wir zu Spielbällen der Gegensätze: von links nach rechts, von oben nach unten, von vorne nach hinten. Wir verlieren uns zwischen den Polen und bilden uns beispielsweise ein, Frieden mit den Mitteln des Krieges schaffen zu können.
Aus zwei mach drei
Damit eine Mitte entstehen kann, braucht es mehr als zwei Pole, die sich gegenseitig ausschließen. Es braucht ein Drittes. Zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt die Gegenwart. Zwischen Geben und Nehmen liegt der Austausch. Zwischen Geburt und Tod liegt das Leben. Die Dreiheit erst ermöglicht es, nicht mehr von einem Extrem ins andere zu fallen und Orientierung zu finden.
Die virtuelle Welt arbeitet mit Nullen und Einsen. Sie kann das Leben nur kopieren und abbilden und ist ansonsten tot. Während die duale Welt Gegensätze schafft, die sich oft ausschließen oder bekämpfen, kommt mit der Dreiheit das Dazwischen ins Spiel. Kein Dritter, der sich freut, wenn zwei sich streiten. Es handelt sich auch nicht einfach um ein drittes Ding. Es geht um die Beziehung zwischen den beiden Polen.
Nullen und Einsen sind dazu geeignet, Informationen zu verarbeiten. Das menschliche Erleben jedoch ist nicht binär wie ein Computer. Wir können gleichzeitig Nähe suchen und Abstand brauchen. Wir können jemanden verstehen und dennoch nicht mit ihm einverstanden sein. Wir können trauern und gleichzeitig Glück empfinden. Das menschliche Erleben kennt kein einfaches Entweder-oder. Es kann zugleich das eine und das andere sein.
Im binären Denken müssen wir uns entscheiden. In der Dreiheit entsteht ein Raum zwischen den Polen, ein Raum, in dem Begegnung möglich wird. Nicht indem wir einander belehren oder uns über andere erheben, weil wir meinen, es besser zu wissen.
Nicht Hybris schafft Begegnung, sondern Demut. Egal, wer, wie oder was der andere ist: Wir können ihn sein lassen und aufhören, ihn zu verurteilen.
Wenn wir die Beziehung zwischen den Polen erkennen, müssen wir uns nicht ständig für den einen oder den anderen entscheiden. Wir müssen dann auch nicht mehr äußere Faktoren für unsere inneren Vorgänge verantwortlich machen. Wir müssen keine Schuldigen finden. Und wir müssen uns selbst nicht ohnmächtig den Ereignissen gegenüber fühlen. Unsere Erfahrungswelt wird eine völlig andere, wenn wir das Denken in Gegensätzen überwinden und sozusagen den dritten Mann ins Boot holen.
Jenseits von Ursache und Wirkung
Die Dreiheit macht es möglich, Gegensätze nicht mehr isoliert voneinander zu betrachten. Dadurch entsteht eine Bewegung, die von der Trennung zur Beziehung und damit zu einer neuen Ganzheit führt. Wir verlassen das Schema von Ursache und Wirkung: Du hast das getan, deshalb bin ich jetzt wütend. Es gilt nicht mehr A verursacht B, sondern A und B stehen in einer bedeutungsvollen Beziehung zueinander. Die Existenz wird praktisch um eine Dimension erweitert.
In der naturwissenschaftlichen Welt gibt es Ursachen und Wirkungen. Doch darüber hinaus kann sich der Mensch die Frage stellen, warum ein bestimmtes Ereignis für ihn genau diese Bedeutung bekommt. Er fragt nicht: „Wer ist schuld?“, sondern interessiert sich für die Beziehung, in der die Dinge zueinanderstehen.
Das ist Reife. Wir balgen nicht mehr miteinander oder schmollen, weil der andere anders denkt als wir. Wir erkennen die Grenzen des Denkens, die Grenzen des Rationalismus, die Grenzen der Naturwissenschaft an und überwinden sie.
Eine reife Haltung besteht nicht darin, möglichst schnell eine Meinung zu haben und sie möglichst laut zu vertreten. Erwachsen und damit verantwortungsbewusst verhält sich derjenige, der erst einmal genau hinschaut und hinhört und die Dinge auf sich wirken lässt wie der kleine Prinz. Das Ich verlässt die Kinderstube und die Illusion der Trennung.
Freiheit in der Verbindung
Descartes hat das Ich zum Fundament der Gewissheit gemacht. Seitdem hat es sich weiterentwickelt. Das Bewusstsein der Dreiheit sieht das Ich und die Welt nicht als zwei isolierte Pole. Es nimmt das Dazwischen hinzu. Damit wird das Denken in einen größeren Prozess eingebettet und das „Cogito“ durch das In-Beziehung-Treten erweitert.
Wir erfahren uns selbst nicht allein durch Introspektion, sondern auch durch Beziehungen, Begegnungen, Konflikte, Entscheidungen, Widerstände und vor allem eben auch dort, wo etwas nicht zu unserem bisherigen Selbst- und Weltbild passt. Indem wir uns mit dem Fremden, den Schatten, den Projektionen beschäftigen, wird Beziehung zu einem Raum, in dem das Ich sich verändern, wachsen und weiter reifen kann.
Damit entsteht etwas Neues.
Aus eins und eins werden nicht zwei, sondern drei, so, wie bei der Begegnung zwischen Frau und Mann. Mutter, Vater, Kind: Sie sind zugleich Individuen und existieren nur in der Verbindung. Das Kind erst macht die Frau zur Mutter und den Mann zum Vater.
Das ist die Fruchtbarkeit der Dreiheit, die Fruchtbarkeit, die es braucht, um in eine Epoche einzutreten, in der das Individuum seine Freiheit in der Verbindung entfalten kann. Nicht mehr „Ich denke, also bin ich“, sondern „Ich trete in Beziehung, um vom isolierten Ich zu einem Menschen zu werden, der frei ist, eben weil er verbunden ist“.
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